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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 01.11.2025

Zeitzeugen aus Papier

Lebensbande
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„Lebensbande" von Mechthild Borrmann ist eines jener Werke, die an etwas erinnern, das niemals vergessen werden darf. Ich habe bereits viele Bücher gelesen, die während oder kurz nach dem Zweiten Weltkrieg ...

„Lebensbande" von Mechthild Borrmann ist eines jener Werke, die an etwas erinnern, das niemals vergessen werden darf. Ich habe bereits viele Bücher gelesen, die während oder kurz nach dem Zweiten Weltkrieg spielen. Jedes davon berührte mich tief. Auch dieses Buch hat mich wieder spüren lassen, dass hinter jeder Erzählung ein Stück Wahrheit steckt. Quasi ein Echo echter Schicksale, die niemals nur Fiktion sind. Gerade deshalb fällt es mir immer schwer, ein solches Buch zu bewerten. Denn allein die Tatsache, dass AutorInnen wie Mechthild Borrmann diese Geschichten aufgreifen und bewahren, verdient höchste Anerkennung.
„Lebensbande" basiert auf realen Zeitzeugenberichten und das macht es umso bedeutsamer in einer Zeit, in der diese Stimmen nach und nach verstummen. Ich bin Anfang dreißig, und schon meine Großeltern können nur noch ein Teil dessen erzählen, was sie im Krieg oder ihre Eltern im Krieg erlebt haben, da sie noch Kinder waren. Umso wichtiger, dass solche Bücher existieren, damit die Erinnerung nicht versiegt.
Inhaltlich hat mich besonders die Geschichte von Lene und Leo bewegt - eine junge Frau, die um ihr Kind kämpft, dem in der damaligen Zeit „Schwachsinn“ diagnostiziert wurde. Als Sonderpädagogin hat mich dieses Thema besonders berührt, weil ich täglich mit Kindern arbeite, die Förderbedarf haben. Es ist erschütternd, sich vorzustellen, wie wenig Wert man damals auf das Leben solcher Menschen legte.
Daneben fand ich die zweite Ebene des Romans – die um Nora und Lotte – sehr spannend. Das Motiv, unter falschem Namen zu leben und sich eine neue Identität zu schaffen, um Schuld oder Vergangenheit zu verbergen, war für mich neu in dieser Form. Es zeigt, wie tief der Krieg in Biografien eingreift, selbst lange nach seinem Ende.
Trotz der inhaltlichen Stärke hat mich das Buch emotional nicht ganz so gepackt wie andere Romane ähnlicher Thematik. Das liegt weniger an der Geschichte selbst, sondern an der Erzählweise. Die Autorin erzählt vieles rückblickend, aus einer eher distanzierten Perspektive, mit wenig unmittelbarer Handlung. Ich hätte mir an manchen Stellen mehr Tiefe, mehr „Dabeisein“ gewünscht, stattdessen weniger Bericht, mehr Erleben. Dadurch blieb manches für mich etwas oberflächlich.

Dennoch ist „Lebensbande“ ein wichtiges Buch, welches man lesen sollte. Und dies nicht vorrangig, um eine berührende Geschichte zu erleben, sondern um sich zu erinnern. An Menschen, die gelitten, überlebt und weitergegeben haben, was wir heute wissen dürfen. Es ist ein stilles, respektvolles Mahnmal in Romanform.

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Veröffentlicht am 02.10.2025

Psychospiel im Eigenheim

Welcome Home – Du liebst dein neues Zuhause. Hier bist du sicher. Oder?
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Als langjähriger Fan von Arno Strobel habe ich mich sehr auf sein neues Buch „Welcome Home“ gefreut. Da mich sein vorheriges Werk nicht völlig überzeugen konnte, war die Hoffnung umso größer, diesmal wieder ...

