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Veröffentlicht am 03.11.2025

äußerste Armut

Ein gutes Ende
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Clara Bachmanns Romanbiographie Ein gutes Ende widmet sich dem Leben von Hedwig Courths-Mahler – der wohl bekanntesten, zugleich aber oft unterschätzten deutschen Bestsellerautorin des frühen 20. Jahrhunderts. ...

Clara Bachmanns Romanbiographie Ein gutes Ende widmet sich dem Leben von Hedwig Courths-Mahler – der wohl bekanntesten, zugleich aber oft unterschätzten deutschen Bestsellerautorin des frühen 20. Jahrhunderts. Mit sicherem Gespür für historische Atmosphäre und gesellschaftliche Spannungen erzählt das Autorinnenduo von einem Leben, das zwischen Entbehrung, Ehrgeiz und einer unerschütterlichen Sehnsucht nach Selbstbestimmung oszilliert.
Schon die ersten Kapitel fesseln durch ihre schonungslose Darstellung der Armut, in die Hedwig hineingeboren wird. Das Elend ihrer Kindheit – geprägt durch enge Wohnverhältnisse, harte körperliche Arbeit und die allgegenwärtige Scham des sozialen Abstiegs – ist nicht bloß Kulisse, sondern formt den Charakter der späteren Schriftstellerin. Der Text leuchtet die Dramatik dieser Herkunft eindringlich aus: das Mädchen, das früh Verantwortung übernehmen muss, das seine Familie mitträgt und sich in einer Welt behauptet, die Frauen kaum Handlungsspielräume lässt. Hier ist Clara Bachmanns Sprache besonders stark: bildhaft, atmosphärisch dicht, von einem Sinn für leise Tragik getragen. Man hört das Knarren der Dielen, riecht den Kohlenstaub, spürt die Grenzen der Klassengesellschaft.
Das Schreiben erscheint Hedwig bald als Ventil – ein stilles, aber kraftvolles Mittel, dem engen Lebenskreis zu entfliehen. Bachmann zeichnet diese Entwicklung feinfühlig nach, als inneren Emanzipationsprozess, der zugleich von Verboten und Widerständen umstellt ist. Dass der Ehemann ihr Talent geringschätzt und ihre Texte als „Frauenkram“ abwertet, markiert einen tiefen Schmerzpunkt der Erzählung. Hier gelingt der Romanbiographie ein aufrichtiges feministisches Moment, ohne in didaktische Gesten zu verfallen.
Doch gerade weil der Roman die Anfänge so eindrucksvoll vor Augen führt, bleibt am Ende ein merkliches Ungleichgewicht: Die Zeit ihres literarischen Erfolges, ihr Aufstieg zur populären Autorin, wird kaum noch beleuchtet. Nach der kraftvollen Schilderung der frühen Lebensjahre bricht die Biographie fast abrupt ab – als hätte das „gute Ende“ des Buchtitels keinen Ort in Hedwigs eigenem Leben gefunden. Man sehnt sich nach einem Blick in die Jahre, in denen die einstige Dienstmagd Millionen Leserinnen erreichte und zum literarischen Phänomen wurde. Gerade diese Phase hätte Raum geboten, das Spannungsverhältnis zwischen Erfolg, Anerkennung und literarischer Reduktion auf das „Triviale“ auszuloten.
Trotz dieses Mangels überzeugt Ein gutes Ende durch seine emotionale und sprachliche Kraft. Der Roman lässt ein Stück Literatur- und Frauengeschichte lebendig werden – nicht in musealer Ehrfurcht, sondern in erzählerischer Nähe. Bachmann gelingt es, Hedwig Courths-Mahler aus der Verklärung ihrer späteren Romane herauszulösen und sie als widersprüchliche, leidende, kämpfende Frau zu zeigen.
So ist Ein gutes Ende ein zutiefst berührender Text über den Anfang eines Lebens, das von Armut und Zurückweisung geprägt war – aber auch über den unbeirrbaren Willen, aus der Enge heraus in die Freiheit des eigenen Wortes zu treten. Das „gute Ende“ bleibt aus – vielleicht, weil es in diesem Leben nie ganz zu haben war. Und vielleicht ist es gerade diese Leerstelle, die den Roman so eindrucksvoll nachhallen lässt.

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Veröffentlicht am 31.10.2025

Gegensätze aufgelöst

Ete Petete & Tohu Wabohu - Gegensätze ziehen sich an
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Das Bilderbuch „Ete Petete & Tohu Wabohu – Gegensätze ziehen sich an“ von Lissa Lehmenkühler ist ein humorvolles, farbenfroh illustriertes Vorlesebuch in Reimen, das durch seine kreativen Wortspiele und ...

