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Veröffentlicht am 26.11.2025

Englische Agentinnen im französischen Widerstand

Wir dachten, das Leben kommt noch
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„Wir dachten, das Leben kommt noch“ von Elisabeth Sandmann (erschienen 2025) beleuchtet ein Kapitel des Zweiten Weltkriegs, das wohl wenigen geläufig ist: den Einsatz von englischen Agentinnen in Frankreich ...

„Wir dachten, das Leben kommt noch“ von Elisabeth Sandmann (erschienen 2025) beleuchtet ein Kapitel des Zweiten Weltkriegs, das wohl wenigen geläufig ist: den Einsatz von englischen Agentinnen in Frankreich zur Unterstützung der Résistance. Es ist dies ein Folgeroman zu „Porträt auf grüner Wandfarbe“. Zwar sind dies eigenständige Romane, dennoch denke ich, dass man Gwens Umfeld besser überblickt, wenn man Band eins gelesen hat.

Elisabeth Sandmann erzählt eine fiktive Geschichte, basierend auf historischen Fakten, die im Anhang nachzulesen sind. Die Handlung verläuft einerseits in zwei Handlungssträngen, andererseits in zwei Zeitebenen – in der Gegenwart (1998) und während des Zweiten Weltkriegs (1942). In der Gegenwart stehen zwei Personen im Mittelpunkt: die BBC-Reporterin Gwen, die den Auftrag erhält, ein Buch über jene Frauen zu schreiben, die seinerzeit der von Winston Churchill ins Leben gerufenen geheimen Spezialeinheit SOE (Special Operations Executive) als Agentinnen angehört haben, und Pat, die von Gwen bezüglich eines Interviews kontaktiert wird, und eine jener Agentinnen ist, die in Frankreich im Einsatz waren.

An und für sich ist der Schreibstil flüssig und bildhaft, viele Details unterstützen das Kopfkino. Der Lesefluss leidet jedoch ein wenig durch die abrupten Perspektiven- bzw. Ortswechsel und Zeitsprünge. Ich fühlte mich immer wieder unsanft aus dem Paris des Jahres 1942 herausgerissen, wo mich Emmas Schicksal gerade gefangen hielt, um plötzlich bei Gwens Familienleben in der Gegenwart zu landen. Letzeres empfand ich eher als nebensächlich und hie und da auch als zu ausufernd geschildert.

Der Handlungsaufbau ist eigentlich geschickt arrangiert, auch wenn man sich anfangs in der Vielzahl der Personen etwas verirrt – aber da ist das Personenverzeichnis am Ende des Buches recht hilfreich (fände ich am Anfang übrigens sinnvoller). Denn all die scheinbar in keinem Zusammenhang mit Pats/Emmas Einsatz stehenden Szenen, wie die Aufzeichnungen von Gwens Großmutter Ilsabé, deren Ersuchen, Lilou zu finden, die Gespräche mit Nebenpersonen, sind Puzzlesteinchen, die so nach und nach die Fäden verknüpfen, zu überraschenden Wendungen führen und zu einem schlüssigen Ende.

Ich fand den Roman interessant, wissenserweiternd, aber nicht spannend in dem Sinn, dass man sich um Pat/Emma geängstigt hätte. Sie gerät zwar in etliche brenzlige bis lebensgefährliche Situationen, die sie bewundernswert cool meistert, aber es ist zu ruhig, zu distanziert erzählt. Ein bisschen mehr Dramatik, Action und vor allem spürbare Emotionen hätten diese Szenen lebendiger gemacht.

