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Veröffentlicht am 28.10.2025

Reflexionsstarke Mischung aus Essay, Roman und Memoir

Beweiskörper
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Susanna Hast ist finnische Autorin, Künstlerin und Songwriterin. Bei Edition Nautilus ist jetzt ihr Debütroman auf Deutsch erschienen, der 2022 mit dem Helsingin-Sanomat-Literaturpreis ausgezeichnet wurde.

Darin ...

Susanna Hast ist finnische Autorin, Künstlerin und Songwriterin. Bei Edition Nautilus ist jetzt ihr Debütroman auf Deutsch erschienen, der 2022 mit dem Helsingin-Sanomat-Literaturpreis ausgezeichnet wurde.

Darin geht die Erzählerin auf eine Spurensuche in ihre Vergangenheit. Sie wurde als Mädchen und Jugendliche sexuell missbraucht, hat die Erinnerungen daran aber verdrängt. Sie hatte damals niemand davon erzählt, die Täter wurden niemals strafrechtlich verfolgt. Die Übergriffe hatte für niemanden Konsequenzen, außer für die Erzählerin. Ihr Körper ist der einzige Beweiskörper, der davon zeugen kann.
In „Beweiskörper“ versucht Hast in der Rolle einer Ermittlerin und Detektivin, diesen Ereignissen näher zu kommen und Worte für das Nicht-Greifbare zu finden.

„Mir ist seit jeher klar, dass ich über das Erlebte nicht direkt schreiben kann. Die Wahrheit muss zwischen den Wörtern hervorsickern. Worte reichen nie aus.“

Hasts Buch ist die intensive und sehr tiefgehende Auseinandersetzung mit den traumatischen Gewalterfahrungen der Erzählerin und mit sexueller Gewalt, Erinnerung und Scham im Allgemeinen.

“Gewalt scheint fast alltäglich zu sein, das Archiv ist riesig, unendlich. Wie kann es sein, dass über sexuelle Gewalt gleichzeitig so intensiv geschwiegen wird?”

Ein wichtiger Punkt in Hasts Spurensuche dreht sich darum, wie sexuelle Gewalt in unserer Gesellschaft tabuisiert und verharmlost wird. Opfern wird nicht geglaubt, es wird ihnen eine Mitschuld zugeschrieben, und ihr Schmerz wird relativiert. Damit die die Täter, die meistens Teil der Gesellschaft sind und mitten unter uns leben, weiterhin integriert bleiben können.

“Und obwohl ich davon rede, dass ich es nicht wollte und mich passiv verhalten habe, bin ich trotzdem nicht ausreichend unschuldig, denn das Nicht-Wollen müsste total sein, der Widerstand sicht- und hörbar, aber zusätzlich wird man die Forderung der Unschuld nie ganz befriedigend erfüllen können.”

Ebenfalls nehmen Hasts Gedanken über die Funktionsweise von Erinnerung, Verdrängung und Vergessen viel Raum ein. Auch hier bleibt sie nicht nur bei den individuellen Erfahrungen ihrer Erzählerin, sondern bezieht Forschungsergebnisse und Studien mit ein.

Und auch wenn auf dem Cover „Roman“ steht, ist der Hasts Text stark autofiktional. In der Kurzbeschreibung steht:
„Susanna Hasts bewegender Text ist ein feministischer Genrehybrid zwischen Roman, Memoir und Essay.“

Mich erinnert mich „Beweisköper“ in dieser Mischung sehr an Maggie Nelsons „Die roten Stellen“, in dem sie den Mord an ihrer Tante aufarbeitet. Und tatsächlich referenziert Hast unter anderem die Arbeiten von Nelson, aber auch Serien und andere popkulturelle Quellen finden Eingang in ihren Roman.

Mich hat „Beweiskörper“ thematisch sehr angesprochen und schloß sich der Hasts Text genau an die Lektüre von Neige Sinno „Trauriger Tiger“ an. Ich habe den sehr reflexionsstarken Text von Hast super gerne gelesen. Ich würde ihn aber nur weiterempfehlen, wenn du speziell an dem Thema interessiert bist und/oder bereits bist für teils sehr tief gehende psychische Explorationen.

„Mein Körper gehört mir. Und, das Wichtigste, ich bin nicht zum Leiden verurteilt. Ich entscheide selbst, wer ich bin.“

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Veröffentlicht am 06.10.2025

Inhaltlich und sprachlich sehr gelungen und lesenswert

Muttermale
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„„Muttermale“ ist der Roman einer Annäherung“ steht in der Kurzbeschreibung. Aha, wieder eine Spurensuche nach der Mutter, denke ich. Und denke an „Mutternichts“ von Christine Vescoli, an „Perlen“ von ...