Das Bilderbuch „Ete Petete & Tohu Wabohu – Gegensätze ziehen sich an“ von Lissa Lehmenkühler ist ein humorvolles, farbenfroh illustriertes Vorlesebuch in Reimen, das durch seine kreativen Wortspiele und gereimten Texte sowohl Kinder als auch Erwachsene begeistert.
Im Mittelpunkt der Geschichte stehen zwei gegensätzliche Charaktere: die ordnungsliebende Ete Petete und der chaotische, lebensfrohe Tohu Wabohu. Ete lebt mit Pudel Pico Bello in einer makellosen Villa, während Tohu mit seiner Riesenkatze Ramba Zamba für Chaos, Abenteuer und Unordnung sorgt. Die Begegnung der beiden Welten bringt zunächst Konflikte, aber spätestens, als Ete in Tohus gegrabenes Loch fällt, wird klar, dass im Durcheinander auch Geborgenheit und Trost liegen können. Am Ende zeigen die beiden, dass Miteinander und Unterschiede das Leben erst richtig spannend machen.
Das Buch besticht durch seine großformatigen Illustrationen von Julia Bierkandt, die zahlreiche kleine Details enthalten, die zum Entdecken einladen. Vor allem die Kontraste zwischen der blitzsauberen, hellen Seite von Ete und den bunten, lockeren Szenen rund um Tohu erzeugen großen Spaß beim gemeinsamen Anschauen. Die gereimte Sprache und die vielen Wortspiele machen das Vorlesen dynamisch und unterhaltsam. Negativ ist festzustellen, dass nicht alle reime sprachlich sauber formuliert sind und teilweise „holpern“.
Das Buch lädt zum Wiederanschauen ein und vermittelt Kindern spielerisch, dass unterschiedlich sein schön ist und Gemeinschaft Vielfalt braucht.

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Veröffentlicht am 01.09.2025

Wertschätzung!

Das Bumerangbuch - Stärke deine mentalen Superkräfte!
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Die Grundidee, mentale Superkräfte in 39 abwechslungsreichen, oft lustigen Challenges zu trainieren, ist äußerst gelungen. Eltern und Kinder wirken gemeinsam mit, sodass interaktive Aufgaben wie das Malen ...

Die Grundidee, mentale Superkräfte in 39 abwechslungsreichen, oft lustigen Challenges zu trainieren, ist äußerst gelungen. Eltern und Kinder wirken gemeinsam mit, sodass interaktive Aufgaben wie das Malen eines magischen Tattoos oder das Erstellen einer Zeitkapsel für gemeinsame Erinnerungen sorgen. Das Konzept, dass das Buch wie ein „Bumerang“ zwischen Eltern und Kindern hin und her „fliegt“, sorgt für Dynamik und schafft eine spielerische Atmosphäre, die die Achtsamkeit und das Miteinander stärkt.

Empfohlen ist das Buch offiziell ab 8 Jahren. Die Inhalte und Formulierungen sind auf ältere Kinder zugeschnitten, die bereits ein gewisses Maß an Selbstreflexion und Konzentration mitbringen. Die Herausforderungen und Aufgaben sind weniger für sehr junge Kinder geeignet und laden dazu ein, sich aktiv und selbstbewusst mit Gedanken und Gefühlen auseinanderzusetzen. Damit richtet sich das Buch besonders an Familien mit Kindern im Grundschulalter und aufwärts.

Auffällig ist, dass das Buch von einer klassischen heteronormativen Familienstruktur mit Vater und Mutter ausgeht. Die Aufgaben und Rollenzuweisungen sind so gestaltet, dass die Eltern eindeutig als Mutter und Vater angesprochen werden. Alternative Familienformen wie Alleinerziehende, gleichgeschlechtliche Eltern oder Patchworkfamilien werden nicht explizit berücksichtigt, was das Buch weniger inklusiv erscheinen lässt und Familien außerhalb dieses Modells möglicherweise nicht ausreichend adressiert.

Fazit: Ein wichtiges Handbuch mit klarem Fokus
Das Bumerangbuch ist ein durchdachtes und kreatives Mitmachbuch, das älteren Kindern und ihren Eltern wertvolle Impulse für die Entwicklung mentaler Stärke bietet. Die Umsetzung der Challenges und die positive Idee stehen im Vordergrund, allerdings wäre wünschenswert, dass in zukünftigen Auflagen die Vielfalt heutiger Familienbilder stärker Einzug hält. Insgesamt handelt es sich um ein empfehlenswertes Werk mit viel Potenzial – besonders für Familien, die sich im klassischen Modell wiederfinden.

