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Veröffentlicht am 10.11.2025

Manchmal tun gute Menschen Böses, und manchmal tun böse Menschen Gutes.

Familia
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Lauren E. Rico hat einen Familienroman geschrieben, der nicht nur Familienromantik beschreibt, sondern zugleich auch ein Krimi der besonderen Art ist. DNA-Analysen sind dafür bekannt, dass sie auch unerwartete ...

Lauren E. Rico hat einen Familienroman geschrieben, der nicht nur Familienromantik beschreibt, sondern zugleich auch ein Krimi der besonderen Art ist. DNA-Analysen sind dafür bekannt, dass sie auch unerwartete Verwandtschaften freilegen und Erkenntnisse bringen, die eine ganze Familie ins Herz treffen können. Deshalb war dieser Roman für mich ein Muss: Ich interessiere mich seit Jahren für die Ahnenforschung, DNA-Ergebnisse bestätigten bei mir eine Verbindung zu Vorfahren, die bis dahin theoretisch vorhanden, aber nicht bestätigt war.
Für die zentrale Figur der Gabby in diesem Roman und ihre auf diese Weise gefundene Schwester Isabella beginnt mit dem DNA-Treffer jedoch eine Achterbahnfahrt der Gefühle, die auch den Leser unerwartet mit sich reißt. Gabby, die Faktencheckerin bei einem New Yorker Magazin ist und sich zu Höherem, das heißt zum Journalismus berufen sieht, erfährt von einer Schwester in Puerto Rico. Ihre einzige Reaktion: das kann nicht sein, die Auswertung der DNA ist falsch. Um das zu beweisen, will sie nach Puerto Rico fahren, womit sie ihre potenzielle Schwester Isabella vollends überrascht. Denn Isabella sucht seit 20 Jahren ihre mit sieben Monaten spurlos verschwundene Schwester Marianna. Nun ist sie überzeugt, sie gefunden zu haben. Obwohl Isabellas Ehemann schnell einige Ähnlichkeiten besonders der Charaktere feststellt, weigert sich Gabby standhaft, an eine Verwandtschaft zu glauben. Also wird ein neuer DNA-Test gemacht, der Gewissheit bringen soll. Solange das Ergebnis offen über ihnen schwebt, sind die beiden Frauen bestrebt, sich kennenzulernen und vor allem das große Rätsel um das Verschwinden von Marianna zu lösen. Je mehr sie suchen, umso mehr geraten sie in den Sog der 20 Jahre alten teilweise tragischen, teilweise kriminellen Ereignisse. Isabella hatte jahrelang die Hilfe des nun pensionierten Detectives Miguel Álvarez in Anspruch genommen, der sich mehr als jeder andere, insbesondere mehr als ihr alkohol- und drogenabhängiger Vater um ihr Wohlergehen kümmerte. Der Fall aber nie aufklärte. Nun hat er seinen Platz dem jüngeren Raña überlassen, der sich teilweise als etwas spröde und unzugänglich herausstellt, an entscheidender Stelle jedoch auch als äußerst hilfreich.
Die Autorin, die selbst Wurzeln bis zur 65. Generation in Puerto Rico hat, wie sie im Nachwort verrät, ist von einer tiefen Liebe und Einfühlsamkeit geprägt, wenn es um die Menschen auf dieser kleinen Insel geht. Sie beschreibt all ihre Protagonisten sehr lebensecht und macht sie so dem Leser zugänglich. Wenn ich mich als Leser dieses Buches sehe, weiß ich, wie weit das Leben in Puerto Rico von dem in Mitteleuropa, also auch von Deutschland entfernt ist. Bandenkriminalität gibt es natürlich auch in hier, aber die Selbstverständlichkeit, mit der sie in Puerto Rico als Teil des täglichen Lebens existiert, gibt es hier wohl nicht oder nur im begrenzten Rahmen. Die gewalttätigen und kriminellen Handlungen im Roman sind deshalb um so erschütternder, wenn man die Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche betrachtet. Isabella hat ihre kleine Schwester verloren, als sie selbst fünf Jahre alt und vollkommen wehrlos war; dessen ungeachtet hat sie über 20 Jahre Schuldgefühle für das, was geschehen ist und was sie nicht deuten kann. Ihre Kratzbürstigkeit und ihre Zornesausbrüche zeichnen das Bild einer jungen Frau, die das gewalttätige Leben in Puerto Rico nur mit Mühe erträgt. Dass sie außerdem mit fünfzehn Opfer einer Vergewaltigung durch zwei Touristen wurde, macht ihr Leben nicht leichter. Sehr anschaulich beschrieben werden ihre Streetart-Kunstwerke, die sie auch als Kompensation ihrer inneren Zerrissenheit schafft.
Teilweise erzählt die Autorin etwas ausufernd von den Erlebnissen und Begegnungen der zwei unterschiedlichen Frauen, auch was sie bei ihrer Suche quer über die Insel erleben. Etwa ab der Mitte des Romans ahnt man, was sich ereignet haben könnte, das mindert aber die Spannung nicht. Eine Lieblingsfigur habe ich ehrlich gesagt nicht gefunden, mal ist es Gabby, die mir gefällt, mal ist es Isabella. Meine Sympathie teile ich vor allem unter den Detectives Miguel Álvarez und David Raña auf, auch der junge Coquí bekommt sie.
Fazit: ein Familienroman, angereichert mit einem Krimi, der in eine ungewohnte Region blicken lässt, und der zeigt, dass DNA wirklich nicht alles ist in einer vertrauensvollen Familie. Gut lesbar, spannend und empfehlenswert!

