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Veröffentlicht am 22.08.2025

Ein szenischer Knaller

Hotel Love
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Am 5. Mai 2031 checkt Roman im Hotel Love ein. In sechs Tagen wird er seine Traumfrau, eine geduldige, liebevolle Androidin, eigens für ihn hergestellt, heiraten. Tippgeber des Hotels ist Fabio aus dem ...

Am 5. Mai 2031 checkt Roman im Hotel Love ein. In sechs Tagen wird er seine Traumfrau, eine geduldige, liebevolle Androidin, eigens für ihn hergestellt, heiraten. Tippgeber des Hotels ist Fabio aus dem Männerministerium. Die Androidin an der Rezeption weist ihn ein. „Sie haben das Sieben Tage Programm Wifey Material – So erschaffe ich die perfekte Ehefrau gebucht?“ Bestätigendes Nicken. „Danke.“ „Heute um 16 Uhr findet das Einführungsseminar statt.“ „Sie finden ihr Single-Zimmer mit Blick auf die Jagdgründe im dritten Stock, bitte schauen sie kurz in den Scanner zum Netzhautabgleich, vielen Dank.“ „Im Untergeschoss befindet sich die Shopping-Mall und unsere derzeitige Kunstausstellung von der Gebärmutter zum Gebärvater, gleich gegenüber der Wedding Chapel.“ „Wir wünschen einen zauberhaften Aufenthalt im Hotel Love.“

In Zimmer 317 angekommen, heißt ihn die freundliche Zimmerservicestimme willkommen. Nachdem sein Blick das Zimmer erfasst hat, hält er vor dem Spiegel inne. Cute schaut er aus mit seinen stahlblauen Augen. Er könnte jede haben, will aber nur die eine. Seine Gedanken entschwinden in die Zeit, als er Julia kennengelernt hat. Er hat sie bei Tinder geswipt. Kurz zuvor hatte Jasmin ihn verlassen. Ganz gegen seine Gewohnheiten hatte er im Bett gegammelt und seine Wunden geleckt. Dann trat Julia in sein Leben und versüßte seinen Alltag. Und dann hat sie ihm in der Reality Show Temptation Paradise cool den Laufpass gegeben, die Schlampe. Er hat sie mehr geliebt als jemals jemand zuvor.

Laut Männerministerium hat jeder Mann ein Anrecht darauf, glücklich zu sein. Die Bezeichnung „Alte weiße Männer“ existiert nicht mehr. Die heißen jetzt alte weise Männer und das ist ja auch nicht mehr als richtig, denn schließlich haben wir ihnen den ganzen Fortschritt zu verdanken. Hier wird er die ideale Frau herstellen. Sie wird aussehen wie Julia, jedoch anders als sie keine Forderungen stellen, sondern ihre Pflichten als Frau mit Präzision und Hingabe erfüllen. In sechs Tagen wird geheiratet.

Fazit: Petra Piuk hat eine durch und durch dystopische Zukunftsversion erschaffen. Männer haben vollumfänglich die Macht übernommen. Echte Frauen dienen nur noch der Unterhaltungsindustrie des einzigen Fernsehsenders. Alles ist gleichgeschaltet. Jeder Mann kann sich am Laptop seine eigene Frau erschaffen, ganz nach seinem Idealbild. Die wird dann schnellstmöglich hergestellt und ausgeliefert. Silikon Valley lässt grüßen. Ihr Protagonist ist eine narzisstische Persönlichkeit, wie sie im Buche steht. Die Autorin bedient sich einiger genialer Stilrichtungen, springt von der Gegenwart im Hotel in die Vergangenheit und ich erfahre alles über die toxische Beziehung zwischen Roman und Julia. Die Androidin Julia 2.0 der Gegenwart tut alles, um Roman zu beglücken, aber es reicht ihm nicht. Die Geschichte ist so abgefahren, dass ich durch die meisten Seiten mit offenem Mund geflogen bin. Das war zynisch, heftig, lustig, nüchtern, aber vor allem bildreich. Ich war emotional voll dabei. Ein kunterbunter Silvesterknaller!

