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Veröffentlicht am 03.11.2025

Fels, Freiheit, Kopfkino

Frei am Fels
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Gutes Buch macht mir beim Lesen die Knie weich — hier war es eher die Vorstellung, wie die Finger an rauem Fels nach Halt suchen. Frei am Fels packt einen nicht, es wirft einen kurz raus und zieht einen ...

Gutes Buch macht mir beim Lesen die Knie weich — hier war es eher die Vorstellung, wie die Finger an rauem Fels nach Halt suchen. Frei am Fels packt einen nicht, es wirft einen kurz raus und zieht einen dann wieder hoch, mit diesem besonderen Alex-Mix aus Bescheidenheit, Biss und leichtem Größenwahn, der aber nie arrogant wird.

Als Klettergeschichte funktioniert das Buch prima: Touren, Routen im 9er-Bereich, dieses permanente Tasten nach dem nächsten Griff — das kommt echt rüber. Technische Exkurse sind sparsam, dafür gibt’s mehr Kopfkino: Tage mit Adrenalin, Nächte mit Grübeleien, das leise Rattern im Kopf, wenn ein Zug nicht sitzt. Ich habe gelacht, ich habe gegrübelt, und an einer Stelle sogar kurz die Luft angehalten, als er von seinem Scheitern bei Olympia erzählt. Das sitzt.

Was richtig gut tut: die Ehrlichkeit. Megos redet Klartext über Essstörung, über die Scham, über das Versagen. Keine Selbsterhöhung, kein heroisches Pathos — das macht ihn nahbar. Und wenn er über Klimaschutz und Nachhaltigkeit spricht, merkt man: Da tickt einer, der nicht nur an den nächsten Gipfel denkt, sondern an die Welt, die er dabei hinterlässt. Respekt dafür.

Kritisch gesagt: Wer einen knallharten Trainingsplan oder detaillierte Technikmeisterklasse will, sucht hier vergebens. An manchen Stellen wünschte ich mir mehr Tiefe in der psychologischen Aufarbeitung — das Thema hat mehr Ecken, die nur gestreift werden. Trotzdem wirkt das Buch nie unfertig, eher wie ein ehrliches Gespräch nach dem letzten Seilwurf.

Locker genug zum Durchlesen, ernst genug, um hängen zu bleiben. Vier Sterne, weil’s packt, weil’s ehrlich ist, und weil ein bisschen mehr innere Arbeit dem Buch noch gutgetan hätte. Aber hey — wer will schon ein komplett durchgekautes Leben? Ein paar schroffe Kanten gehören dazu.

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Veröffentlicht am 02.11.2025

Spuren im Farbenspiel

Girls
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Ein leiser Druck breitet sich im Bauch aus, wenn die letzten Seiten fallen und ich die Welt von Matilda und Nora hinter mir lasse. Kirsty Capes malt keine glatte Geschichte, sondern eine, in der Liebe ...

Ein leiser Druck breitet sich im Bauch aus, wenn die letzten Seiten fallen und ich die Welt von Matilda und Nora hinter mir lasse. Kirsty Capes malt keine glatte Geschichte, sondern eine, in der Liebe weh tut und Erinnerungen wie alte Farbe abblättern. Ingrid Olssen, gefeierte Künstlerin, chaotische Mutter, schwebt wie ein Geist über jedem Kapitel – grell, faszinierend, zerrissen.

Die Reise der Schwestern durch den Westen der USA fühlt sich an wie ein langsamer Atemzug durch staubige Landschaften und alte Wunden. Canyons, die schweigen. Meer, das trägt und gleichzeitig fortspült. Und zwischen all dem zwei Frauen, die zu lange Schatten anderer Erwartungen waren und nun versuchen, ihre eigenen Konturen zu finden.

Die Sprache hat mich oft umarmt und dann wieder gestoßen – warm und roh zugleich. Szenen voller Sehnsucht und salziger Luft treffen auf Rückblenden, die manchmal sprunghaft wirken. Da stolpert der Rhythmus, als ob die Geschichte zu viele Ebenen auf einmal halten möchte. Trotzdem bleibt der Kern stark: Wut, Liebe, Verlust und der stille Wunsch, endlich frei zu atmen.

Zurück bleibt ein Gefühl wie nasse Farbe auf den Fingern – intensiv, klebrig, schwer wegzuwischen. Kein perfektes Buch, aber ein tiefes. Eins, das fragt, wie man weiterlebt, wenn die Vergangenheit noch spricht. Eins, das leise im Hinterkopf bleibt.

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Veröffentlicht am 02.11.2025

Kerzen, Katastrophen und knarrende Böden

Death at Morning House
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Plötzlich auf einer Insel zu landen, weil zuhause eine Kerze ein bisschen… na ja… explosiver war als geplant, klingt wie ein schlechter Sommerwitz. Nur dass der Witz auf Marlowe sitzt und sie jetzt statt ...

Plötzlich auf einer Insel zu landen, weil zuhause eine Kerze ein bisschen… na ja… explosiver war als geplant, klingt wie ein schlechter Sommerwitz. Nur dass der Witz auf Marlowe sitzt und sie jetzt statt Selfies am See Führungen durch ein verfallenes Herrenhaus geben darf. Ferienjob mal anders: weniger Sonne, mehr „Hoffentlich atmet dieses Haus nicht wirklich“.

