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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 22.11.2025

Sensibel und weitumfassend erzählter Roman

Blinde Geister
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Dass ich „Blinde Geister“ von Lina Schwenk lesen wollte, hat tatsächlich mit seiner Nominierung für den Deutschen Buchpreis zu tun. Auf der Frankfurter Buchmesse konnte ich die Autorin bei einem Gespräch ...

Dass ich „Blinde Geister“ von Lina Schwenk lesen wollte, hat tatsächlich mit seiner Nominierung für den Deutschen Buchpreis zu tun. Auf der Frankfurter Buchmesse konnte ich die Autorin bei einem Gespräch mit der FAZ erleben. Und als Schwenk über die Geschichte dieser beiden Mädchen sprach, die sich im Schrank verstecken, weil die ganze Familie mit der Kriegstraumatisierung des Vaters umgehen muss, wusste ich, dass ich den Roman unbedingt lesen will.

„Blinde Geister“ ist ein wirklich sensibel und weitumfassend erzählter Roman, der etwas abbildet, das noch lange nach dem Krieg in vielen Familien nachwirkte. Das erlebte Grauen in den Bombenkellern und Schützengräben hat sich tief eingegraben und wurde durch die aufkommende heile Scheinwelt des 50er-Jahre-Wirtschaftswunders nur unzureichend und oberflächlich durch Konsum und neuen Wohlstand überdeckt.
Die Traumata blieben oft unausgesprochen und unverarbeitet verborgen, prägten aber die Familien der Betroffenen bis in die nächsten Generationen.
In so einer Familie wächst die kleine Olivia, die Ich-Erzählerin von Schwenks Debütroman, nach dem Krieg auf. Die Spuren der Nazizeit sind noch in der Gesellschaft spürbar, genauso wie die Entbehrungen und Schrecken der Kriegsjahre.
Doch in Olivias Familie wird nie wirklich darüber gesprochen, warum sie immer wieder Zeit im Keller des Hauses verbringt. Eine große Sprachlosigkeit und die emotionale Not schafft Distanz zwischen den einzelnen Familienmitglieder.

Schwenk erzählt sehr gekonnt gerafft über große Zeiträume und ich erlebe, wie Olivia erwachsen und selbst Mutter wird, den langsamen und gemeinsamen Tod der Eltern, der gleich in der Eingangszene so wirkungsvoll geschildert wird. Sie erzählt von den psychischen Problemen der Erzählerin und ihrem allmählichen Verstehen als Erwachsene von der Nöte der Eltern. Vor allem die ihrer Mutter, die zwischen der Liebe zum Ehemann und seinen Bedürfnissen und denen der Kinder zerrißen wurde.

Gerade im Hinblick darauf, dass wir auch heute in meiner Generation mit den Nachwirkungen der (Nach-) Kriegserfahrungen unserer Eltern und Großeltern in Berührung kommen, finde ich es großartig, dass Schwenk den Bogen bis ins heute spannt und darauf hinweist, dass es auch heute noch immer Krieg gibt.

Ein großartiges Debüt, das Lust auf mehr Literatur von Lina Schwenk macht!

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Veröffentlicht am 29.10.2025

Möchte ich (noch) ein Kind?

Achte Woche
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Von Antonia Baum hatte ich zuletzt „Siegfried“ gelesen und ich lese auch ihre Artikel und Kolumnen in der ZEIT super gerne (wenn sie gerade nicht hinter der Paywall sind).
Keine Frage, dass ich Baums neuen ...

Von Antonia Baum hatte ich zuletzt „Siegfried“ gelesen und ich lese auch ihre Artikel und Kolumnen in der ZEIT super gerne (wenn sie gerade nicht hinter der Paywall sind).
Keine Frage, dass ich Baums neuen Roman „Achte Woche“ lesen wollte.

Auch thematisch passt der Roman perfekt in mein Lesejahr, weil Baum sich darin mit (Nicht-) Kinderwunsch und Schwangerschaft (-sabruch) beschäftigt.
Ihre Protagonistin Laura hat gerade festgestellt, dass sie wieder schwanger ist. Sie hat bereits eine kleine Tochter,und ist mittlerweile alleinerziehend. Der Vater hat sich gerade aus dem Staub gemacht, kurz nachdem er sie erneut geschwängert hatte.

