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Veröffentlicht am 17.02.2026

Eine Liebeserklärung an Schnecken, Langsamkeit und das Leben selbst

Das Geräusch einer Schnecke beim Essen
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Inhalt:
Als Elisabeth Bailey - durch eine schwere Erkrankung seit Monaten bettlägerig - von einer Freundin ein Veilchen mit einer lebenden Schnecke im Blumentopf geschenkt bekommt, ahnt sie noch nicht, ...

Inhalt:
Als Elisabeth Bailey - durch eine schwere Erkrankung seit Monaten bettlägerig - von einer Freundin ein Veilchen mit einer lebenden Schnecke im Blumentopf geschenkt bekommt, ahnt sie noch nicht, dass ihr Alltag schon ganz bald von diesem kleinen Wesen und dessen Verhalten geprägt wird. Während ihrer kräftezehrenden Genesung schenkt ihr die Schnecke Ablenkung, Struktur und Inspiration und innerhalb von kürzester Zeit ist dieses kleine Wesen nicht mehr aus ihrem Leben wegzudenken.

Meine Meinung:
Schnecken gehören seit meiner Kindheit zu meinen liebsten Tieren und das Buch von Elisabeth Tova Bailey stand deshalb schon sehr lange auf meiner Wunschliste. Zum Glück habe ich es dann von einem lieben Freund geschenkt bekommen und habe es nun innerhalb von wenigen Tagen verschlungen.
Bailey gelingt es, ihre schwere Erkrankung, ihre Verzweiflung und ihre Hoffnungslosigkeit eindringlich in Worte zu fassen. Sie kämpft täglich dafür, gesund zu werden und trotzdem ist sie bereit, sich komplett auf das kleine Wesen in ihrem sonst eher eintönigen Leben einzulassen.
Bailey verbindet in diesem Buch Erinnerungen aus ihrem Krankenhausalltag mit nachträglich recherchierten wissenschaftlichen Fakten rund um Schnecken und schafft es gleichzeitig, allen Menschen, welche sie in ihrer dunkelsten Zeit unterstützt haben, ein Denkmal zu setzen und Faszination und Respekt für ein komplett unterschätztes Wesen aufkommen zu lassen. Die Kapitel sind mit passenden Zitaten überschrieben und im Anhang findet sich ein ausführliches Quellenverzeichnis, das zum Stöbern und zum weiteren Lesen einlädt.

Meine Empfehlung:
Erinnerungen, Emotionen, Fakten, Zitate, weiterführende Literatur...dieses Buch ist ein Gesamtkunstwerk, ein kleiner Schatz im Bücherregal, eine Liebeserklärung an das Leben, das Staunen und Entdecken. Ich empfehle es euch sehr gerne weiter und möchte euch ans Herz legen, es gebraucht zu kaufen oder zu leihen, um den Verlag nicht zu unterstützen. Auf meinem Blog und bei Instagram nenne ich ihn nicht, wird nicht genannt und verlinkt, weil er eine Autorin rassistisch beleidigt hat und deswegen keine Aufmerksamkeit verdient.

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Veröffentlicht am 12.02.2026

Herzerwärmend und sehr unterhaltsam

Aufrappeln
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Hinweis:
Dies ist eine lose Fortsetzung von "Prima Aussicht", ich empfehle euch, zuerst "Prima Aussicht zu lesen.

Inhalt:
Judith wird von ihrem Freund verlassen und muss sich als nun getrennt vom Vater ...

Hinweis:
Dies ist eine lose Fortsetzung von "Prima Aussicht", ich empfehle euch, zuerst "Prima Aussicht zu lesen.

Inhalt:
Judith wird von ihrem Freund verlassen und muss sich als nun getrennt vom Vater ihres Kindes lebende Mutter nicht nur mit einer Rattenplage, sondern auch mit dieser für sie ganz neuen Form der Elternschaft auseinandersetzen. Wie bringt man das Hin und Her dieser Situation mit Flirtereien im Ausgang, dem alltäglichen Geldverdienen und dem Umzug in ein neues Zuhause unter einen Hut? Den Figuren gelingt dies manchmal ganz und manchmal gar nicht und dies alleine sorgt schon für wundervollste, herzerwärmendste Unterhaltung.