Als langjähriger Fan von Arno Strobel habe ich mich sehr auf sein neues Buch „Welcome Home“ gefreut. Da mich sein vorheriges Werk nicht völlig überzeugen konnte, war die Hoffnung umso größer, diesmal wieder ein fesselndes Leseerlebnis zu bekommen. Genau das hat Strobel geliefert, denn schon nach wenigen Seiten war ich in der Geschichte gefangen.
Der Roman entfaltet eine düstere, fast beklemmende Stimmung. Die Handlung spielt in den Herbst- oder Wintermonaten, was die Schwere und Dunkelheit zusätzlich verstärkt. Es ist ein Buch, das ist nur ungern im Dunkeln gelesen habe, da sich das Grauen zu sehr einschleicht. Die Handlung spart nicht mit unheimlichen und auch blutigen Momenten. Für mich hat genau das den Thrill ausgemacht. Gerade weil Strobel die Grenze zwischen subtiler Angst und expliziter Gewalt so geschickt auslotet.
Besonders gelungen fand ich die detailreiche Aufmachung. Die beigefügte Karte verschafft Orientierung über die Nachbarschaft, die Häuser und ihre Bewohner. Dadurch wird das Geschehen greifbarer, fast so, als wäre man selbst Teil dieser Siedlung.
Zudem versteht es Strobel seine Leser:innen in die Irre zu führen. Immer wieder streut er falsche Hinweise, baut Verdachtsmomente auf und zerstört sie gleich darauf. Bis zum Schluss blieb unklar, wer tatsächlich hinter den grausamen Taten steckt. Dieses permanente Rätselraten hat mich so sehr gefesselt, dass ich das Buch kaum zur Seite legen konnte, wenn dann nur aus Selbstschutz vor der düsteren Stimmung.
Die Geschichte wird vor allem aus Marcos Perspektive erzählt, ergänzt durch geheimnisvolle Einblicke aus einer zweiten Sicht. Diese Wechsel steigern die Spannung zusätzlich und machen die Handlung vielschichtig. Die Figuren sind nicht bloß Randgestalten, sondern haben Hintergründe und Verbindungen, die nach und nach aufgedeckt werden.
Wie gewohnt ist Strobels Stil rasant, klar und bildhaft. Das Buch liest sich flüssig, fast filmisch. Die falschen Fährten, die überraschenden Wendungen und die stetig wachsende Bedrohung machen es zu einem echten Pageturner.

Insgesamt hat Arno Strobel mich mit „Welcome Home“ wieder voll überzeugt. Ein packender Psychothriller, der alles bietet, was man von diesem Genre erwartet: Nervenkitzel, düstere Atmosphäre, ein clever konstruiertes Rätsel und eine tolle Auflösung.

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Veröffentlicht am 24.08.2025

Seiten voller Möglichkeiten

Die Mitternachtsbibliothek
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Es gibt Bücher, die liegen eine ganze Weile unbeachtet im Regal, bis sie genau im richtigen Moment ihren Weg in die Hände finden. So ging es mir mit "Die Mitternachtsbibliothek". Obwohl ich lange nicht ...