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Veröffentlicht am 03.02.2025

Eine moderne Frau kämpft sich durch

Die Eigensinnige
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Lucca Müller erzählt eindringlich und gekonnt aus dem Leben der Marie von Ebner-Eschenbach: Ihre Kindheit mit herrischem Vater und auf Anstand bedachter Stiefmutter, ihrer großen Liebe zu Cousin Moritz, ...


Lucca Müller erzählt eindringlich und gekonnt aus dem Leben der Marie von Ebner-Eschenbach: Ihre Kindheit mit herrischem Vater und auf Anstand bedachter Stiefmutter, ihrer großen Liebe zu Cousin Moritz, glücklicher Ehe, unglückliche Versuche als Dramaturgin, Gesellschaftliche Anlässe der Damen der oberen Gesellschaft, Ehekrisen, Abschied von den Eltern und schließlich doch noch der große Literarische Erfolg. Die Situation der Zeit und die verschiedenen Perspektiven der verschiedenen Gesellschaftsschichten kommen dabei gut zum Ausdruck. Marie hat durchgehend einen Blick auch für Gleichberechtigung, Antisemitische Haltungen, Bildungsfragen und moderne Entwicklungen in Technik und Politik. Wie spannungsgeladen die Zeit war, kommt dadurch gut zum Ausdruck. Auf sehr angenehme Art lernt man sehr viel über die Zeit, ihre Werte und Probleme.
Durch viele Nebenthemen und ein Schwerpunkt auf ihr frühes Erwachsenenleben kommt die Biografie von Marie Ebner-Eschenbach streckenweise etwas kurz. Von ihrem Durchbruch wird nur noch sehr schnell erzählt, auch von ihren dadurch ermöglichtem sozialen Aktivitäten. Das ist angesichts der tatsächlich belegten Informationen über sie etwas schade. Um so mehr lenkt der Roman auch einen Blick auf den Mann an ihrer Seite, der uns Leserinnen als durchaus sympathischen und modern ausgerichteten Zeitgenossen vorgestellt wird.

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Veröffentlicht am 14.10.2024

Gekonnt wie immer

Palais Heiligendamm - Ein neuer Anfang
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"Palais Heiligendamm: Ein neuer Anfang" von Michaela Grünig ist ein fesselnder Auftakt einer historischen Familiensaga, die den Leser in die Welt der Hoteliersfamilie Kuhlmann im frühen 20. Jahrhundert ...

"Palais Heiligendamm: Ein neuer Anfang" von Michaela Grünig ist ein fesselnder Auftakt einer historischen Familiensaga, die den Leser in die Welt der Hoteliersfamilie Kuhlmann im frühen 20. Jahrhundert entführt

Die Geschichte spielt zwischen den Jahren 1912 und 1918 im neu eröffneten Palais Heiligendamm in Mecklenburg-Vorpommerns. Die älteste Tochter der Familie, Elisabeth ist eine starke, ihrer Zeit vorauseilende Frau mit beeindruckendem wirtschaftlichem Sachverstand. Ihre Entwicklung und ihr Kampf um Anerkennung in einer männerdominierten Welt sind besonders überzeugend dargestellt. Dabei verliert die Figur aber ab und zu den Bezug zu ihren Gefühlen und vor allem zu einem liebevollen Handeln ihrem Lebensgefährten gegenüber, was sie lettztlich in große Probleme führt. Ihre drei Geschwister verkörpern andere Figuren und Lebensthemen der Zeit (Homosexualität, Antisemitismus…)
Grüning gelingt es meisterhaft, die Geschichte des Hotels mit den dramatischen Ereignissen der Zeit zu verknüpfen. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs und seine verheerenden Auswirkungen werden schonungslos, aber nicht übertrieben dargestellt. Die Figuren sind vielschichtig und überwiegend authentisch gezeichnet. Die Autorin hat offensichtlich gründlich recherchiert und vermittelt ein lebendiges Bild der Epoche. Auch die Nebenfiguren haben ihre eigenen interessanten Geschichten. Eine Leseempfehlung für Liebhaber historischer Romane und Familiensagas. Der Cliffhanger am Ende lässt die Leserinnen gespannt auf die Fortsetzung warten.

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