„„Muttermale“ ist der Roman einer Annäherung“ steht in der Kurzbeschreibung. Aha, wieder eine Spurensuche nach der Mutter, denke ich. Und denke an „Mutternichts“ von Christine Vescoli, an „Perlen“ von Siân Hughes und an die vielen anderen Roman, die ich von Autor*innen gelesen habe, die sich autofiktional oder nicht, auf die Spuren einer oder ihrer Mutter gemacht haben.

Aber Dagmar Leupolds neuester Roman, der jetzt für den Bayrischen Buchpreis nominiert ist, ist mehr als die persönliche Frage nach der Identität der Mutter. Es ist auch die Annäherung an eine Generation, die den Krieg erlebt hat, die Täter und Opfer zugleich war. Eine Generation, die in Trauer und Grauen wie erstarrt ist und gelernt hat mit falscher Fröhlichkeit und/oder mit protestantischer Disziplin die Schmerzen zu übertünchen.

„Der Generationsgraben voller unbestatteter Toter und unbesprochener Verstrickungen, der Weg zu einer erlösenden Trauer damit verwehrt.“


Die Mutter von Leupolds Erzählerin wurde 1924 geboren und stammte aus Ostpreußen und erlebt als Jugendliche und junge Frau den zweiten Weltkrieg.

Der jüngere Bruder stirbt 1944 im Krieg

„Er hieß Klaus. Und starb mit achtzehn, Granatsplitter im rechten Knie und im Becken.“

Genauso wie bereits der ältere Bruder 1941, Granatsplitter im Rücken.

Die Erzählerin stellt sich mehrfach die Frage, wie die Mutter den Krieg, die Verluste und die spätere Vertreibung erlebt hat.

„Unvorstellbar, dass ihr über die Welt am Abgrund gesprochen habt. Unvorstellbar, dass ihr nicht über die Welt am Abgrund gesprochen habt.“

Später, lange nach dem Krieg, bewundert und rezitiert die Mutter immer noch die Dichterin Agnes Miegel, die Hitler und dem NS-Regime affirmativ gegenüberstand und insbesondere unter Heimatvertriebenen noch lange geschätzt wurde.

Überraschenderweise konzentriert sich Leupold besonders auf die jungen und späteren Jahre der Mutter. Die Jahre der Kindheit der Erzählerin, also die gemeinsam verbrachten Jahre, nehmen relative wenig Raum des Romans ein, so als wäre dies Zeit zu schmerzhaft für ein genaueres Hinsehen. So als bräuchte es die Distanz, um die Mutter deutlicher zu erkennen oder über sie schreiben zu können.
Hinweise auf die Beziehung zwischen Mutter und Tochter gibt es.

„Das Einzige, was gewollt werden durfte, war Prügel - protestantischer, verinnerlichter Sadismus, den du für Disziplin hieltest.“

Der Roman ist in chronologisch geordnete Episoden gegliedert, die nicht in eine durchgehende Erzählung münden. Vielmehr nutzt Leupold einzelne Erinnerungsschlaglichter und Fotografiebeschreibungen, um das Leben der Mutter zu beleuchten.
Leupold ist die Generation meiner Mutter und viele ihrer Beschreibungen wecken auch bei mir Erinnerungen an meine Mutter und Großmutter. Bilder wie die bestickten Stofftaschentücher oder „wie bei Hempels unterm Sofa“ erzeugen bei mir eine beklemmende Mischung aus Nähe und Distanz.

Leupold schreibt messerscharf, viele Sätze sind schneidend. Ihr reichen wenig Worte, kurze Kapitel, um ganze Lebenswelten zu skizzieren, wie beispielsweise den gutbürgerlichen Mittelschichtswohlstand der älteren Mutter als Beamtenwitwe.

„Deine Emanzipation ruhte und beruhte auf einem soliden finanziellen Fundament. Du warst eine wohlhabende Witwe.“

Eine Witwe, die sich und ihrer Tochter gerne Restaurantbesuche in der Pizzeria San Marco gönnt und die ganze Produktpalette von Chanel No. 5 verwendet.
Ein Duft, den die Erzählerin immer mit der alternden Mutter verbinden wird.