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Veröffentlicht am 21.08.2025

Großartig originell

Treppe aus Papier
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Bei Familie Bittner gibt es Pizza. Thomas erwartet den Fahrradcourier an der Wohnungstür der dritten Etage. Er gibt dem Mann Trinkgeld, weil er nicht will, dass es heißt, er wäre knausrig. Er stellt die ...

Bei Familie Bittner gibt es Pizza. Thomas erwartet den Fahrradcourier an der Wohnungstür der dritten Etage. Er gibt dem Mann Trinkgeld, weil er nicht will, dass es heißt, er wäre knausrig. Er stellt die Kartons auf den Küchentisch und sofort entsteht eine Choreografie aus Nele, die den Tisch deckt und Martina, die einen Dip zusammenrührt. Nele schaut auf ihr Display, Laura antwortet nicht. Martina sieht zu Nele, die das Handy verschwinden lässt. Wie es in der Schule war, fragt Thomas. „Gut“. Nele isst schneller. Die Hormone machen aus Neles Gefühlen eine Achterbahn. Es geht so schnell auf- und abwärts, dass selbst Nele dem Chaos in ihr hilflos zuschaut.

Irma Thon kocht jeden Mittwoch Zwiebelsuppe, neunzig ist sie jetzt und vor vielen Jahren in die Wohnung ihrer Eltern zurückgekehrt. Als sich die Schreihälse aus der Zweiten beschweren, kocht Irma jeden Tag Zwiebelsuppe, eine Woche lang. Jeder Hausbewohner bekommt eine Kostprobe aus dem guten alten Geschirr, dann ist Ruhe. Jetzt steht sie an den Briefkästen. Eine Hand auf dem Stock, mit der anderen versucht sie den Schlüssel ins Schloss zu zittern. Nele kommt mit Balu vom Gassigehen herein, grüßt freundlich, ortet die Situation und fragt, ob sie helfen kann. Sie kann. Im Kasten ist zu Irmas Zufriedenheit nichts.

Das Haus erinnert sich, dass im Vergangenen hier an dieser Stelle Alwin Sternheim mit seiner Frau Golda und der kleinen Ruth gestanden hat, umringt von Männern der Gestapo. Damals hatte die kleine Irma eine ganz eigene Rolle in dem Drama gespielt, denn ihr Vater hatte die Aufgabe des Blockwarts übernommen und an enormer Wichtigkeit zugelegt. Das Haus erinnert sich an vieles. Es hat die Energie all der Bewohner der letzten hundert Jahre gespeichert und atmet sie nun aus.

Fazit: Henrik Szanto hat ein so originelles Debüt geschrieben, wie ich es selten gelesen habe. Schon auf den ersten zehn Seiten passiert erstaunlich viel. Seine Ausdrucksweise ist eine Wonne, die mir über den Rücken streichelt. Der Autor hat die Gabe, unterschiedlichste Menschen aus Gegenwart und Vergangenheit, auf der Treppe, aneinander vorbeiziehen zu lassen. Im Grunde beschwört er die Vergangenheit herauf, damit wir uns erinnern und das macht er gnadenlos gut. Er lässt das alte Gemäuer voller Mitgefühl, aber auch ohne zu beschönigen, in den alten Zeiten schwelgen. So lerne ich jeden Bewohnerin kennen, die je dort gelebt hat. Zugleich gelingt dem Autor der Spagat, Parallelen zwischen unserer Nazivergangenheit und dem heutigen Aufblühen alter Ideale zu zeigen. Mühelos lässt er die alte Irma über die misslungene Entnazifizierung sprechen und Nele fragen, warum ihr Opa auf einem Familienfoto ein Hakenkreuz trägt. Und damit trifft er einen wichtigen Kern unseres Landes, nämlich den, dass wir uns nie wirklich mit unserer Vergangenheit auseinandergesetzt haben. Scham und Schuld sind nicht die Erkenntnisse, die verhindern können, dass alte Ideologien entstehen. Dieses Buch ist definitiv eine der besten Aufarbeitungen unserer Nazivergangenheit, die mich je erreicht hat. Diese Geschichte hätte sich auch gut auf der Long- oder gar Shortlist des deutschen Buchpreises dieses Jahres gemacht. Es hat es verdient. Unbedingt lesen!