Es gibt Bücher, die liegen eine ganze Weile unbeachtet im Regal, bis sie genau im richtigen Moment ihren Weg in die Hände finden. So ging es mir mit "Die Mitternachtsbibliothek". Obwohl ich lange nicht dachte, dass jetzt die passende Zeit dafür sei, hat sich genau dieser Zeitpunkt als goldrichtig herausgestellt.
Die Grundidee des Buches hat mich sofort fasziniert - eine Bibliothek voller Bücher, in die man hineinschlüpfen kann, um alternative Leben auszuprobieren. Dieser Gedanke ist sowohl philosophisch als auch berührend. Dennoch empfand ich die Geschichte zu Beginn etwas zäh. Nora springt von einem Leben ins nächste, oft ohne zu wissen, wo sie sich gerade befindet und vor allem, welche Geschichte hinter ihrem neuen selbst steckt. Die macht es m.E. schwer, in dieser neuen Welten anzukommen und sie zu bewerten. Doch je mehr ich las, desto klarer wurde mir der Sinn dahinter. Besonders mochte ich die Figur von Mrs. Elm, der Bibliothekarin, die Nora mit einer ruhigen, weisen Art begleitet. Sie unterstützt Nora auch dabei, diese verschiedenen Alternativen-Leben zu hinterfragen. Ihre Worte sind dabei voller Trost und Lebensweisheiten, Sätze, die man beim Lesen festhalten möchte.
Ein zentrales Motiv des Buches ist das „Buch des Bereuens“. Dieser Gedanke hat mich tief bewegt, denn wer trägt nicht eine Sammlung an verpassten Chancen in sich? Matt Haig zeigt jedoch eindrücklich, dass dieses Buch nicht das letzte Wort haben darf, denn diese Momente des Bereuens sind oftmals durch die Erwartungen anderer an uns entstanden. Stattdessen geht es darum, das eigene Leben zu leben – aus Liebe zu anderen und vor allem aus Selbstliebe.
Im letzten Drittel hat mich die Geschichte vollends gepackt. Hier war ich emotional so berührt, dass ich beim Lesen Tränen in den Augen hatte. Noras Weg, ihre Reflektion über ihr Leben und die Erkenntnis, dass Fehler, Versöhnung und Neuanfänge zum Menschsein dazugehören, haben mich zutiefst getroffen. Diese Botschaft ist für mich auch persönlich wertvoll.
Matt Haigs Schreibstil ist klar, berührend und voller Lebensbejahung. Er schafft es, große philosophische Fragen in eine zugängliche, warmherzige Geschichte zu stecken. Die Mitternachtsbibliothek ist für mich ein Buch, welches mir im Kopf, im Herzen und vielleicht auch in meinem eigenen unsichtbaren Regal bleibt.
Ein großes Dankeschön an Matt Haig für diese Geschichte. Für mich ist dieses Buch ein echtes Herzensbuch.

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Veröffentlicht am 20.08.2025

Kinderlos. Und?

Nie, nie, nie
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Schon lange beschäftigt mich das Thema Kinder auf gesellschaftlicher, politischer oder persönlicher Ebene. Umso gespannter war ich auf Linn Strømsborgs „Nie, Nie, Nie“. Nun habe ich das Buch endlich gelesen ...

Schon lange beschäftigt mich das Thema Kinder auf gesellschaftlicher, politischer oder persönlicher Ebene. Umso gespannter war ich auf Linn Strømsborgs „Nie, Nie, Nie“. Nun habe ich das Buch endlich gelesen und kann sagen, dass es für mich persönlich ein absolutes Highlight ist.
Die Handlung lässt sich leicht lesen und ist thematisch dennoch intensiv. Linn Strømsborg gelingt eine hervorragende Mischung aus Erzählung und Reflexion. Es wirkt wie ein Roman, enthält aber auch sachbuchartige Passagen, gesellschaftliche Denkanstöße und sehr kluge, wahre Gedanken.
Die namenlose Protagonistin schildert, warum sie keinen Kinderwunsch hat oder versucht es zumindest. Doch das Buch wirkt keineswegs wie ein Plädoyer gegen Kinder. Im Gegenteil, auch schöne Momente mit Kindern werden geschildert, ebenso wie die Reaktionen des Umfelds auf ihre Entscheidung. Man erlebt mit, wie Freundinnen Kinder bekommen, wie Elternschaft für Männer und Frauen unterschiedlich gewertet wird und welche Erwartungen die Gesellschaft und auch die Politik an Frauen richtet.
Besonders hervorzuheben sind die vielfältigen Perspektiven - männlich und weiblich, vergangene Generationen, Großeltern und Freunde. Dadurch öffnet das Buch Räume für unterschiedliche Erfahrungen und zeigt, wie tief das Thema in persönliche wie gesellschaftliche Strukturen eingebettet ist. Auch das Spannungsfeld zwischen Partnerschaft und unterschiedlichen Wünschen wird sensibel dargestellt und die Autorin geht der Frage nach ‚Was passiert, wenn eine Seite ein Kind will und die andere nicht?‘. Gleichzeitig wird auch das Single-Leben beleuchtet und das als erfüllte, selbstbestimmte Lebensform wie ich es noch nie gelesen habe! Top!

Mich persönlich hat Strømsborg mit diesem Buch sehr berührt. Viele Gedanken sprachen mir direkt aus dem Herzen. Ich habe mich als Frau, die sich noch nicht entschieden hat, unheimlich gut gesehen gefühlt.

„Nie, Nie, Nie“ ist ein starkes, reflektiertes, gesellschaftlich relevantes und zugleich sehr persönliches Buch. Es regt zum Nachdenken an, ohne zu verurteilen und zeigt die Komplexität von Lebensentscheidungen rund um das Thema Kinder. Ein Buch, das alle Frauen lesen sollten – und das auch Männern wichtige Impulse gibt.

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Veröffentlicht am 19.08.2025

Ein Herz für Haymitch

Die Tribute von Panem L. Der Tag bricht an
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Die ursprüngliche page-trilogie ist etwas mehr als zehn Jahre her. Umso spannender war es für mich, erneut in die Welt von Panem zurückzukehren. Schon lange habe ich auf Social Media gesehen, wie begeistert ...

Die ursprüngliche page-trilogie ist etwas mehr als zehn Jahre her. Umso spannender war es für mich, erneut in die Welt von Panem zurückzukehren. Schon lange habe ich auf Social Media gesehen, wie begeistert Leser:innen von diesem neuen Band sind und ich kann mich dem nur anschließen. Für mich war "L – Der Tag bricht an" ein rundum gelungener Abschluss.
Eigentlich bin ich kein Fan von Spin-Offs oder nachträglich hinzugefügten Bänden, die Geschichten einzelner Charaktere ausschmücken. Umso mehr hat mich überrascht, wie sehr mich „L" gefesselt hat. Hier steht Haymitch im Mittelpunkt und seine Geschichte ist von Anfang bis Ende berührend, schockierend und tief bewegend. Besonders stark fand ich, wie Suzanne Collins zeigt, warum Haymitch in der Originalreihe distanziert ist, oft auch zynisch gegenüber anderen Menschen insbesondere Katniss und Peeta, sein Alkoholproblem, sein gebrochener Charakter – all das erhält eine bedrückende Erklärung. Man versteht ihn dadurch nicht nur besser, sondern schließt ihn sogar noch mehr ins Herz. Gerade die letzten Kapitel haben mir sehr wehgetan und mich traurig gestimmt.
Das Buch macht außerdem deutlich, wie brutal, willkürlich und manipulativ das Kapitol ist. Die Spiele sind nicht nur ein Überlebenskampf in der Arena, sondern vor allem ein Schauplatz politischer Intrigen, in dem Macht über Wahrheit gestellt wird. Die Willkür, mit der Menschen dargestellt oder bestraft werden, ist erschreckend.
Der Autorin gelingt es, diese düstre und teils traurige Thematik packend und geheimnisvoll zu erzählen. Sie reißt manches nur an, streut kleine Easter Eggs ein und bringt so immer wieder Momente des Wiedererkennens und Staunens. Und obwohl man als Leser:in der Trilogie bereits weiß, wie die Geschichte enden wird, kommt Spannung auf. Gleichzeitig begegnen wir bekannten Figuren aus der Trilogie und erstellen bereits kleine Familienstammbäume, was total schön und interessant ist.
Besonders gelungen finde ich, dass man das Buch auch gut unabhängig vom Snow-Prequel lesen kann. Wer dieses kennt, entdeckt sicherlich zusätzliche Anspielungen, aber zwingend notwendig ist es nicht. Für mich war gerade „L" das Buch, das mich wieder so richtig in Panem eintauchen ließ.

Insgesamt lässt sich sagen, dass "L – Der Tag bricht an“, ein intensives, traurig-schönes und absolut lesenswertes Werk ist. Wer die ursprüngliche Trilogie mochte, sollte Haymitchs Geschichte auf keinen Fall verpassen. Für mich war es ein emotionales Wiedersehen mit einer Welt, die mich schon vor einigen Jahren bewegt und diesmal vielleicht sogar noch tiefer berührt hat.

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