Ich fand „Muttermale“ in vielerlei Hinsicht besonders und lesenswert. V.a. literarisch und sprachlich ist der Roman in meinen Augen sehr gelungen und großartig. Und auch als Versuch, der Gefühlskälte einer ganzen Generation an Eltern näher zu kommen und zu begreifen, aber nicht zu entschuldigen.

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Veröffentlicht am 06.10.2025

Ganz unspektakulär einfach toll

Neben Fremden
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Mist, mein Wunschzettel wächst einfach ins Unendliche, aber nachdem ich „Neben Fremden“ von Eva Schmidt gelesen habe, möchte ich unbedingt noch mehr von der österreichischen Schriftstellerin lesen.

Und ...

Mist, mein Wunschzettel wächst einfach ins Unendliche, aber nachdem ich „Neben Fremden“ von Eva Schmidt gelesen habe, möchte ich unbedingt noch mehr von der österreichischen Schriftstellerin lesen.

Und zwar nicht, weil „Neben Fremden“ so unvorstellbar aufregend oder spannend war, sondern weil Schmidt in ihrem Roman so grandios und so treffsicher von einem ganz banalen Leben erzählt. Von so einem Leben, wie du und ich es vielleicht auch haben.
Die Ich-Erzählerin Rosa ist eine ältere, mittlerweile verrentet Frau, die zusammen mit ihrem Hund in einer kleinen Wohnung wohnt. Gerade erst ist ihr Freund Fred gestorben, mit dem sie eine längere Beziehung hatte, obwohl er noch mit einer anderen Frau verheiratet war.
Von Fred hat sie auch erst vor kurzem cheinen Campingbus geschenkt bekommen, eigentlich für gemeinsame Touren und Ausflüge.
Rosa hat außer einer Freundin und ihrer Mutter ansonsten nicht viele Sozialkontakte, sie hält Distanz zu Nachbarn und sucht auch nicht aktiv nach Anschluss. Nur dass sie zu ihrem Sohn schon lange keinen Kontakt mehr hat, schmerzt sie manchmal.
Freds Tod hat sie nachdenklich gemacht, und sie beschließt, mit dem Camping Bus ein paar Tag wegzufahren.
Was bei anderen Autor*innen vielleicht der Anfang zu einem aufregenden Selbst-Findungs-Roadtrip inklusive Neustart und YOLO-Vibes wäre, ist es bei Schmidt all das nicht.
Die Gewohnheiten, der Alltag und die inneren und äußeren Zwänge und Verstrickungen sind eng für die Erzählerin und binden sie an ihr Leben.

„Ich wusste nicht, wie es weitergehen sollte.
Andere hatten einen Plan. Ich hatte keinen, hatte nie einen gehabt. Sehnsüchte ja, Wünsche, aber keine Ziele.
Eigentlich habe ich immer nur reagiert, dachte ich.“


Und dann wird ihre Mutter krank, zu der Rosa ebenfalls ein merkwürdig distanziertes Verhältnis hat. Schmidt beschreibt eine Mutter-Tochter Beziehung, die vielleicht typisch ist für die Generation meiner Eltern, zu der auch die Autorin gehört.

„Ich hatte sie gekränkt, hatte sie nicht ernst genommen, hatte versucht, sie aufzumuntern, anstatt zu trösten. Ich hatte kein Verständnis für sie, obwohl sie meine Mutter war und alles für mich getan hatte.“

Es ist diese Sprach- und Wortlosigkeit, die in so vielen Familien herrscht, die auch Rosas Aufwachsen geprägt hat und die in Schmidts Roman so deutlich hervorsticht.

„Neben Fremden“ ist auch ein Roman über Abschiede, über ungelebtes Leben, über „hätte, hätte, Fahrradkette“, über verpasste und verstrichene Möglichkeiten. Über die Enge des Lebens und die Unfähigkeit und Unmöglichkeit diese zu überwinden.

„Meinem Vater fehlte es an Ehrgeiz, mehr aus sich zu machen. Er wollte leben, wusste nur nicht, wie. Genau wie ich.“

Und immer wieder das große Überthema, das auch schon im Titel steckt: “Neben Fremden” ist ein Roman über den Wunsch nach einer Verbindung zu anderen Menschen und über die Sehnsucht, anderen wirklich nahe zu sein.
Großartig finde ich dabei, wie leise und realistisch Schmidt diese großen und universellen Themen heraus arbeitet. Ich finde leise Erzähltöne oft, naja, langweilig, aber hier finde ich es berührend. Gerade auch, dass Schmidt mir keine Wertung vorgibt, gefällt mir und rührt mich.
„Neben Fremden“ ist damit so ein bisschen der Gegenentwurf von Romanen wie „Eat, Pray, Love“ (die natürlich ebenfalls toll seien können und ihre Berechtigung haben).

