Profilbild von Jecke

Jecke

Lesejury Star
online

Jecke ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Jecke über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 20.01.2026

✎ Astrid Lindgren - Lustiges Bullerbü

Lustiges Bullerbü
0

Ich bin spät bei Astrid Lindgren gelandet. Erst im letzten Jahr habe ich mit „Ronja Räubertochter“ mein erstes Buch von ihr gelesen, zwei weitere warten noch ungelesen. Vorgelesen wurde mir Lindgren als ...

Ich bin spät bei Astrid Lindgren gelandet. Erst im letzten Jahr habe ich mit „Ronja Räubertochter“ mein erstes Buch von ihr gelesen, zwei weitere warten noch ungelesen. Vorgelesen wurde mir Lindgren als Kind nicht, eine emotionale Bindung aus dieser Zeit existiert also nicht. Was geblieben ist, sind die Pippi-Langstrumpf-Filme, die ich mochte und heute deutlich kritischer betrachte. Vielleicht lese ich ihre Bücher gerade deshalb ohne nostalgischen Filter.

„Lustiges Bullerbü“ entwirft das Bild einer Kindheit, die heute fast wie ein Gegenentwurf wirkt. Kinder sind viel draußen, bewegen sich frei, streifen ohne Erwachsene durch ihr Dorf, getragen von einer Gemeinschaft und einer Natur, die keinen Spielplatz braucht. Darin erkenne ich Teile meiner eigenen Kindheit wieder. Auch wir waren ständig unterwegs, allein im Dorf, im Ried, beschäftigt mit uns selbst. Vergleiche ich das mit der Lebensrealität meiner achtjährigen Tochter, entsteht ein deutlicher Bruch. Wir leben zwar in einer grünen Kleinstadt, doch allein losziehen lassen würde ich sie nicht. Zu viele Risiken, zu viele Unwägbarkeiten. Wiesen gibt es, aber sie sind oft vermint mit Hundehaufen. Einen Wald auch, doch der taugt eher als Mückenbiotop denn als Abenteuerschauplatz. Bullerbü fühlt sich dadurch wie eine ferne Welt an.

Genau an diesem Punkt setzt berechtigte Kritik an. Die in Bullerbü gezeigte Kindheit ist idealisiert und kaum auf heutige Lebensrealitäten übertragbar. Das Buch bildet keine Gegenwart ab, sondern einen Zustand, der längst vergangen ist. Gleichzeitig liegt darin seine Stärke. Lindgren zeigt, was möglich war und was vielleicht immer noch möglich wäre, wenn Kinder mehr Freiräume hätten. Sie schreibt über Freundschaft, Zusammenhalt, kleine Mutproben und die Schönheit der Natur, ohne sie kitschig zu überhöhen, sondern mit einem ruhigen, klaren Blick.

Dabei blendet sie Verantwortung nicht aus. Tiere sind keine Spielzeuge, sie bedeuten Arbeit. Freiheit existiert nicht ohne Konsequenzen. Die Mutproben der Kinder sind nicht immer harmlos, manches wirkt aus heutiger Sicht sogar riskant. Das fordert Einordnung und Gespräche. Gleichzeitig muss ich mir eingestehen, dass auch meine eigene Kindheit voller Dinge war, die heute vermutlich Stirnrunzeln auslösen würden. Der Unterschied liegt weniger im Verhalten der Kinder als im gesellschaftlichen Rahmen, der sich verändert hat.

Die Illustrationen von Ilon Wikland unterstützen diesen Eindruck. Die Kinder sind klar gezeichnet, während der Hintergrund oft verschwimmt. Die Welt tritt zurück, die Figuren rücken in den Fokus. Das verstärkt die kindliche Perspektive und lenkt den Blick konsequent auf das Erleben, nicht auf die Kulisse.

Erzählt wird die Geschichte aus Lisas Sicht - und das spürt man. Der Ton ist kindlich, die Sprache einfach, manchmal mit diesen typischen Aufzählungen, bei denen ein „und“ das nächste jagt. Das wirkt nicht unbeholfen, sondern ehrlich. Es klingt nach einem Kind, das erzählt, wie es denkt und fühlt, ohne literarischen Filter.

