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Veröffentlicht am 18.10.2025

Macht das Nachkriegsdeutschland fühlbar

Tanzende Spiegel
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"Tanzende Spiegel" von Annette Byford ist eine autofiktionale Geschichte, die zum Teil auf dem Leben der Mutter der Autorin basiert. Diese war in den Nachkriegsjahren in Deutschland eine junge Frau, zu ...

"Tanzende Spiegel" von Annette Byford ist eine autofiktionale Geschichte, die zum Teil auf dem Leben der Mutter der Autorin basiert. Diese war in den Nachkriegsjahren in Deutschland eine junge Frau, zu einer Zeit, als es einen großen Frauenüberschuss und damit bei weitem nicht für jede interessierte Frau einen passenden Heiratspartner gab: "Zwei von fünf Männern, die zwischen 1920 und 1925 geboren wurden, sind nicht aus dem Krieg zurückgekehrt, fünf Millionen deutsche Soldaten sind gefallen, und achteinhalb Millionen befinden sich noch in Kriegsgefangenenlagern" (S. 18).

Doch erst einmal ist sie eine lebenshungrige, intelligente und gebildete junge Frau, die als Diplom-Volkswirtschaftlerin in einem Büro arbeitet und dort Wirtschaftsdaten analysieren soll. Währenddessen wirbt Walter um sie, ein junger Medizinstudent und scheinbar ein guter Fang. Sie willigt in die Verlobung ein, will sich jedoch lange auf keinen Hochzeitstermin festlegen. So richtig klar ist sie sich nicht, ob sie überhaupt heiraten soll, und Leidenschaft für Walter ist im Buch von ihrer Seite aus keine zu spüren... er wäre halt eine sehr gute Partie in einer schwierigen Zeit, und sie als seine Gattin für ihr Leben ökonomisch abgesichert. Es wäre die vernünftige Entscheidung.

Außerdem gibt es da auch noch die netten älteren Schwestern von Walter, die ihre zukünftige Schwägerin mit offenen Armen aufnehmen, sich auf sie freuen und ungeduldig auf die Hochzeit warten: "Sie scheinen sie alle sehr gern zu haben, denn Walter ist ihr kleiner Bruder, ihr Lieblingsbruder, und in ihren Augen ist meine Mutter fraglos die Richtige. Für ihn hat es nie wirklich eine andere gegeben, das wissen sie. Sie ist die Richtige, und sie werden sie liebhaben, und damit basta." (S. 59)

Glücklicherweise studiert Walter an einem Ort weiter weg, sodass sie sich nur alle paar Monate kurz sehen und sonst Briefkontakt unterhalten, sodass sie ihr freies, unabhängiges Leben als junge Frau erst einmal weiter führen kann und sich nicht entscheiden muss. Und da gibt es auch noch ihren älteren, verheirateten Chef, dessen Frau und Kinder ebenfalls weiter weg wohnen und mit dem sie sich seltsam verbunden fühlt...

Soweit zum Setting der einen Geschichte, die dieses Buch erzählt und die offenbar nah an der Lebensgeschichte der Mutter der Autorin ist. Diese Geschichte habe ich sehr gerne und mit großem Interesse gelesen und sie hat die Nachkriegszeit in Deutschland für mich, die ich einige Jahrzehnte danach erst geboren wurde, lebendig gemacht. Die Sprache ist eher einfach, dabei gut verständlich und dem Genre angepasst. Die Geschichte wird in kurzen Kapiteln erzählt, immer wieder unterbrochen durch kursiv geschriebene Reflexionen der Tochter, die in der Gegenwart als Psychotherapeutin arbeitet, und insbesondere durch deren Leben in der Gegenwart.

Denn in diesem Buch gibt es noch eine zweite Geschichte, das Gegenwartssetting, in dem eine in England lebende und praktizierende, ursprünglich aus Deutschland stammende, Psychotherapeutin - die Tochter der erwähnten Mutter - ihr gegenwärtiges Leben und insbesondere ihr Verhältnis zu ihren Patientinnen und Patienten analysiert und in Verbindung zum Leben ihrer Mutter bringt. Während sie über ihre Patientinnen und Patienten nachdenkt, kommen ihr immer wieder Kindheitserinnerungen, z.B. "Ich konnte mich nicht ändern, konnte nicht ungeschehen machen, dass ich größer war als alle anderen in meiner Familie, dass mein Haar dunkel war unter all den Blonden. Immer wenn wir die Familienfotoalben herausholten, sagte meine Mutter, wie ähnlich ich ihr als Kind sah. ich wusste damals schon, dass das nicht stimmte. Nur ihre Augen. Ich liebte ihre Augen und das half. Ich hatte ihre Augen." (S. 62)

