Profilbild von Alrik

Alrik

Lesejury Star
offline

Alrik ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Alrik über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 07.09.2025

Zwischen Familienfluch und Selbstfindung: ein Roman wie Chili im Kopf

Junge Frau mit Katze
0

Würde jemand behaupten, Erwachsenwerden sei ein Spaziergang, müsste er Ela kennenlernen – und wahrscheinlich nach drei Seiten das Handtuch werfen. Denn was Daniela Dröscher hier auftischt, ist eine wilde ...

Würde jemand behaupten, Erwachsenwerden sei ein Spaziergang, müsste er Ela kennenlernen – und wahrscheinlich nach drei Seiten das Handtuch werfen. Denn was Daniela Dröscher hier auftischt, ist eine wilde Mischung aus Familiengepäck, akademischem Druck und einem Körper, der gleichzeitig Rebellionstanz und Pyrotechnik betreibt. Hals brennt, Herz rast, Haut glüht – klingt nach einer Rockshow, ist aber der ganz normale Wahnsinn von Ela.

Der Ton ist dabei erstaunlich leichtfüßig, obwohl der Stoff schwer ist. Genau das macht die Lektüre spannend: Man schwankt zwischen Lachen über die absurden Situationen und Mitleid mit einer Frau, die irgendwie immer zur falschen Zeit am falschen Ort in sich selbst feststeckt. Es ist, als ob Dröscher den inneren Schweinehund mit einem Clownskostüm verkleidet und auf die Bühne schickt. Tragisch, komisch, grotesk – und verdammt ehrlich.

Natürlich geht es um mehr als eine Doktorarbeit oder eine übergriffige Mutter-Tochter-Dynamik. Hier steht ein Leben auf der Kippe, ein Selbst, das nicht weiß, ob es überhaupt existieren darf, solange es nur aus Erwartungen und Schuld gebaut ist. Die Autofiktionalität macht die Sache zusätzlich reizvoll: Man liest und fragt sich ständig, wie viel davon direkt aus dem Leben der Autorin tropft und wie viel kunstvoll überhöht ist.

Ganz klar, das Buch hat Biss. Aber manchmal beißt es sich auch selbst in den Schwanz. Stellenweise wiederholt sich die Körpermetaphorik so penetrant, dass man versucht ist, Ela einen Eimer Eiswürfel hinzustellen, damit endlich Ruhe einkehrt. Trotzdem: Wer Lust auf literarisches Kopfchaos hat, das so brennt wie scharfer Chili im Rachen, wird hier bestens bedient. Vier Sterne, weil leichtes Stolpern nicht alles kaputtmacht – aber den fünften Stern hat Ela leider selbst in Flammen gesetzt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 06.09.2025

Max Goldt und die Kunst des gepflegten Abschweifens

Aber?
0

Nie hätte ich gedacht, dass ein simpler Band mit dem unscheinbaren Titel „Aber?“ mir so oft ein spitzes Schmunzeln ins Gesicht meißeln könnte. Max Goldt schreibt, wie andere Leute plaudern würden – nur ...

Nie hätte ich gedacht, dass ein simpler Band mit dem unscheinbaren Titel „Aber?“ mir so oft ein spitzes Schmunzeln ins Gesicht meißeln könnte. Max Goldt schreibt, wie andere Leute plaudern würden – nur eben viel schärfer, verschrobener und mit dieser ganz eigenen Eleganz. Da sitzt man da, liest ein paar Sätze und denkt: „Moment mal, das ist doch völliger Blödsinn!“ – um zwei Sekunden später festzustellen, dass genau dieser Blödsinn ein ziemlich treffsicherer Kommentar auf die Wirklichkeit ist.

Es geht weniger darum, ob die Geschichten eine klassische Handlung haben – haben sie oft nicht. Eher sind es funkelnde Gedankensplitter, Beobachtungen aus der Alltagsmikroskopie, die man sonst einfach wegwischen würde wie Krümel vom Tisch. Goldt packt sie ein, poliert sie, und plötzlich glänzen sie so, dass man sich fragt, wieso man das nicht längst selber bemerkt hat.

