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Veröffentlicht am 29.09.2025

Unter der scheinbaren Leichtigkeit liegen viele Schichten

Goldstrand
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Katerina Poladjan hat für ihr Werk schon unzählige Literaturpreise erhalten. Oft spricht das für tiefgründige, anspruchsvolle, oft gar nicht so leicht auf den ersten Blick zu entschlüsselnde Bücher mit ...

Katerina Poladjan hat für ihr Werk schon unzählige Literaturpreise erhalten. Oft spricht das für tiefgründige, anspruchsvolle, oft gar nicht so leicht auf den ersten Blick zu entschlüsselnde Bücher mit Niveau. „Goldstrand“ ist da keine Ausnahme.

Im Zentrum des Buches steht Eli, vielleicht Sohn einer italienischen Mutter und eines ukrainisch-bulgarischen Vaters, der bei den faschistischen Großeltern aufgewachsen ist, wochenends von der ledigen Mutter besucht wurde, später Filmregisseur wurde und nun auf der Couch einer Psychoanalytikerin, der „dottoressa“, liegt und sein Leben analysiert. Wenn das nun alles überhaupt wahr sein sollte, denn es handelt sich um einen unzuverlässigen Erzähler und es gibt im Buch viele sonderbare Begebenheiten, die hinterfragen lassen, was real und was erfunden ist.

Vordergründig kommt „Goldstrand“ leichtfüßig daher und geschrieben ist das Buch äußerst szenisch, wie eine Aneinanderreihung von bildlich beschriebenen Filmszenen, wie sich zum Beispiel hier zeigt, als der junge Eli auf den wöchentlichen Besuch seiner Mama wartet: „Jeden Samstag putzte ich mir die Ohren, zog ein sauberes Hemd an und erwartete sie am Tor. Endlich kam sie, meistens im Laufschritt auf hohen Absätzen und außer Atem, das lockige Haar hochgesteckt zu einem Vogelnest, aus dem es lebhaft zwitscherte: Da steht mein Junge und wartet! Heute wird es großartig, das wird ein vollkommener Tag!“ (S. 56/57)

Die Geschichte begleitet uns fast ein Jahrhundert bis in die Gegenwart. Das Buch liest sich leicht und schnell und doch hat es im Hintergrund eine enorme Tiefe: an vielen Stellen gibt es Verweise auf hochkarätige Werke der Literatur sowie Referenzen auf Philosophie und Mythologie, die man nur mit einer umfassenden humanistischen Bildung vollständig erkennt und zu schätzen weiß, z.B. „Dunkle Wolken hängen über den Symplegaden, es zieht ein Sturm auf, und wieder wird es Nacht. Als endlich die Morgendämmerung heraufzieht, erreiche ich nach vierzig Tagen und Nächten Goldstrand.“ (S. 141)

Doch auch ohne eine solche lässt sich das Buch problemlos lesen. Es ist, wie so viele anspruchsvolle Werke, ein Kaleidoskop, in das jeder Betrachter und jede Betrachterin je nach momentanem Blickwinkel und Perspektive etwas anderes hineininterpretieren und herauslesen kann.

Dabei informiert es wie nebenbei über die Idee des sozialistischen Goldstrandes an der bulgarischen Schwarzmeerküste und darüber, was nach dem Untergang des Kommunismus daraus geworden ist, genauso wie darüber, wie verschiedene politische und soziale Systeme die Menschen prägen: wie beifällig sind viele passende Referenzen in das Buch eingewoben und informieren uns fast nebenbei über den zeitgeschichtlichen Bezug, z.B. „Zu Beginn der dritten Amtszeit von Silvio Berlusconi besuchte mich Vera zum ersten Mal allein.“ (S. 113)

Insgesamt ist es somit gerade ein in seiner Kürze und Prägnanz vielschichtiges und tiefgründiges Werk, das auf Leserinnen und Leser wartet, die ein solches zu schätzen wissen.

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Veröffentlicht am 28.09.2025

Zwei Verlorene wandern durch London

Alle unsere Leben
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Wie ist es, an einen anderen Ort zu gehen und doch nie so ganz anzukommen? Mit schwerem Gepäck auf der Seele. Sich zu verlieben und doch nicht wirklich zusammenzufinden, weil beide viel zu viel mit sich ...

Wie ist es, an einen anderen Ort zu gehen und doch nie so ganz anzukommen? Mit schwerem Gepäck auf der Seele. Sich zu verlieben und doch nicht wirklich zusammenzufinden, weil beide viel zu viel mit sich herumschleppen und es nie so wirklich passt? Die Sehnsucht nach Verbundenheit und Ankommen zu spüren und gleichzeitig Angst vor Starre und Verbindlichkeit zu haben?