Was die Charaktere anbelangt, so bleiben einige der zahlreichen Nebenfiguren ziemlich blass. Der Haupttenor liegt auf Pats Entwicklung, zunächst vom unscheinbaren Mädchen, im Schatten der hübscheren und energiegeladenen Schwester stehend, zur mutigen, sich in einem riskanten Umfeld bewährenden Agentin Emma, um danach wieder in Unscheinbarkeit zu versinken, denn die Leistungen der Agentinnen gingen seinerzeit unter. Erst als über 70-Jährige, nachdem sie ihre Schuldgefühle aus der Spionagezeit aufgearbeitet hatte, verwandelte sie sich zu einer wieder lebensbejahenden, für Neues offenen Frau. Gwens Wesen offenbart sich eher nur oberflächlich. Sie kämpft mit den Problemen jeder alleinerziehenden Mutter: Beruf und Zeit für das Kind unter einen Hut zu bringen. Sie liebt ihre Selbstständigkeit, ihren Beruf. Sie liebt wohl auch Balthasar, den Vater ihrer Tochter, zu dem freundschaftlicher Kontakt besteht. Aber er ist ebenso fest verwurzelt in Bayern wie sie in London. Eine schillernde Persönlichkeit ist Gwens Großmutter Ilsabé, reich, selbstbewusst und unabhängig, wirkt sie mitten in Kriegszeiten mit ihrem hochherrschaftlichen Stil etwas aus der Zeit gefallen.

Der Roman ist historisch informativ, würdigt die Leistung der Frauen im Zweiten Weltkrieg, die Protagonistinnen wirken authentisch und sympathisch. Auf jeden Fall ein Buch für jene, die gerne Bücher über starke Frauen lesen.

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Veröffentlicht am 21.10.2025

Wahre Freundschaft

Über die Toten nur Gutes
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Nach „Das Glücksbüro“ war dies mein zweites Buch dieses Autors. Es sind irgendwie besondere, sehr menschliche Geschichten, die sich Andreas Izquierdo ausdenkt. So gestaltet sich auch die Handlung von „Über ...

Nach „Das Glücksbüro“ war dies mein zweites Buch dieses Autors. Es sind irgendwie besondere, sehr menschliche Geschichten, die sich Andreas Izquierdo ausdenkt. So gestaltet sich auch die Handlung von „Über die Toten nur Gutes“ (2025 erschienen) ganz anders als von mir erwartet. Denn Mads ermittelt nicht – wie ich annahm - neutral aus rein detektivischem Interesse, sondern es ist für ihn eine sehr emotionale Reise in die Vergangenheit, bei der er sich mit längst Vergessenem auseinandersetzt, vieles neu erkennt und bewertet.

Als sein Jugendfreund Patrick, den er seit Jahren aus den Augen verloren hatte, bei einem Autounfall ums Leben kommt, soll der Trauerredner Mads Madsen eine entsprechende Rede halten. Zudem erreicht ihn ein mysteriöser letzter Brief des Freundes, der ihn dazu animiert, die Hintergründe des Unfalls zu ergründen. Mads versucht, Näheres über Patricks Leben zu erfahren, stößt jedoch in dessen Freundeskreis auf Schweigen und Aggression ihm gegenüber. Man versucht, ihn von weiteren Recherchen abzuhalten. Bald erkennt Mads, dass Patrick in ein kriminelles Umfeld geraten war. Je mehr er aufdeckt, desto mehr gerät er selbst ins Fadenkreuz eines mächtigen Verbrechers und in tödliche Gefahr. Das Finale ist höchstdramatisch. Der Fall löst sich ungewöhnlich.

Abgesehen davon, dass sich im Laufe der Handlung Patricks Tod klärt und was dazu geführt hat, wie sein Leben verlief und wieso sich seine Freunde Mads gegenüber so ablehnend verhalten, taucht Mads auch tief in Erinnerungen an die Jugendzeit ein, an die tiefe Freundschaft, die ihn mit Patrick verband, und die abrupt endete, als Patrick mit seiner Mutter in eine andere Stadt zog. Mads kommt zu der Erkenntnis, dass Patrick ein selbstloser Mensch war, dem Freundschaft viel bedeutete, dass er ein wahrer Freund war.

Die Charaktere sind gut vorstellbar, wenn auch eher nur oberflächlich beschrieben. Mads steht naturgemäß im Mittelpunkt. Für ihn ist der Beruf des Trauerredners Berufung. Er hat eine sympathische Ausstrahlung, wirkt emphatisch, das spürt man einerseits in seiner freundschaftlichen Verbundenheit zu seinem Jugendgefährten Patrick, andererseits in der Fürsorge um seinen Vater. Die Szenen mit seinem ziemlich schrulligen Vater lockern den Roman auf, geben ihm einen humorvollen Touch. Mads entwickelt sich im Laufe des Romans, indem er dadurch, dass er sich mit Patricks Leben auseinandersetzt, auch eigener Fehler bewusst wird, Jugendsünden bereut, die sich auf Patricks weiteres Leben ausgewirkt haben. Interessant fand ich auch die Figur des rätselhaften Herrn Bernardy, Fietes Mitarbeiter. Könnte mir vorstellen, dass seine Geheimnisse in einer Fortsetzung enthüllt werden.

