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Mirko

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 08.04.2025

Bereichernd

Tuberkulose
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In seinem neuen Buch schreibt John Green, der große Autor von „Eine wie Alaska“, „Margos Spuren“ oder „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“, keinen neuen Roman, sondern ein Sachbuch. Es geht dabei um ...


In seinem neuen Buch schreibt John Green, der große Autor von „Eine wie Alaska“, „Margos Spuren“ oder „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“, keinen neuen Roman, sondern ein Sachbuch. Es geht dabei um Tuberkulose, die Krankheit, welche wahrscheinlich die meisten Menschenleben, auf unserem Planeten gekostet hat. Und doch ist sie für die meisten von uns eine große Unbekannte…
Der Autor nimmt uns dabei mit auf eine unfassbar spannende Reise. Er verwebt dabei auf höherer Flugebene die Geschichte von Tuberkulose mit harten Fakten, woraus man als Leser tatsächlich eine Menge lernen kann. Und er bindet das Schicksal des jungen Henry aus Sierra Leone mit ein. Damit macht er das Ganze deutlich nahbarer, man bekommt als Leser ein klareres Bild von dem, was die Betroffenen erleiden müssen. Selbst wenn Green im Grunde schonungslos berichtet, wird man dabei nicht heruntergezogen. Das Buch liest sich fast so spannend wie seine Romane. Er kann halt einfach schreiben. Und dadurch, dass er auch in der Lage ist ein Sachbuch lesenswert zu machen, ist er in meinem Ansehen noch höher gestiegen. „Eine wie Alaska“ gehört seit Jahren zu einem meiner Lieblingsromane. Er erzeugte hier so lebendige Figuren, wie es nur wenige schaffen. Und nun gelingt es ihm, eine Krankheit und damit wohl eins der abstraktesten Themen, die man sich für ein Buch vorstellen kann, ebenfalls lebendig darzustellen. Was er dadurch erzeugt, ist nicht nur einzigartig, sondern auch wichtig. Denn er legt vor allem beim Thema soziale Ungerechtigkeit den Finger in die Wunde. Er führt dem Leser deutlich vor Augen, wie unfassbar es ist, das auch heute noch, etwa 70 Jahre, nachdem Tuberkulose erstmals heilbar war, immer noch zahllose Menschen darunter leiden müssen und elendig daran sterben. Das liegt insbesondere daran, dass die Medikamente dort sind, wo sie nicht gebraucht werden, und die Länder, in denen sie gebraucht werden, nicht über das notwendige Geld verfügen.
Fazit: John Green gelingt mit diesem Buch ein einzigartiges Plädoyer gegen die Ungerechtigkeit in unserer Welt. Er schildert die Geschichte einer Krankheit, deren Auswirkungen und die Ungerechtigkeit, die sie bis heute weltweit auslöst, in so lebendiger Sprache und voller interessanter Fakten, dass ich völlig darin versunken bin. Wenn das mal nicht die perfekte Vorbereitung für Thomas Manns „Zauberberg“ ist. 😉 Green lässt es sich natürlich nicht nehmen, diesen Jahrhundertroman an zwei Stellen zu erwähnen. Wie gesagt, das Buch steckt voller spannender Fakten. Und genau das macht es so interessant.

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Veröffentlicht am 16.10.2025

Augenöffner

Der brennende Garten
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In dem Roman der US-Autorin V. V. Ganeshananthan erzählt diese die Geschichte von Sashi, beginnend im Jahr 2009, Ort: NYC. Sehr schnell aber springen wir ins Jahr 1981, nach Sri Lanka. Und von dort aus ...