Diese Geschichte hat mich beim Lesen etwas weniger begeistert als die Erzählung über die Mutter selbst. Zu diesen Teilen habe ich innerlich keine starke Verbindung aufbauen können, war streckenweise genervt von den auf mich unreif wirkenden Grenzüberschreitungen der eigentlich altersmäßig schon reiferen (sie hat schon einen Enkel und ist verwitwet) Therapeutin gegenüber den ihr Anvertrauten und auch von ihren Reflexionen über diese. Zum Beispiel urteilt sie innerlich wiederholt innerlich ziemlich ungnädig über das Äußere ihrer Patientinnen, sobald diese auch nur minimal vom Idealgewicht abweichen... auch hier eine Spiegelung der Mutter und ihres Verhaltens, damit durchaus interessant zu lesen, aber in der Häufigkeit eine unsympathische Figur zeigend), zum Beispiel hier, als sie ohne deren Wissens ein Konzert einer ihrer Patientinnen, einer Cellistin, besucht, und die anderen Menschen dort beobachtet und beurteilt: "Vor mir eine Frau mittleren Alters, leicht übergewichtig und aus ihrem weißen Minikleid herausplatzend..." (S. 139).

Mit dieser Therapeutin wurde ich nicht warm und besonders schräg wurde für mich die Geschichte, als sie eine Art Verliebtheit gegenüber einer erwähnter Cellistin, ihrer Patientin, aufzubauen scheint, die für mich nicht zu dieser Figur passte und ich nicht nachvollziehen konnte: "Doch in der Nacht träume ich wieder von ihr. Wir liegen im Bett, beide nackt, sie liegt hinter mir, und ich fühle ihre Hände auf meinem Körper." (S. 117). Manchmal frage ich mich bei der momentanen Häufung dieser Themen in der Gegenwartsliteratur, ob es mittlerweile eine ungeschriebene Norm gibt, dass in fast jedem Roman queer-sexuelle Szenen vorkommen müssen, ob es sonst zum Buch nun passt oder nicht. Ich bin durchaus offen dafür, auf authentische Art und Weise über dieses Thema zu lesen, hier wirkt es auf mich aber künstlich hineinkonstruiert und unpassend.

Dieser Verliebtheit folgend überschreitet die Therapeutin mehrere ethische professionelle Grenzen, im vollen Bewusstsein dieser Grenzüberschreitungen. Das hat durchaus eine Parallele zu einigen weiteren Geschehnissen im Handlungsstrang mit der Mutter und ist insofern eine interessante Spiegelung. Dennoch habe ich diese Teile nicht sehr gerne gelesen, sie haben sich für mich beim Lesen komisch angefühlt und ich war froh, wenn ich wieder im Handlungsstrang mit der Mutter war.

Das mag damit zu tun haben, dass diese Psychotherapeutin - wie die Autorin am Ende des Buches darstellt - im Gegensatz zur auf wahren Begebenheiten beruhenden Geschichte der Mutter, fiktiv ist und auch ihre Patientinnen und Patienten und deren Beziehungen zu ihnen erfundene Charaktere sind. Insgesamt ist für mich die Figurenentwicklung in diesem Teil aber nicht ganz so gelungen wie im sehr authentisch und berührenden Teil, in dem es um die Mutter und ihre Lebensgeschichte geht und bei dem ich mich jedes Mal sehr gefreut habe, wenn es wieder in diesem, für mich sehr interessanten, Erzählstrang, weiterging.