„Über die Toten nur Gutes“ ist ein facettenreicher Krimi, bietet Spannung, ein bisschen Humor, Lokalkolorit und Einblicke in die Welt eines Bestattungsinstituts. Was mir aber besonders gefiel waren die zwischenmenschlichen Aspekte, wie tiefe Freundschaft und familiärer Zusammenhalt.

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Veröffentlicht am 15.10.2025

Doch kein perfektes Verbrechen

Flammen der Täuschung
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„Flammen der Täuschung“ von Peter Oehlerking, ein Cuxhaven-Krimi, 2025 erschienen. Das in knalligem Rot gestaltete Cover ist ein Eyecatcher, es passt auch sehr gut zu dem flammenden Inferno, mit dem der ...

„Flammen der Täuschung“ von Peter Oehlerking, ein Cuxhaven-Krimi, 2025 erschienen. Das in knalligem Rot gestaltete Cover ist ein Eyecatcher, es passt auch sehr gut zu dem flammenden Inferno, mit dem der Roman beginnt, zur brennenden Villa mit zwei Leichen.

Der Krimi liest sich sehr flott, schon allein wegen der Schriftgröße, auch sprachlich, kurz und bündig, oft nur hingeworfene Halbsätze, einzelne Worte. Etwas ungewohnt ist dieser Schreibstil, er ist aber bildhaft, das Geschehen wirkt dadurch sehr lebendig. Die Überschriften mit den genauen Zeit- und Ortsangaben erleichtern die chronologische Verfolgung der Ermittlungen, auch aus wessen Perspektive erzählt wird. Das Personenverzeichnis finde ich auch gut.

Das Ermittlerteam Piet Stöver, Birke Hänning und Knut Bartelsen spüren von Anfang an, dass irgendetwas bei diesem Brand nicht stimmt, doch erst nach vielen Befragungen im Umfeld der Opfer verdichtet sich der Verdacht, kommen sie dem Täter auf die Spur. Als Leser verfügt man zwar durch die Szenen aus Sicht des Täters über zusätzliches Wissen, tappt aber trotzdem ebenso lange im Dunkeln wie die Polizei. Der Krimi wird von Kapitel zu Kapitel packender. Dazu tragen auch immer wieder seltsame Vorkommnisse und unerwartete Wendungen bei. Die Kommissare kommen den Tätern immer näher, lebensgefährlich nahe. Die Verfolgungsjagd endet in einem dramatischen Showdown. Der Fall ist zwar gelöst, durchaus nachvollziehbar, doch einige darüber hinausgehende Fragen werden wohl erst im Fortsetzungsroman beantwortet werden.

Die Figuren, ob in Haupt- oder Nebenrollen, fand ich gut gezeichnet, vorwiegend sind es sympathische Menschen, nicht nur äußerlich gut vorstellbar, sondern sie zeigen auch Gefühle – Zuneigung, Sorge, Tierliebe. Dadurch, dass sich Piet und Birke auch zwischenmenschlich näherkommen, ist auch ein Hauch von Romantik zu spüren. Besonders ans Herz wuchs mir Ole, der kleine Dackel. Neben dem nächsten Fall interessiert mich nun auch, wie es menschlich weitergeht, mit Piet, Birke und auch Ole.

Ein spannender und unterhaltsamer Krimi mit eigenwilligem Schreibstil.

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Veröffentlicht am 06.10.2025

Alltag im Pflegewohnheim – berührend bis unterhaltsam

Friedhofsgemüse
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Hugo Baboons leistete seinen Zivildienst in einer Seniorenresidenz. Während dieser Zeit hat er sich immer wieder Notizen gemacht – was die alten Leute so erzählten, ihre Eigenarten, lustige, aber auch ...