Meine Meinung:
Wie schon mit ihrem ersten Roman "Prima Aussicht" hat mich Judith Poznan mit "Aufrappeln" komplett für sich eingenommen. Und obwohl die - autofiktiv erzählte - Protagonistin Judith und ich nicht wirklich viel gemeinsam haben, fühlte ich mich ihr beim Lesen sehr verbunden. Die tragisch-komischen Szenen, der aus Traurigkeit und Verzweiflung entstehende Humor, die Erinnerungen an alte Schulschwärmereien und die Verknüpfung der Handlung mit aktuellem und vergangenem Zeitgeschehen machen diesen kurzen Roman zu einer sehr unterhaltsamen und zugleich auch nachdenklich und hoffnungsvoll stimmenden Lektüre.

Schreibstil und Aufbau:
Poznan gelingt es wie keiner zweiten, aus den einfachsten Alltagssituationen eine Nostalgie und Sehnsucht entstehen zu lassen, die ihresgleichen sucht. Und dennoch sind diese teilweise tieftraurigen Szenen alles andere als zermürbend oder entmutigend. Vielmehr gelingt es der Autorin, ihre Figuren nach jedem Fall wieder aufstehen und neuen Mut schöpfen zu lassen. Poznan zu lesen ist, wie einer ein wenig chaotischen und unendlich liebenswerten Freundin beim Erzählen zuzuhören und dieser Stil macht einfach Lust auf mehr.

Meine Empfehlung:
Natürlich empfehle ich auch auch "Aufrappeln" von Judith Poznan und möchte euch aber zuerst "Prima Aussicht" ans Herz legen. Ich freue mich schon sehr auf weitere Texte der Autorin.

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Veröffentlicht am 26.01.2026

Bestürzend und bewegend

Kennedys Hirn
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Inhalt:
Die angesehene Archäologin Louise Cantor erlebt, was keine Mutter erleben sollte: ihr Sohn verstirbt plötzlich. Beim Sichten seiner wenigen persönlichen Dinge realisiert sie, dass sie ihn eigentlich ...

Inhalt:
Die angesehene Archäologin Louise Cantor erlebt, was keine Mutter erleben sollte: ihr Sohn verstirbt plötzlich. Beim Sichten seiner wenigen persönlichen Dinge realisiert sie, dass sie ihn eigentlich kaum gekannt hat und dass er vor allem einer brisanten Sache auf der Spur war. Der Verdacht, dass er vielleicht ermordet worden ist, wächst in ihr und sie stürzt sich in eigene Ermittlungen.
Dabei entdeckt sie mehr und mehr menschliche Abgründe und bringt sich selber in grosse Gefahr.

Meine Meinung:
Henning Mankell gehört seit jeher zu meinen liebsten Autoren. Viele kennen ihn für seine schwedischen Krimis mit Tiefgang, viel Gesellschaftskritik und einer schweren, aber wunderschönen Melancholie im Schreibstil und natürlich ist er bekannt für seinen Kommissar Wallander. Er hat aber auch berührende und bestürzende Romane geschrieben, die in Afrika spielen. In "Kennedys Hirn" vereint er Spannung, Afrika, den Schmerz einer trauernden Mutter und menschliche Bösartigkeit auf grandiose Weise. Der Inhalt dieses Buches ist heftig und hat mich einige Male leer schlucken lassen. Wegschauen ist aber keine Option und Mankell führt uns mit seiner mutigen Protagonistin sanft durch seine packende und bewegende Geschichte.

Schreibstil und Aufbau:
Auf Mankells Schreibstil muss man sich einlassen, ich geniesse dieses Eintauchen aber immer sehr. Bei anderen Autor*innen stört es mich oft, wenn sehr langsam erzählt wird. Mankell schafft es aber, seine Geschichten mit viel Atmosphäre, starken Emotionen und vor allem nahbaren Figuren mit Ecken und Kanten auszustatten. Seinen Schreibstil würde ich wohl mittlerweile an nur wenigen Sätzen erkennen und bei diesem Spannungsroman/Krimi hat mir besonders gut gefallen, dass die Erzählsprache von Unverständnis und Zorn getrieben ist. Vom Zorn eines schreibenden Menschen, der in die tiefsten und dunkelsten Ecken des Menschseins geblickt hat und immer noch nicht fassen kann, was er dabei erkennen musste.

