Ein starkes, mutiges und literarisch feines Werk. Unbequem, aber notwendig.
Brot und MilchRezension zu Brot und Milch von Karolina Ramqvist, übersetzt von Ursel Allenstein und erschienen im Fischer Verlag
Triggerwarnung: Das Buch behandelt Essstörungen, gestörtes Essverhalten, Binge-Eating, ...
Rezension zu Brot und Milch von Karolina Ramqvist, übersetzt von Ursel Allenstein und erschienen im Fischer Verlag
Triggerwarnung: Das Buch behandelt Essstörungen, gestörtes Essverhalten, Binge-Eating, Bulimie, emotionale Vernachlässigung, Einsamkeit, Süchte und gesellschaftliche Zwänge rund um Weiblichkeit und Körperbild. Für Betroffene oder Menschen mit einer sensiblen Vorgeschichte kann die Lektüre sehr unbequem und belastend sein.
Inhalt (spoilerfrei): In "Brot und Milch" erzählt Karolina Ramqvist von einer Frau, die rückblickend auf ihr Leben versucht, das eigene Verhältnis zu Essen, Familie und Weiblichkeit zu verstehen. Sie erinnert sich an ihre Kindheit in Schweden, an die Beziehung zu Mutter und Großeltern, an Gerüche und Geschmäcker, die sich in ihr Gedächtnis eingebrannt haben. Essen ist für sie nicht nur Nahrung, sondern Trostspender, Gedächtnisspeicher und zugleich Bedrohung. Dabei wird sichtbar, wie eng familiäre Strukturen, historische Erfahrungen (z. B. Lebensmittelknappheit in Schweden während des Zweiten Weltkriegs) und persönliche Sehnsüchte miteinander verflochten sind.
Erzählstil: Die Erzählung folgt keinem linearen Handlungsbogen, sondern umfasst eine grobe Ansammlung von (Kindheits-)Erinnerungen, Assoziationen und einzelnen Szenen in der Gegenwart (mit Kommentaren). Vergangenheit und Gegenwart sind nicht klar getrennt, sondern verschränken sich. So wird deutlich, wie sehr die frühen Erfahrungen bis ins heutige Leben hineinwirken.. Dabei ist wichtig ist zu wissen, dass "Brot und Milch" keine reine Fiktion, sondern stark autobiografisch geprägt ist. Schwedische Leitmedien nannten das Buch zur Veröffentlichung 2022 ausdrücklich eine „självbiografisk berättelse“ (selbstbiografische Erzählung). Ramqvist verarbeitet darin also ihre eigenen Kindheitserinnerungen und ihr gestörtes Essverhalten, über das sie auch in Interviews offen gesprochen hat, indem sie klar sagt, dass ihr Verhältnis zum Essen und eine Essstörung/obsessives Essverhalten der Ausgangspunkt des Buchs sind („min önskan att fly ledde till en ätstörning“). Gerade deshalb wirkt das Buch so unmittelbar und nah. Ramqvist wählt eine sehr sachliche, nüchterne Sprache und gerade darin liegt für mich ihre poetische Kraft. Mit vielen Details und genauen Beobachtungen entstehen atmosphärische Bilder, sehr authentisch wirken. Manchmal liest sich der Text fast wie ein Kochbuch: akribisch genau werden Zubereitungen, Geschmäcker und Farben beschrieben. Doch diese Sachlichkeit macht die Szenen nicht nüchtern, sondern auf besondere Weise sinnlich, sodass die obsessive Fixierung der Protagonistin auf Essen erfahrbar gemacht wird.
Figuren: Auffällig ist, dass keine einzige Figur einen Namen bekommt, weder die Protagonistin selbst, noch Mutter, Vater, Großeltern oder ihre Kinder. Alles bleibt anonym und dadurch universell. Dieses Fehlen von Namen wirkt doppelt: Einerseits lädt es Leser:innen dazu ein, sich selbst leichter in die Figuren hineinzudenken, die Erlebnisse auf die eigene Biografie zu spiegeln. Andererseits bleibt dadurch etwas Schamhaftes, etwas Unsagbares zurück: Es ist, als ließe sich das, was geschildert wird, nicht festnageln, nicht personalisieren. Die Protagonistin könnte jede Frau sein, und genau darin liegt die Kraft des Textes.