Natürlich ist nicht jeder Text ein Volltreffer. Manche schießen am Humorzentrum vorbei und landen im „Okay, nett, aber weiter“-Regal. Trotzdem macht genau das den Reiz aus: mal funkelt’s, mal stolpert man, und manchmal möchte man einfach nur den Kopf schütteln, weil es so absurd ist.

Der Sprachwitz ist messerscharf, aber nie böse. Manchmal fast schon zärtlich im Umgang mit den Schwächen der Menschen. Das macht Goldt so sympathisch. Allerdings braucht man Lust auf Abschweifungen, kleine Denkspiralen und Sätze, die sich winden wie eine Achterbahn im Miniaturformat.

Fazit: „Aber?“ ist keine leichte Kost für Zwischendurch, sondern eher wie eine Kiste voller seltsamer Bonbons – manche sind süß, manche bitter, und bei ein paar fragt man sich ernsthaft, ob die überhaupt essbar sind. Aber genau das macht’s spannend. Vier Sterne – weil ich mir beim Lesen immer wieder dachte: ein bisschen weniger Mäander, ein bisschen mehr Punch, und es wären glatte fünf gewesen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 05.09.2025

Witz, Würde, Wickelkleid – Jane in Bildern

Jane Austen
0

Eine Graphic Novel über Jane Austen? Da war ich sofort neugierig – und ja, die Dame im Empirekleid hat mich ordentlich an die Hand genommen. Was soll ich sagen: Statt steifer Biografie bekommt man hier ...

Eine Graphic Novel über Jane Austen? Da war ich sofort neugierig – und ja, die Dame im Empirekleid hat mich ordentlich an die Hand genommen. Was soll ich sagen: Statt steifer Biografie bekommt man hier eine bunte, quicklebendige Tour durch das Leben einer Frau, die damals schon die Konventionen mit spitzem Stift durchlöchert hat. Und das Ganze so charmant gezeichnet, dass man glatt Lust bekommt, im Salon der Austens ein Tässchen Tee zu schlürfen (oder gleich den ganzen Krug Punsch auszutrinken).

Besonders gelungen finde ich, wie die Zeichnungen nicht nur Szenen aus Janes Alltag zeigen, sondern gleichzeitig kleine Insider-Anspielungen verstecken. Fans ihrer Romane entdecken da eine Menge augenzwinkernde Details. Ich hab mich mehrmals dabei erwischt, wie ich wie ein Detektiv mit Adleraugen durch die Panels geschlichen bin, nur um den nächsten versteckten Hinweis zu finden. Das macht richtig Spaß!

Natürlich ist nicht alles Zuckerstreusel auf Shortbread. Manchmal wirkt die Erzählung ein wenig hektisch, als hätte Jane selbst den Zeichenstift geschnappt und versucht, ihr ganzes Leben in drei Sekunden zu skizzieren. Einige biografische Tiefen bleiben da eher an der Oberfläche. Wer also eine akademische Lebensdarstellung erwartet, sollte sich lieber in die Bibliothek verkrümeln. Hier geht es klar um Atmosphäre, Humor und die Lust am Eintauchen.

Unterm Strich: Vier Sterne mit Sahnehäubchen. Wer Jane Austen liebt oder überhaupt wissen will, wie eine Frau im 19. Jahrhundert ihre Träume gegen alle Konventionen verteidigt hat, bekommt hier Unterhaltung, Geschichte und jede Menge Witz in einem Paket. Ich für meinen Teil hatte großen Spaß – und habe jetzt noch mehr Respekt vor dieser scharfzüngigen Lady.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 04.09.2025

Lost in the Wild – Papa gegen Tochter im Survival-Buddyread

Lost in the Wild
0

Kein Netz, keine Ausrüstung und plötzlich hängt man mitten im Gebirge fest – und ich dachte schon, mein Handy-Akku bei 5 % wäre Hardcore-Survival. Gemeinsam mit meiner Tochter habe ich mich in dieses Buch ...

Kein Netz, keine Ausrüstung und plötzlich hängt man mitten im Gebirge fest – und ich dachte schon, mein Handy-Akku bei 5 % wäre Hardcore-Survival. Gemeinsam mit meiner Tochter habe ich mich in dieses Buch gestürzt und wir waren sofort drin im Abenteuer. Sie hatte schon bei der ersten Lawinenszene Herzklopfen, ich eher Schweißhände, weil ich mir nur ausgemalt habe, wie mies meine Kondition wäre, wenn ich da hochkraxeln müsste. Buddyread-Highlight: Sie hat mir ständig meine eigenen panischen Kommentare vorgelesen und sich dabei kaputtgelacht.