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Veröffentlicht am 30.10.2025

Die Vergangenheit so dunkel wie die Gegenwart

Adama
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Adama ist schwer zu bewerten. Ein Buch voller Blut, Gewalt, Liebe, Rache, Tränen und Verrat. Ich habe vom Autor Lavie Tidhar bisher noch nichts gelesen, aber von seinem preisgekürten Bestseller aus dem ...

Adama ist schwer zu bewerten. Ein Buch voller Blut, Gewalt, Liebe, Rache, Tränen und Verrat. Ich habe vom Autor Lavie Tidhar bisher noch nichts gelesen, aber von seinem preisgekürten Bestseller aus dem letzten Jahr habe ich natürlich schon gehört. Tidhar nimmt in seinem neuen Krimi wiederum die Geschichte Israels ins Visier.
Beginn und Ende des Romans schließen die Geschichte ein wie eine Schraubzwinge, Hanna verliert ihre Mutter Esther an den Krebs, ihr Erbe ist eine alte Teeschachtel mit Fotos. Sie verlässt mit dieser Schachtel die Wohnung der Mutter, und es entfaltet sich danach ihre Familiengeschichte anhand von Episoden, die nicht in zeitlicher Reihenfolge erzählt werden, aber alle ineinander übergehen wie Zahnräder. So lernt man zuerst Lior kennen, den Enkel von Ruth. Ruth ist eine ungarische Jüdin, die wie ihre Schwester Shoshana den Holocaust überlebte und in Israel, im Kibbuz Trisham, nach dem Krieg einen Neuanfang wagt. Der Unterschied zwischen beiden ist die Tatsache, dass Ruth vor den Nazis rechtzeitig aus Budapest fliehen konnte, Shoshana und die Familie aber verraten und nach Auschwitz deportiert wurden. Shoshana überstand Auschwitz, die Eltern wurden ins Gas geschickt. Der Bruder Yehoyakim ist vorerst verschollen. Auf ganz unterschiedlichen Wegen und mit großen Schwierigkeiten verbunden kommen alle drei nach Palästina. Besonders Shoshanas Erlebnisse im DP-Lager und auf der Überfahrt sind haarsträubend und erschreckend. Sie kommt mit einem furchtbaren Geheimnis in die neue Heimat. Aber auch Ruth hat ihre Geheimnisse und tragischen Momente.
Das Leben, das für die Kibbuzbewohner völlig normal war, ist für den Leser, der über diese Lebensform, die einer kommunistisch-maoistischen Weltanschauung zugrunde liegt, nur wenig weiß, sehr schwer zu begreifen. So ist es nicht verwunderlich, dass Kinder derer, die die Kibbuzim aufbauten und am Leben erhielten, sich abwenden wollen, aufbegehren und zum Teil auch kriminell werden.
Die notwendigste Erzählung im Roman gilt jedoch der blutigen Geburt des Staates Israel. Das Buch endet 2009, aber die Probleme, die wir heute laut und deutlich jeden Tag in den Nachrichten hören, sehen, lesen, die sind eher schrecklicher geworden. Das Palästinenserproblem ist nicht gelöst, die Siedlungspolitik Israels fordert Kritik und Gegenwehr geradezu heraus usw. Die Ereignisse des 7. Oktober 2023 hätten auch in den Roman einfließen können, aber er endet ja 2009, trotzdem spürt man das Massaker als bedrohliches Wissen, als eine Art Vorahnung auf jeder Seite. Im Roman kann man die Entwicklung dorthin minutiös beobachten. Auge um Auge.
Trotzdem hat der Roman anziehende und wohl austarierte Szenen der Liebe, auch der Liebe zu den Kindern. Ruth hat immer wieder das Bedürfnis, ihren kleinen Yoram an sich zu drücken, zu küssen und ganz für sich zu haben. Das ist konträr zum Kibbuz-Reglement. Die Kinder sind im Kinderhaus, fern von einem heimeligen Zuhause. Und so muss Ruth immer wieder Stärke zeigen, Herzlosigkeit, Hass, Vergeltungsfantasien beeinflussen ihr alltägliches hartes Dasein. Diese Härte zieht sich durch das ganze Buch, Ruth kann nicht mehr weich werden, nur schwach und alt.