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Veröffentlicht am 19.08.2025

Faszinierend befremdlich

Der letzte Tag des vorigen Lebens
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Sie hat das Haus streichen lassen und selbst dekoriert. Darin ist sie gut, hat ein feines Gespür für Architekturen und die passenden Details. Dennoch glaubt sie nicht daran, dass sie es verkaufen wird. ...

Sie hat das Haus streichen lassen und selbst dekoriert. Darin ist sie gut, hat ein feines Gespür für Architekturen und die passenden Details. Dennoch glaubt sie nicht daran, dass sie es verkaufen wird. Es ist zu protzig, die Vorbesitzer haben zu viel gewollt. Nachdem sie noch kurz durch die Küche gewischt hat, dreht sie sich zum Esszimmer und sieht ihn am Tisch sitzen. Einen etwa siebenjährigen Jungen mit kurzer brauner Hose und schwarzen Boots ohne Socken. Er ist ihr auf Anhieb unsympathisch, vermutlich, weil sie ihm all die Attribute andichtet, die dieses neureiche Haus verkörpert. Er blickt sie direkt an, ohne zu blinzeln. Er könnte aus der Zeit gerutscht sein und doch hat er etwas Körperliches, Reales. Nachdem sie sich eine Weile wortlos gemustert haben, fragt sie ihn:

„Was willst du?“ „Hör mal, hier darfst du nicht sein, verstehst du? Gleich kommen Leute.“ S. 44

Sie liebt den Mann, mit dem sie zusammenlebt, nicht. Vor zwei Jahren, als sie sich bei einer Wohnungsbesichtigung kennenlernten, wirkte er anziehend auf sie, jetzt findet sie ihn nur noch wuchtig. Sie erzählt ihm nicht von ihrem Erlebnis mit dem Jungen, warum auch. Auch ihrem Vorgesetzten sagt sie nicht, dass mit dem Haus etwas nicht stimmt. Sie lässt sich ein Duplikat vom Schlüssel anfertigen. Bisher war sie stets rechtschaffen, sie versteht selbst nicht, was sie jetzt antreibt. Nach zwei Besichtigungsterminen treibt es sie zum Haus. Sie will den Jungen wiedersehen, aber im Esszimmer ist er nicht. Stattdessen sieht sie sich selbst in der Küche stehen, die Armaturen polierend, in den Kleidern von gestern.

Fazit: Andrés Barba hat eine verstörende Geschichte geschaffen. Seine kühl kalkulierte, sich selbst stark kontrollierende Protagonistin verkauft Häuser. Ein kleiner Junge weckt ihre Neugier und Faszination und wird zu ihrer Obsession, die ihr ganzes Dasein umkrempelt. Sie findet heraus, in welcher Notlage sich das Kind befindet, weil es glaubt, sich einiger Vergehen schuldig gemacht zu haben, und schafft es intuitiv, ihn zu befreien. Das Verblüffendste an der Geschichte, die aus Sicht der Erzählerin gezeigt wird, sind nicht die mystischen Elemente, sondern die ruhige Schreibweise. Der Autor erzeugt die Spannung nicht durch ein erhöhtes Tempo, im Gegenteil er tastet sich langsam an die Ereignisse heran, schafft Interaktionen, die verboten scheinen und am Ende lichten sich die bedrohlichen Schatten und alles wird hell und verständlich. Letztenendes wurde mir gezeigt, wie Schuldgefühle uns bremsen und von anderen entfremden können, wie sie die Einsamkeit anfachen. Andrés Barba erklärt in seiner Danksagung, dass die Geschichte während einer Krise in einer Zeit großer Unsicherheit entstand. Inspiriert fühlte er sich durch Clarice Lispektor (Die Passion), die ihre eigene Sprache gefunden hatte, sich einer Sache anzunähern. Ich habe diese seltsame, anspruchsvolle Herangehensweise und Umsetzung sehr gerne gelesen.

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Veröffentlicht am 14.08.2025

Erinnerungen an ein tödliches Drama

Die Ausweichschule
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Herr Mertens, Lektor eines mittelgroßen Verlages, hat das Manuskript neben sich liegen. Der Kellner schenkt Wein nach. Der Autor blickt in seine übergroße Ramenschüssel. Mit den Stäbchen bekommt er etwas ...

Herr Mertens, Lektor eines mittelgroßen Verlages, hat das Manuskript neben sich liegen. Der Kellner schenkt Wein nach. Der Autor blickt in seine übergroße Ramenschüssel. Mit den Stäbchen bekommt er etwas zu greifen, das wie gebratenes Ei aussieht. Ein Stück davon gelangt in seinen Mund, es ist so heiß, dass ihm die Tränen in die Augen schießen. Der Rest plumpst in die Nudelbrühe und zaubert ein Stücken grünen Spargel nach oben. Herr Mertens schiebt sich ein großes Stück glasiertes Irgendwas in den Mund und kaut nachdenklich. Ob der Autor glaube, dass die Geschichte für ein größeres Publikum interessant wäre, der hegt gerade Zweifel. Sie sei so, Herr Mertens ringt um Worte, entschuldigt sich, beliebig. Er müsse sich überlegen, ob er etwas Literarisches schreiben oder den Zeitgeist treffen wolle. Das Ganze sei fast akademisch brav und er sei doch nicht traumatisiert. Schließlich habe er zwar den Täter gesehen, aber keine Toten. Aber im Grunde sei er, Herr Mertens, eh so was wie ein Unterhaltungsonkel und fände Krimis super. Deswegen also auch gar nicht der richtige Ansprechpartner. Er könne ihn aber gerne weiterempfehlen, schmatzt er wohlwollend. Ja, das wäre schön.

Die unerwartete E-Mail-Anfrage eines Dramatikers trifft ein. Er möchte ein Stück über Amokläufer auf die Bühne bringen und habe ein paar Fragen. Als sie telefonieren, legt er große Behutsamkeit in seine Stimme und fragt, ob der Autor sich dazu im Stande fühle. „Imstande fühle“, der Autor will sich über die Wortwahl nicht lustig machen, glaubt aber, dass dieses ganze „Mental Health“ zu mehr Ratlosigkeit als zu echter Hilfe für die von Trauma Betroffenen führt. Im Laufe des Gesprächs entspinnt sich ein möglicher Plot. Wer war Steinhäuser?

Der Autor erinnert sich an die sechzehn brennenden Kerzen und die eine Abseits stehende, die nicht recht brennen wollte. Sechzehn Menschen hat Steinhäuser am 26.04.2002 am Erfurter Gutenberg-Gymnasium hingerichtet und sich danach selbst erschossen.

Fazit: Kaleb Erdmann erinnert sich an das tödliche Drama seiner Kindheit. Damals war er ein elfjähriger Fünftklässler. Während die Ältesten ihre Abiprüfungen schrieben, wartete die 2A auf das Läuten, das die letzte Unterrichtsstunde dieses Tages ankündigen würde, als ein Schuss fiel. Kurz darauf wurde die Klassentüre aufgerissen und eine schwarz gekleidete Gestalt mit Skimaske schaute in den Raum und verschwand wieder. Das Gespräch mit dem Dramatiker reißt nicht geahnte Wunden auf und er beginnt zwanghaft das Geschehen und die Folgen zu sezieren. Eineinhalb Jahre Therapie konnten seine Dissoziation, seine Panikattacken und sein Kontrollbedürfnis nicht auflösen. Er hinterfragt alles, so auch den Umgang der Presse, der Behörden und der Schulleitung mit den Konsequenzen des Massakers. Warum haben die Eltern Steinhäuser nicht gemerkt, wie ihr Sohn abdriftete? Erst als er versucht, sich dem Thema schreibend zu nähern, wird ihm klar, wie stark er traumatisiert ist. Mir gefällt die Herangehensweise, wie er die Geschichte durch Anekdoten auflockert, gut. Es ist die Verarbeitung eines Kriegsszenarios, das sich im Großen wie im Kleinen weltweit immer wieder ereignet, auch jetzt in diesem Moment, wo ich hier sitze, schreibe und mir bewusst wird, wie glücklich ich mich schätzen kann, derzeit keiner Bedrohung ausgesetzt zu sein. Die Geschichte ist spannend und hat mich zum Mitdenken angeregt. Meine große Empfehlung für diese kluge Aufarbeitung. Ich mochte auch sein Debüt „Wir sind Pioniere“ sehr.