Das Setting knallt. Alte Villa, salzige Luft, knarzende Dielen, düstere Familiengeschichte – genau die Sorte Location, bei der du nachts leise gehst, obwohl kein Mensch da ist, der meckern würde. Und Johnson hat diesen trockenen Humor drin, der perfekt in die düstere Stimmung schleicht: Mystery, aber mit Augenbrauenwackeln. Gefällt mir. Marlowe selbst? Chaoslevel: sympathisch-lebensnah. Kein Over-Drama, kein Super-Sherlock – eher jemand, der aus Versehen einen Geist entschuldigen würde, falls er ihm ins Gesicht weht.

Der Wechsel in die 30er-Jahre tut der Spannung gut. Die Historie ist genauso brüchig wie die Tapeten im Morning House, und die dunklen Geheimnisse rollen langsam, aber verdammt schwer an. Man spürt richtig dieses „uh-oh, hier stimmt was nicht“. Und ja, ich habe mehrfach beim Lesen geschielt, ob der Schatten im Zimmer nur mein Wäscheständer ist. Spoiler: war er. Glaub ich.

Gibt’s Schwächen? Klar. Manchmal zieht sich die Gegenwart wie Kaugummi am Schuh – man will zu den Geheimnissen, nicht noch einen Sandweg langstapfen. Die Auflösung? Gut, nur hier und da zu brav, als hätte die Story nicht ganz den Mut gehabt, die dunkle Tür komplett aufzustoßen.

Unterm Strich: gruselige Sommerluft, charmantes Chaos, gelungene Mischung aus Mystery und leichtem Augenzwinkern. Perfekt, wenn man keine Splatter-Show will, sondern stimmungsvolle Geheimnisse mit Teen-Verwirrung und schleichender Gänsehaut. Vier Sterne, weil mein Nervenkostüm angenehm gekribbelt hat – aber nicht komplett geknotet wurde.

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Veröffentlicht am 02.11.2025

Gärtnerträume mit Struktur

Gartendesign - Die große Enzyklopädie
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Bereits beim Aufschlagen wird klar: Hier geht es nicht nur um Pflanzen, sondern um die Kunst, aus einem Stück Erde ein Zuhause zu machen. Jede Seite strahlt eine Kombination aus Inspiration und Machbarkeit ...

Bereits beim Aufschlagen wird klar: Hier geht es nicht nur um Pflanzen, sondern um die Kunst, aus einem Stück Erde ein Zuhause zu machen. Jede Seite strahlt eine Kombination aus Inspiration und Machbarkeit aus. Die über 1.500 Farbfotos und Illustrationen sind nicht nur Augenweide, sie wecken Lust, sofort im eigenen Garten zu werkeln.

Vom ersten Kapitel an führt das Buch Schritt für Schritt durch alle Bereiche der Gartengestaltung. Standortanalyse, Stilwahl, Wege, Terrassen, Hochbeete – alles nachvollziehbar erklärt. Besonders die praxisnahen Anleitungen machen es leicht, eigene Ideen umzusetzen. Jede Gestaltungsidee wirkt greifbar und realistisch, ohne überkandidelt zu sein.

Die Vielfalt der Gartenstile ist beeindruckend: Cottage-Garten, moderne Terrasse oder naturnaher Rückzugsort – das Buch inspiriert, statt nur zu informieren. Der bebilderte Pflanzen- und Materialführer am Ende gibt Sicherheit bei Kaufentscheidungen. Einziger kleiner Kritikpunkt: Wer sehr spezielle Projekte plant, findet nicht immer alle Details. Trotzdem ist die Enzyklopädie ein wertvoller Begleiter für alle, die ihren Garten zu einem persönlichen Paradies machen wollen.

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Veröffentlicht am 02.11.2025

Venedig brennt nicht – es glüht

Das Geheimnis der Glasmacherin
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Zwischen flirrendem Glas und schattigen Kanälen entfaltet sich diese Geschichte wie ein warmes Licht in einer alten Werkstatt. Orsola ist nicht laut, nicht dramatisch, aber sie brennt – und genau dieses ...

Zwischen flirrendem Glas und schattigen Kanälen entfaltet sich diese Geschichte wie ein warmes Licht in einer alten Werkstatt. Orsola ist nicht laut, nicht dramatisch, aber sie brennt – und genau dieses stille Feuer trägt durch jede Seite. Das Buch nimmt dich nicht an die Hand, es flüstert dich rein, zeigt dir Murano in goldener Hitze und kühlem Morgendunst. Fast wie Urlaub, nur ohne Touristen und deutlich mehr Herz.

Die Atmosphäre ist unglaublich dicht. Man hört Werkzeuge klirren, riecht Rauch, fühlt das Glühen des Ofens auf der Haut. Und dann diese langsame, unaufgeregte Härte: gegen Regeln, gegen Rollen, gegen Erwartungen. Kein Hollywood-Drama, kein künstlicher Krach – stattdessen stille Rebellion, Geduld und Mut, der nicht schreit, sondern arbeitet. Gefällt nicht jedem, aber genau das macht’s so stark.

Klar, manchmal zieht sich die Handlung wie warme Zuckermasse. Es wird erklärt, gezeigt, gehaucht statt geknallt. Wer Explosionen will, sollte einen anderen Ofen aufsuchen. Wer aber Lust hat auf Geschichte, Handwerk, eine Frau mit Rückgrat und das leise Klingen von Glas, der findet hier ein kleines Funkeln.

Am Ende sitzt man da wie ein frisch geblasenes Glasobjekt: ein bisschen weich im Innern, glänzend außen und überrascht, wie viel Gefühl in einer ruhigen Geschichte stecken kann. Historische Stärke ohne Kitsch, Emotion ohne Seifenoper – das hat Stil.

Murano bleibt länger im Kopf als gedacht. Und irgendwo zwischen Funken und Flüstern kam die Erkenntnis: Stärke kann ruhig sein. Und trotzdem alles verändern.

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