Für uns ist „Lustiges Bullerbü“ eine warmherzige, emotionale Geschichte, die gerade durch ihre zeitliche Distanz zum Nachdenken anregt. Sie weckt Sehnsucht, provoziert aber auch Diskussionen darüber, wie Kindheit heute aussieht und aussehen darf. Ob uns „Michel aus Lönneberga“ ähnlich berühren wird, wird sich zeigen.

©2026 Mademoiselle Cake

Veröffentlicht am 13.01.2026

✎ Erhard Dietl - Die Olchis Bilderbücher 1 Die Olchis aus Schmuddelfing

Die Olchis aus Schmuddelfing
0

Seit Jahren gehört „Die Olchis aus Schmuddelfing“ bei uns zum festen Inventar. Mein Kind ist vor etwa 4 Jahren in diese schräge Welt hineingestolpert und seitdem sind die Olchis geblieben. Erst lagen die ...

Seit Jahren gehört „Die Olchis aus Schmuddelfing“ bei uns zum festen Inventar. Mein Kind ist vor etwa 4 Jahren in diese schräge Welt hineingestolpert und seitdem sind die Olchis geblieben. Erst lagen die Bilderbücher abends auf dem Sofa, inzwischen holt sich meine Zweitklässlerin die Geschichten selbst aus der Schulbibliothek. Diese Entwicklung kam nicht durch pädagogischen Druck, sondern durch echte Begeisterung zustande - und genau das macht dieses Buch für mich so wertvoll.

Inhaltlich passiert in diesem ersten Band eigentlich kaum etwas. Kein klassisches Abenteuer, keine Spannungsbögen, keine dramatische Wendung. Stattdessen lernen wir die Olchi-Familie kennen - Kinder, Eltern, Großeltern und natürlich den Drachen Feuerstuhl. Es geht um Vorlieben, Abneigungen, um ihr Leben auf der Müllkippe und um all das, was Erwachsene oft irritiert und Kinder sofort begeistert.

Die Olchis leben alles aus, was im echten Kinderalltag oft verboten ist. Dreck lieben, Regeln ignorieren, sich mit Schlamm bewerfen, laut sein, schräg sein. Diese Unangepasstheit zieht Kinder magisch an, weil sie sich darin wiederfinden oder zumindest davon träumen.

Obwohl der Text für ein Bilderbuch vergleichsweise umfangreich ist, erinnere ich mich genau, dass meine damals 3-Jährige regelrecht an den Seiten hing.

Stilistisch stolpere ich bis heute über einen Bruch im Text. Über weite Strecken wird flüssig erzählt, dann tauchen plötzlich Reime auf, die ebenso unvermittelt wieder verschwinden. Ich finde das irritierend, für mein Kind hingegen scheint dieser Bruch allerdings kaum relevant zu sein - er wird einfach mitgenommen.

Was das Buch für mich dauerhaft trägt, sind die Illustrationen von Erhard Dietl. Die Seiten sind voll, lebendig und detailreich. Man liest dieses Buch nicht einfach vor, man bleibt hängen, zeigt, lacht und entdeckt immer wieder Neues.

Mein Kind ist Olchi-Fan durch und durch. Diese Figuren haben etwas geschafft, woran viele wohlmeinende Leseförderprogramme scheitern: Sie haben mein Kind freiwillig zum Buch geführt.

©2026 Mademoiselle Cake

Veröffentlicht am 03.01.2026

✎ Mikael Engström - Ihr kriegt mich nicht!

Ihr kriegt mich nicht!
0

Miks Geschichte in „Ihr kriegt mich nicht!“ von Mikael Engström verlangt volle Aufmerksamkeit, weil sie keine leichte Unterhaltung ist und stattdessen harte Realität vermittelt. Zu Beginn war ich irritiert ...

