Bewegende Erinnerungsliteratur
Treppe aus Papier„Treppe aus Papier“ von Henrik Szántó / Verlag: Blessing
„Versöhnung wirst du bei uns nicht finden, aber du hast unser Mitgefühl.“ (Seite 204)
Ich bin hin- und hergerissen. Teilweise hat mich die Geschichte ...
„Treppe aus Papier“ von Henrik Szántó / Verlag: Blessing
„Versöhnung wirst du bei uns nicht finden, aber du hast unser Mitgefühl.“ (Seite 204)
Ich bin hin- und hergerissen. Teilweise hat mich die Geschichte so gepackt, dass ich kaum aufhören konnte zu lesen. Die Erzählung von Ruth, Irma und der jungen Nele verschmilzt zu einem dichten Netz aus Erinnerung, Schuld und dem Schweigen über eine nicht wahrhaben wollende Vergangenheit.
Das Haus selbst wird zum Erzähler; es zeigt seine Bewohner, ihre Schicksale und die Erinnerung an ein Jahrhundert wie eine Mahnung.
Das Unrecht, das in seinen Räumen geschah, und die Schuld, die ein kleines Mädchen unbeabsichtigt auf sich lud, ziehen sich wie ein roter Faden durch die Geschichte. Vier Etagen mit wechselnden Mietern, verlorene und gefundene Gegenstände. Jedes Detail trägt Spuren der Vergangenheit.
Nele, eine Schülerin, kommt mit Irma, einer alten Bewohnerin des Hauses, ins Gespräch. Irma beginnt zu erzählen und Nele hört zu. Zunächst neugierig, dann zunehmend betroffen. Sie versteht mehr, als sie erwartet hatte, schreibt ihre Klausur in Geschichte und beginnt schließlich, Fragen an ihre Eltern zu stellen. Über die Vergangenheit, über Opa und den Krieg, doch ihre Eltern wollen oder können diese nicht beantworten.
War Opa ein Nazi? Hat er Menschen geholfen oder hat er sie verraten?
Irma trägt ein großes Geheimnis mit sich und wartet nur darauf, dass endlich jemand fragt. Vielleicht Nele?
Erzählt wird auch die Geschichte von Ruth, einem jüdischen Mädchen während des Krieges. Sie hilft der kleineren Irmgard, wann immer deren Mutter oder Großmutter wieder zuschlägt. Irmgards Vater ist der Einzige, der Verständnis für das Kind zeigt bis er stirbt, jedoch nicht heldenhaft im Krieg.
Ruth, ein Einzelkind, versucht sich 1941 vor der Gestapo zu verstecken, doch das gelingt ihr nicht wirklich. Das Haus hat versucht, sie zu beschützen.
„Den Preis dafür zahle ich bis ans Ende meiner Tage.“ (Seite 213)
Eine bewegende Geschichte über Schuld und das tiefe Bedürfnis nach Liebe und Anerkennung in Zeiten des Krieges. Szántó zeigt eindringlich, wie Enteignung, Verrat und die Bereicherung auf Kosten anderer das Leben ganzer Generationen geprägt haben und wie Kinder in dieser Zeit ihre Unschuld verloren.
Die Vergangenheit des Hauses reicht bis in die Gegenwart, die Fragen, die Nele stellt, treffen auf Abwehr und Schweigen. Verleugnung, Unwissenheit und Beschönigungen zu damaligen Kriegsverbrechen werden weitergegeben, verschwiegen, vertuscht.
„Ruh dich aus. Du warst genug.“ (Seite 204)
Gewagt und ungewöhnlich ist die Erzählperspektive. Das Haus selbst berichtet, was es über Jahrzehnte gesehen, gehört und erlitten hat. Gegenwart und Vergangenheit verschwimmen miteinander, die Wände, Ritzen und Dielen erzählen, was Menschen lieber vergessen würden.
Anfangs fand ich das Cover, den Titel und die Erzählweise etwas verwirrend, doch je tiefer man in das Haus eintaucht, desto klarer wird alles.
Eine sehr schöne, eindringliche Geschichte über unsere Vergangenheit, die bis in die Gegenwart nachhallt. Bewegend, schmerzhaft, wichtig.
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