In dem Roman der US-Autorin V. V. Ganeshananthan erzählt diese die Geschichte von Sashi, beginnend im Jahr 2009, Ort: NYC. Sehr schnell aber springen wir ins Jahr 1981, nach Sri Lanka. Und von dort aus wird in der ersten Person aus Sicht eben jener Sashi berichtet. Immer wieder wird der Leser einbezogen, indem er direkt angesprochen wird. Diese kleine Technik erzeugt tatsächlich eine größere Nähe zu den Personen, denen man begegnet und v.a. zu Sashi.
Wir finden uns in einer Zeit wieder, als in Sri Lanka alte Fehden zwischen den Tamilen und den Singhalesen immer stärker hochkochten und schließlich in einen jahrzehntelangen Bürgerkrieg mündeten. Der Leser erlebt die Geschehnisse auf einer Mikroebene, nämlich aus Sicht der tamilischen Familie Sashis. Das sorgt dafür, dass man emotional viel stärker eingebunden wird, als wenn die Autorin harte Fakten in den Vordergrund stellen würde. Der Autorin gelingt es dadurch, auch einem westlichen Leser Zugang in eine Welt zu verschaffen, die man ansonsten eher aus Urlaubsprospekten kennt. Ich habe oft Schwierigkeiten damit, mich in eine Welt voller fremder Namen und Sitten einzufühlen. Ganz anders hier; die Verbindung ist von Anfang an da.
Man erlebt den Konflikt mit all seiner Grausamkeit, wobei Fakten und Fiktion gekonnt miteinander verwoben werden. Ich habe häufig daran gedacht, dass es hier zwar um Sri Lankas Bürgerkrieg geht, letztlich aber auch jeder andere an dessen Stelle stehen könnte. Schaut man aktuell in die Ukraine oder in den Nahen Osten, um nur zwei aktuelle Konflikte zu nennen, so wird das Erlebte nicht wesentlich von dem abweichen, was wir hier lesen können.
Und das ist die größte Leistung, die die US-Autorin hier vollbringt. Sie hebt den Zeigefinger, nimmt den Leser an die Hand und führt ihn in eine Welt, vor der wir am liebsten die Augen verschließen. Aber wie viele Menschen werden hineingeboren in eine zerstörerische Welt, der sie gerne entfliehen würden, es aber nicht können? Und was treibt diejenigen an, die einen solchen Krieg unablässig vorantreiben? Fragen, mit denen man sich unausweichlich beschäftigen muss, wenn man diesen Roman liest.

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Veröffentlicht am 20.09.2025

Es bleibt haften

Weißes Licht
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Eric Puchner hat mit „Weißes Licht“ einen sehr interessanten Roman geschrieben, der nicht sehr leicht zu bewerten ist. Aber eins nach dem anderen. Es wird zunächst in aller Ausführlichkeit erzählt, wie ...

Eric Puchner hat mit „Weißes Licht“ einen sehr interessanten Roman geschrieben, der nicht sehr leicht zu bewerten ist. Aber eins nach dem anderen. Es wird zunächst in aller Ausführlichkeit erzählt, wie Cece und Charlie sich auf ihre Hochzeit vorbereiten. Charlies bester Freund Garrett soll die beiden trauen. Doch, als der zurückgezogen lebende Garrett erkennt, dass er sich zu Cece hingezogen fühlt, nehmen die Dinge einen völlig unkontrollierten Lauf. Vielmehr darf man zu dieser Geschichte nicht erzählen, um das Leseerlebnis nicht zu beeinträchtigen.
Puchner skizziert auf Grundlage dieser anfänglichen Ereignisse eine viel größere Geschichte, die Geschichte zweier Familien über mehrere Jahrzehnte. Er erzählt, wie spontane und nicht vorhersehbare Entscheidungen die Lebenslinien mehrerer Menschen über mehrere Generationen hinweg beeinflussen.
Aus literarischer Sicht war der Roman für mich eine Achterbahnfahrt. Denn neben großartigen Momenten gab es auch Schwachstellen.
Was hat mir nicht so gut gefallen? Die lange Anfangssequenz hat noch nicht das Niveau, welches der Roman in seinem weiteren Verlauf erreichen wird. Am Ende gibt es alles Sinn, wirkt aber anfänglich noch etwas hölzern. Zudem gibt es manchmal Einschübe, die für sich genommen von hoher Qualität sind, aber nicht so recht zum Rest der Geschichte passen. An zwei Stellen schreibt der Autor aus Sicht eines allwissenden Erzählers, jeweils nur über wenige Sätze, wohingegen sonst immer aus Sicht einer bestimmten Person geschrieben wird. Was ich ebenfalls herausfordernd fand, ist die Tatsache, dass Puchner dem Leser sehr viel Input gibt. Er schreibt über Beziehungen, Familien, Krankheiten, Drogenkonsum, Homosexualität, den Klimawandel, COVID etc. Hier wäre möglicherweise weniger mehr gewesen. Insbesondere von den vier letztgenannten hätte ich 2-3 weggelassen.
Aber was darum herum passiert, ist stellenweise von hoher literarischer Qualität. Vor allem gewinnt der Roman mit zunehmender Dauer immer mehr. Der Autor arbeitet sich von Kapitel zu Kapitel durch die Jahrzehnte, wobei es zwischen den Kapiteln zum Teil größere zeitliche Sprünge gibt. Er holt den Leser aber immer wieder recht schnell ab und schließt nach und nach alle Lücken. Wie er dies macht, hat mich stark bewegt. Er schreibt über die Irrwege, die Familien häufig durchlaufen müssen, über die Schönheit und die Grausamkeit des Lebens. Er schreibt über Wendepunkte und schicksalhafte Entscheidungen. Und er schreibt, wie all dies miteinander zusammenhängt.
Aber was die größte Stärke der Erzählung ist, sind die starken Bilder, welche beim Leser zurückbleiben. Es gibt verschiedene Situationen, die mich nicht so schnell verlassen werden. (Ceces und Garrets Wanderung durch den Glacier National Park, die Umarmung von Charlie und Cece, der geteilte Handschuh im Sessellift etc) Und dasselbe gilt für die Charaktere. Denn so, wie man sie hier begleitet, ist es schwer, sie einfach wieder zu vergessen. Und wenn ein Autor dazu in der Lage ist dem Leser dieses Geschenk zu machen, ist das eine große Gabe. Insgesamt ist „Weißes Licht“ also ein Roman, der sich auf jeden Fall lohnt. Wäre er an der einen oder anderen Stelle etwas kürzer geraten, hätte das möglicherweise die Geschichte noch weiter vorangetrieben. Und trotz dieser kleinen Defizite bin ich sehr dankbar, dieses Werk gelesen zu haben.