Literarisch betrachtet verstehe ich aber die Intention der Autorin, dieses Setting zu wählen und es finden sich tatsächlich bei näherem Hinsehen einige interessante Parallelen und Spiegelungen im Leben der fiktiven Tochter, das von der Mutter und ihren Entscheidungen bis heute geprägt ist, und in der sich gleichzeitig interessante Gedanken über den Therapieprozess an sich finden:

"Ich bin schließlich Psychotherapeutin geworden. Dieses Haus bewohne ich, durch diese Räume des Erinnerns und Vergessens wandere ich immer und immer wieder. Ich helfe Menschen, das zu sagen, was sie sagen müssen, zu betrauern, was sie betrauern müssen, sich dem zu stellen, was geschehen ist, sich zu erinnern. Ich tue das, weil es meinen Patienten hilft, aber ich tue es nicht nur für sie, das weiß ich schon lange." (S. 53)

"Wenn du und ich richtig zusammenarbeiten wollen, wenn du dich wirklich darauf einlässt, dann werden zwei dinge passieren, von denen du noch nichts weißt. Erstens: Wir beide werden eine professionelle Beziehung führen, die aber zugleich seltsam intensiv und intim sein wird. Zweitens: Wenn das Ende kommt, wird es nicht schmerzlos sein." (S. 151)

Insgesamt ist es, wie erwähnt, mit ganz leichten Abstrichen in Bezug auf den Erzählstrang der Therapeutin, ein lesenswertes und interessantes Buch insbesondere für alle, die sich dafür interessieren, was es bedeutet haben könnte, in der Nachkriegszeit eine junge Frau zu sein, sowie für alle mit Interesse an transgenerationaler Weitergabe von Verhaltensmustern und -einstellungen.

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Veröffentlicht am 15.10.2025

Humorvoll geschriebener Versuch, sich dem Wiener Lebensgefühl anzunähern

So tickt Wien
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Was macht Wien aus? Wie kann man die Seele dieser Stadt verstehen lernen?

Diesem vielschichtigen Thema nähert sich der "Presse"-Journalist, Kulturvermittler und Fremdenführer Norbert Philipp mosaikhaft ...

Was macht Wien aus? Wie kann man die Seele dieser Stadt verstehen lernen?

Diesem vielschichtigen Thema nähert sich der "Presse"-Journalist, Kulturvermittler und Fremdenführer Norbert Philipp mosaikhaft von verschiedenen Seiten an. Das Buch liest sich unterhaltsam und leicht, auch wenn es ein paar Seiten gebraucht hat, bis ich mich eingelesen gehabt habe. In lockerem, essayartigem Stil geht der Autor auf verschiedene Aspekte Wiens ein: da geht es um die verschiedenen Architekturprojekte wie die Oper oder ein Jahrhundert später das Museumsquartier, die alle am Ende nicht ganz so aussahen als ursprünglich geplant, aber schlussendlich ihren Platz im Herzen der Menschen gefunden haben. Genauso wie um Wienerlieder, Wiener Schmäh, aus der Zeit gefallene Fiaker, aber auch die Donauinsel und Neue Donau (ein marketingtechnisch wesentlich günstigerer Name als das ursprüngliche "Entlastungsgerinne", der zeigt, wie sich Wien charmant zu verkaufen weiß), die Fußgänger- und Begegnungszone auf der Mariahilfer Straße oder die Seestadt Aspern.

Ganz viel Prägung aus der Habsburgermonarchie gibt es, die man bis heute an vielen Gebäuden insbesondere in der Innenstadt oder an den sich immer noch so nennenden k.u.k. Hofzuckerbäckereien merkt, aber auch an der legendären Gemütlichkeit der Wienerinnen und Wiener, die einerseits mit einer Abgrenzung von den preußischen Tugenden verbunden war und andererseits auch mit einer Resignation zu Zeiten des Absolutismus, als man eh nicht viel tun konnte, fürs Nichtstun aber wiederum nicht belangt werden konnte: "Man kann Wien nicht unterstellen, dass es nicht versucht hätte, sich mit der Zeit zu arrangieren. Aber eben in seinem eigenen Tempo. Dass die Zeit anderswo fließt und läuft, aber hier nur tröpfelt und strawanzt, dafür kann man ja nix." (S. 129)

Immer wieder auch die Frage danach, was Wien und die dort lebenden Menschen verbindet und zusammenhält: "Doch in die riesigste von allen bringt man die größte Gemeinsamkeit unter: die Stadt selbst, in der man lebt. Sie ist die Klammer. Sie betrifft alle zugleich. Wie das Wetter, Sonntag und Winterschlussverkauf. Wien verbindet. Ob man will oder nicht." (S. 84)

