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Veröffentlicht am 04.02.2018

Leben in Holt

Lied der Weite
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Verschiedene Leben werden in diesem Roman zusammengewürfelt, ihre Gemeinsamkeit: alle Protagonisten dieses Romans leben in der fiktiven Kleinstadt Holt in Colorado, Schauplatz aller Romane des US-amerikanischen ...

Verschiedene Leben werden in diesem Roman zusammengewürfelt, ihre Gemeinsamkeit: alle Protagonisten dieses Romans leben in der fiktiven Kleinstadt Holt in Colorado, Schauplatz aller Romane des US-amerikanischen Autors Kent Haruf. Was nicht bedeutet, dass sie die Stadt nie verlassen. Nein, aber die wichtigsten Player kehren stets dorthin zurück.

Eine Familie, Tom Guthrie mit seinen Söhnen Bobby und Ike, der die Mutter verlorengeht. Ein 17jähriges Mädchen, nämlich Victoria Roubideaux, das von seiner Mutter verstoßen wird. Eine Lehrerin, Maggie Jones, die sich um ihren alten Vater kümmert und anderen hilft, während sie von einem eigenen Leben träumt. Ein altes Brüderpaar, Raymond und Harold McPheron, das allein auf einer Farm lebt und unerwartet Gesellschaft bekommt: das sind die maßgeblichen Charaktere, deren Schicksale sich im Erzählverlauf verbinden.

Kent Haruf erzählt mit einer gewissen Distanz, dennoch warmherzig von seinen Helden des Alltags und immer wieder ist es ganz schön starker Tobak, den sie da durchmachen müssen. Doch immer wieder sind es Momente des Zusammenhalts, der Hilfsbereitschaft, die eine Wendung bringen und so klappt der Leser - zumindest ich - am Ende das Buch mit einem sehr warmen, wohligen Gefühl im Bauch zu.

Die Erzählweise des Autors ist sicher nichts für jeden, denn er schildert ausschließlich die jeweilige Gegenwart, blickt nicht zurück. Es sind also keine Figuren mit einer Historie, die wir kennenlernen bzw. erfahren wir nur ganz wenig und auch nur durch Hinweise der Charaktere selbst, wie sie zu dem wurden, was sie sind. Allerdings erstreckt sich die geschilderte Zeitspanne über etliche Monate, bzw. etwa ein Jahr und so gibt es durchaus Entwicklungen zu verfolgen , sowohl äußere als auch innere - beide sind spannend dargestellt.

Es ist ein leises Buch, aber dennoch eines mit Schwung, eines, in dem ordentlich Handlung drin vorkommt, man sollte nur bereit sein, sich darauf einzulassen. Mit seinem Roman über Helden des Alltags in Nordamerika stellte sich der Autor Kent Haruf - leider bereits 2014 verstorben - in eine Reihe mit Autorinnnen wie Anne Tyler, deren Romane alle in Baltimore spielen oder auch die kanadische Nobelpreisträgerin Alice Munro, deren Erzählungen ebenfalls an einem Ort angesiedelt sind. Ein Autor, den es sich kennenzulernen lohnt!

Veröffentlicht am 02.02.2018

Einen grausigen Fund

Dein Tod komme
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macht Rina Decker bei einer bis dahin entspannten Wanderung durch den Wald: sie tritt auf einen menschlichen Knochen und löst dadurch eine wahre Lawine aus. Ihr Mann Peter ermittelt gemeinsam mit seinem ...

macht Rina Decker bei einer bis dahin entspannten Wanderung durch den Wald: sie tritt auf einen menschlichen Knochen und löst dadurch eine wahre Lawine aus. Ihr Mann Peter ermittelt gemeinsam mit seinem Assistenten Tyler McAdam bald in mehreren Fällen und die Spur führt zum nahegelegenen Unicampus.

Das erste Opfer ist ein überaus intelligenter und charismatischer Transgender-Typ. Hat die Ermordung etwa damit zu tun. Möglich ist alles, doch in weiteren Ermittlungen stösst das Team um Peter Decker auf weitere Spuren, die in Richtung Drogenhandel und/oder sexuelle Motive diverser Art führen.

Ich muss sagen, dass vor allem die früher so tiefgründige und nachdenkliche Rina sich zu einer etwas langweiligen Familienchefin entwickelt hat, die überall ihre Nase mit reinstecken muss - ob es nun sinnvoll ist oder nicht. Ich erlaube mir dies als jahrzehntelanger Fan dieser Krimireihe zu sagen und es ist auch Kritik auf hohem Niveau. Doch ein wenig hat es mich schon gestört, wie oft auf sie und Peter als stimmiges Paar in jeder Hinsicht eingangen wurde. Auch die Beziehung von Tyler McAdams, der quasi als Ziehsohn der beiden gehandelt wird, wurde ein wenig überstrapaziert.

Dagegen waren die Einschübe zu jüdischen Traditionen - Rina und Peter sind orthodoxe Juden und befolgen religiöse Vorschriften - sehr bereichernd und auch atmosphärisch.

Es fällt mir nicht schwer, weitere positive Punkte zu finden, die Zeichnung der Charaktere ist klar und stimmig, der eigentliche Kriminalfall ist ein geschickter Mix zwischen actionreichen Handlungen und Verhören mit nur wenigen Längen und gerade am Ende auch mit ein bisschen Mut zur Lücke an der ein oder anderen Stelle. Eine andere Verteilung bzw. Schwerpunktsetzung hätte dem Kriminalfall sicher gut getan, doch auch so habe ich das Buch mit Genuss gelesen!

Veröffentlicht am 02.02.2018

Kriegstraumata

Alles, was folgte
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Ein Kriegstrauma können auch Menschen haben, die selbst gar keinen Krieg miterlebt haben, beispielsweise dadurch, dass sie von Nahestehenden vieles mitbekommen haben. Ich selbst habe beispielsweise vieles ...

Ein Kriegstrauma können auch Menschen haben, die selbst gar keinen Krieg miterlebt haben, beispielsweise dadurch, dass sie von Nahestehenden vieles mitbekommen haben. Ich selbst habe beispielsweise vieles nacherleben und auch mitfühlen können durch Erzählungen meines Vaters - 16jährig eingezogen und schwer verwundet und meiner Mutter, deren Kindheit durch den 2. Weltkrieg geprägt war. Ich selbst möchte nie in die Nähe solcher Ereignisse geraten, es ist für mich das Schlimmste, was ich mir vorstellen kann.

Die Fotografin Katharina Ehlbracht, 1945 geboren, reagiert da ganz anders: Kriegsschauplätze sind sozusagen ihr täglich Brot, sie fotografierte in Vietnam, Nordirland, Südafrika und an anderen ausgesprochen gefährlichen Orten.

Anfang 1990, kurz nach der Öffnung der Mauer, erhält sie einen Umschlag mit Briefen von ihrer Mutter, aus dem hervorgeht, dass ihre Familiengeschichte eigentlich eine ganz andere ist, als sie es bisher annahm. Von einem Tag auf den anderen ist alles ganz anders. Gleich mehrere Kriegstraumata offenbaren sich nun und Katharina wird peu á peu bewusst, wie sehr die Menschen in ihrem Umfeld - und darüber hinaus - gelitten haben.

Ein spannendes und wichtiges Thema, das von Autorin Renate Ahrens überaus mitreißend und eindringlich beschrieben wird. Katharina ist längst nicht die Einzige, deren Geschichte durch die Öffnung der Grenzen und die darauf folgende Wiedervereinigung neu geschrieben wurde, wenn es auch in vielen Fällen sicher nicht so dramatisch zuging wie in dem ihrigem.

Ich konnte das Buch nicht aus der Hand legen, so spannend las sich für mich Katharinas Geschichte, der zudem eine Parallelgeschichte mit Rückblenden zugeordnet ist - aber ich will nicht zu viel verraten.

Sehr enttäuscht war ich allerdings davon, dass die Autorin zahlreiche vielversprechende und gut gezeichnete Charaktere einführt, deren Bedeutung für die Geschichte nur angerissen wird, die quasi nur einen Kurzauftritt haben, obwohl hinter ihnen ebenfalls spannungsreiche Entwicklungen stehen - wie vielschichtig diese sind, nun, da muss der Leser seine Phantasie entwickelt und seine eigene(n) Geschichte(n) schaffen. Das fand ich ein bisschen schade, denn in der zweiten Hälfte des Romans häufen sich diese Andeutungen, mir kam es so vor, als ob die Autorin mir etwas verspricht, was sie dann nicht einlöst.

Da ich die Geschichte so sehr genoss, fand ich es besonders schade. Trotz der erwähnten Einschränkung also eine dicke Empfehlung von mir an alle, die gern über die jüngste deutsche Vergangenheit lesen und bereit sind für einen spannenden, mitreißenden, dramatischen , allerdings auch sehr traurigen Familienroman!

Veröffentlicht am 02.02.2018

Nachkriegsblues in Kölle

Antonias Tochter
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Ich hatte mich so gefreut auf dieses Buch, das die unmittelbare Nachkriegszeit in meiner so geschundenen Heimatstadt Köln behandelt, doch war ich zunächst so enttäuscht von diesem Werk, dass ich es am ...

Ich hatte mich so gefreut auf dieses Buch, das die unmittelbare Nachkriegszeit in meiner so geschundenen Heimatstadt Köln behandelt, doch war ich zunächst so enttäuscht von diesem Werk, dass ich es am liebsten an die Wand gepfeffert hätte! Ich fühlte mich an die Bücher von Hanni Münzer erinnert, die ihrerseits für mich wieder eine moderne Reinkarnation von Konsalik oder bestenfalls Simmel darstellt.

Gottseidank bin ich am Ball geblieben und wurde auch dafür belohnt mit dieser Geschichte, in der sich in den ersten Nachkriegsmonaten eine kleine, zerrissene Schicksalsgemeinschaft bestehend aus drei Frauen und zwei Männer zusammenfindet, als Vorläufer von WGs sozusagen. Naja, eigentlich sind es vier weibliche Wesen, wenn man noch Baby Marie hinzuzählt, die Tochter der Hauseigentümerin Antonia, die sich mit der Kleinen aus Ostpreußen durchgeschlagen hat. Wobei es bereits in dieser Aussage etliche Unstimmigkeiten gibt: ob das Haus, das Erbe ihres gefallenen Mannes Friedrich, ihr tatsächlich zusteht, ist noch gar nicht klar: noch gilt Friedrich als vermisst und seine Verwandten sind nur zu erpicht auf das unbeschädigte Gebäude im Kölner Edelviertel Marienburg.

Ja, Köln und seine Viertel - zunächst schien es mir, als ob die Autorin überhaupt nicht hineinfindet in die atmosphärische Schilderung der Stadt und obwohl sie mich bis zum Ende längst nicht vollständig überzeugen konnte, wurde es um einiges besser und einige Besonderheiten wie das kölsche Idiom und der Nachkriegskarneval wurden ganz gut herausgearbeitet. Dennoch hätte man den Lesern die Stadt mit ihrem Lokalkolorit um einiges näher bringen können.

Erfreulicherweise tut sich die Autorin erheblich leichter im Beschreiben von Charakteren und im Entwickeln einer teilweise fast kriminalistisch anmutenden, spannungsreichen Geschichte, so dass ich das Buch zeitweise gar nicht aus der Hand legen konnte.

Die Geschichte um die Herkunft und um die Zusammenhänge der 5 bzw. 6 Hausbewohner gestaltet sich zu einem aktionsreichen Abenteuer, bei dem eher die Entwicklungen als Sprache und Stil im Vordergrund stehen. Eine überaus passende Urlaubslektüre also für diejenigen, die im Strandkorb gerne mittdenken oder auch mal zum Smartphone greifen, um zu der ein oder anderen Begebenheit ein wenig weiter zu recherchieren.

Veröffentlicht am 02.02.2018

Ihr bisheriges Leben hinter sich lassen

Die Liebe zum Regen
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zumindest auf Zeit, das hat Vera im Sinn, als sie kurzerhand ein Angebot, als AuPair nach London zu gehen, annimmt. Und dabei ist sie schon Ende 50, zwar noch nicht im Oma-Alter, aber durchaus schon als ...

zumindest auf Zeit, das hat Vera im Sinn, als sie kurzerhand ein Angebot, als AuPair nach London zu gehen, annimmt. Und dabei ist sie schon Ende 50, zwar noch nicht im Oma-Alter, aber durchaus schon als reiferer Semester zu bezeichnen. So kommt ihr diese Offerte gerade recht. Sie kann für eine gewisse Zeit aus ihrem bisherigen Leben ausbrechen, Abstand von ihrem langjährigen Ehemann Gernot nehmen und das hat sie auch bitter nötig - zu viel Verwirrendes ist zuletzt passiert, sie muss einfach mal weg.

Und "weg", das heißt: hinein in ein neues Leben, in eines mit drei Mädchen und das, wo sie doch nie Mutter war! Jetzt hat sie eine im Teenageralter, eine darunter und dazu die kleine, quicklebendige Zoe, die noch nicht einmal zur Schule geht.

Ganz schön schwer, mit der neuen Situation klarzukommen, zumal sich der Vater der drei britischen Girls, Mr. Hastings, mehr als zurück hält. Überhaupt verhält sich die Familie ziemlich eigenartig, die Mutter scheint komplett verschwunden zu sein. Was ist also los und wird Vera mit der Situation zurechtkommen?

Ein ziemlich schräges, manchmal (zu) weit hergeholtes, in weiten Teilen aber sehr warmherziges und auch witziges Werk über Zusammenhalt, Einsamkeit, Verlorenheit, Zugehörigkeit und noch vieles andere!

Vera ist eigentlich eher der norddeutsche Typ und sieht alles - aus ihrer Sicht wird erzählt, ein bisschen reduziert, hat aber Humor und das Herz durchaus auf dem richtigen Fleck. Wenn sie sich denn einmal gefunden hat, denn auch sie ist verloren.

Mir hat die eher sparsame Erzählweise bis auf ein paar Passagen durchaus zugesagt, mir gefällt es auch, eine ältere Dame als AuPair werkeln zu sehen. Dabei kommt es durchaus zu der ein oder anderen überraschenden Situation wie auch zu manch gutem Spruch wie bspw.den, dass Vera ihre Ehe irgendwann mal wie ein Joghurt vorkommt, bei dem sich der Deckel bedrohlich wölbt - irgendwie abgelaufen (S. 273). Ob sie sich aber trennt, oder ob sich dieses Zitat auf frühere Zeiten bezieht, dass müssen Sie sich schon selbst erlesen! Ich finde, dieser Ausflug nach London lohnt sich durchaus und ist als Urlaubsbegleiter bestens geeignet - ob es nun nach London oder auch in wärmere Gefilde geht, das Herz des Lesers wird er auf jeden Fall erwärmen!