Leseempfehlung
Stunden wie TageIch hatte das große Vergnügen Shelly Kupferberg bei einer Lesung erleben zu dürfen. Sie ist eine fantastische Erzählerin, die für ihre Geschichten brennt und weiß, wie sie die Lesenden und die Hörenden ...
Ich hatte das große Vergnügen Shelly Kupferberg bei einer Lesung erleben zu dürfen. Sie ist eine fantastische Erzählerin, die für ihre Geschichten brennt und weiß, wie sie die Lesenden und die Hörenden begeistert und mitnimmt.
Diesmal erzählt die Autorin von Martha und dem Berliner Mietshaus, deren Hausbesorgerin sie ist. In den 1940er Jahren in Berlin wächst die Angst unter der jüdischen Bevölkerung. Sie werden gegängelt, schikaniert und ausgegrenzt. Sie verschwinden über Nacht, freiwillig oder unfreiwillig. Auch die Schlinge um die Gebrüder Berkowitz zieht sich zu. Der eine Bruder geht rechtzeitig nach England, der andere Bruder kämpft noch um seine Frau und die Tochter, die nicht mitgehen wollen. Eines Tages ist auch er weg und lässt die Familie in Berlin zurück.
Martha bleibt. Egal, was passiert sie kümmert sich, um das Haus, die Mieter:innen und um die zurückgelassene Familie Berkowitz. Sie putzt, räumt auf, sorgt für Schutz und Menschlichkeit und sammelt die Miete ein. Die Jahre sind hart, ihre Verluste auch und nur langsam sieht man das Licht am Ende des Tunnels.
Shelly Kupferberg hat wahre Begebenheiten mit Fiktion verwoben und daraus eine nachdenkliche, teilweise grausame und harte Geschichte geschrieben. Dem Berliner Humor stehen die geschichtlichen Fakten gegenüber. Sie wechseln sich ab, damit man zwischendurch wieder zum Atmen kommt. Eine Grundtraurigkeit läuft beim Lesen mit und hält sich bis zum Schluss, wo die Autorin noch einmal einen Plottwist einfügt, der mich kurz die Luft anhalten ließ. Die Charaktere sind so realistisch und greifbar, als wäre man mit dabei und nicht durch das Papier getrennt. Die politische Situation und das Leid der Menschen, aber auch der Fanatismus, das Misstrauen und die Angst werden sehr gut herausgearbeitet. Mich hat die Geschichte berührt und nachdenklich zurückgelassen.
Klare Leseempfehlung!