Dabei hat Wien aber auch schon immer von der kulturellen Vielfalt gelebt, die die unterschiedlichen Menschen, die hierher gezogen sind, in die Stadt eingebracht haben: "Die "Wiener Luft" zwischen Kapuziner Gruft und Spitze des Donauturms ist prall gefüllt mit den unterschiedlichsten kulturellen Molekülchen. Doch das Einzige, was hier höchstwahrscheinlich nicht herumschwirrt, ist so etwas wie ein "echter Wiener". Dieser ist inzwischen hauptsächlich eine Figur der Folklore. Und war es höchstwahrscheinlich auch immer. Oder besser gesagt: eine Figur der Mythologie. Natürlich glaubt man manchmal, eine unscharfe Silhouette von ihm an irgendeiner Ecke gesehen zu haben, aber das glaubt man vom Christkind und vom Ungeheuer von Loch Ness auch." (S. 112)

Als eine, die ihr ganzes Leben in der Nähe von Wien verbracht und auch einige Jahre dort gelebt hat, habe ich die Lektüre des Buches sehr unterhaltsam und interessant gefunden, einiges wiedererkannt und viel Neues gelernt. Insofern kann ich das Buch allen, die sich für Wien interessieren, durchaus empfehlen.

Klar sein muss einem dabei, dass es sich um eine humorvolle Kulturcharakteristik und keinen klassischen Reiseführer handelt. Im Anhang des Buches findet sich außerdem eine Literaturliste, mit der das Thema noch weiter vertieft werden kann, wenn sie auch kein richtiges Quellenverzeichnis ist, in dem man einzelne Details nachschlagen könnte, was ich ein bisschen schade finde.

Insgesamt ist es jedenfalls ein interessantes, gut geschriebenes und humorvolles Werk, das viele Aspekte der Wiener Kultur gut auf den Punkt bringt und interessante Hintergründe dazu liefert.

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Veröffentlicht am 14.10.2025

Psychogramm eines Opportunisten

Chamäleon
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Shai scheint als Journalist in Israel die besten Berufsjahre hinter sich zu haben: nach einem kurzen Ausflug in die Fernsehwelt war er als uncharismatisch abgestempelt worden und auch seine politischen ...

Shai scheint als Journalist in Israel die besten Berufsjahre hinter sich zu haben: nach einem kurzen Ausflug in die Fernsehwelt war er als uncharismatisch abgestempelt worden und auch seine politischen Kommentare sind nicht mehr so gefragt wie früher. Beruflich und einkommensmäßig sieht er sich am Abstellgleis. Auch mit seiner Ehe steht es nicht zum Besten: seine Frau wird von einem anderen Mann umgarnt, die beiden gemeinsamen Kinder sind nahezu erwachsen, das Verhältnis zu ihnen ist eher distanziert. In der Wohnung würden diverse Instandhaltungsarbeiten anstehen, die sich das Paar nicht so recht leisten kann. Es ist zwar insgesamt noch immer kein schlechtes Leben, das Shai da führt, und vieles ist immer noch angenehm und in Ordnung... doch der mangelnde Erfolg kratzt sehr am Ego des Mannes mittleren Alters.

Eines Tages schreitet er in einem Akt der Zivilcourage in Jaffa spontan ein, wird dafür von drei jungen arabisch wirkenden Männern bedroht und von deren Hund gebissen, kommt ins Krankenhaus und setzt einen wütenden Social-Media-Post ab, der ihn interessant für ein Interview in einem rechtspopulistischen Sender macht.

Schnell realisiert Shai seine Chance: wenn er, der sich bisher als politisch eher linksstehend eingeschätzt, die Dinge differenziert von verschiedenen Seiten aus betrachtet, vorsichtig formuliert und dementsprechende journalistische Kommentare verfasst hat, die Seiten wechselt und seine Botschaften zuspitzt, dann besteht die Chance, wieder gefragt zu sein. Dann darf er regelmäßig im Fernsehen auftreten, wieder viel besser verdienen, wird zu Abendessen mit wichtigen Politikern eingeladen und kommt sogar in die engeren Kreise des Premierministers. Mit so viel mehr Geld und Status könnte er auch für seine Frau wieder attraktiver werden, meint er. Was macht es schon, dafür seine bisherigen politischen Einstellungen und moralischen Prinzipien über Bord zu werfen und sich den Rechtspopulisten anzubiedern, wenn es dort so viel für ihn zu gewinnen gibt?

Wir erleben das ganze Buch aus Shais Perspektive. Dieser ist ein nicht besonders interessanter Charakter, der über keine sonderlich bemerkenswerten Eigenschaften oder Talente verfügt, selbstbezogen ist und zum Opportunismus neigt. Es ist also ein Buch über die Psyche eines eher nicht so sympathischen Menschen. Das Erzähltempo ist eher gemächlich, der Autor nimmt sich viel Zeit dafür, die langsame Zuspitzung der Ereignisse in vielen kleinen Detailszenen darzustellen. Das ist nicht unbedingt langweilig, aber man muss sich die Zeit und Ruhe dafür nehmen.