Das sind einige der persönlichen Themen, mit denen sich dieser Roman beschäftigt. Doch es gibt noch eine weitere Ebene:

Wie könnte es gewesen sein, zur Zeit der IRA-Anschläge sichtbar und/oder hörbar irisch in London zu sein? Mit welchen Zuschreibungen und Ausgrenzungen könnte man zu kämpfen haben? Und was macht das mit einem? Wer definiert, wer wir sind, wir selbst oder die anderen und wie sie uns wahrnehmen?

Auch darum geht es in diesem Buch.

Die Geschichte wird abwechselnd aus den Perspektiven zweier psychisch verwundeter Menschen erzählt: Milly und Pip. Milly ist als sehr junge Frau schwanger aus Irland ausgewandert. Ihren Vater hat sie nie kennen gelernt, ihre Mutter hat sich suizidiert, als Milly klein war, sie selbst ist bei den eher lieblosen Großeltern aufgewachsen, hat Schlimmes erlebt und war zusätzlich als Protestantin eine Außenseiterin im katholischen Irland. So richtig dazu gehört hat sie nie und das wird sich auch in London nicht ändern, auch wenn sie durchaus ihre Freundschaften haben wird und bei vielen beliebt ist. In London findet sie Arbeit in einem Pub, wo sie Pip kennen lernt und sich ihm aufgrund des gemeinsamen Irlandbezuges verbunden und auch sonst zu ihm hingezogen fühlt.

Pip hat einen englischen Vater und eine irische Mutter, aber ebenfalls letztere als Kind verloren. Äußerlich ein attraktiver junger Mann mit einer aufstrebenden Boxkarriere, verfällt er doch schon in jungen Jahren dem Alkoholismus und wird viele Jahrzehnte damit zu kämpfen haben. Kann sich auf keine Frau dauerhaft einlassen, auch nicht auf Milly, trotz der Anziehung zu ihr.

Der Zeitverlauf des Erzählens ist interessant gewählt: Pip erzählt aus der Perspektive als älterer Mann um die 60 Jahre, nach seinem Alkoholentzug, auf sein bisheriges Leben zurückblickend und bedauernd. Nun erkennt er, wen er alles verletzt hat durch die Handlungen, die aus seinem Alkoholismus resultierten, und was er alles versäumt hat und nicht wieder gutmachen kann. Gemeinsam mit seinem Mentor Colin von den Anonymen Alkoholikern gibt er sich Mühe, nun nicht mehr rückfällig zu werden. Es ist eine reflektierte, bedachte Perspektive, die ich durchaus sehr mochte.

Millys Erzählperspektive hingegen beginnt mit der jungen Frau und begleitet sie über die folgenden Jahrzehnte, in denen sie wächst und reift, Verbindungen knüpft, aber auch Abwertungen und Ausgrenzungen aufgrund ihres Irisch-Seins erlebt, und ihre eigenen alten Verletzungen und Wunden mit sich herumträgt. Wir erleben also Millys Älter-Werden, Wachsen und Reifen mit.

Dabei wechseln sich Milly-Kapitel mit Pip-Kapiteln ab und es bleibt bis zum Ende spannend, ob es doch noch ein Happy End für die beiden, deren tiefe Verbindung spürbar ist, geben kann.

Insgesamt würde ich das Buch aber nicht als Liebesroman bezeichnen, stärker als literarisches Drama mit interessanten historischen Bezügen. Das Buch liest sich grundsätzlich leicht, interessant und unterhaltsam. Ein wesentliches Element sind lange Spaziergänge der Charaktere (überwiegend) in London, auf denen scheinbar nichts passiert außer Umgebungsbeobachtungen... doch bevor man sich sehr langweilen könnte, passiert dann doch wieder etwas und die Handlung geht interessant weiter. Wer London gut kennt, wird hier sicherlich einiges wiedererkennen und innerlich noch einmal deutlicher diese Spaziergänge und Umgebungen nachvollziehen können. Wer London nicht ganz so gut kennt oder stärker handlungsgetriebene Romane mag, könnte stellenweise ein bisschen ungeduldig werden angesichts der so ausführlichen Umgebungsbeschreibungen.