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Veröffentlicht am 08.04.2025

Was hat Takis Würger mit Taylor Swift und Pizza zu tun?

Für Polina
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Unmittelbar vor Takis Würgers neuem Roman „Die Brüder Karamasow“ von Fjodr Dostojewskij gelesen zu haben, ist Fluch und Segen zugleich. Denn im Grunde kann nach einem solchen Jahrhundertroman jedes andere ...


Unmittelbar vor Takis Würgers neuem Roman „Die Brüder Karamasow“ von Fjodr Dostojewskij gelesen zu haben, ist Fluch und Segen zugleich. Denn im Grunde kann nach einem solchen Jahrhundertroman jedes andere Werk daneben nur verblassen. Dazu später mehr. Auf der anderen Seite ist es wohl Schicksal gewesen, dass bereits nach wenigen Seiten der Name dieses großen russischen Autors fiel - und zwar nicht nur einmal. Es stellt sich schnell heraus, dass Würger sein Buch nach einer Figur aus einem Roman Dostojewskijs („Der Spieler“) benannt hat…
Ich musste mich also darauf einlassen, diesem Buch seinen eigenen Raum zu geben. Und das war insofern reicht einfach möglich, als dass es Würger bereits nach wenigen Seiten gelingt, einige zauberhafte Figuren zu erschaffen. Er benötigt dafür weder ausufernde Psychoanalysen noch intensive Erzählstränge. Vielmehr ist er dazu in der Lage, in kurzen Beschreibungen eine intensive Wärme zu erzeugen, die mich als Leser sofort berührt hat. Ich habe mich zu Hannes und Polina unmittelbar hingezogen gefühlt. Aber das gilt ebenso für die Orte, an denen die Erzählung spielt, oder besondere Momente, welche der Autor erschafft. In mir hat das immer wieder eigene Bilder erzeugt, an schöne Erinnerungen, an tiefe Gefühle, an wichtige Personen…
Eine wichtige Bedeutung in dem Roman hat das Klavierspiel. Ich habe beim Lesen zum Teil die dort benannten Stücke im Hintergrund gehört, was eine ganz eigene und besondere Stimmung geschaffen hat. Zudem hatte ich das Glück, in den Tagen, in denen ich „Für Polina“ gelesen habe, ein Klavierkonzert live erleben zu dürfen. Das hat alles in einen fantastischen Zusammenhang gebracht.
Im letzten Drittel des Romans verfällt der Autor zunehmend in konstruierte Muster. Das ist insofern schade, als ich glaube, dass dadurch der Roman nicht so lange nachhallt, wie es möglich gewesen wäre.
Fazit: Ich will insbesondere die Sensibilität hervorheben, mit der Takis Würger seine Charaktere erschaffen hat. Hierin steckt so viel Wärme, dass man als Leser nicht unberührt bleiben kann. Das ging auch mir so. Ich möchte deshalb noch einmal den Dostojewski-„Vergleich“ vom Anfang aufmachen: Manche Musikliebhaber verehren Miles Davis, andere Taylor Swift. Auch wenn Taylor Swift nicht die Tiefe und Intensität eines Miles Davis erreicht, wird sie von Millionen von Menschen geliebt, weil sie Licht in ihren Alltag bringt. Oder wie verhält es sich bei Kaviar und Pizza? Kaviar ist exklusiv, teuer, aber nicht jedermanns Geschmack. Eine einfache Pizza Margherita lässt mehr Herzen höher schlagen, obwohl sie mit einfachsten Zutaten zubereitet ist. Und so ist auch Dostojewski sicher nicht jedermanns Sache. Vielmehr glaube ich, dass ein Roman, wie ihn Takis Würger geschrieben hat, trotz begrenzterer literarischer Mittel eher die Herzen der Leser erreicht. Und so werde auch ich wohl noch einige Zeit an Hannes und Polina zurückdenken

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