Wenn man das kann und will, ist es ein durchaus empfehlenswertes Psychogramm eines Opportunisten, das die vielen kleinen Schritte auf dem Weg zum öffentlichen Vertreten immer radikalerer Positionen und zum Verrat an den eigenen ursprünglichen Werten gut darstellt und dabei nachdenklich über die aktuelle politische Landschaft in Israel, aber auch über die Verflechtungen zwischen Medien, Kultur und Politik in diesem und in anderen Ländern macht.

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Veröffentlicht am 08.10.2025

Frauenunterdrückung, Fremd-Sein und Krankheit in Körperteilen erzählt

Die Hände der Frauen in meiner Familie waren nicht zum Schreiben bestimmt
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Die Hände der Frauen in Jegana Dschabbarowas Familie waren nicht zum Schreiben bestimmt, sondern zum Arbeiten, Kochen, Nähen, Sticken und Kinder-Wiegen. Und doch, sie schreibt schon seit ihrer Kindheit ...

Die Hände der Frauen in Jegana Dschabbarowas Familie waren nicht zum Schreiben bestimmt, sondern zum Arbeiten, Kochen, Nähen, Sticken und Kinder-Wiegen. Und doch, sie schreibt schon seit ihrer Kindheit und hat mit diesem autofiktionalen Roman ihr Debüt veröffentlicht, im Original auf Russisch, hier ins Deutsche übersetzt von Maria Rajer.

Die Kapitel sind jeweils nach Körperteilen benannt, so geht es beispielsweise um die Bäuche von Frauen und um das Schwanger-Werden und Gebären. Um die Münder, die bei den aserbaidschanischen Frauen in der Familie der Autorin nicht viel sprechen sollen und niemals einem Mann widersprechen: "Für eine Frau gehört es sich nicht zu sprechen, für eine Frau gehört es sich nicht zu widersprechen, eine Frau darf nie vergessen, dass sie Objekt, nicht Subjekt eines Satzes ist, doch das Wichtigste, das uns seine Fäuste lehrten, war zu schweigen, unsere Hoffnungen und Träume für uns zu behalten, unsere schrecklichen Geheimnisse niemals jemandem anzuvertrauen." (S. 29)

Um die Augenbrauen, durch die sich verheiratete von "unschuldigen", ledigen Frauen unterscheiden: nur erstere haben das Privileg, sie sich zupfen zu dürfen. Um die Schultern, die so viel tragen müssen: harte Arbeit, aber auch das Fremd-Sein, beschimpft und mit dem Leben bedroht werden als sichtbar nicht-russisch aussehende Menschen in Russland: "... ich weiß nur noch, wie meine Schultern von dem schweren Rucksack wehtaten, wie er gegen meinen unteren Rücken knallte, wie ich nach Luft rang, was für eine Angst ich hatte. Damals spürte ich die Todesnähe zum ersten Mal mit meiner Haut, eine echte animalische Gefahr, damals verstand ich, dass fremd sein heißt, gehasst zu werden, ein Gefäß für Jähzorn zu sein." (S. 52)

Das Buch folgt keinem strikten Spannungsbogen, stattdessen nähert es sich in einzelnen Erzählepisoden, die eben jeweils von einem Körperteil inspiriert sind, drei großen Themen an: dem Verhältnis zwischen Männern und Frauen in der aserbaidschanischen Familie der Autorin, der damit einhergehenden Unterdrückung der Frauen und dem engen Korsett an gesellschaftlicher Kontrolle und Verhaltensregeln, um die Ehre zu bewahren. Dem Aserbaidschanisch-Sein und als fremd wahrgenommen werden, während man in Russland lebt und sich bemüht, sich sprachlich und kulturell an die russische Gesellschaft anzupassen und gleichzeitig die eigenen kulturellen Wurzeln zu bewahren. Und einer degenerativen Muskelerkrankung, die dazu führt, dass die Ich-Erzählerin immer mehr die Kontrolle über ihren eigenen Körper verliert... aber gleichzeitig auf einer anderen Ebene an Freiheit dazu gewinnt, weil von ihr dadurch weniger erwartet wird, zu heiraten und Kinder zu kriegen.