Der Roman entwickelt einen fatalen Sog, ich konnte ihn zum Schluss kaum aus der Hand legen. Einige Rezensenten bezweifeln, ob es ein Thriller ist. Ich neige zu einem Ja, auch wenn es ein Roman mit tiefem historischem Hintergrund ist, hat Tidhar wesentliche Handlungsstränge als Thriller angelegt. Seien es die Erlebnisse von Shoshana im DP-Lager oder Ruths Rachegelüste oder Liors Vergeltungsaktion, immer fließt Blut, ist Gewalt vordergründig. Und das sind nur einige Beispiele.
Aber ich sehe das Buch auch als einen historischen Roman an, es wird vieles angerissen, die vielen Kriege, Attentate, Israel, das Land, das seit seiner Gründung nicht zur Ruhe kommt. Israel, in dem Adama jedem Israeli ins Herz und Hirn gebrannt ist. Zitat: „»Es gibt kein A-d-a-m-a ohne d-a-m«, hatte ihr [Shoshanas] erster Lehrer stolz erklärt. »Dam« war Hebräisch und bedeutete Blut. Kein Land ohne Blut.“
Normalerweise findet man in einem Roman immer eine Lieblingsfigur, einen Protagonisten, mit dem man sich identifizieren kann. Das gelang mir nur teilweise. Shoshana, genannt Shosh, war es für mich geworden. Sie, die so hart gegen andere und sich selbst ist, zeigt in der schwierigsten Episode ihre Menschlichkeit. Das hat mich sehr gerührt.
Aber da sind auch Moritz, ihr Freund aus dem Lager, Yael, ihre Tochter, oder Ophek, der Zauberer, ihr Neffe, Esther, die so gern weit weg wäre, Yoram, Dov, Danny, jeder mit einer Geschichte, die für mehr als einen Menschen reichen würde. Tidhar ließ mich alle kennenlernen, bewundern oder verabscheuen. Ruth bildet immer den Mittelpunkt, egal ob geliebt oder gehasst. Ich konnte sie nicht mögen, allein die Vorstellung, dass meine Mutter in einem solchen Kibbuz unter dem Regime von einer solchen Ruth hätte leben müssen, bringt mich um den Schlaf. Meine Mutter ist 1945 nicht ausgewandert, sie blieb in Deutschland, vor allem, weil sie nicht hebräisch konnte. Nach der Lektüre dieses Buches kann ich nur sagen: Welch ein Segen.
Der Autor machte es mir auch nicht gerade leicht mit seinen vielen – oftmals miteinander verwandten – Protagonisten, mit den schnell wechselnden Ereignissen und den Geheimnissen, die sich immer und überall verbargen. Ein Personenregister zu Beginn hätte die Verwirrung etwas mindern können. Auch einem Thriller hätte am Ende als Anhang ein kurzer geschichtlicher Abriss mit den wichtigsten Daten Israels gutgetan. Obwohl ich mich oft und eingehend mit Israel, dem Holocaust und der jüdischen Geschichte beschäftige, habe selbst ich nicht alle Daten im Kopf. Einige Seiten Platz wären noch gewesen, wenn man auf die Anzeigen (außer auf die für „Maror“) verzichtet hätte.
Das Coverbild und die gesamte Covergestaltung gefallen mir gut, aus Blut und Gewalt sehe ich ein Land wachsen, das ich sehr liebe und verehre. Der Zitate von Junot Díaz und Catriona Ward hätte es nicht bedurft, ich habe schon nach dem Lesen der Verlagsankündigung gewusst, das ist „mein“ Buch. Dass die Lobeshymnen dann auch noch auf der Rückseite des Umschlags weitergehen, ist überflüssig, erinnert an amerikanische Krimis, bei denen oftmals die ersten Seiten der Bücher mit solchen Lobeshymnen bedruckt sind oder dem Titelbild kaum noch Platz geben. Da hätte eine kurze Inhaltsangabe mehr Wirkung gehabt.
Fazit: ein historischer Roman, ein Familienroman, ein harter Thriller – das alles ist Israel, das ist Adama. Lesenswert, empfehlenswert, aber nichts für schwache Nerven.

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Veröffentlicht am 29.10.2025

Zehn nach neun ist fast so schlimm wie fünf vor zwölf

Was du siehst
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Der Roman von Laura Maaß spielt vorrangig in einem nicht benannten kleinen Ort auf der ostdeutschen Elbseite, bis zur Elbe darf niemand, fürs Dorf benötigt man Zuzugsgenehmigung oder Beziehungen, am Besten ...

Der Roman von Laura Maaß spielt vorrangig in einem nicht benannten kleinen Ort auf der ostdeutschen Elbseite, bis zur Elbe darf niemand, fürs Dorf benötigt man Zuzugsgenehmigung oder Beziehungen, am Besten beides. Also ruhig und abgeschieden ist es dort, trotzdem spielen sich Dramen ab. Die junge Ruth Winkler kommt Ende der 1960er-Jahre plötzlich aus Berlin, wohnt - später mit Baby Jule - dann bei ihrem Onkel in der Schulhausmeisterwohnung. Wenn es zu kalt wird im Winter, kann man bei Frieda Quartier nehmen, dort ist es nicht nur wärmer, auch gemütlicher. Ruth war in Berlin das, was man nicht angepasst nannte, sie trennte sich zudem von ihrem Verlobten und ihr neuer Freund, Fotograf und ein "Staatsfeind" mit blauen Augen und kupferrotem Haar, verschwand von der Bildfläche, ehe er erfuhr, dass er Vater wird. Ruths Vater, ein SED-Bonze, hatte Angst um seine Reputation und schickte sie zu Arthur Winkler, eben jenem Hausmeister am Rande der DDR.
Im Dorf lebt zur gleichen Zeit die Familie von Andi. der genauso alt ist wie die kleine Jule. Beide wachsen zusammen auf, werden Teil dieses Dorfes und sind untrennbar miteinander verbunden. Frieda ist der absolute Ruhepol für die Kinder und Arthur, wie auch für den Roman. Lange muss man warten, bis man erfährt, warum auf der Uhr von Andis Vater Heinrich immer die Zeit zehn nach neun angezeigt wird. Ein Schicksalsschlag wie viele andere, das ist wohl das Markenzeichen dieser Dorfbewohner, jeder der Protagonisten hat sein Päckchen zu tragen.
Dass die unzertrennlichen Freunde und Liebenden Jule und Andi sich dann doch auf unterschiedliche Wege begeben, das ist schmerzlich, aber sie bleiben über ihr Spiel "Ich sehe was, was Du nicht siehst" trotzdem immer verbunden.
Das Buch nimmt Fahrt auf, bis die Wende kommt und sich alles ändert. Auch die Geschwindigkeit des Buches. Sieben lange Jahre versucht Jule ihren Vater in der weiten Welt zu finden. Auch für einen fiktionalen Roman etwas langgezogen. Ob sie ihn findet, das muss jeder Hörer oder Leser selbst herausbekommen.
Ich bin in der DDR aufgewachsen und kann vieles, was erzählt wird, durchaus bestätigen. Wobei der Unterschied zwischen Berlin und diesem Dorf selbst zu DDR-Zeiten nicht größer gewesen sein könnte. Auch um Berlin war die Mauer, aber das Dorf war im Nirgendwo. Wenn da mal Westbesuch auftauchte, war es ein Ereignis, so wie Bananen oder Orangen. Aber das liebevolle Miteinander hat wohl einiges aufgewogen. Sehr eindrücklich auch der Schneewinter 1978/1979 mit seinen unvorhersehbaren und dramatischen Ereignissen.
Laura Maaß berichtet liebevoll von diesem Dorf an der Elbe, die Figuren sind sehr unterschiedlich und interessant charakterisiert. Jules Verhalten z. B. ist schon recht extrem, der Charakter von Andi ist genau das Gegenteil, duldsam und ruhig.
Ich bin kein Liebhaber der geschlechtergerechten Sprech- und Schreibweise, ab und an nervte mich das beim Hören etwas. Der Vortrag von Heike Warmuth hat mir recht gut gefallen, aber sie müsste etwas genauer lesen. Zu viele verschluckte Endungen habe mich doch etwas gestört, obwohl sie aus den Protagonisten echte Menschen machte durch ihre empathische Art.
Fazit: Eine Dorf- und Familiengeschichte, die sich über rund 40 Jahre erstreckt und Leser wie Hörer mit in eine vergangene und beinahe vergessene Zeit und Gegend führt. Empfehlenswert.