Miks Geschichte in „Ihr kriegt mich nicht!“ von Mikael Engström verlangt volle Aufmerksamkeit, weil sie keine leichte Unterhaltung ist und stattdessen harte Realität vermittelt. Zu Beginn war ich irritiert und sogar wütend über Miks Verhalten, vor allem, weil er Gewalt gegen Obdachlose ausübt und mir das zunächst unerklärlich erschien. Erst im weiteren Verlauf wird klar, dass diese Wut tief verwurzelt ist in einem Leben mit einem alkoholkranken Vater und tauben Behörden, die nicht verstehen, was Mik wirklich braucht. Jugendamt und vergleichbare Strukturen im Buch erscheinen meist negativ, fast als Gegenspieler zu Miks Suche nach Zugehörigkeit.

Der Roman beginnt mit Mik in einer extremen familiären Notlage. Seine Mutter ist tot, sein Vater nicht fähig, für ihn zu sorgen, und sein älterer Bruder driftet ins Kriminelle ab. Diese Konstellation erzeugt beim Lesen sofort Mitgefühl, zugleich aber auch Unbehagen über das Ausmaß des Leidens, das der Junge durchlebt. Sentimentale Floskeln gibt es hier nicht.

Als Mik schließlich zu seiner Tante Lena kommt, eröffnet sich ein völlig anderes Leben: geordneter, mit echten Freundschaften und Zugehörigkeitsgefühl. Dieses Zwischenstück bietet den einzigen echten Hoffnungsschimmer im Buch und ist für mich der Grund, warum die Geschichte trotz allem funktioniert. Gerade die Darstellung dieser positiven Momente verleiht dem Roman Tiefe und unterscheidet ihn von bloßem Sozialdrama.

Die erneute Trennung von Lena und die Zuweisung in eine Pflegefamilie bildet den nächsten Wendepunkt. Dort erlebt Mik erneut Ablehnung und Härte, was seine Verzweiflung und seinen Kampfgeist weiter schärft. Die bedrückenden Schilderungen drücken und ziehen runter, machen den Roman schwer verdaulich und lassen kaum Raum für unbeschwerte Lesestunden.

Die dramatische Flucht Miks, in der er buchstäblich alles riskiert, ist ein Höhepunkt, der mich stark mitgenommen hat. Die letzten Kapitel sind emotional extrem belastend, teils sogar verstörend, und weniger ein klassischer Abschluss. Gleichzeitig ist gerade dieses rohe Ende authentisch und tief bewegend. Für mich bleibt es ein zentraler Moment, der zeigt, wie stark Mik sich gegen ein System wehrt, das ihn nicht verstehen will.

Das Buch setzt sich mit harten Themen auseinander: Alkoholsucht, Gewalt, Vernachlässigung und dem Gefühl der Fremdheit in einer Welt, die einem nichts schenkt. Manchmal fühlte ich mich dadurch emotional zerstört, auf der anderen Seite empfand ich gerade darin die literarische Kraft des Romans. Die direkte, schonungslose Sprache finde ich notwendig, aber ich spüre gleichzeitig, wie viel Gewicht das auf einer Lesendenseele hinterlässt.

Zwei Kritikpunkte habe ich dennoch: Gegen Ende taucht mehrfach ein Wort auf, welches im Kontext unnötig und unpassend wirkt und ohne Mehrwert für die Handlung ist. Das fühlt sich wie ein Stilbruch an. Dieser Aspekt steht im Kontrast zu der ansonsten dichten, klaren Erzählweise.
Zudem kommt es zweimal zu sehr erniedrigenden Szenen: Einmal gegenüber Mik, als eine erwachsene Person ihn vor den Mitschülerinnen auf ein Körperteil denunziert. Einmal gegenüber eines Erwachsenen, als dieser vor Schülerinnen beleidigt und bloßgestellt wird.

„Ihr kriegt mich nicht!“ ist kein Lesestoff für nebenbei, sondern ein literarischer Schlag ins Bewusstsein. Die Mischung aus persönlichem Leidensweg und sozialkritischer Schärfe macht das Buch zu einem starken, aber auch schwer verdaulichen Stück Jugendliteratur. Ich persönlich fand es ergreifend und authentisch, andere wiederum könnten Schwierigkeiten haben, die emotionale Schwere zu tragen.