Ich find „Neben Fremden“ ganz unspektakulär einfach toll.

Kritik habe ich allerdings für die Kurzbeschreibung auf der Umschlagsseite, die meiner Meinung nicht gut gelungen ist, zuviel und das Falsche vorweg nimmt und dem Roman nicht gerecht wird.

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Veröffentlicht am 26.09.2025

Moderner und innovativer Trennungsroman

Frau Fünf
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Martin Mustermann verlässt Mirjam Hirsch. Obwohl sie verlobt sind, zieht er nach 10 Jahren Beziehung so einfach aus der gemeinsamen Wohnung aus.

Und Mirjam dreht dann ein bisschen durch. Fühlt sich komplett ...

Martin Mustermann verlässt Mirjam Hirsch. Obwohl sie verlobt sind, zieht er nach 10 Jahren Beziehung so einfach aus der gemeinsamen Wohnung aus.

Und Mirjam dreht dann ein bisschen durch. Fühlt sich komplett verarscht von diesem Arschloch. 10 Jahre Lebenszeit! Sogar das Rauchen hatte sie für ihn aufgegeben. Mirjam vermutet, dass Martin längst eine andere hat.

„Nie im Leben würde er seinen faulen breitgesessenen Arsch freiwillig aus dieser Bude bewegen, wenn nicht eine andere auf ihn warten würde. Der wird sich noch umgucken, was passiert, wenn die ihn beim Pornoglotzen erwischt, elender Bock! Er wird sich noch zurücksehnen. Arschloch.“

Mirjam beschließt, Martin zu stalken, um mehr über seine neue Freundin herauszufinden. Und noch etwas beschließt sie: Sie wird sich nie mehr für andere Menschen verbiegen, sondern sich nur noch um sich selbst kümmern.

„Viel zu viele Stunden, Tage, ach, JAHRE hat sie damit vergeudet, anderen Leuten zuzuhören und Verständnis und Mitgefühl vorzuheucheln. Ab jetzt wird es nur noch um sie gehen.“

Das ruft Frau Fünf auf dem Plan, Mirjams Alter Ego, eigentlich ein Pseudonym, das sie erfunden hat, um auf gigolo.com einen Callboy zu engagieren. Frau Fünf übernimmt immer dann das Steuer, wenn Mirjam sich klein fühlt oder einfach Lust hat, ihren Willen durchzusetzten. Dann sagt Frau Fünf wo es langgeht und zwar laut.

Dabei werden zwangsläufig ein paar Grenzen überschritten, denn bedingungslose Selfcare geht manchmal nahtlos in Rücksichtslosigkeit über.
Ist das endlich der Weg zur weiblichen Selbstbestimmung?

Der Roman ist ein echter Ritt und hat mir ultra viel Spaß gemacht und mir richtig gut gefallen. Ich liebe es wenn Frauenfiguren komplett frei drehen und sich aus Rollenbilder emanzipieren. Baldy verwendet in ihrem zweiten Roman slapstickartige und surreale Überzeichnungen, die großes Tempo in den Roman bringen.
Aber Baldy zeigt in ihrer liebenswerten und der Rationalität enthobenen Protagonistin auch eine Verletztlichkeit, die mit der in GROSSBUCHSTABEN schreienden Übertreibung und Action kontrastiert. Sie zeigt, dass auch laute und selbstbewusste Frauen* verletzt werden können und Stärke alleine manchmal nicht ausreicht, um sich zu schützen. In dem vordergründig lustigen Roman, der Trennungsklischees sowohl karikiert als auch konterkariert, steckt jede Menge feministische Gesellschaftskritik.

Ich könnte vielleicht eine leichte fehlende Stringenz in der Plotentwicklung und dem Spannungsbogen kritisieren, aber dafür gefällt mir Baldy mit großen Sprachwitz („Mrenate“ und „Melsbeth“) und ihrem sehr zeitgenössischen und innovativen Erzählstil!

Nach der vielen sehr schweren und sehr selbstironiefreien Literatur, die ich sonst gerne lese, war „Frau Fünf“ definitiv eine sehr willkommene und sehr erfrischende Abwechslung.

