Erneut ein spannender, schön erzählter Roman um das Graphische Viertel
Inhalt: Leipzig 1945. Felix, vor 15 Jahren von Leipzig in die USA ausgewandert, arbeitet als Bibliothekar für die amerikanischen Behörden und katalogisiert die von den Nationalsozialisten geraubten Bücher. ...
Inhalt: Leipzig 1945. Felix, vor 15 Jahren von Leipzig in die USA ausgewandert, arbeitet als Bibliothekar für die amerikanischen Behörden und katalogisiert die von den Nationalsozialisten geraubten Bücher. Doch aufgrund seiner Herkunft erhält er unverhofft eine neue Aufgabe: In Leipzig gibt ein Mann an, er könne die Amerikaner zu der Privatbibliothek eines hochrangigen NS-Funktionärs führen - doch den genauen Standort will er nur Felix verraten, da er ein Freund aus Jugendtagen sei. Dies ist allerdings nicht der einzige Schatten aus Felix’ Vergangenheit: Die Leiche einer jungen Frau wird aufgefunden - mit der Botschaft, sie sei durch Hoffmanns Hand gestorben. Eine Formulierung, die Felix an einen schicksalhaften Tag vor 15 Jahren erinnert, der unmittelbar mit seinem Wegzug aus Leipzig zusammenhängt…
Persönliche Meinung: “Das Antiquariat am alten Friedhof” ist ein historischer Roman mit Krimi-Elementen von Kai Meyer. Es ist der vierte Teil der Reihe “Die Geheimnisse des Graphischen Viertels”, dessen Bände unabhängig voneinander gelesen werden können, da die Handlungen in sich geschlossen sind. Innerhalb der Reihe gibt es aber immer wieder schöne Querverweise - durch kleinere Eastereggs oder auftretende Figuren - zu anderen Bänden. So auch hier: Wir treffen (als Nebenfiguren) Hauptfiguren aus vorherigen Bänden wieder, deren Geschichten stimmig und interessant weitererzählt werden, wodurch biografische weiße Flecken gefüllt werden. Die Handlung von “Das Antiquariat am alten Friedhof” wird in drei Handlungssträngen erzählt; im Folgenden gehe ich aber nur auf zwei davon ein, da eine Besprechung des dritten zu viele Überraschungen vorwegnehmen würde. Im chronologisch ersten Strang begegnen wir Felix und seinen Freunden, dem “Club Causabon”, die sich im Jahr 1930 einen Spaß daraus machen, wertvolle Bücher zu stehlen und diese zu verkaufen - bis zu einem folgenreichen Coup. Dieser Strang ist atmosphärisch leichter als der zweite Handlungsstrang: Wir stromern durch das Graphische Viertel Leipzigs, begleiten den “Club Causabon” auf ihren jugendlichen Abenteuern und tauchen in das Nachtleben Leipzigs ein (Stichwort: Krystallpalast). Auch eine zarte Liebesgeschichte findet sich hier. Der zweite Handlungsstrang spielt 1945: Leipzig wie das Graphische Viertel sind nun zerbombt; zudem steht ein Wechsel der Besatzer an, wodurch die Zukunft der Stadt unsicher ist. Felix agiert in diesem “Zwischenreich” als Ermittlerfigur, die mehrere gegenwärtige Rätselhaftigkeiten zu klären versucht, die mit seiner Jugend in Leipzig zusammenhängen - wobei er auch auf die ein oder andere Person aus seiner Vergangenheit trifft. Was beide Handlungsstränge eint: Sie sind wendungsreich, atmosphärisch dicht erzählt, spannungsgeladen und stimmig mit historischen Bezügen angereichert. Zudem ist Vieles nicht so, wie es zunächst den Anschein hat, wodurch eine fesselnde Lektüre entsteht: Beide Handlungsstränge laufen gewissermaßen aufeinander zu, immer wieder liefert der eine Strang schön dosiert verteilte Informationshäppchen, mit denen der andere besser verstanden werden kann - bis zum fulminanten Finale. Der Schreibstil von Kai Meyer ist gewohnt bildhaft und dicht, sodass man unmittelbar nach Lektürebeginn in die Welt des Graphischen Viertels abtaucht. Insgesamt ist “Das Antiquariat am alten Friedhof” erneut ein spannender, schön erzählter Roman rund um Leipzig und das (leider nicht mehr existente) Graphische Viertel, der besonders durch seine Verzahnung der Handlungsstränge zu fesseln und begeistern weiß.