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Veröffentlicht am 12.08.2025

Ein Debüt von großer verbaler Sprengkraft

Moscow Mule
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Tonya träumt von einem Haus mit Garten. Glück, so stellt sie es sich vor, ist es, mit einer Tasse Tee auf der Veranda zu stehen und ihrem Hund beim Spielen zuzusehen. Für die lebhafte Karina ist das nichts. ...

Tonya träumt von einem Haus mit Garten. Glück, so stellt sie es sich vor, ist es, mit einer Tasse Tee auf der Veranda zu stehen und ihrem Hund beim Spielen zuzusehen. Für die lebhafte Karina ist das nichts. Für sie bedeutet Glück nichts anderes als Stillstand und Trägheit.

Ihre Fakultät ist mit Kindern von Unternehmern, Managern und Regierungsbeamten übervölkert. Und die studieren einzig um ihren Lebenslauf aufzuhübschen, leben nicht im Wohnheim und suchen nicht nach Jobs. Karina und Tonya studieren politischen Journalismus. Nach ihrem dritten Semester wurde Anna Politkowskaja unweit der Uni auf offener Straße erschossen. Dank dem selbst ernannten Zaren sind die Zeiten wieder unsicher. Man geht der Polizei aus dem Weg, ist besser so. Ihre Zukunftschancen sind übersichtlich und sie leben zu lange in Moskau, um an eine echte Opposition oder freie Wahlen zu glauben. Europa würde ihnen gefallen, deshalb suchen sie nach Austauschprogrammen europäischer Universitäten.

Tonya lebt ihm Wohnheim, teilt sich ein Kabuff mit anderen Kommilitoninnen, kocht Nudeln im Wasserkocher und flucht, wenn jemand ihr wieder das frisch gewaschene Spitzenhöschen von der Heizung geklaut hat. Karina tingelt zwischen dem Schlafsessel bei ihrer lieblosen Mutter in Moskau und dem Bett bei ihrer geliebten Oma, weit außerhalb der Stadt. Meistens verpasst sie nachts um eins die letzte Metro und dann lässt sie sich von einem Typen abschleppen oder kriecht zu Tonya ins Bett. Sie jagen Wombats hinterher, leicht beleibte Männer mittleren Alters, die schon zwei Unternehmen gegründet haben und dreimal geschieden sind. Nur die interessieren sich nicht für Tom Sawyer und Huckleberry Finn. An den jungen Frauen, die deren Blick zum Glänzen bringen, ist alles lang, Haare, Beine, Fingernägel, sie sind gepflegt, geduldig und sexy. In Russland können Frauen alles werden, dennoch entscheiden sich die meisten dafür, Mätressen zu sein.

Fazit: Maya Rosa hat ein Debüt mit ganz großer verbaler Sprengkraft hingelegt. Die Wortakrobatin hat zwei junge Protagonistinnen geschaffen, die mit einem mickrigen Stipendium versuchen, ein Studium zu wuppen und zu überleben. Beide schlagen sich Seite an Seite mit diversen Nebenjobs durch. Trotz der politischen Diskrepanz ist der Hunger nach Abenteuer und Zerstreuung und die Lebensfreude spürbar. Ich erfahre viel über dieses Land, ohne mich durch Infodump erschlagen zu fühlen. Die Autorin webt alle Eindrücke in die Geschichte hinein. Korruption, Staatsgewalt, die Kluft zwischen Arm und Reich und die Dekadenz des Reichtums, der jung erworben wird. Frauen, die von Freiheit träumen und sich stylen, anbiedern und verraten, um auf die schimmernde Seite der Medaille zu gelangen. Alle sind ein bisschen schmierig. Die beiden Heldinnen Tonya und allem voran Karina, aus deren sprunghafter Sicht erzählt wird, sind beste Freundinnen, bis es in Tonya klickt und sie schneller erwachsen werden will als Karina. Ich liebe die rotzige, lakonische, lustige Erzählstimme, die mit Worten umgeht, als würde sie ein großes Orchester dirigieren. Da ist alles dabei vom Paukenschlag über die Klarinette bis zur Harfe. Meine Güte, war das unterhaltsam.

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