Meine Empfehlung:
Ich fürchte mich schon vor dem Tag, an dem ich alle noch verbleibenden Bücher von Henning Mankell gelesen habe und mich auf keine weiteren Werke von ihm freuen kann. Er war einfach ein einzigartiger Erzähler und sogar seine älteren Krimis sind nach wie vor hochaktuell und brisant. Auch diesen sehr gesellschaftskritischen Krimi (oder vielleicht eher Spannungsroman) möchte ich euch sehr gerne weiterempfehlen.

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Veröffentlicht am 04.11.2025

Grandiose Sammlung von fiktiven und bereits gehaltenen Reden

Mein Unglück beginnt damit, dass der Stromkreis als Rechteck abgebildet wird
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Inhalt:
Stanišić versammelt in diesem Buch bereits gehaltene und fiktive Reden, die er für diese Veröffentlichung leicht überarbeitet hat. Es sind Dankesreden für Preise, Festreden und Vorlesungen. Oft ...

Inhalt:
Stanišić versammelt in diesem Buch bereits gehaltene und fiktive Reden, die er für diese Veröffentlichung leicht überarbeitet hat. Es sind Dankesreden für Preise, Festreden und Vorlesungen. Oft widmet er sich beim Erzählen einer politischen und/oder gesellschaftlichen Thematik, erinnert sich an eine geschätzte Person oder an einschneidende Erlebnisse und bastelt sich dabei oft einen (mehr oder weniger autofiktional angehauchten) Ich-Erzähler. Und dann beginnt die Wortmagie.

Meine Meinung:
Einmal Fan, immer Fan...Stanišić schafft es wirklich jedes Mal, mich zu überraschen. Der Wortkünstler ist wohl der einzige Mensch, der es auf so charmante und humorvolle Art und Weise schafft, eine Dankesrede zu halten und gleichzeitig auf politische und gesellschaftliche Missstände hinzuweisen, Kriegserinnerungen zu Mahnmalen zu flechten, seiner ehemaligen Mathelehrerin eine wertschätzende Hymne zu texten, um eine Ringeltaube zu trauern oder der Herkunft eines Bandnamens auf den Grund zu gehen.
Er verurteilt in seinen Reden Faschismus aufs Schärfste, plädiert für ein buntes Miteinander aller Menschen, schweift auf kunstvollste Art und Weise ab und träumt dabei von einer perfekten Schule oder einer Weinprobe mit Grössen der Literaturszene. Dabei lässt er immer wieder tief in den Prozess des Schreibens blicken und geht auch mit seinen bisherigen Texten kritisch ins Gericht.

"Krise als Stoff erfordert Texte mit tragfähigem faktischem Fundament, gerade auch deswegen, weil sich vieles auf der Notlagenseite der Gedankenstriche unserem eigenen postfaktischen Verhalten verdankt."

Besonders gut gefallen hat mir der Text "Was musiziert ein Literaturhaus" und zwar nicht nur, weil ich als Musikerin natürlich stets für transdisziplinäre Zusammenarbeiten zu haben bin, sondern auch, weil ich den Gedanken einfach schön finde, dass jeder Ort seinen passenden Soundtrack hat.
Am meisten berührt hat mich der Text über seine ehemalige Mathelehrerin Genossin Rozalija Mimić, die während und nach des Kriegs in Bosnien bewiesen hat, dass Menschlichkeit immer über Nationalität stehen soll, Zusammenhalt über Formellehre, Fürsorge über Lehrplan.

In den vorliegenden autofiktionalen Texten plädiert Stanišić für ein friedliches, offenes, unterstützendes Miteinander und dafür, dass unsere Stromkreise alle miteinander gekoppelt sind, dass wir unseren Mitmenschen in Krisen eine Hand reichen, Hilfe leisten und gegen Ungerechtigkeiten aufbegehren. Seine Texte wirken persönlicher denn je und zeigen eindringlich auf, was kleine Gesten des Miteinanders für ein ganzes Leben verändern können.