Das Buch macht nachdenklich über viele Themen, so wie ich es in den Fragen am Anfang dieser Rezension aufgezeigt habe. Es ist ein empfehlenswertes, interessantes und gut geschriebenes Buch, das bei mir auch danach noch stark emotional nachhallt. Leseempfehlung für jene, die tiefgründige Bücher mögen.

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Veröffentlicht am 19.09.2025

Vom Platzen der Traumwelt und der unternehmerischen Anpassung an neue Herausforderungen

Die Stunde der Nashörner. Wie Unternehmen die neuen geopolitischen Risiken managen.
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In den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts gab es den verbreiteten Traum von immer mehr Globalisierung, Demokratie und wirtschaftlicher Zusammenarbeit. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion sah es ...

In den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts gab es den verbreiteten Traum von immer mehr Globalisierung, Demokratie und wirtschaftlicher Zusammenarbeit. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion sah es für kurze Zeit für viele Menschen im Westen so aus, als würde die Welt immer friedlicher, erfolgreicher und wohlhabender werden und immer mehr zusammenwachsen, nach westlichen Maßstäben und Werten. Auch das Projekt EU wurzelt tief in diesem Glauben, was sich auch darin zeigt, dass gemeinsame Verteidigungspolitik lange überhaupt kein Fokusthema war.

Nun stehen wir bekanntlich vor einer gänzlich veränderten Welt der neuen Kriege und zunehmenden Krisen. In dieser Welt kann es höchst problematisch sein, dass so viele kritische Industrien, insbesondere im IT-Bereich, große Teile ihrer Produktion nach China ausgelagert haben, auf eine Art, wie es nur unter sehr hohen Kosten und langsam wieder rückgängig gemacht werden könnte. Davon handelt dieses Buch: es analysiert dieses Thema, zeigt anhand von Daten, Grafiken und Beispielen den zunehmenden Aufschwung Chinas und den Abschwung des Westens und die damit einhergehende Abhängigkeit von Fernost auf, sensibilisiert für dieses Thema und zeigt erste Lösungswege.

Das Buch ist grundsätzlich übersichtlich gestaltet und Beispiele und Grafiken machen die Inhalte interessanter. Dennoch handelt es sich klar an ein Fachpublikum, das über tiefgehendes wirtschaftliches und idealerweise auch IT-technisches Vorwissen verfügt und mit dem entsprechenden Vokabular vertraut ist.

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Veröffentlicht am 18.09.2025

Autistische Wahrnehmung aus der Du-Perspektive

Was ich dir erzählen möchte oder Lebensweisheiten für ein kleines Alien
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Ich habe im Laufe meines Lebens schon einige Bücher gelesen, die aus der Perspektive von Menschen aus dem autistischen Spektrum geschrieben sind. Auch dieses Buch gehört dazu: die Besonderheit ist diesmal, ...

Ich habe im Laufe meines Lebens schon einige Bücher gelesen, die aus der Perspektive von Menschen aus dem autistischen Spektrum geschrieben sind. Auch dieses Buch gehört dazu: die Besonderheit ist diesmal, dass nicht direkt aus der Ich-Perspektive erzählt wird, sondern eine unsichtbare Stimme sich per "Du" an das kleine "Alien" wendet, ein Mädchen mit einer ganz eigenen Weltwahrnehmung, die in vielem der autistischen ähnelt. Die Autorin Alice Franklin wurde selbst als Erwachsene als autistisch diagnostiziert und dieses Buch ist laut Interviews ein Versuch von ihr, diese Welt anderen Menschen näher zu bringen.

Auch wenn das nirgends explizit so benannt wird, gibt es im Buch viele Hinweise auf die Besonderheiten des Erlebens und Wahrnehmens autistischer Menschen, z.B. auf das Wörtlich-Nehmen vieler Aussagen, auf Schwierigkeiten, üblichen Humor zu verstehen, körperliche Ungeschicklichkeiten oder, wie an dieser Stelle, fehlenden Blickkontakt: "In dem Dokumentarfilm spricht eine Frau mit schiefen Zähnen mit jemandem, den die Kamera nicht zeigt. Vielleicht hält diese Person genau wie du nicht gern Augenkontakt. Vielleicht ist auch in Gedanken versunken, während sie von Büchern und der Vergangenheit erzählt. Hinter der Frau befinden sich Bücher. Zudem trägt sie eine Brille. Daher weißt du, dass die Frau schlau ist, denn in der Welt des Fernsehens sitzen ausschließlich schlaue Leute vor Büchern und tragen Brillen." (S. 71)

Diese Du-Perspektive begleitet das Mädchen von der Zeit als Kleinkind über die Volksschulzeit bis ins Teenageralter, als es zufällig vom geheimnisvollen Voynich-Manuskript erfährt, das vielleicht Aliens erstellt haben könnten, sich darin wiedererkennt und es unbedingt finden und mehr darüber erfahren will: "Bisher war dir nicht klar, dass Aliens existieren, zumindest in Wirklichkeit. Bisher war dir nicht klar, dass sie ihre eigene Sprache haben. Das erscheint dir sehr einleuchtend. Es leuchtet ein, weil du manchmal das Gefühl hast, deine Sprache wäre gar nicht deine Sprache. Andere Leute sagen Dinge und du weißt nicht, was sie damit meinen. Andere Leute tun Dinge und du weißt ebenso wenig, was sie damit meinen. Da ist etwas entkoppelt, durch und durch falsch. Das spürst du ganz stark, tief in deinem Inneren." (S. 73)

Dabei führt sein Weg über verschiedene Bibliotheken und Bekanntschaften. Im Hintergrund geht es aber auch stark um die Familiengeschichte des Mädchens und insbesondere um dessen psychisch kranke Mutter, die sich hinter der Lektüre unzähliger Ratgeber versteckt, kaum auf das Mädchen und seine Bedürfnisse eingeht und mal von Lethargie, dann von Wahnvorstellungen und Verfolgungsängsten geplagt wird und auch schon mal unfreiwillig länger in der geschlossenen Psychiatrie landet.

Am Ende jeden Kapitels finden sich humorvoll ausgesuchte Literaturtipps, passend zur Lektüre der Sachbücher verschlingenden Mutter, z.B. "Wie man das volle Potenzial eines Bibliotheksausweises ausschöpft" oder "Der riskante Weg: Sind Sie gemacht für das Leben als Versicherungsmathematiker?" (S. 89)

Insgesamt ist es ein interessant und liebevoll geschriebenes Buch, das sich leicht und schnell liest und an vielen Stellen Empathie für Menschen aus dem autistischen Spektrum und generell für alle, die sich auf dieser Welt unzugehörig und anders fühlen, fördern kann. Es ist also durchaus ein bezauberndes Buch, das für das Thema sensibilisieren und zum Nachdenken anregen kann, und das eine besondere Erzählperspektive aufweist.

Dass es für mich persönlich dennoch kein 5-Sterne-Buch ist, hat vielleicht auch mit den vielen anderen Werken zum Thema zu tun, die ich kenne und von denen einige mich mit ihrer Authentizität und Tiefe deutlich mehr überzeugt haben: trotz allen Hinweisen habe ich den Eindruck, das Gesamtgefühl für eine autistische Wahrnehmung kommt für mich durch die vermeintlich allwissende Du-Außenperspektive etwas zu kurz, und die Geschichte ist für mich auch etwas zu stark vermischt mit den psychischen Problemen der Mutter. Irgendetwas macht für mich da das Bild insgesamt nicht ganz rund, sodass es ein etwas weniger starker Leseeindruck ist, als es sonst gewesen sein könnte.

Auch der Titel passt für mich nicht ganz: so richtig um Lebensweisheiten geht es für mich darin nicht, es wird die Welt des autistischen Mädchens eher beschrieben als dem Mädchen verständlich gemacht, es ist keine Aufklärung über die Welt und wie sie funktionieren könnte, und so, wie das Buch geschrieben ist, hätte es auch sehr gut aus der Ich-Perspektive des Mädchens erzählt sein können und würde genauso aufzeigen, wie das Mädchen sich fremd fühlt und viele Dinge nicht versteht, die nicht explizit erklärt werden und nur die vermutlich überwiegend neurotypischen Leserinnen und Leser verstehen werden. Es ist trotz der Du-Form viel mehr Innenperspektive einer Autistin als Dialog mit der Welt.

Von mir als Bewertung gibt es jedenfalls gut verdiente 4 Sterne und eine Empfehlung für alle, die sich für besondere und etwas andere Bücher interessieren. Es ist durchaus empfehlenswert, das Buch kurz anzulesen, um selbst entscheiden zu können, ob dieser spezielle Schreibstil einen emotional erreichen kann oder nicht.

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Veröffentlicht am 17.09.2025

Über die Wirkung patriarchaler Machtstrukturen

Weibliche Macht neu denken
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Die Journalistin, Redakteurin und Leiterin des Kulturresorts des "Spiegel", Eva Thöne, hat ein Buch mit dem Titel "Weibliche Macht neu denken" veröffentlicht. Eine Frau, die fast gleich alt ist wie ich, ...

Die Journalistin, Redakteurin und Leiterin des Kulturresorts des "Spiegel", Eva Thöne, hat ein Buch mit dem Titel "Weibliche Macht neu denken" veröffentlicht. Eine Frau, die fast gleich alt ist wie ich, und selbst in einer Führungsposition, das macht mich neugierig auf das Buch.

Als eine, die sich schon sehr viel mit diesem Thema beschäftigt hat, ist vieles, was im Buch dargestellt wird, erst einmal eine Wiederholung für mich: es geht um die uralten patriarchalen Machtstrukturen, die Frauen aus dem öffentlichen Bereich fernhalten wollen und bis heute nachwirken. Das schildert die Autorin eindrucksvoll anhand eines aktuellen Beispiels: auch heute melden sich im beruflichen Bereich in Diskussionen Frauen viel weniger zu Wort, und wenn sie das tun, werden sie damit weniger gehört, es wird auf ihre Beiträge weniger eingegangen und sie werden öfter übergangen oder abgewertet.

Dazu gibt es viele bekannte Studien und Beispiele. Es geht um den schmalen Grat, auf dem Frauen in der Öffentlichkeit sich bewegen, zwischen als zu schrill, zu laut, zu fordernd oder gar "hysterisch" abgewertet zu werden oder unsichtbar und machtlos zu bleiben. Um die einzig wirklich akzeptierte machtvolle traditionelle Frauenrolle: die der Mutter, die aber ihre eigenen Nachteile mit sich bringt, Frauen auch beruflich in ein enges Korsett zwingt, das oft ihrer Persönlichkeit gar nicht entspricht (man denke an die kinderlose und gar nicht sehr mütterliche Angela Merkel, der doch schnell der Spitzname "Mutti" samt passenden Zuschreibungen verpasst wurde) und um die Omnipräsenz männlicher Rollenbilder, Mythen und Narrative, wie sich auch etwa an dem allseits so verbreiteten Schema der "Heldenreise" zeigt.

Es geht um Frauen, denen von Haus aus nur dann Machtpositionen zugestanden werden, wenn die Erfolgschancen schon gering sind: das wird bei der Analyse von Kandidatinnen in Wahlkreisen genauso sichtbar wie bei einer amerikanischen Präsidentschaftswahl, bei der der greise Joe Biden erst spät Platz für seine Nachfolgekandidatin Kamala Harris machte, die dann bekanntlich auch gegenüber Donald Trump unterlag.

Was mir persönlich in diesem Buch ein bisschen zu kurz gekommen ist, ist tatsächlich das "neu denken" aus dem Titel. Von einem Buch mit diesem Titel hätte ich mir etwas anderes erwartet, als ich bekommen habe: nämlich nicht zu mindestens 3/4 eine Aufarbeitung von dem, was bisher war und schief läuft, sondern viel mehr neue und bisher unbekannte Ansätze für weibliche Macht. Ich hätte gern mehr darüber gelernt, wie weibliche Macht ganz anders aussehen kann als männliche, und Rollenvorbilder dafür kennen gelernt: dieses Thema kommt nach meinem Empfinden im Buch aber nur am Rande vor, als kleine eingestreute Tipps nebenbei, beispielsweise wenn es um die Archetypen der "großen Schwester" oder der "weisen Frau" in Ergänzung zur "Mutter" geht. Davon hätte ich mir mehr gewünscht.

Sehr interessant wurde es für mich im Buch auch immer dann, wenn über eine allgemeine Analyse hinaus die Autorin als Mensch für mich spürbar wurde, also wenn sie gelegentlich Geschichten und Erfahrungen aus ihrem Leben geteilt und mit dem Thema des Buches verbunden hat, auch davon hätte ich gerne mehr gelesen und das würde ich mir für zukünftige Bücher von ihr wünschen, sofern sie bereit ist, das von sich zu teilen (natürlich exponiert man sich damit auch mehr, mit allen damit verbundenen Risiken, das ist mir bewusst).

Insgesamt finden sich im Buch also viele nachdenklich machende Beispiele für die Benachteiligung von Frauen, die bis heute nachwirkt. Das macht auch den größten Teil des Buches aus. Allen, die sich mit diesem Thema bisher erst wenig beschäftigt haben, kann ich das Buch sehr empfehlen, weil es fundiert aufzeigt, wie tief das Patriarchat und dessen Denkweisen nach wie vor in fast allen Bereichen unserer Gesellschaft tief verwurzelt sind.

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