Authentisch, eindringlich und sehr wertvoll
NarbenmädchenDieses Buch ist richtig gut, aber man muss beim Lesen schon einiges aushalten können. Die Darstellung im Buch begünstigt aus meiner Sicht Aktivierung eigener Muster rund um die Themen (insbesondere SVV, ...
Dieses Buch ist richtig gut, aber man muss beim Lesen schon einiges aushalten können. Die Darstellung im Buch begünstigt aus meiner Sicht Aktivierung eigener Muster rund um die Themen (insbesondere SVV, Suizidalität, Alkohol).
Die Hauptperson ist Lara, aus ihrer Perspektive hören wir die Geschichte. Mir hat sehr gefallen, wie die Autorin schleichende Veränderungen und Konfrontationen mit ganz anderen Perspektiven und Wahrnehmungen eingebaut und dabei trotzdem konsequent Laras Erzählperspektive beibehalten hat. Lara ist nicht im klassischen Sinne eine unzuverlässige Erzählerin, aber die Autorin spielt mit Themen um Selbst- und Fremdwahrnehmung und Deutungsmacht.
Lara ist fünfzehn und die Sprache oft derb, vulgär. Ich hätte das nicht gebraucht, manchmal war es mir ein bisschen viel, aber insgesamt passt es auch zu den Jugendlichen. Ich empfand den Schreibstil ansonsten als angenehm, die längeren und kürzeren Abschnitte fühlen sich natürlich an und spiegeln gut den Fokus von Laras Aufmerksamkeit. Klassische Kapitel gibt es nicht, das verleitet dazu mehr am Stück zu lesen, obwohl es immer Gelegenheit gibt Pause zu machen.
Von Anfang an gecatcht haben mich Laras sehr auf den Punkt gebrachte Beobachtungen über den Umgang der Psy*Arbeitenden und die Station (psychosomatische Kur). Sie stellt die Widersprüche deutlich da und man merkt beim Lesen, wie ungut das in ihre eigenen Ambivalenzen und Vorerfahrungen reinspielt. Schnell wird die Haltung der Kurleitung deutlich und am Ende war ich, ehrlich gesagt, ziemlich wütend. Gleichzeitig ist genau diese Art des Umgangs - zwischen Unterstellungen nicht zu wollen und fehlender konkreter Unterstützung Vorgaben umsetzen zu können - so typisch und die Autorin legt hier mit ihrer Erzählung den Finger genau in die Wunde.
Hoffnung ist im Buch wenn dann nur sehr zaghaft und vorsichtig, eigentlich nicht als solche vorhanden. Gleichzeitig verändert sich was, wachsen Freundschaften, Erkenntnisse und Handlungsspielräume. Bei aller Direktheit ist die Erzählung hier immer wieder sehr zart, emotional und vulnerable. Da ist Tiefe und eine Eindringlichkeit, die sich durch die Erzählung zieht. Wer leichte Unterhaltung sucht ist hier falsch. Ich fand die Erzählung sehr berührend und sehe gerade deswegen das Triggerpotenzial. Gleichzeitig ist diese Authentizität so wertvoll.
Ich empfehle "Narbenmädchen" sehr, gebe nur zu bedenken gut abzuschätzen, wann für euch der richtige Lesezeitpunkt ist, insbesondere, wenn ihr ähnliche Themen habt oder hattet.