Psychologische Spannung
Safe Space„Safe Space“ von Sarah Bestgen
Verlag: Lübbe
Schon auf den ersten Seiten war ich völlig im Sog dieses Thrillers. Man wird direkt in Annas Welt geworfen, eine Frau, die mit einem schweren Geheimnis in ...
„Safe Space“ von Sarah Bestgen
Verlag: Lübbe
Schon auf den ersten Seiten war ich völlig im Sog dieses Thrillers. Man wird direkt in Annas Welt geworfen, eine Frau, die mit einem schweren Geheimnis in der JVA als forensische Psychologin beginnt.
Anfangs konnte ich noch nicht einmal erahnen, wie ihre Vergangenheit mit dem Geschehen im Jetzt zusammenhängt, aber genau dieses Rätseln und Zusammensetzen hat mich unglaublich gefesselt.
Besonders spannend fand ich die vielen Figuren, deren Rollen und Motive sich erst nach und nach offenbaren. Annas ermordete Schwester Sina steckte in einer toxischen Beziehung fest, Leon, ein Bekannter von Sina, wirkt wie jemand, der dringend selbst Hilfe bräuchte und sich trotzdem gezielt an sie heranpirscht. Will er sie retten? Oder verfolgt er ganz andere Ziele? Und dann ist da noch Sonny, charismatisch, gefährlich, allein sein Name scheint schon ein Rätsel zu sein. Die Beziehungen zwischen ihnen allen sind voller Andeutungen und Schatten und gerade das macht die Dynamik so packend.
Das viele Blut und die verschwundene Leiche ihrer Schwester lassen Anna nicht mehr schlafen. Lebt Sina noch? Braucht sie Hilfe? Wer hat ihr das angetan? Und warum kann niemand Sinas Freund Samu und dessen Kumpel Ronny finden?
Die Verbindung zwischen Anna und ihrer Schwester Sina, früher unzertrennlich, später zerbrochen, zieht sich emotional durch die Handlung und sorgt dafür, dass man ständig spürt, wie viel auf dem Spiel steht. Gleichzeitig wirft die Geschichte immer wieder neue Fragen auf: Wer kann sich in der JVA so frei bewegen, dass Briefe und Gegenstände plötzlich in Annas Büro oder sogar in ihrer Tasche auftauchen? Wer spielt mit ihr, und warum? Wer kann ihr helfen, mehr über ihre Schwester und deren Verschwinden oder Tod zu sagen?
Besonders gelungen empfand ich die Mischung aus Vergangenheit und Gegenwart. Tagebucheinträge und Rückblicke verweben sich so, dass man langsam, Stück für Stück, den Abgrund erkennt, der sich unter allen Figuren auftut. Oft war ich überzeugt, den Täter erkannt zu haben und wurde doch wieder in eine andere Richtung gelenkt.
Der Schreibstil packt einen von Beginn an. Ich habe ständig mitgerätselt, Hypothesen aufgestellt, wieder verworfen und weitergelesen, weil jede Antwort sofort neue Fragen aufgeworfen hat. Die Autorin versteht es wirklich, ein undurchschaubares Spiel aufzubauen, in dem man als Leser am Ende merkt, wie sehr man selbst auf falsche Fährten geraten ist.
Ein kleiner Wermutstropfen für mich war die letztendliche Erklärung der Täterpsychologie, die ein vertrautes Muster bedient. Hier hätte ich mir vielleicht etwas weniger Klischee und mehr Überraschung gewünscht. Trotzdem wurde ich insgesamt hervorragend unterhalten, intensiv, düster, raffiniert konstruiert und voller psychologischer Spannung.
Ein Thriller, den ich definitiv weiterempfehlen kann.