©2026 Mademoiselle Cake

Veröffentlicht am 20.12.2025

✎ Brigitte Werner - Kotzmotz der Zauberer

Kotzmotz der Zauberer
0

„Kotzmotz der Zauberer“ habe ich zunächst selbst gelesen und anschließend als Hörbuch gehört. Dass Brigitte Werner den Text selbst eingesprochen hat, ist kein nettes Extra, sondern ein echter Mehrwert. ...

„Kotzmotz der Zauberer“ habe ich zunächst selbst gelesen und anschließend als Hörbuch gehört. Dass Brigitte Werner den Text selbst eingesprochen hat, ist kein nettes Extra, sondern ein echter Mehrwert. Im Hörformat werden feine Bedeutungsverschiebungen hörbar, die beim stillen Lesen leichter übergangen werden. Figuren und Stimmungen gewinnen an Tiefe, ohne überzeichnet zu wirken.

Dieses Buch richtet sich nicht an eine klar abgegrenzte Altersgruppe. Es arbeitet gleichzeitig auf der Ebene von Kindern und Erwachsenen. Genau darin liegt seine Stärke. Nach der letzten Seite ist es kein Titel, der kommentarlos verschwindet. Der Text bleibt präsent, weil er Denkprozesse auslöst und Gespräche erzwingt.

Anfangs wirkt die Geschichte wie ein klarer Seitenhieb auf Erwachsene. Erwartungen und erzieherische Abkürzungen werden sichtbar gespiegelt. Im Verlauf wird jedoch deutlich, dass Kinder nicht bloß Projektionsfläche sind. Sie werden ernst genommen, emotional abgeholt und in ihrer inneren Logik respektiert. Diese Verschiebung macht den Text glaubwürdig.

Thematisch geht es um soziale Grundfragen: Höflichkeit als Ausdruck innerer Stabilität, Freundschaft als Beziehung, die weder erzwungen noch besessen werden kann, Sprache als Werkzeug mit verletzendem Potenzial, den Umgang mit Missverständnissen, den Unterschied zwischen Wutabbau und Selbstüberforderung sowie die Verbindung von Angst und Aggression. Freundschaft wird nicht als äußere Struktur, sondern als innere Haltung beschrieben.
Es gibt jedoch noch sooo viel mehr, was man direkt erlesen oder zwischen den Zeilen finden kann.

Auffällig ist, dass diese Aspekte nicht additiv nebeneinandergestellt werden. Hinter Gefühlen wie Zorn oder Rückzug werden Ursachen sichtbar gemacht: Unsicherheit, Überforderung, fehlende Selbstzufriedenheit. Emotionen erscheinen nicht als Fehlverhalten, sondern als Signale. Diese Perspektive unterscheidet das Buch von vielen moralisch verkürzten Kindertexten.

Die Themenfülle für jüngere Kinder könnte überfordernd wirken. Zu Beginn des Lesens dachte ich auch, dass Erwachsene von der Lektüre stärker profitieren als Kinder. Aber ich finde, diese Kritik greift zu kurz. Die Geschichte funktioniert nicht als schnelle Unterhaltung, sondern als Anlass zur gemeinsamen Reflexion.

Beim Lesen haben wir mehrfach bewusst pausiert und einzelne Situationen besprochen. Dabei wurde deutlich, wie konkret Kinder die dargestellten Konflikte auf ihr eigenes Erleben übertragen. Besonders bei meiner siebenjährigen Tochter waren diese Momente spürbar. Einsichten entstanden nicht durch Belehrung, sondern durch Wiedererkennen.

Trotz der inhaltlichen Dichte wirkt das Buch nicht überladen. Die Themen sind sprachlich reduziert und klar eingebettet. Es bleibt zugänglich, ohne banal zu werden. Wer ein Kinderbuch sucht, das nicht beruhigt, sondern klärt, findet hier einen Text, der langfristig wirkt und Gespräche ermöglicht, die sonst oft vermieden werden oder vielleicht auch schwer zu erklären sind.