Hugo Baboons leistete seinen Zivildienst in einer Seniorenresidenz. Während dieser Zeit hat er sich immer wieder Notizen gemacht – was die alten Leute so erzählten, ihre Eigenarten, lustige, aber auch bewegende Begebenheiten. Jahrzehnte später fand er seine Notizen in einer Schublade, überarbeitete die Texte und schuf daraus dieses 2025 erschienene und ca. 170 Seiten umfassende Büchlein. Der Schreibstil ist locker, authentisch.

Es sind Mosaiksteinchen aus dem Alltag, die sehr anschaulich deutlich machen, wie viel Verständnis und Hingabe es dem Pflegepersonal abverlangt, auf die alten Menschen einzugehen, auf deren facetteneiche Charaktere. Manche sind eher still und zurückgezogen, andere aufmüpfig, fordernd, und die meisten sind vergesslich, verwirrt, dement, in ihrer Ausdrucksfähigkeit und/oder Beweglichkeit eingeschränkt. Sie haben alle nicht nur spezielle Bedürfnisse und Eigenarten, sondern auch alle ihre ganz besondere individuelle Lebensgeschichte.

In kurzen Episoden lernt man die Menschen kennen, um deren Wohlergehen sich Hugo seinerzeit rund ein Jahr lang bemühte. Manche Szenen entlocken ein Schmunzeln, andere berühren. Das Buch stimmt generell nachdenklich. Wer weiß schon, ob man nicht selber auch einmal in diese Situation kommen wird?

Ich kann nur jedem empfehlen, es zu lesen!

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Veröffentlicht am 01.10.2025

Pass auf Junge, sie frisst dich auf … (aus dem Song „Maneater“, übersetzt)

Ein kleines Lied über das Sterben
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„Ein kleines Lied über das Sterben“ von Timo Blunck zu lesen, hat sich letztlich als Herausforderung für mich herausgestellt, obwohl das Cover „eine grandiose Zumutung voll abgründigem Humor“ ankündigt. ...

„Ein kleines Lied über das Sterben“ von Timo Blunck zu lesen, hat sich letztlich als Herausforderung für mich herausgestellt, obwohl das Cover „eine grandiose Zumutung voll abgründigem Humor“ ankündigt. Der Klappentext klang für mich zwar nicht total harmlos, immerhin ist von brutalem Mord und zerstörerischen Leidenschaften die Rede, aber all das ließ nicht erahnen, was mich erwarten würde.

Abgesehen von den Splatter-Passagen bot der Roman ein vielseitiges aktuelles Gesellschaftsbild, inklusive Nazi- und LGBTIQ+-Szene. Der Schreibstil liest sich locker und flott, ist schwarz-humorig, unterhaltsam durch schräge Situationskomik, sowie witzige Dialoge. Es sind die Kontraste, die Perspektivenwechsel zwischen Grauen und scheinbarer Normalität (denn die Protagonisten sind alle irgendwie speziell), die eine Achterbahn der Gefühle verursachen. Auch wenn man mit den Opfern nicht unbedingt sympathisiert, bangt und leidet man mit ihnen mit. Spannung und Action dominieren, meine Lieblingsszenen waren jedoch jene aus Sicht der Hündin Knef, die für mich sowieso die Heldin des Romans darstellt.

Alle Protagonisten sind eigenwillige bis eigenartige Personen und entsprechend markant gezeichnet. Als Mordermittler agiert Tom, ein Ex-Kommissar, mittlerweile abgesackt und kokainsüchtig, der sich aber als ein Mensch mit Charakter entpuppt, das zeigt allein schon, wie fürsorglich er die Hündin Knef behandelt. Mit der Schutzpolizistin Maja bildet er ein effizientes Team, das in einem dramatischen Finale der Täterin das Handwerk legen kann.

Es war zwar kein ungetrübtes Lesevergnügen für mich, aber trotzdem hat mich die Lektüre insoweit gefesselt, dass ich auch nicht aufhören wollte zu lesen. Somit möchte ich das Buch zwar empfehlen, aber nur Menschen, die mit abstoßenden, blutrünstigen und extremen Gewaltszenen kein Problem haben.

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