Die Story ist rasant, detailreich und packend. Man spürt quasi jeden Stein, über den die Figuren stolpern, und die ganze Zeit fragt man sich: „Wie würde ich das eigentlich überleben?“ Meine Tochter meinte irgendwann trocken: „Papa, du wärst schon beim ersten Bergaufmarsch tot.“ Ja danke, Kind. Trotzdem – genau dieses Mitfiebern macht das Buch so stark.

Besonders cool fanden wir die Prepper-Gruppe, die plötzlich auftaucht. Klingt erstmal nach Rettung, aber naja … wir haben ziemlich diskutiert, ob wir den Typen vertrauen würden. Sie meinte: „Nein, Papa, du bist viel zu naiv!“ Und ich so: „Aber die haben Essen und Ausrüstung!“ – da hatte sie mich schon wieder ausgelacht.

Warum keine fünf Sterne? Ein paar Szenen wirkten für mich leicht überdreht, fast wie aus einem Actionfilm. Meine Tochter fand das wiederum mega, also hat das wohl mit meinem Alter zu tun. Insgesamt aber ein packender Survival-Trip mit echtem Kopfkino und einigen Momenten, bei denen wir uns gegenseitig gefragt haben: „Und jetzt? Was würden wir tun?“ Antwort meistens: „Vermutlich heulen und hoffen.“

Fazit: Spannend, wild, nervenaufreibend – perfekt für ein Buddyread-Abenteuer, bei dem man mehr lacht, als man sollte.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 03.09.2025

Blutiger Kater, verlorene Liebe und ein Haufen Fragen

In tiefster Nacht
0

Blut, Messer, tote Frau – klingt wie der schlimmste Kater meines Lebens, nur dass bei mir am nächsten Morgen höchstens die Pizza von gestern auf dem Boden liegt. Bei Sami Kierce sieht das allerdings ganz ...

Blut, Messer, tote Frau – klingt wie der schlimmste Kater meines Lebens, nur dass bei mir am nächsten Morgen höchstens die Pizza von gestern auf dem Boden liegt. Bei Sami Kierce sieht das allerdings ganz anders aus: 2003 wacht er in Malaga auf, mit Mordverdacht deluxe, ohne Erinnerung und mit einer riesigen Lebenskrise im Gepäck. Zack, 20 Jahre später stolpert er in New York über ein Gesicht, das eigentlich gar nicht mehr da sein dürfte – Anna. Die Frau, die er angeblich umgebracht hat. Da kann man schon mal ins Grübeln kommen.

Harlan Coben wäre nicht Harlan Coben, wenn er nicht die Kunst beherrschte, aus einer simplen „Was zur Hölle ist hier los?“-Frage ein ganzes Kopfkino-Feuerwerk zu machen. Sein Markenzeichen: Tempo, Wendungen, Überraschungen, und das in einer Sprache, die direkt in die Magengrube knallt. Man liest, man denkt „okay, jetzt hab ich’s verstanden“, und im nächsten Absatz fällt der Teppich wieder unter den Füßen weg. Nervenkitzel? Check. Schlaflose Nächte? Doppelcheck.

Was mir gefallen hat: Das Spiel mit Erinnerung und Wahrheit. Dieser ständige Zweifel – hat Kierce damals wirklich gemessert oder ist das alles ein gigantischer Mindfuck? Ich war ständig zwischen „Glaub ich ihm“ und „Oh Gott, der Kerl ist komplett durch“. Dazu die Atmosphäre: von glühend heißen Nächten in Spanien bis zum kühlen Beton von NYC – das Setting passt wie Gin zum Tonic.

Ein kleiner Abzug: Manchmal drehen sich die Dialoge ein bisschen im Kreis und der eine oder andere Nebencharakter ist so blass wie mein Nachbar beim Schneeschippen. Aber hey – insgesamt ist das Buch ein Thriller-Brett, das einen richtig packt. Vier Sterne, weil ich immer noch leicht verwirrt bin, aber auf eine sehr angenehme Weise.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere