Profilbild von Jumari

Jumari

Lesejury Star
offline

Jumari ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Jumari über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 06.12.2025

Spannende Spurensuche – ergreifende Schicksale

Hilde und Robin
0

Vor knapp einem Jahr habe ich den ersten Roman der freien Autorin Rachel Soost gelesen und unter dem Titel „Eine unvergessliche Liebesgeschichte“ rezensiert, schon damals war die Geschichte von „Bernie ...

Vor knapp einem Jahr habe ich den ersten Roman der freien Autorin Rachel Soost gelesen und unter dem Titel „Eine unvergessliche Liebesgeschichte“ rezensiert, schon damals war die Geschichte von „Bernie und Luise“ für mich eine besondere Entdeckung. Schon Monate vor dem langersehnten Veröffentlichungstermin am 27. November 2025 verfolgte ich die Entstehungsgeschichte des zweiten Teils der geplanten Trilogie auf dem Instagram-Account @SchwarzGrauBunt und in persönlichen Mails. Denn seit dem ersten Buch hat sich eine liebevolle Brieffreundschaft entwickelt, die ich sehr schätze. Jetzt die Rezension zur Geschichte von „Hilde und Robin“ zu schreiben, fällt mir gar nicht so leicht. Ich bin auch von diesem Buch wieder begeistert, nun könnte ich viele Absätze der ersten Rezension noch einmal schreiben oder einfach hier hineinkopieren. Das werde ich aber nicht tun, sondern einige neue Gedanken äußern.
Ich habe seit dem 7. Oktober 2023 immer mehr das Gefühl, dass sich gerade jüdische oder jüdischstämmige, sich vollkommen fremde Menschen sehr viel näherkommen, als das vor einigen Jahren noch der Fall war. Ich glaube, es gibt eine innere Verbundenheit, die nun nicht mehr nur durch den Holocaust, sondern auch durch das Hamas-Massaker und die Folgen im täglichen Leben ständig weiterentwickelt und wieder erneuert wird.
In diese Situation hinein ist der Roman geschrieben, er vermittelt aufs Eindringlichste jene oben genannte Verbundenheit, aber auch die Solidarität von nichtjüdischen Personen, die ungeachtet der Gefahren zu helfen bereit waren und auch heute sind.
Robin, er ist das Glückskind der Familie Smedresman, er ist derjenige, der gutes Geld verdient als Vertreter in der Modebranche, und der in der Lage ist, seiner Mutter Chana ein sorgenfreies Leben in einer Genossenschaftswohnung zu ermöglichen. Robin, er ist derjenige, der am längsten zögert, Deutschland zu verlassen, der gern die Augen verschließen möchte vor dem Nationalsozialismus nach der Machtübernahme, der seinen Bruder Bernie und dessen Frau bei der Auswanderung schon 1935 unterstützt, daraus aber nicht die richtigen Schlüsse zieht. Robin lernt Hildegard kennen zu einer Zeit, als der Judenhass noch lange nicht seinen Gipfel erreicht hat. Hildegard, aus gutem, aus protestantischem Hause, wird seine große Liebe. Als die Nürnberger Gesetze normales jüdischen Leben fast vollkommen verhindern, begreift auch er langsam, dass er in Deutschland nicht mehr sicher ist. Und dass sein Traum von der Hochzeit mit Hilde in Deutschland geplatzt ist. Wie viele andere Juden hofft auch Robin immer noch, dass sich alles wieder zum Guten wenden wird. Ein fataler, ja tödlicher Irrtum.