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Veröffentlicht am 22.10.2025

Mama! Jetzt reicht es aber!

Vielleicht ist die Liebe so
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Katja Früh war bisher als Schweizer Schauspielerin, Regisseurin und Dramaturgin bekannt, jetzt ist sie auch Schriftstellerin geworden. Sie ist nur ein Jahr älter als ich und hat mit „Vielleicht ist die ...

Katja Früh war bisher als Schweizer Schauspielerin, Regisseurin und Dramaturgin bekannt, jetzt ist sie auch Schriftstellerin geworden. Sie ist nur ein Jahr älter als ich und hat mit „Vielleicht ist die Liebe so“ doch recht spät ihr Erstlingswerk vorgelegt. Sie erzählt die tragikomische Geschichte von Anja und ihrer Mutter in der Ich-Form, so dass sich beim Lesen schnell eine geradezu persönliche Nähe aufbaut. Anja ist Mitte 40, war einmal Schauspielerin und arbeitet nun in einer Bar. Das Verhältnis zu ihrer dominanten Mutter ist „mittelprächtig“, am besten immer dann, wenn sie ihrer Mutter zustimmt. Mutter-Tochter-Verhältnisse sind nicht selten sehr emotional und nervenaufreibend, was aber Anja widerfährt, das ist schon recht ungewöhnlich. Die von mir gewählte Überschrift ist ein Zitat aus dem Kapitel 44.
Ihre Mutter teilt Anja bei einem gemeinsamen Essen lakonisch mit, dass sie gedenkt, am 18. Februar um 16 Uhr Suizid zu begehen, begleitet natürlich von Ärztin und Anwalt. Alles sei entschieden, da gibt es nichts mehr zu diskutieren. Sagt die Mutter. Anja ist dermaßen schockiert, dass ihr eigenes Gleichgewicht von dieser Minute an noch gestörter ist, als es das schon vorher war. Sie ist in psychiatrischer Behandlung, nimmt Medikamente gegen Schlaflosigkeit, Depressionen und Angstzustände. Nun kämpft sie nicht nur gegen all diese Beschwerden, sie versucht auch die Panik zu beherrschen vor jenem ominösen Datum. Als sie erkennt, dass sie die Mutter nicht umstimmen kann, beruhigt sie sich etwas und ist auch zu kleinen Hilfsdiensten bereits. Nur der von der Mutter geforderte Tod des Hündchens Anton geht ihr nicht so leicht von der Hand. Sie sucht sich Hilfe an der unsichersten Stelle ihres Lebens, bei ihrem Ex-Lover und Immer-noch-Freund Carlos. Freiwillige moralische Unterstützung erfährt sie eher in der Bar, von Stammgästen wie vom Personal. Aber erst Nelly, die engste und langjährigste Freundin der Mutter, kann ihr etwas Trost und Ruhe spenden.
Anja ist geplagt von Schuldgefühlen, nicht nur in Hinsicht auf ihre Mutter, sondern auch auf ihren Vater, der viel zu früh und als Alkoholiker verstarb. Die Mutter übergeht jegliches Bemühen von Anja, sich über alles, was sie bedrückt, auszusprechen. Später wird sie in Benjamin, dem Sohn von Nelly, endlich jemanden finden, der länger als zehn Minuten zuhört. Mehr zum Inhalt will ich nicht preisgeben. Es geht noch recht abwechslungsreich zu, das kann ich verraten.
In Anja kann ich mich an mancher Stelle sehr gut hineinversetzen, gerade die Auseinandersetzung mit dem (geplanten) Suizid eines geliebten Menschen ist höchst emotional. Es ist eine Tatsache, dass man so manchem, der es versucht hat und gegen seinen Willen gerettet wurde, sehr gegönnt hätte, friedlich zu sterben. Bei Anja ist das Gegenteil der Fall, ihre Mutter ist nicht sterbenskrank oder dement, sie will es nur nicht erleben. Dieser exzessive Hang zur Selbstbestimmung ist ungewöhnlich, aber ich kann ihn nachvollziehen. Da Anjas Mutter offensichtlich zu Exzentrik neigt, war der Satz „Ich liege im Sarg und will dabei nicht aussehen wie eine Hausfrau aus Buxtehude.“ tatsächlich so etwas von befreiend, ich konnte mir diese Frau vorstellen wie eine Filmdiva, schick, mit Zigarettenspitze und langem Kleid, immer auf Aufmerksamkeit bedacht. Und musste doch lachen. Da wollte sie wohl am Ende nichts dem Zufall überlassen. Wie ihr das gelingt, ist köstlich zu lesen und traurig zugleich.
Anja wird ein ganzes Buch lang als eine nicht mehr ganz junge Frau mit fürchterlichen Minderwertigkeitskomplexen gezeichnet. Aber die Formulierung „… und ich fühlte mich gemeint …“, die hätte sich die Autorin gern sparen können. Diese Talk-Show-Attitüde ist doch sehr abgedroschen. Viele Mal kommt in der einen oder anderen Form zum Ausdruck, dass, wenn sie, Anja, anders wäre, wäre alles gut. Aber so einfach ist es nicht. Auch das ständige Wiederholen, dass sie sich bei Nelly immer viel wohler und willkommener als bei ihrer Mutter gefühlt hat, ging mir etwas auf die Nerven. Hier hätte das Lektorat ab und an noch kürzen können, um den notwendigen Spannungsbogen nicht so zu überdehnen.
Ich habe das E-Book gelesen, kann deshalb zur Typografie nichts schreiben. Das Cover ist ansprechend, der Orange-Ton des kleinen Schmuckkissens hat eine beruhigende Wirkung, man muss nicht gleich aufs Schlimmste gefasst sein, wenn man zu diesem Buch greift. Und doch ist da eine Leerstelle, es fehlt eine Perle zur Symmetrie. Vielleicht ist die Liebe so.
Fazit: Ein Roman, der eine Geschichte erzählt, die so oder ähnlich überall passieren könnte. Dem Thema betreuter Suizid wird ein wenig der Mantel des Schreckens genommen. Lesenswert, aber ein bisschen langgezogen.

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Veröffentlicht am 20.10.2025

Englischer Humor trifft auf Ganoven

Der Donnerstagsmordclub und der unlösbare Code (Die Mordclub-Serie 5)
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Seit "Ein Teufel stirbt immer zuletzt" hat Richard Osman seine Fans fast zwei Jahre warten lassen, nun kann man sich mit Vergnügen dem 5. Band und den Donnerstagsmordclubermittlungen zuwenden. Der Stil ...

Seit "Ein Teufel stirbt immer zuletzt" hat Richard Osman seine Fans fast zwei Jahre warten lassen, nun kann man sich mit Vergnügen dem 5. Band und den Donnerstagsmordclubermittlungen zuwenden. Der Stil von Osborn ist unverändert, entweder man mag ihn oder nicht. Ich habe mich unterdessen sehr an die beiden Sprecher, Johannes Steck und Beate Himmelstoß, gewöhnt. Eigentlich könnte ich schon fast mitsprechen, denn was als nächstes kommt, das weiß man schon, "er sagt" oder "sie sagt" oder ähnliches, das wird so lakonisch vorgetragen, dass man über diese sinnbefreiten Blödeleien tatsächlich noch lachen kann.
Die Story um den unlösbaren Code ist reichlich verworren, ob am Ende eine Lösung naht oder der 6. Band schon am Horizont erscheint, wer weiß. Ich verrate es nicht.
Fazit: unterhaltsamer Zeitvertreib, englischer Humor, drei Sterne für die Geschichte, ein Extrastern für die Interpreten.

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