©2025 Mademoiselle Cake

Veröffentlicht am 13.10.2025

✎ Susanne Abel - Du musst meine Hand fester halten, Nr. 104

Du musst meine Hand fester halten, Nr. 104
0

Ich hatte mich mental schon auf eine emotionale Achterbahnfahrt eingestellt. Was ich aber bekommen habe, überstieg meine Erwartung. Gleich zu Beginn legt die Autorin eine Triggerwarnung vor - ein kluger ...

Ich hatte mich mental schon auf eine emotionale Achterbahnfahrt eingestellt. Was ich aber bekommen habe, überstieg meine Erwartung. Gleich zu Beginn legt die Autorin eine Triggerwarnung vor - ein kluger Schritt, denn die Schilderungen später sind nichts für Zartbesaitete. Man merkt von der ersten Seite an, dass hier kein Wohlfühlroman wartet, sondern einer, der aufrüttelt und nachklingt.

Der Roman „Du musst meine Hand fester halten, Nr. 104“ entfaltet sich über vier Generationen. Und anders als ich es oft erlebt habe, sind wirklich alle vier noch lebendig. In der Gegenwart steht Emily, die Urenkelin, im Zentrum. Durch sie wird der Schatten, den unausgesprochene Schrecken der Vergangenheit über Jahrzehnte werfen, spürbar. Die Vergangenheitsszenen verschmelzen mit dem Heute, und immer wieder kommen Gestern und Jetzt in ein Zerren - und das macht das Hören so intensiv.

Susanne Abel hält sich nicht zurück. Die Zustände im katholischen Kinderheim, die körperlichen und seelischen Gewalterfahrungen, Erniedrigungen - manches Mal musste ich kurz tief durchatmen, bevor ich weiterhören konnte, denn einige Szenen sind fast schwer zu ertragen.

Aber - und das ist für mich das Besondere - Abel verknüpft die Härte nicht mit Kälte, sondern mit Mitgefühl und Würde. Margret und Hartmut (Hardy) sind mehr als Opferfiguren: ihre Beziehung zueinander zeigt, was Nähe und Schutz in unmenschlichen Umständen bedeuten kann. Diese Figuren bleiben auch nach den Rückblenden noch präsent - nicht als Schatten, sondern als Lebende mit Brüchen, Wiederaufstehen, mit Liebe, mit Schuldgefühlen.

Nicht weniger stark wirkt, wie das Schweigen in der Familie weiterwirkt; wie Vergangenheit, wenn sie nicht ausgesprochen wird, sich durch Generationen zieht und sich in Verhaltensmustern, Ängsten und Geheimnissen manifestiert. Die Urenkelin Emily wird zur Figur, die Fragen stellt, wo andere weggeschwiegen haben - und das hat mich emotional vielleicht am meisten bewegt.

Wer eher leichtere Unterhaltung möchte, wer Bücher ohne tiefere, belastende Themen bevorzugt, wird hier mit der Schwere zu tun haben. Das Buch ist in manchen Abschnitten besonders düster und die Zeitsprünge zwischen Vergangenheit und Gegenwart sind gelegentlich etwas abrupt. Trotzdem empfinde ich, dass diese Struktur dem Roman dient: Die Brüche spiegeln die zerrissenen Leben, das Verdrängte und das Wiederaufflammen. Die Spannung bleibt über weite Strecken erhalten und das Ende überrascht nochmal unerwartet: Nach dem Gedanken, man habe schon alles gehört, kommt Abel mit etwas, das neu schmerzt.

Schreibstil und Tonfall sind ein weiterer Pluspunkt: klar, ehrlich, fast reduziert - ohne Schnörkel, aber niemals nüchtern. Abel schafft es, die Grausamkeit zu schildern ohne Voyeurismus, die Figuren zu zeigen ohne ihnen Opferrolle aufzuzwingen. Dieser respektvolle Umgang mit dem Thema macht für mich den Unterschied. Es wird nie pathetisch, obwohl die Gefühle sehr stark sind.

Wer sich auf dieses Buch einlässt, wird nicht nur mitgerissen, sondern muss auch aushalten können. Es ist kein Buch, das man schnell „wegliest“, sondern eines, das nachwirkt - in Gedanken, vielleicht in Gesprächen, vielleicht in der Erinnerung.

©2025 Mademoiselle Cake