emotionale Aufarbeitung eines Femizid aus der Sicht der Angehörigen
Da, wo ich dich sehen kannEs gibt Bücher, da finde ich, jede Art von Review ist eigentlich hinfällig. Denn es gibt Bücher, die solten zerredet werden, weil das Thema dahinter, so so so wichtig ist. Das neue Buch von Jasmin Schreiber ...
Es gibt Bücher, da finde ich, jede Art von Review ist eigentlich hinfällig. Denn es gibt Bücher, die solten zerredet werden, weil das Thema dahinter, so so so wichtig ist. Das neue Buch von Jasmin Schreiber zählt dazu.
Es ist ein Buch, das sich schwer beschreiben lässt, nicht weil es so schlecht ist, sondern weil es viele Momente gab, wo ich überrascht war. Weniger von der Thematik, die ist ja recht klar aufgezeigt, sondern von der Empathie mit den Figuren, die zum Teil starke Tiefe mancher Charaktere und der diversen Stilbrüche durch Illustrationen, Parallelwelten und andere Mittel. Diese Stilbrüche halfen mir auch manchmal weiterzulesen und wieder etwas emotionalen Abstand zu gewinnen.
Denn man spürt beim Lesen, die Trauer, Wut, Zorn und Verzweiflung beiden Hauptfiguren, vor allem die neujährige Tochter hat mich oft mal innerlich zerrissen. Maja hat rote Haare wie ihr Vater. Sie mag ihren Papa, aber er hat Mama umgebracht und wie soll da eine Kinderseele heil bleiben?
Sie finden Trost und Geborgenheit bei Brigitte und Per, den Großeltern mütterlicherseits. Väterlicherseits kommen die Eltern kurz zum Wort und der Täter, zum Glück bleibt mit einer Ausnahme still.
Brigitte und Per sind ein großartiges Paar, sie versuchen zusammen zu halten, aber zu Beginn frisst jeder den Schmerz in sich hinein. Das dies auf Dauer nicht gut ist, kann man vermutlich gut verstehen. Die Art und Weise nicht zu reden und es mit sich selbst auszumachen, wird deutlich im Buch aufgezeigt. Der Weg der Therapie ist als ein großer Schritt der Heilung im Buch ein Thema und das miteinander reden. Auch ein Credo nur gemeinsam kann man dieses Drama überstehen.
Einen großen Raum erhält auch die beste Freundin Liv. Sie ist Astrophysikerin und macht mit der größten Entwicklung im Buch durch. Ihre Kapitel mochte immer am meisten, weil wenn sie wütend wurde, immer die Wissenschaftlerin mit durchschien.
Das Buch hat super viele Stärken. Ich finde es gut, dass wir als Leser über die Tat nur grob was erfahren. Am Ende gibt ein sehr gutes Gespräch zwischen Brigitte und ihrer Therapeutin und einen Erklärungsversuch mit der Schuld umzugehen. Die Schuld trifft immer nur den Täter, das wird deutlich herausgearbeitet.
Aber auch der Umgang mit den Femizid wird thematisiert. Sei es die Berichterstattung, die oft Worte wie Tragödie, Beziehungstat, ... verwendet oder aber auch das Thema True Crime. Wenn dann ohne die Zustimmung der Angehörigen Fälle zerlegt werden oder dass Frauen im Frauenhaus sich in Sicherheit bringen müssen, oft mit freiwilligem Freiheitsentzug und die Täter frei herumlaufen können.
Diese kleinen und großen Aha-Erlebnisse, waren es, die das Buch an vielen Stellen zu einer emotionalen Wucht gemacht hat, weil es leider so realistisch war.
Als einziger zwei kleine Kritikpunkte sind für zum einen das Ende. Es kam mir etwas zu abrupt, wurde nur aus zwei Sichten statt allen Sichten erzählt und ich hatte das Gefühl, dass es zu Ende gehen sollte. Zum anderen war es mir an manchen Punkten etwas zu viel Drama und manches Plots wurden begonnen und nicht geändert z. B. die Mutter von Liv.
Trotz allem, ein großartiges Buch, leicht zu lesen und durch die kurzen Kapitel und Stilbrüche, ein Buch, dass keine Längen hat. Ein Buch, über das man viel reden kann. Ich durfte es in einer Leserunde lesen und es war ein tolles Buch für Diskussionen aller Art.