„Frauen, denkt sie, müssen eigentlich immer darauf vorbereitet sein, dass sie mit ihren Kindern allein sein werden.
Sie sind es auch. Panik ist angemessen.“

Laura weiß noch nicht, ob sie das Kind behalten möchte. Die Schwangerschaft ist noch in einem so frühen Stadium, dass ein medikamentöser Abbruch noch möglich wäre. Genauso wie sie es bei ihrer allerersten Schwangerschaft gemacht hatte und woran sie jetzt wieder öfter denken muss.

Passend dazu jobbt die Protagonistin neben ihrer Dissertation, die nahezu zum Erliegen gekommen ist, in einer Frauenarztpraxis und kommt dort täglich mit verschiedenen Frauen in Kontakt: Frauen, die schwanger werden wollen, schwanger sind, und Frauen, die nicht mehr schwanger sein wollen.
Laura beobachtet sie und fragt sich, wie deren Lebenssituation aussehen könnte.

Will sie gerade noch ein Kind? Was hätte es für Konsequenzen? Wie würde ihr Umfeld reagieren?

Antonia Baum hat ihren neuen Roman konsequent aus Lauras Perspektive geschrieben, wie einen einzigen durchgehenden Stream of Consciousness. Ihre Figur ringt mit der Entscheidungsfindung. Sehr begeistert bin ich von der ansteigenden Spannung, die Baum gerade gegen Ende rasant steigert. Mir gefällt auch, wie viel thematisch in dem dünnen Roman verpackt ist. Den Generationenkonflikt, den Baum schon in „Siegfried“ so toll herausgeabeitet hatte, fließt auch hier wieder am Rande mit ein.

Ich finde „Achte Woche“ ergänzt wunderbar die Reihe von Neuerscheinungen zum Thema „Kinder (nicht) haben wollen“ der letzten Zeit wie „Medulla“, „Mammut“ oder auch „Im Leben nebenan“.

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Veröffentlicht am 28.10.2025

Unheimliche und rätselhafte Stories

Das gute Übel
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Samanta Schweblin ist eine mehrfach und international bekannte Schriftstellerin aus Argentinien, die mittlerweile in Berlin lebt und arbeitet.
Und eigentlich wollte ich meinen Kurzgeschichten-Konsum noch ...

Samanta Schweblin ist eine mehrfach und international bekannte Schriftstellerin aus Argentinien, die mittlerweile in Berlin lebt und arbeitet.
Und eigentlich wollte ich meinen Kurzgeschichten-Konsum noch stärker einschränken, aber wenn ein Erzählband mit „gestochen scharfen Horrorgeschichten“ beworben wird, kann ich ihn nicht an mir vorbei ziehen lassen.

Und in der Tat finde ich die Stories, die Schweblin in „Das gute Übel“ erzählt gruselig, faszinierend und Gänsehaut erzeugend. Dabei arbeitet die Autorin natürlich nicht mit plakativen Schockeffekten, sondern erzeugt die Spannung über die Abgründe, die sich in ihren Figuren auftun.
Schweblin erzählt emotional reduziert. Die Gefühle und das Grauen der Menschen in ihren Geschichten entstehen vor allem in meiner Phantasie und lassen viel Raum für Spekulation. So wird bei der Frau in der ersten Geschichte „Willkommen im Club“ gar nicht detailliert auserzählt, warum sie sich in einem Fluß ertränken will und den Selbstmord dann spontan abbricht, sondern es gibt dezente Andeutungen, die darauf hinweisen könnten. Diese Hinweise sind so dezent, dass ich sie mir vielleicht auch nur eingebildet haben könnte.

Als Elternteil berührt und ängstigt mich besonders „Das Auge in der Kehle“. Die Geschichte liest sich wie eine Manifestation meiner Ängste.
Die Manifestation von Ängsten und die Konfrontation damit ist ein Thema, das sich eigentlich in allen Geschichten findet. Diese Ängste lauern im ganz normalen Alltag und können plötzlich aus ganz alltäglichen Situationen entstehen.
Und das Grauen liegt in den Menschen selbst. So wie der Titel der Sammlung Gut und Übel kombiniert, steckt in den Menschen das Böse, manchmal versteckt hinter dem Guten.
Oder ist es genau umgekehrt?
Mich reizte an den Geschichten immer auch das rätselhafte Moment, das nicht ganz greifbar und eindeutig ist. Und das ich sowohl in Romanen als auch in Stories immer gerne lese.

Mir haben die Stories sehr gefallen und mein Interesse an der Autorin geweckt, von der ich jetzt gerne auch einen Roman lesen würde, beispielsweise „Das Gift“, das bereits für NETFLIX verfilmt wurde.

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Veröffentlicht am 28.10.2025

Überzeugende „Crónicas“

Das hier ist nicht Miami
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Ich hatte erst gezögert, ob ich dieses Buch wirklich lesen möchte, denn entgegen meiner ursprünglichen Vermutung handelt es sich bei „Das hier ist nicht Miami“ nicht um einen Roman. Es sind vielmehr sogenannte ...

Ich hatte erst gezögert, ob ich dieses Buch wirklich lesen möchte, denn entgegen meiner ursprünglichen Vermutung handelt es sich bei „Das hier ist nicht Miami“ nicht um einen Roman. Es sind vielmehr sogenannte „Crónicas“, eine in Lateinamerika einzigartige Mischform aus subjektiver Reportage, Investigativjournalismus und Fiktion.

Fernanda Melchor schreibt selbst in den Vorbemerkungen über ihre Texte, die zwischen 2002 und 2011 entstanden, und erstmals 2013 im spanischen Original erschienen sind:

“Es sind keine journalistischen Texte, denn sie enthalten keine Daten, harten Fakten und auch keine Autokennzeichen (zum Teil, um meine Informanten zu schützen), aber es sind ebenso wenig realistische Fiktionen.”

Melchor, die zu den wichtigsten Autorinnen Lateinamerikas zählt, schreibt in ihrem Erzähldebüt vom Leben in der Stadt Veracruz, der größten Hafenstadt an der mexikanischen Golfküste.
Bei mir entsteht so ein Bild von einer harten Stadt, die von Gewalt, Kriminalität und Drogenhandel geprägt ist.

Dabei verwendet Melchor komplett unterschiedliche Erzählperspektiven sowie unterschiedliche Erzählformen. Manche Ereignisse sind aus der Ich-Form geschrieben, andere in indirekter Rede oder sind Erzählungen aus zweiter Hand.
Den großen Unterschied ihrer Crónicas zu beispielsweise Kurzgeschichten liegt im Realitätsgehalt ihrer Geschichten. So steuern viele Texte nicht auf eine spannende Pointe hin oder auf eine moralische Botschaft, sondern Melchor möchte „Geschichten auf die ehrlichste Weise erzählen“, die sie für möglich hält, mit Hilfe der Literatur.

Besonder gut gefallen hat mir dabei der Text „Königin, Sklavin oder Ehefrau“. Darin erzählt Melchor die Geschichte von Evangelina Tejera, einer ehemaligen Karnevalskönigin, die ihre beiden kleinen Söhne in ihrer Wohnung in einem herunter gekommenen Mietshaus im Zentrum von Veracruz getötet, zerstückelt und in Blumentöpfen versteckt hat.
Die Geister der Kinder sollen bis heute noch manchmal im Treppenhaus beim Spielen beobachtet werden, wie Hausbewohner*innen berichten.

Obwohl dieser Bericht faktisch an True Crime erinnert, ist das, genauso wenig wie bei der Schilderung anderer gewalttätiger Verbrechen, nicht die explizite Intention der Autorin, sondern es ist vielmehr das Porträt eines Hauses, einer Frau und von Ereignissen „das sich überall hätte zutragen können, die aber aus wer weiß welchem unvermeidlichen Grund nur an diesem Ort geschehen konnten.“

Fernanda Melchor hat mich mit ihren „Crónicas“ so überzeugt, dass ich gerne auch einen ihrer preisgekrönten Romane lesen möchte.

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Veröffentlicht am 28.10.2025

Reflexionsstarke Mischung aus Essay, Roman und Memoir

Beweiskörper
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Susanna Hast ist finnische Autorin, Künstlerin und Songwriterin. Bei Edition Nautilus ist jetzt ihr Debütroman auf Deutsch erschienen, der 2022 mit dem Helsingin-Sanomat-Literaturpreis ausgezeichnet wurde.

Darin ...

Susanna Hast ist finnische Autorin, Künstlerin und Songwriterin. Bei Edition Nautilus ist jetzt ihr Debütroman auf Deutsch erschienen, der 2022 mit dem Helsingin-Sanomat-Literaturpreis ausgezeichnet wurde.

Darin geht die Erzählerin auf eine Spurensuche in ihre Vergangenheit. Sie wurde als Mädchen und Jugendliche sexuell missbraucht, hat die Erinnerungen daran aber verdrängt. Sie hatte damals niemand davon erzählt, die Täter wurden niemals strafrechtlich verfolgt. Die Übergriffe hatte für niemanden Konsequenzen, außer für die Erzählerin. Ihr Körper ist der einzige Beweiskörper, der davon zeugen kann.
In „Beweiskörper“ versucht Hast in der Rolle einer Ermittlerin und Detektivin, diesen Ereignissen näher zu kommen und Worte für das Nicht-Greifbare zu finden.

„Mir ist seit jeher klar, dass ich über das Erlebte nicht direkt schreiben kann. Die Wahrheit muss zwischen den Wörtern hervorsickern. Worte reichen nie aus.“

Hasts Buch ist die intensive und sehr tiefgehende Auseinandersetzung mit den traumatischen Gewalterfahrungen der Erzählerin und mit sexueller Gewalt, Erinnerung und Scham im Allgemeinen.

“Gewalt scheint fast alltäglich zu sein, das Archiv ist riesig, unendlich. Wie kann es sein, dass über sexuelle Gewalt gleichzeitig so intensiv geschwiegen wird?”

Ein wichtiger Punkt in Hasts Spurensuche dreht sich darum, wie sexuelle Gewalt in unserer Gesellschaft tabuisiert und verharmlost wird. Opfern wird nicht geglaubt, es wird ihnen eine Mitschuld zugeschrieben, und ihr Schmerz wird relativiert. Damit die die Täter, die meistens Teil der Gesellschaft sind und mitten unter uns leben, weiterhin integriert bleiben können.

“Und obwohl ich davon rede, dass ich es nicht wollte und mich passiv verhalten habe, bin ich trotzdem nicht ausreichend unschuldig, denn das Nicht-Wollen müsste total sein, der Widerstand sicht- und hörbar, aber zusätzlich wird man die Forderung der Unschuld nie ganz befriedigend erfüllen können.”

Ebenfalls nehmen Hasts Gedanken über die Funktionsweise von Erinnerung, Verdrängung und Vergessen viel Raum ein. Auch hier bleibt sie nicht nur bei den individuellen Erfahrungen ihrer Erzählerin, sondern bezieht Forschungsergebnisse und Studien mit ein.

Und auch wenn auf dem Cover „Roman“ steht, ist der Hasts Text stark autofiktional. In der Kurzbeschreibung steht:
„Susanna Hasts bewegender Text ist ein feministischer Genrehybrid zwischen Roman, Memoir und Essay.“

Mich erinnert mich „Beweisköper“ in dieser Mischung sehr an Maggie Nelsons „Die roten Stellen“, in dem sie den Mord an ihrer Tante aufarbeitet. Und tatsächlich referenziert Hast unter anderem die Arbeiten von Nelson, aber auch Serien und andere popkulturelle Quellen finden Eingang in ihren Roman.

Mich hat „Beweiskörper“ thematisch sehr angesprochen und schloß sich der Hasts Text genau an die Lektüre von Neige Sinno „Trauriger Tiger“ an. Ich habe den sehr reflexionsstarken Text von Hast super gerne gelesen. Ich würde ihn aber nur weiterempfehlen, wenn du speziell an dem Thema interessiert bist und/oder bereits bist für teils sehr tief gehende psychische Explorationen.

„Mein Körper gehört mir. Und, das Wichtigste, ich bin nicht zum Leiden verurteilt. Ich entscheide selbst, wer ich bin.“

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