Es ist ein interessant und gut geschriebenes Buch über eine fremde Kultur, die vielen Leserinnen und Lesern im deutschsprachigen Raum nur wenig bekannt sein dürfte. Ich habe beim Lesen viele wertvolle Einblicke gewonnen, ein bisschen haben mir allerdings ein roter Faden und eine noch tiefergreifende Figurencharakterisierung und -entwicklung abseits der ganz persönlichen Eindrücke gefehlt.

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Veröffentlicht am 29.09.2025

Unter der scheinbaren Leichtigkeit liegen viele Schichten

Goldstrand
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Katerina Poladjan hat für ihr Werk schon unzählige Literaturpreise erhalten. Oft spricht das für tiefgründige, anspruchsvolle, oft gar nicht so leicht auf den ersten Blick zu entschlüsselnde Bücher mit ...

Katerina Poladjan hat für ihr Werk schon unzählige Literaturpreise erhalten. Oft spricht das für tiefgründige, anspruchsvolle, oft gar nicht so leicht auf den ersten Blick zu entschlüsselnde Bücher mit Niveau. „Goldstrand“ ist da keine Ausnahme.

Im Zentrum des Buches steht Eli, vielleicht Sohn einer italienischen Mutter und eines ukrainisch-bulgarischen Vaters, der bei den faschistischen Großeltern aufgewachsen ist, wochenends von der ledigen Mutter besucht wurde, später Filmregisseur wurde und nun auf der Couch einer Psychoanalytikerin, der „dottoressa“, liegt und sein Leben analysiert. Wenn das nun alles überhaupt wahr sein sollte, denn es handelt sich um einen unzuverlässigen Erzähler und es gibt im Buch viele sonderbare Begebenheiten, die hinterfragen lassen, was real und was erfunden ist.

Vordergründig kommt „Goldstrand“ leichtfüßig daher und geschrieben ist das Buch äußerst szenisch, wie eine Aneinanderreihung von bildlich beschriebenen Filmszenen, wie sich zum Beispiel hier zeigt, als der junge Eli auf den wöchentlichen Besuch seiner Mama wartet: „Jeden Samstag putzte ich mir die Ohren, zog ein sauberes Hemd an und erwartete sie am Tor. Endlich kam sie, meistens im Laufschritt auf hohen Absätzen und außer Atem, das lockige Haar hochgesteckt zu einem Vogelnest, aus dem es lebhaft zwitscherte: Da steht mein Junge und wartet! Heute wird es großartig, das wird ein vollkommener Tag!“ (S. 56/57)

Die Geschichte begleitet uns fast ein Jahrhundert bis in die Gegenwart. Das Buch liest sich leicht und schnell und doch hat es im Hintergrund eine enorme Tiefe: an vielen Stellen gibt es Verweise auf hochkarätige Werke der Literatur sowie Referenzen auf Philosophie und Mythologie, die man nur mit einer umfassenden humanistischen Bildung vollständig erkennt und zu schätzen weiß, z.B. „Dunkle Wolken hängen über den Symplegaden, es zieht ein Sturm auf, und wieder wird es Nacht. Als endlich die Morgendämmerung heraufzieht, erreiche ich nach vierzig Tagen und Nächten Goldstrand.“ (S. 141)

Doch auch ohne eine solche lässt sich das Buch problemlos lesen. Es ist, wie so viele anspruchsvolle Werke, ein Kaleidoskop, in das jeder Betrachter und jede Betrachterin je nach momentanem Blickwinkel und Perspektive etwas anderes hineininterpretieren und herauslesen kann.

Dabei informiert es wie nebenbei über die Idee des sozialistischen Goldstrandes an der bulgarischen Schwarzmeerküste und darüber, was nach dem Untergang des Kommunismus daraus geworden ist, genauso wie darüber, wie verschiedene politische und soziale Systeme die Menschen prägen: wie beifällig sind viele passende Referenzen in das Buch eingewoben und informieren uns fast nebenbei über den zeitgeschichtlichen Bezug, z.B. „Zu Beginn der dritten Amtszeit von Silvio Berlusconi besuchte mich Vera zum ersten Mal allein.“ (S. 113)

Insgesamt ist es somit gerade ein in seiner Kürze und Prägnanz vielschichtiges und tiefgründiges Werk, das auf Leserinnen und Leser wartet, die ein solches zu schätzen wissen.

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