Symbolik & Motive: Ein Leitmotiv ist die Farbigkeit, allen voran Weiß. In der Kindheitswohnung der Protagonistin waren die Wände und Möbel weiß, ebenso der Tisch und selbst der Fernseher auf einem weiß gestrichenen Rollwagen. Für ich stand das Weiß hier für Leere, Kälte und das Unausgefüllte in der Gefühlswelt der Protagonistin in ihrer Kindheit, aber auch für Reinheit und Ordnung in ihrem Leben als Erwachsene in dem Versuch, sich selbst zu kontrollieren. Immer wieder treten Kontraste von Hell und Dunkel auf: der weiße Tisch auf dem Desserts mit dunkler Schokoladenglasur stehen, die Schwärze der Nacht, die sich gegen die Fenster presst. Im Grunde erscheint Weiß als Symbol der inneren Leere, während es von der Schwärze immer weiter aufgesogen wird, so wie die Autorin auch beschreibt, dass uns das, was uns zu erfüllen vermag, auch verzehren kann. Neben der Farblichkeit gibt es außerdem natürlich das Essen, welches unter Anderem zum Gedächtnisspeicher wird. Der Reisauflauf der Großmutter oder die Süßigkeitenschale im Wohnzimmer konservieren Erinnerungen, Trost und Geborgenheit. Gleichzeitig aber wird Essen zur Kompensation von Einsamkeit und innerer Leere. Die Protagonistin isst nicht nur aus Hunger, sondern um fehlende Nähe, Liebe und Wärme zu überlagern. So entsteht ein Pseudo-Hunger, ein Drang nach Essen, der eigentlich ein Verlangen nach Leben ist. Diese Mechanismen gehen über in das Krankhafte: Binge-Eating, Erbrechen, Kontrollverlust. Besonders am Ende zeigt Ramqvist sehr eindringlich, wie schwierig es ist, eine solche Störung in eine Kategorie zu pressen. Essstörungen sind vielfältig, hybrid, individuell. Auch die Einsamkeit im Raum wirkt symbolisch. Immer wieder sitzt die Protagonistin allein an dem großen weißen Tisch. Sie empfindet sich selbst als jemand, der keinen Raum einnehmen darf, der stets um Erlaubnis bittet, selbst um ein weiteres Stück Brot. Essen wird zu einem Kraftakt, sich selbst zu behaupten und Lebensmittel werden verwendet, um dem Wunsch nachzugehen, endlich Raum zu füllen.
Essstörungen & gesellschaftliche Perspektive: Am eindringlichsten sind die Passagen, in denen die Protagonistin (und damit Ramqvist selbst) ihr krankhaftes Essverhalten beschreibt und nach Hilfe sucht. Dabei wird deutlich, wie schwer es ist, Essstörungen in vorgefertigte Kategorien zu pressen: Ist es Binge-Eating, eine Sucht, Fettsucht, obwohl sie normalgewichtig ist? Oder eine Bulimie, weil sie sich manchmal erbricht? Es gibt Mischformen, Abweichungen, Grauzonen. Der Versuch, Betroffene vorschnell zu etikettieren, erschwert oft die Suche nach passender Hilfe. Das Buch vermittelt eindringlich, dass Essstörungen hochindividuell sind und sich nicht über Schubladen erfassen lassen. Besonders erschütternd ist, wie sie sich an die öffentliche Gesundheitsorganisation wendet und dort von Ärzt:innen und Fachleuten regelrecht gegaslighted wird. Man redet ihr ihre Störung aus, erklärt ihr, es sei normal, manchmal die Kontrolle über das Essen zu verlieren, oder sogar „normal“, dass Frauen ein gestörtes Essverhalten haben. Ramqvist zeigt sehr eindringlich, wie Essstörungen das ganze Leben durchdringen können: Das Denken kreist permanent ums Essen oder Nicht-Essen, man fühlt sich fremdbestimmt, gerät in einen Rauschzustand, als stünde man unter Drogen, nimmt die Außenwelt kaum mehr wahr.
Fazit: "Brot und Milch" ist ein leises, unbequemes, eindringliches Buch. Karolina Ramqvist gelingt es, ein zutiefst persönliches Thema universell zu erzählen: Wie Essen Trost, Erinnerung, Ersatz für Nähe und zugleich Bedrohung sein kann. Wie Essstörungen nicht nur Kategorien, sondern ganze Leben durchdringen. Die Nüchternheit des Stils macht die Lektüre umso intensiver. Viele Bilder blieben für mich noch lange nach dem Lesen haften. Für Menschen, die selbst Erfahrungen mit Essstörungen haben, kann die Lektüre schwer, vielleicht schmerzhaft sein. Aus meiner Sicht als ehemals Essgestörte ist "Brot und Milch" ein unfassbar eindringliches und gelungenes Buch, weil es die Vielschichtigkeit von Essstörungen so authentisch einfängt. Gleichzeitig ist es ein wichtiges, mutiges Buch, das das nahezu Unsagbare sichtbar macht.
⭐️⭐️⭐️⭐️ (4 von 5 Sternen)