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Veröffentlicht am 10.10.2025

kulinarischer Roadtrip

Meine Tiroler Welt
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Viktoria Fahringer ist eine der vielversprechenden Spitzenköchinnen Österreichs, bereits mit Anfang Zwanzig erkochte sie sich die erste Haube von Gault&Millau. „Meine Tiroler Welt“ ist nun ihr erstes Kochbuch, ...

Viktoria Fahringer ist eine der vielversprechenden Spitzenköchinnen Österreichs, bereits mit Anfang Zwanzig erkochte sie sich die erste Haube von Gault&Millau. „Meine Tiroler Welt“ ist nun ihr erstes Kochbuch, zu dem auch gleichzeitig ein Dokumentarfilm produziert wurde. Ein bisschen merkt man diesen filmischen Aspekt dem Kochbuch an, die Besuche bei den Produzentenbetrieben für den Film finden sich auch im Buch und wirken ein bisschen wie eine Mischung aus Werbung und transkribierter Filmaufnahme. Diese Reportagen hätte ich jetzt nicht unbedingt gebraucht.

Die Rezepte sind nach Jahreszeiten geordnet, wobei die Zuordnung etwas verwirrend ist. So finden sich im Inhaltsverzeichnis unter „Frühling“ die Unterkapitel Getreide und Gemüse, „Sommer“ wartet mit Käse, Fisch, Lamm und Rind auf, der „Herbst“ bringt Knödel, Wild, Pilze und Kalb, und der „Winter“ bietet lediglich Nachspeisen. Das mutet nicht nur etwas seltsam an, sondern ist auch inhaltlich wenig aussagekräftig; etwas detaillierter hätte das Verzeichnis dann schon sein dürfen.

Die Rezepte selbst bieten Tiroler Klassiker, ansprechend bebildert und aussagekräftig sowie übersichtlich beschrieben. Der Schwierigkeitsgrad wird mit einer Punkteskala von 1 bis 3 angegeben, die Portionen sind gewöhnlich für 4 Personen gedacht, und Arbeits- und Koch- bzw. Backzeit sind sofort ersichtlich. Lediglich Piktogamme zur Kennzeichnung von veganen oder vegetarischen Speisen vermisse ich. Wie aus dem Inhaltsverzeichnis jedoch bereits ersichtlich wird, enthält ein sehr großer Teil der Gerichte tierische Produkte, so dass insbesondere Veganer:innen hier nur wenig finden dürften. Negativ aufgefallen ist mir, dass einige Rezepte ein sogenanntes „Zaubermehl“ benötigen, einen von Veronika Fahringer entwickelten glutenfreien „All-in-one-Mix“, der nur über ein Startup bezogen werden kann.

Fazit: Das Buch bietet einen kulinarischen Road-Trip durch Tirol und macht Lust aufs Nachkochen. Da mir an manchen Stellen der Marketing-Gedanke zu sehr im Vordergrund steht, ziehe ich einen Stern ab und vergebe 4 Sterne.

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Veröffentlicht am 04.10.2025

Humorvoller und wendungsreicher Krimi

Der Tote im Kamin
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Inspector Frank Grasby aus York ist bei seinen Vorgesetzten in Ungnade gefallen, weil er einen Einsatz vermasselt und dabei versehentlich zwanzig der wertvollsten Pferde Englands in die Freiheit entlassen ...

Inspector Frank Grasby aus York ist bei seinen Vorgesetzten in Ungnade gefallen, weil er einen Einsatz vermasselt und dabei versehentlich zwanzig der wertvollsten Pferde Englands in die Freiheit entlassen hat. Daher wird er kurz vor Weihnachten 1952 in ein verschlafenes Nest namens Elderby versetzt, um eine Einbruchsserie bei einem Lord aufzuklären. Hierbei kann ja nicht allzu viel schief gehen – sollte man meinen. Doch kaum ist Grasby in Elderby eingetroffen, fällt ihm einem Leiche aus dem Kamin des Lords vor die Füße, und das ist erst der Anfang…

„Der Tote im Kamin“ ist der erste Band der dreiteiligen Reihe um Inspector Frank Grasby aus der Feder des leider 2025 verstorbenen Denzil Meyrick. Verfasst ist der Krimi in der Ich-Perspektive Franks, ergänzt durch Auszüge aus Polizeiberichten und Protokollen. Der Schreibstil ist flüssig und höchst unterhaltsam, gespickt mit viel britischem Humor. Frank liebt schöne Frauen, Bier und Sportwetten, was ihm schon die eine oder andere Schwierigkeit im Leben beschert hat. Er ist kein großer Held und schiebt auch beruflich gern eher eine ruhige Kugel. Trotz allem ist er von sich selbst recht überzeugt – im Gegensatz zu seinem Umfeld. Umso mehr bringen ihn die Ereignisse in Elderby in die Bredouille, zumal er auf seine etwas tollpatschige Art von einer Gefahr in die nächste gerät.

Der Fall bleibt bis zum Schluss spannend und hält vor allem in der zweiten Hälfte viele überraschende Wendungen bereit. Allerdings entwickelt er sich in eine Richtung, die ich anhand des Klappentextes so nicht erwartet hatte. Gegen Ende ist es zuweilen nicht ganz einfach, den Überblick zu behalten, und manches wirkt auf mich etwas konstruiert.

Insgesamt ist „Der Tote im Kamin“ ein sehr kurzweiliger und abwechslungsreicher Krimi, der vor allem durch seine Erzählweise besticht. Ich würde auf jeden Fall gerne mehr von Frank Grasby lesen und hoffe, dass die beiden weiteren Bände zeitnah auf Deutsch erscheinen werden.

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Veröffentlicht am 23.09.2025

einzigartiges Zeitzeugnis

Sieben Jahre in Tibet
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Vor vielen Jahren sah ich den gleichnamigen Film und wollte nun die bewegende Geschichte von Heinrich Harrers Leben in Tibet aus erster Hand lesen. Bildhaft und detailreich schildert Harrer seine Erlebnisse ...

Vor vielen Jahren sah ich den gleichnamigen Film und wollte nun die bewegende Geschichte von Heinrich Harrers Leben in Tibet aus erster Hand lesen. Bildhaft und detailreich schildert Harrer seine Erlebnisse und Eindrücke während seines Aufenthaltes in Tibet zwischen 1944 und 1951. Man spürt in seinen Worten die große Liebe zum Land, der Kultur und den Menschen, denen er mit Neugier und Respekt vor ihrer Lebensweise und ihrem Glauben begegnet. Harrer liefert damit ein einzigartiges Zeitzeugnis der tibetischen Kultur und ihres Gemeinwesens, die nach der chinesischen Invasion 1951 systematisch und unwiederbringlich zerstört wurden.

Auch wenn Heinrich Harrer kein Schriftsteller ist, wie er selbst anmerkt, und es dem Buch manchmal an Struktur mangelt, ist vor allem der Teil, der das Leben Harrers in Lhasa und seine Begegnungen mit dem 14. Dalai Lama schildert, äußerst spannend. Gelegentlich merkt man dem Text sein Alter etwas an (er entstand 1952), und Harrers Blickwinkel ist, trotz aller Offenheit und Wertschätzung gegenüber den tibetischen Traditionen, der eines weißen Mannes aus Europa.

Besonders spannend fand ich die Einblicke in die theokratische Gesellschaftsstruktur, das Feudalsystem und die religiösen Sitten und Gebräuche. Die Schwarzweißaufnahmen Harrers, die in das Buch integriert wurden, ergänzen den Text und lassen das Erzählte lebendig werden.

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Veröffentlicht am 15.09.2025

Ungewöhnlicher Jugendkrimi rund um Kaspar Hauser

Greta Grimaldi und der Junge aus dem Schatten
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Greta Grimaldi und ihr Vater, der berühmte sizilianische Arzt und Kriminalist Dr. Grimaldi, reisen in einer geheimnisvollen Angelegenheit im Jahr 1829 nach Nürnberg. Kaspar Hauser, der sagenumwobene Junge, ...

Greta Grimaldi und ihr Vater, der berühmte sizilianische Arzt und Kriminalist Dr. Grimaldi, reisen in einer geheimnisvollen Angelegenheit im Jahr 1829 nach Nürnberg. Kaspar Hauser, der sagenumwobene Junge, der angeblich jahrelang in einem Keller gefangen gehalten wurde, wird bedroht, und niemand weiß, wer dahinter steckt. Können die Grimaldis Licht ins Dunkel bringen?

Der Autor Davide Morosinotto verwebt historische Fakten um Kaspar Hauser mit einer fiktiven Kriminalgeschichte zu einem spannenden und ungewöhnlichen Jugendroman. Greta ist eine starke und intelligente Protagonistin, deren Vater einerseits durchaus fortschrittlich ist und Greta für die damalige Zeit außergewöhnliche Freiheiten lässt, aber andererseits auch sehr selbstgefällig auftritt und einige Allüren hat.

Der Schreibstil ist klar und nüchtern, und auch wenn gelegentlich Gretas Emotionen beschrieben werden, blieb ich mit den Charakteren auf Distanz. Was den Kriminalfall angeht, war mir sehr schnell klar, wer dahintersteckt. Die Begründung empfand ich allerdings als recht weit hergeholt.

Als Leser:in sollte man darauf gefasst sein, dass das Buch bezüglich Kaspar Hauser viele logische Ungereimtheiten enthält, die jedoch der Realität entsprechen: Bis heute ist das Geheimnis um Kaspar Hauser ungelöst, und vieles, was man über ihn weiß, ist voller Widersprüche, die sich auch in diesem Buch niederschlagen.

Erwähnenswert sind die ganzseitigen aufwändigen Illustrationen, die die Leser:innen stimmungsvoll ins historische Nürnberg versetzen. So sind beispielsweise Seiten des Bestelmeier-Kataloges von 1923 abgedruckt, einem Nürnberger Pioneer des Versandhandels. Der farbige Nürnberger Stadtplan auf dem Vor- und Nachsatzpapier ergänzt die tolle Aufmachung.

Die Alterseinstufung ab 12 Jahren finde ich passend, da auch schwierige Themen wie Mord und Suizid thematisiert werden.

Wer einen Jugendkrimi sucht, der am Ende eine vollständige und widerspruchsfreie Auflösung aller Rätsel bietet, wird hier eher nicht fündig. Wer jedoch Lust darauf hat, einen unterhaltsamen historischen Roman rund um das Mysterium Kaspar Hauser zu lesen, wird seine Freude an diesem Buch haben.

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Veröffentlicht am 07.09.2025

Ein typischer Boyle

No Way Home
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Terrence Tully ist Assistenzarzt in L.A. und Anfang dreißig. Als seine Mutter plötzlich stirbt, bricht er nach Boulder City in Nevada auf, um sich um die Beerdigung und ihr Haus zu kümmern. Kurz nach seiner ...

Terrence Tully ist Assistenzarzt in L.A. und Anfang dreißig. Als seine Mutter plötzlich stirbt, bricht er nach Boulder City in Nevada auf, um sich um die Beerdigung und ihr Haus zu kümmern. Kurz nach seiner Ankunft trifft er in einer Bar die junge Bethany, die ihm dem Kopf verdreht. Er verbringt eine Nacht mit ihr und reist zurück nach Los Angeles. Als Bethany sich kurzerhand im Haus der verstorbenen Mutter einnistet, ist Terrence ist hin- und hergerissen: Einerseits misstraut er ihr und verübelt ihr die unverfrorene Besetzung des Hauses, andererseits ist er ihr vor allem körperlich verfallen. Dann taucht auch noch Bethanys Ex-Freund Jesse auf, der die Beziehung noch längst nicht aufgegeben hat und Terrence und Bethany keine Ruhe lässt.

Die karge Wüstenlandschaft von Boulder City ist eine wunderbare Kulisse für das Setting, das mich an ein archaisches Duell zweier Männer um eine Frau erinnert und mit Klischees spielt: Der gebildete, zurückhaltende, körperlich unterlegene Arzt, gegen den athletischen, attraktiven, aber prolligen Biker Jesse, einen klassischen Macho-Typen. Dazwischen die attraktive Bethany, die sich nicht entscheiden kann, Terrence vor allem als sichere und finanziell interessante Partie ansieht, während sie sich von Jesse weiterhin angezogen fühlt.

Boyle schreibt gewohnt sprachgewaltig, lebendig und voller bissigem, schwarzem Humor. Wie immer enthält auch „No way home“ einiges an Gesellschaftskritik: Er thematisiert unter anderem Armut und Obdachlosigkeit, den allgegenwärtigen Drogenkonsum, der in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist und das problematische Gesundheitssystem.

Wie meist bei Boyle fällt es mir schwer, Sympathie für die Protagonisten aufzubringen, was mich jedoch nicht stört, da ich schwierige Charaktere, an denen man sich beim Lesen reiben kann, besonders spannend finde. Am stärksten fühlte ich mit Terrence mit, auch wenn mich seine mangelnde Entschlossenheit und Durchsetzungskraft nervten. Die Geschichte lässt tief in die menschlichen Abgründe blicken: Rache, Lügen, Eifersucht, verletzter Stolz, übersteigerte Männlichkeit, triebgesteuertes Handeln. Sämtliche Figuren, stehen in dysfunktionalen Beziehungen zueinander, und ihre moralischen und charakterlichen Schwächen führen dazu, dass sich eine unheilvolle Eigendynamik entwickelt. Dementsprechend war ich sehr gespannt, wie sich alles weiterentwickeln würde. Der Schluss hat mich leider nicht überzeugt und kam für mich sehr abrupt, so dass ich hierfür einen Stern abziehe.

Abgesehen davon ein lesenswerter, sehr unterhaltsamer Roman in typischer Boyle-Manier, aber nicht sein bestes Werk.

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