Meine Empfehlung:
Stanišićs Bücher kaufe ich mir unbesehen und werde beim Lesen stets überrascht, begeistert, zum Nachdenken angeregt und berührt. Das ist auch mit diesem wunderbaren Büchlein passiert und ich hoffe sehr, dass Stanišić noch viele Preise erhalten wird, damit die Welt mit weiteren grandios aufgebauten, kritischen und humorvollen Dankesreden beschenkt wird.

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Veröffentlicht am 30.10.2025

Fernweh garantiert

Über den Wolken wohnen die Träume
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Inhalt:
Morlen hat die Nase voll von der Schule und will die Welt entdecken. Sie darf nach Cardiff-by-the-Sea reisen und vorübergehend bei Heather, einer Freundin ihrer Mutter, unterkommen. Heather steht ...

Inhalt:
Morlen hat die Nase voll von der Schule und will die Welt entdecken. Sie darf nach Cardiff-by-the-Sea reisen und vorübergehend bei Heather, einer Freundin ihrer Mutter, unterkommen. Heather steht gerade an einem Wendepunkt in ihrem Leben und erwartet von Morlen, dass diese für das kurzfristig verhinderte Au-Pair einspringt und ihr im Haushalt unter die Arme greift. Morlen aber möchte vor allem surfen und die Nase in den Wind halten. Und es kommt, wie es kommen muss: nicht nur die hohen Wellen sondern auch die kalifornischen Jungs sorgen bei Morlen für heftiges Bauchkribbeln.

Meine Meinung:
Einmal mehr bin ich in Meike Werkmeisters Universum eingetaucht und habe mit Morlen die kalifornische Sonne, traumhafte Sandstrände und die Meeresluft genossen. Schnell wird aber auch klar, dass diese Geschichte aller Leichtigkeit zum Trotz viele nicht ganz einfache Themen beinhaltet. Morlen hat ihre Heimat fluchtartig verlassen, weil ein schwerer Verlust, Konflikte innerhalb der Familie und eine gewisse Perspektivenlosigkeit sie in die Ferne getrieben haben. Heather hingegen scheint auf den ersten Blick alles zu haben, was sie will, ein Haus, eine Familie, ein Partner und ein erfüllender Job und trotzdem trauert sie der Person nach, die sie einmal war und die sie hätte sein können. Denn eigentlich haben ihr Mann und sie sich auseinandergelebt, ihr Sohn spricht kaum ein Wort mehr mit ihr und sie ist krank vor Sorge um ihre jüngste Tochter, die Diabetikerin ist. Die beiden Protagonistinnen, die Mutter und Tochter sein könnten, nähern sich einander an, verstehen immer mehr, was sie verbindet und was sie trennt und lernen dabei auch sich selber noch einmal ganz anders kennen.

Schreibstil und Aufbau:
Die Geschichte wird abwechslungsweise aus der Sicht von Heather und Morlen erzählt und es ist erstaunlich, wie viele Themen Werkmeister in ihrem Roman unterbringt. Es geht um psychische Gesundheit, mental load, Familienbande, Geschwisterbeziehungen, Freundschaften und die erste grosse Liebe. Gewohnt leichtfüssig springt Werkmeister durch ihre Geschichte, formt ihre Figuren liebevoll und äusserst vielschichtig und weckt beim Erzählen immer wieder ganz viel Fernweh. Wünsche ich mir dringender denn je eine Fortsetzung, weil gefühlt noch so viele Dinge nicht erzählt sind? Unbedingt. Aber ich habe mich auf keiner einzigen der 670 Seiten auch nur ein wenig gelangweilt, habe die Geschichte inhaliert, mit den Figuren mitgefühlt, mitgelitten, mitgelacht und mitgeliebt und ich hätte gerne noch sehr viel länger weitergelesen.

Meine Empfehlung:
Ich hoffe so sehr, dass Morlens Geschichte weitergeht und ich kann euch Meike Werkmeisters Bücher nur wärmstens ans Herz legen.

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