Rachel Soost hat ihren Roman mit einem literarischen Kunstgriff zu einem heutigen Ereignis gemacht. Ihre erfundenen Protagonisten Frederike und Sören sind die Spurensucher in der Gegenwart, ihre Eheprobleme treten in den Hintergrund und beide recherchieren mal allein, mal gemeinsam, nachdem Frederike versteckte Dokumente von Hilde entdeckt hat. Diese Art der Verknüpfung von Vergangenheit und Gegenwart hat mir sehr gut gefallen, auch lässt sich dadurch ein wenig die Recherche der Autorin, oft begleitet von ihrem Mann, nachvollziehen. Mein Mann wäre auf jeden Fall auch mit mir nach Belgien oder Frankreich gefahren, um Originalschauplätze zu sehen, dieser Gedanke verbindet mich noch mehr mit der Autorin. Die Besuche von Frederike und Sören auf den beiden jüdischen Friedhöfen erinnerte mich jedenfalls sehr an meine eigenen Erlebnisse, einschließlich der Befreiung eines fast unsichtbaren Grabsteins aus dem Gestrüpp. Vieles bei uns verläuft und verlief ähnlich bei der Familienforschung wie bei der Autorin.
Hilde wird in diesem Roman die eigentliche Hauptfigur, sie ist diejenige mit dem stärksten Willen, sie lässt sich durch nichts und niemanden von ihrer Liebe zu Robin abbringen. Was sie alles durchzustehen hat, das muss jeder selbst lesen. Ich will das Ende nicht schon vorwegnehmen.
Der Roman liest sich gut, die Kapitel sind nicht zu lang und die Klammer der Recherchen von Frederike und Sören hält das Geschehen gut zusammen. Für mich war es trotzdem schwer, den Roman unbefangen zu lesen, ich wusste schon vorher zu viel, dabei hatte ich es aber tatsächlich vermieden, bereits erschienene Rezensionen zu lesen, um zumindest unbeeinflusst für mich selbst sprechen zu können. Das war auch ein Härtetest. Auch den Beitrag der Wohnungsbaugesellschaft im Mitgliederheft „Charlotte07“ habe ich nur zur Hälfte gelesen, Robins Schicksal, dort noch einmal dokumentiert, habe ich mir aufgehoben. Die Stolpersteinverlegung ist jedenfalls aus meiner Sicht ein Höhepunkt der Recherchearbeit der Autorin. Ich weiß, wie emotional das ist, freue mich gleichzeitig darüber.
Besonders gut gelingen der Autorin im Übrigen Dialoge, diese erscheinen sehr natürlich und bringen dem Leser die Situationen sehr anschaulich nahe. Das offene Ende bahnt nun den Weg zu Bernhards und Robins Bruder Alfred, genannt Freddy, und seiner Frau Helene, die man beide in diesem Roman schon etwas mehr kennenlernt. Ich werde mir auch den dritten Band der Trilogie nicht entgehen lassen, freue mich auf die Fortschritte, die ich vielleicht mitverfolgen kann auf Instagram.
Wie schon beim ersten Teil ist das Cover aus meiner Sicht viel romantischer als der Inhalt, im Roman hatte ich nur einmal das Gefühl, dass eine Situation etwas zu pathetisch geschildert wurde. Ich würde wahrscheinlich im Buchladen nicht auf den Gedanken kommen, zuzugreifen, es sei denn, ich hätte den Untertitel gelesen: Die vergessene Geschichte einer jüdischen Familie. So kann man sich also auch täuschen, wenn man nur oberflächlich hinschaut.
Fazit: wer sich für jüdische Lebensgeschichten und Familiengeschichten im Allgemeinen interessiert, wer die deutsche Geschichte aus einem persönlichen Blickwinkel miterleben will, dem empfehle ich diesen Roman sehr.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 20.11.2025

Gott hatte eine große, schreckliche Pause gemacht.

Wenn ich eine Wolke wäre
0

Mascha Kalėko hadert mit ihrem Gott, und doch wird sie glückliche Momente in ihrem Leben finden, denn sie erkennt „Schicksal muss man annehmen.“ Volker Weidermann erkundet ihre Wege, besonderes Augenmerk ...

Mascha Kalėko hadert mit ihrem Gott, und doch wird sie glückliche Momente in ihrem Leben finden, denn sie erkennt „Schicksal muss man annehmen.“ Volker Weidermann erkundet ihre Wege, besonderes Augenmerk liegt auf dem Jahr 1956, dem Wahnsinnsjahr für Mascha, die endlich wagt, ihr verlorenes, verlassenes Land und ihren Sehnsuchtsort Berlin zu besuchen. Und die Literaturgeschäfte will sie natürlich auch wieder ankurbeln. Daraus wurde ein Buch, das bis zur letzten Seite fesselt. Aber so weit bin ich hier noch nicht.
Vor ein paar Tagen fiel mir zufällig ein Interview auf, das die Jüdische Allgemeine (online am 08.11.2025) mit Volker Weidermann führte. Für mich von großem Interesse, weil ich den Buchspuren dieses Autors schon länger folge, nach Mexiko wegen Anna Seghers, nach Oostende wegen der Literaten, ans Meer mit Thomas Mann. Immer habe ich seine Bücher gern gelesen, sie haben mein Literaturinteresse immer weiter gesteigert. Nun also Mascha Kalėko. Schon die Entstehungsgeschichte dieses Buches hat mich beeindruckt, ist der Inhalt, insbesondere was die Deutschlandreise betrifft, doch das Ergebnis der intensiven Rezeption von Kalékos Briefen an ihren Mann Chemjo in New York. Die jüdische Lyrikerin Mascha Kaléko war 17 Jahre zuvor mit ihrem Ehemann und dem zwei Jahre alten Sohn in die USA emigriert, gerade noch rechtzeitig, gerade noch mit Affidavit ausgestattet, die Eltern und Geschwister waren schon in Palästina, nur ihre Schwester Lena (Puttel) in der Sowjetunion. Eine zerrissene Familie, zerrissene Lebenläufe, aber gerettet.
Chemjolein, wie sie ihren Ehemann liebevoll nennt, musste doch all ihre Sehnsüchte, Erlebnisse, Ärgernisse und ihr überbordendes Talent nicht nur in natura, sondern auch auf Papier aushalten. Dass sie ihn manchmal wohl auch eifersüchtig machte, nahm sie gelassen. Wie an ihm die Elogen der fremden Herren nagten, gibt er nicht preis – seine Briefe sind verbrannt. In dem genannten Interview erzählt Weidermann ganz zum Schluss, wie es zu der Widmung „Für Mascha“ gekommen ist, und genau an dieser Stelle wusste ich, dass ich das Buch unbedingt lesen wollte. Ein paar Tage später konnte ich starten.
Der Schreibstil Weidermanns widersetzt sich meinem Gehirn des Öfteren, in meinen Gedanken bin ich schon voraus, am Satzende muss ich feststellen, dass er ganz anders formuliert hat, als ich es in Gedanken tat. Aber das lesende Gehirn gewöhnte sich. Ich habe das E-Book gelesen und festgestellt, dass es zwischen der Kindle-App und der iBook-App einige Unterschiede in der Formatierung gab. Was mich aber in beiden störte, lag nicht am Satz, sondern am Autor. Er zitiert mehrere Male Gedichte im laufenden Text, Zeilenumbrüche werden nur durch Schrägstriche markiert. Ich weiß, dass das die übliche Art der Zitierung von Gedichten ist, aber ich hätte wesentlich lieber auch diese Gedichte in ihrer ursprünglichen Form gelesen. Gerade der Zeilenfall ist bei Mascha Kaléko doch Bestandteil ihrer Kunst.
Die Lebens- und Liebesgeschichte von Mascha Kaléko war mir in Teilen schon gut bekannt, vor Jahren habe ich die Biografie von Jutta Rosenkranz gelesen, erst im Frühjahr den Roman Die Liebe der Mascha Kaléko von Charlotte Roth als Hörbuch gehört. Weidermanns neues Buch passt mitten hinein, erzählt von so vielen Begebenheiten, die ich noch nirgends erfahren hatte, einfach fantastisch, diese Fülle an Leben. Hinzu kommt, dass ich mir die beiden rororo-Büchlein Das lyrische Stenogrammheft und Verse für Zeitgenossen gekauft habe, ich musste sie unbedingt beide haben, obwohl mir das Stenogrammheft viel besser gefällt: nur beide zusammen ergeben auf den Covern aber ihr ganzes Gesicht. Das ist übrigens ein kluger Marketingtrick, mit Speck…
Das Leben hält für Mascha Kaléko auch in den 1950er Jahren nicht nur Rosen bereit, sie erfährt viel Ablehnung, aber sie lehnt auch ab, nämlich den Fontane-Preis, von einem Nazi wollte sie den nicht entgegennehmen. Hochachtung! Einen weiteren Literaturpreis hat man ihr nie mehr angetragen.
Sehr aufschlussreich sind die Wochen, in denen Chemjo sie im Sommer 1956 für kurze Zeit in Deutschland besucht. Es gibt zwar keine Briefe, aber manches hat sich doch überliefert. Auch, dass zwei so egozentrische und künstlerisch begnadete Menschen in einem kleinen Doppelzimmer nur schwer miteinander auskommen. Ihr Ruf zum Abschied ist „Ich brauche Dich. Wenn auch nicht von früh bis spät!“.
Sehr gut gefallen haben mir Weidermanns „Abschweifungen“ zu anderen Schriftstellern, zu Verlegern oder Lektoren. Zum Beispiel der Nachruf auf Franz Hessel! Einfach wunderbar. Was Mascha Kaléko in Berlin noch widerfährt, was sie aus dem Gleichgewicht bringt, drüber lasse ich hier nichts verlauten. Spoiler verderben die Lesefreude.
Und dann reist Mascha Kaléko weiter, wird endlich bis Ascona kommen, wird berühmte und weniger berühmte Menschen treffen, u. a. Erich Maria Remarque, Autor von Arc de Triomphe, der das Emigrantenleben so drastisch beschreibt, wird sich nach ihrem Mann verzehren, auch nach ihrem Sohn, wird klamm sein und bisweilen ungehalten, wird Berlin lieben und gleichzeitig manch Deutsches hassen. So manche Verklärung aus der Erinnerung löst sich auf. Weidermann nimmt den Leser überall mit, lässt ihn ganz tief hineinschauen in den schwarzen Brunnen ihrer Leidenschaften. Das macht mir das Buch so wertvoll, es ergänzt die Gedichte, die ich immer in Reichweite in meinem Schlafzimmer habe. Hier schließt sich für mich der Kreis. Im „Dank“ löst Weidermann dann aber das Rätsel um die Widmung doch nicht ganz auf „(für) Mascha, der das Buch gewidmet ist und die wirklich keinen besseren Namen tragen könnte als diesen.“
Das gut gelungene Cover, das verwendete Foto und der passende Titel Wenn ich eine Wolke wäre werden jeden Literaturfreund im Buchladen zugreifen lassen.
Wie hält man sich an Wunder, wenn sie ausbleiben? Wie weckt man Gott, wenn er wieder schläft? Das fragt der Autor nicht umsonst, vielleicht sind es Mascha Kalékos Gedichte, die helfen, Gott zu wecken und Wunder zu bewirken. Danke, Herr Weidermann. Ich freue mich auf Ihr nächstes Buch.
Fazit: Mascha Kalékos erste Reise nach Europa, 17 Jahre nach der Emigration, ist ein Abenteuer, dass sich kein Literaturfreund entgehen lassen sollte. Es lässt tief in die verletzte und verletzliche Seele dieser Ausnahmelyrikerin schauen. Trotz meiner kritischen Anmerkungen gebe ich gern 5 Sterne für dieses gelungene Buch!
Diese Rezension gibt meine persönliche Meinung wieder und ist ohne KI erstellt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 16.11.2025

Die Herberge der verlorenen Herzen

In den Scherben das Licht
0

Obwohl ich noch nie ein Buch von Carmen Korn gelesen habe, griff ich nach dem Lesen des Klappentextes sofort zu. Ich habe die unmittelbare Nachkriegszeit nicht erlebt, bin geboren, als das Schlimmste überstanden ...

Obwohl ich noch nie ein Buch von Carmen Korn gelesen habe, griff ich nach dem Lesen des Klappentextes sofort zu. Ich habe die unmittelbare Nachkriegszeit nicht erlebt, bin geboren, als das Schlimmste überstanden war in den deutschen zerbombten Großstädten, aber ich habe noch Ruinen, Lebensmittelmarken und Mangel kennengelernt. Ich habe mich in den letzten Jahren vielen Büchern über den Nationalsozialismus und den Holocaust, Krieg, Flucht und Vertreibung gewidmet. Die Nachkriegszeit ist etwas zu kurz gekommen. Mit diesem Roman habe ich für mich diese Lücke etwas schließen können.
Die Geschichte, die Protagonisten, deren Lebenswege haben mich sehr bewegt. Hamburg, in dessen Speckgürtel ich lebe, ist mir ein wenig nähergekommen, manches betrachte ich beim nächsten Besuch vielleicht mit anderen Augen. Carmen Korn hat ein lebendiges, authentisches Kaleidoskop erschaffen, mit ihrem Roman schaut man als Leser in die Abgründe, die der Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg hinterlassen haben. Bombentrichter in den Städten und in den Seelen der Deutschen, die Täter und Opfer, Mitläufer oder Wegschauer waren. „Wir sind noch einmal davongekommen.“, hört man allenthalben.
Carmen Korn stellt uns, den Lesern, einige dieser Deutschen vor: im Mittelpunkt des Romangeschehens steht Friede Wahrlich, die ehemalige Volksschauspielerin, die zu Kriegsende kaum mehr besitzt als ihr halbzerbombtes Haus, die nicht verbrannten Wintersachen und ein sehr schlechtes Gewissen. Ihr Leben vor dem Hamburger Feuersturm war gut und manchmal etwas ausschweifend, sie hatte Chancen bei den Männern, allen voran Viktor Franke, der jüdische Theaterkritiker, aber auch Palutke, der sich vom Rivalen auf schäbige Weise befreite. Friede wähnt Franke unter den Ermordeten des Ghettos Litzmannstadt. Den Palutke gibt es auch nach Kriegsende noch, einer von denen, der immer auf die Füße fällt. Nur bei Friede kann er nicht mehr landen. Dafür landen bei ihr andere, der 16-jährige Gert, Kriegsteilnehmer der letzten Stunde, nun Kriegswaise und obdachlos. Er kann bei Friede im Keller wohnen, in den ihm nach einem halben Jahr das Mädchen Gisela durchs Fenster hereinfällt. Und bleibt. Wie hart diese ersten Nachkriegsjahre, besonders die Winter, waren, erfährt man hier bei Carmen Korn sehr eindrücklich. Immer wieder frage ich mich, wie würde ich das heute aushalten? Würde ich das überhaupt aushalten? Heutige Berichte über Frauen und Kinder in der bombardierten Ukraine stehen mir vor Augen. Woher kommt immer wieder die Hoffnung, damals wie heute?
Zu Friedes Kreis gehörte und gehört auch Marta, noch nicht ganz 60, also ein paar Jahre jünger als Friede, aber ausgebufft genug, sind bei dieser immer wieder lieb Kind zu machen, sie ist vom „Stamme Nimm“, wie Friede passend sagt. Und sät Zwietracht, wo es nur geht. Zwischenzeitlich bewohnt Marta dann eines der, man glaubt es kaum, im oberen Stock von Friedes Haus neu hergerichteten Zimmer. Ein Künstlerpension sollte es werden, aber es wird eher ein Mehrgenerationenhaus, wie man das heute nennen würde, und die Herz- und Schmerzgeschichten der Bewohner können einen tatsächlich zu Tränen rühren.