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Veröffentlicht am 26.09.2025

Zeitgenössische und feministische Neuerzählung eines Märchenklassikers

Die Kröte
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Vor ungefähr zwei Jahren erschien der Roman „Malus“ von Simone Hirth, der für mich ein aufregendes, feministisches Highlight war und in mir den dringenden Wunsch geweckt hatte, mehr Literatur der wahlösterreichischen ...

Vor ungefähr zwei Jahren erschien der Roman „Malus“ von Simone Hirth, der für mich ein aufregendes, feministisches Highlight war und in mir den dringenden Wunsch geweckt hatte, mehr Literatur der wahlösterreichischen Schriftstellerin zu lesen.
Jetzt ist mit „Die Kröte“ ihr neuer und fünfter Roman erschienen und gleich bei mir eingezogen.

Und auch in „Die Kröte“ bewegt sich Hirth weit im Reich der Metaebene und verwandelt ein bekanntes Märchen in eine zeitgenössische und feministische Geschichte.

Ich bin jetzt literaturgeschichtlich nicht ganz so sattelfest, aber die Grundzüge des Grimmschen Märchens „Der Froschkönig“ sind mir noch vage aus meiner Kindheit bekannt, was für die Lektüre von „Die Kröte“ von Vorteil, aber vielleicht nicht unbedingt notwendig ist.

Hirth Erzählerin Milena teilt ihr Leben ganz plötzlich mit einer Kröte. Naja, so ganz plötzlich ist die Kröte nicht erschienen. Du kennst es vielleicht: Dein Smartphone fällt ins Wasser und da gehst du auf das Angebot einer Random Kröte ein, es dir wieder zu besorgen. Natürlich nicht so ganz ohne Gegenleistung. Und so ist die Kröte jetzt eben da und verbreitet mit ihren ungebetenen Untertiteln eine immense Unsicherheit im Leben der Erzählerin.

“Seit die Kröte in mein Leben getreten ist, haben Verlust und Verlassen, Halt und Sicherheit eine andere Bedeutung, eine andere Dimension und Dringlichkeit für mich bekommen.”

Schnell merkt Milena, dass die Kröte nicht unbedingt ihr Bestes will, sondern Unwahrheiten verbreitet, sie manipulieren und Kontrolle ausüben will.
Außerdem greift die Kröte ihre unbewusste Gedanken und Wünsche auf, vereinfacht und verzerrt sie, bis Milena selbst nicht mehr weiß, was sie eigentlich gedacht hat.

Und jetzt verschwindet die Kröte nicht mehr so einfach, sie hat sich in Milenas Leben eingenistet.

Wie schon erwähnt, funktioniert Hirths parabelartiger Roman hauptsächlich über die Metaebene und ermöglicht so einen unendlichen Interpretationsspielraum.
Für mich symbolisiert die Kröte eine individuelle und gesellschaftliche Stimme, die scheinbar Hilfe und Orientierung anbietet und zunächst wie ein Mittel gegen Einsamkeit aussieht, dabei aber verunsichert und manipuliert.
Dabei denke ich konkret an rechte und populistische Strömungen, die komplexe Probleme bewusst vereinfachen und auf falsche Zusammenhänge reduzieren und so eine vermeintlich einfache Lösung anbieten.


“Im Märchen hat Komplexes, Vielseitiges, haben Nuancen keinen Platz. In der Wirklichkeit übrigens viel zu oft auch nicht.”

Die Kröte verhält sich zudem übergriffig und ihr Verhalten gegenüber Milena lässt sich als toxisch bezeichnen.

Der wirklich spannende Schluss auf den letzten Seiten unterstreicht diese Lesart. Es würden sich aber auch ganz andere Interpretationsansätze anbieten, wie das so oft bei Märchen der Fall ist.

Grundsätzlich ist „Die Kröte“, genauso wie es auch „Malus“ bereits thematisiert hatte, ein Roman, der die emanzipatorische Kraft des Erzählens und der Literatur betont. Und so stehen Milena auch wieder ein weiblicher Kanon aus literarischen Stimmen zur Seite.

“Es ist doch das Privileg und die Stärke der Literatur, dass sie Dinge beschreiben kann, die jenseits von wahr und unwahr liegen. Jenseits von real und irreal oder surreal.”

„Die Kröte“ war für mich jetzt vielleicht nicht so ganz das Highlight wie es „Malus“ für mich war, aber gerade der aufregende Schluss hatte mich jetzt auf den letzten Seiten wieder ganz gut aus dem etwas langwierig geratenen Metauniversum zurück auf die Erde geholt.

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