Gisela und Gert, die mittlerweile von Freunden zum Liebespaar geworden sind, finden Arbeit und es geht ein bisschen aufwärts. Wenn da nicht die schwelenden Gedanken um das Schicksal der Angehörigen wäre. Dass die Mütter der beiden tot sind, damit finden sie sich ab, aber Gisela sucht ihren Vater, der als Fotograf einer Propagandakompanie an der Front war und Gert hofft noch immer darauf, seine kleine Schwester wiederzufinden. Gisela arbeitet für einen Professor Nast, recherchiert für dessen neues Buch und dieser erweist sich als ein neuer guter Freund der beiden. Dass er sich zufällig auch mit Viktor Franke befreundet, bringt eine besondere Ebene ins Geschehen.
Viktor Franke wiederum hat eine rothaarige Freundin, Marianne, die jahrelang fern von Hamburg an den Münchener Kammerspielen schauspielert. Sie ist nach Friede sein neues „Leitlicht“, aber er wird lange brauchen, um sein angeschlagenes Selbstbewusstsein dieser Frau entgegenstellen zu können. Nast ist ihm auch dabei eine moralische Stütze.
Das Kaleidoskop ist hier noch längst nicht ausgeschöpft, aber ich möchte niemandem durch zu viele Spoiler die Lust am Lesen nehmen. Es lohnt sich wirklich jede Seite bis zum Schluss. Es geschieht Trauriges und Lustiges und Unerwartetes, die Rollen sind gut verteilt.
Carmen Korn wird für diesen Roman viele Recherchen unternommen haben, mir fehlte nach dem Ende des Romans aber doch ein Nachwort der Autorin. Mich würde sehr interessieren, was sie zu diesem Thema Nachkriegszeit geführt hat, ob es vielleicht Tagebücher oder Berichte von Menschen gegeben hat, die dann für den Roman fiktionalisiert wurden. Ich bin gespannt, ob und wie dieser Roman im Feuilleton besprochen oder ob es irgendwo ein Interview mit der Autorin geben wird.
Die Detailgenauigkeit und die emphatische Charakterisierung jedes Protagonisten haben dazu beigetragen, dass ich zeitweise völlig aus meinem wohl behüteten Alltag hinauskatapultiert wurde, mit Gert und Gisela im Keller stand oder am Familienküchentisch bei Frieda saß. Jeder findet ja beim Lesen auch eine Lieblingsfigur, deren Schicksal besonders nahe geht. Für mich ist das Victor Franke, der entrechtete und deportierte Jude, totgeglaubt, in den Gedanken von Friede aber immer wieder auftauchend. Dass er sich nach dem Krieg in Hamburg doch wieder einlebte, arbeitete, verliebt war, nie rachsüchtig, nie auftrumpfend, manchmal melancholisch, fast depressiv, immer am Ende standhaft, das hat mir sehr gefallen. Es erinnert mich sehr an meine Eltern, die zwar vollkommen andere Schicksale erlitten hatten, aber gerade in der Nachkriegszeit die Nazizeit nur mit der gleichen Stärke überstehen konnten.
Fazit: Dieses Buch empfehle ich gern weiter, es liest sich gut, auch wenn es sich vielleicht nicht zur hohen Literatur aufschwingt und keine „Gespräche wie die von Naphta und Settembrini“ (Zitat) hervorbringt, so hat es mich doch von der ersten bis zur letzten Seite begeistert und tief berührt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 04.11.2025

EvilGrandma65 wehrt sich

Evil Grandma
0

Ich habe das Hörbuch gehört: Die norwegische Schriftstellerin Line Baugstø hat mich mit diesem Hörbuch bestens unterhalten. Ihr Roman wird von der Schauspielerin und Sprecherin Silke Buchholz perfekt und ...

Ich habe das Hörbuch gehört: Die norwegische Schriftstellerin Line Baugstø hat mich mit diesem Hörbuch bestens unterhalten. Ihr Roman wird von der Schauspielerin und Sprecherin Silke Buchholz perfekt und humorvoll vorgelesen. Mona, 65, noch berufstätig, die von der Nachricht, dass sie Oma wird, nicht gerade entzückt ist, hat schwer mit den Tücken des Alltags zu kämpfen. Die zwischenzeitliche Beherbergung ihres Sohnes und dessen schwangerer Freundin birgt mehr Konfliktpotenzial, als es gut ist für Mona. Deren kleine Dreizimmerwohnung und ihre Ansprüche an einen normalen Alltag erweisen sich als zu klein. Als sie sich dann auch noch einen Verehrer einfängt, hat sie erst richtig Probleme. Aber sie weiß sich zu behaupten und auf Instagram unter dem Pseudonym EvilGrandma65 wehrt sich sich boshaft und erfolgreich zugleich. Dass Mona nicht auf Enkelkinder steht, auch nicht auf fremde, sei ihr verziehen. Ihre Freundin Annemor hat sozusagen gegenteilige Probleme, sie möchte gerne Enkelkinder, aber wohl keine Chance bei ihrer weltrettenden Tochter. So geht es hin und her in der Geschichte und es wird nicht langweilig. Keine Hochliteratur, aber kurzweilige Unterhaltung. Nicht nur für Ü65.

Fazit: 6 Stunden und 45 Minuten vergehen wie im Fluge, man wünscht Mona alles Gute für die Zukunft. Vielleicht kommt da noch ein zweiter Teil???

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 02.11.2025

Lügen können auch gut sein

Lebensbande
0

Mechtild Borrmanns neuer Roman hat mich von der ersten Seite an gefesselt. Diese Autorin beschäftigt sich seit vielen Jahren in ihren Romanen (Trümmerkind, Feldpost usw.) mit der Zeit des Zweiten Weltkriegs ...

Mechtild Borrmanns neuer Roman hat mich von der ersten Seite an gefesselt. Diese Autorin beschäftigt sich seit vielen Jahren in ihren Romanen (Trümmerkind, Feldpost usw.) mit der Zeit des Zweiten Weltkriegs und mit den Nachkriegsjahren. Sie hat ein hohes Einfühlungsvermögen in die Menschen, über die sie schreibt, denen zum Teil real existierende Personen oder Ereignisse zu Grunde liegen. Ihre Recherchen sind niemals nur einseitig auf etwas gerichtet, sondern untersuchen immer alle Ebenen. So auch hier, in Lebensbande erfährt der Leser nach und nach ein ganzes Geflecht aus Familiengeschichten, Tragödien und Hoffnungen.
Worum geht es? Zeit: Anfang 1991. Ort: Kühlungsborn an der Ostsee. Eine ältere Frau und Witwe erhält Post von der Rentenversicherung. Sie möge ihre Konten vor 1953 klären. Diese Aufforderung bringt ihr bescheidenes und zurückgezogenes Leben ins Wanken. Erinnerungen überfallen sie wie dunkele Schatten. Nein, die Konten klären will sie nicht, dann müsste sie ihr Leben vor 1953 offenlegen, auch das will sie nicht. Aber sie beginnt nachzudenken, besonders, als ein Neffe aus Nürnberg sie übers Rote Kreuz ausfindig macht und Fragen stellen könnte. So beginnt sie in einem Schulheft ihre Erinnerungen niederzuschreiben. Erinnerungen an ihre Cousine und Freundin Lene, an deren Sohn Leo, an ihre treue Freundin Lotte, an einen vermeintlichen Mord, an den Krieg und die Jahre danach. Zwischendurch gehen ihre Gedanken hin und her, sie arbeitet im Garten, kümmert sich um den zugelaufenen Hund, trifft sich mit ihrer Freundin, aber sie ist unruhig und will sich von der Last der Vergangenheit befreien.
Ich habe dieses Buch mit Herzklopfen und Tränen in den Augen gelesen, was Menschen aushalten können, ist geradezu unfassbar. Aber es ist wahr. Ich möchte hier nichts über die Erinnerungen der alten Frau preisgeben, aber ich kann dieses Buch jedem empfehlen, der sich für die Kriegs- und Nachkriegszeit interessiert und einen beeindruckenden Roman über drei Frauenschicksale, die exemplarisch für Tausende stehen, lesen möchte.

Fazit: Mich hat dieser Roman sehr beeindruckt, auch wenn das Cover etwas romantisch daherkommt, verbirgt sich dahinter eine unglaubliche Geschichte. 5 Sterne von ganzem Herzen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere