Die Durchbrechung der Ordnung
Besichtigung eines UnglücksKurz vor Weihnachten und nach Beginn des Zweiten Weltkrieges hat sich in der Kleinstadt Genthin das schwerste deutsche Zugunglück ereignet, bei dem nach offiziellen Angaben rund 190 Menschen starben: Zwei ...
Kurz vor Weihnachten und nach Beginn des Zweiten Weltkrieges hat sich in der Kleinstadt Genthin das schwerste deutsche Zugunglück ereignet, bei dem nach offiziellen Angaben rund 190 Menschen starben: Zwei Züge prallen aufeinander, schieben sich ineinander und zahlreiche Menschen werden aus dem Leben gerissen oder überleben schwerverletzt. Es gibt mehrere Theorien zum Ablauf und fehlerhaften menschlichen Verhalten, das zu diesem Unglück geführt hat.
„Nicht deine Zeit“ sagt die Geliebte Yps zum Ich-Erzähler Thomas Vandersee, der in Sachen Genthiner Zugunglück anhand von Archiv-Dokumenten, Akten, Gerichts- und Zeugenaussagen akribisch recherchiert. So lässt der Autor Gert Loschütz im ersten Abschnitt des Romans „Besichtigung eines Unglücks“ das Zugunglück en Detail Revue passieren – fast protokollarisch und dennoch stets spannend wie eine True-Crime-Episode wird die Abfolge des Unglücks beschrieben. Ist zu anfangs noch unklar, warum Vandersee so besessen recherchiert, setzt sich Stück für Stück ein Bild des persönlichen Anlasses, der bis in die Gegenwart reicht, zusammen.
Vandersees Mutter Lisa, mit der er als Kind per Zug in den Westen flüchtete, hatte womöglich Verbindung zu einer Zugpassagierin, die überlebt hat: Clara Buonomo, Geborene Finck. Szenisch, atmosphärisch und literarisch auf hohem Niveau taucht Loschütz nun in verschiedene historische Zeitebenen und lässt verschiedene menschliche Biografien zum Leben erwecken – verwoben aus unverlässlicher Erinnerung, sicheren Dokumenten und Fakten und gespickt mit eigenen Rückschlüssen. Halbjüdin Clara war im Jahre 1939, als die Nationalsozialisten zunehmend die jüdische Bevölkerung erniedrigte und verfolgte, mit dem Juden Richard verlobt. Es gab Streit, beide Leben waren in Gefahr, es mussten Papiere zur Ausreise beschaffen werden. Clara geht eine Verbindung mit dem Italiener Buonomo ein, zusammen saßen sie im Unglückszug – Clara überlebt, der Mann nicht, aber seinen Nachnamen behält sie. Richard wird wenige Jahre später deportiert.
Vandersee taucht wie besessen von Clara immer tiefer in seine Nachforschungen ein, findet heraus, dass die junge Frau nach dem Unglück Kleider ins Krankenhaus überbracht bekommen hat: Seine Mutter war in diesem Modehaus beschäftigt – hatten die Zwei eine Verbindung? Beide Frauen eint eine Liebe, die sich nicht erfüllen kann, und der Wunsch nach einem besseren Land für die Zukunft. Und beide hatten eine Liebe zur Musik. All die kleinen Details, die sich rund um ein historisches Unglück und die menschlichen Schicksale dahinter drehen, dringen bis in die Gegenwart zum Ich-Erzähler Thomas, der mit Bindungsängsten zu kämpfen hat. Vandersee besichtigt alle Orte des Unglücks und auch die von Clara und seiner Mutter, philosophiert über Zufall, Schicksal, das Leben und Katastrophen.
„Die Akten, die Briefe – ein ganz enges Korsett, in das ich mich hineinbegeben habe. Kaum Erfindungen möglich; nur Vermutungen, Rückschlüsse: Wenn das so ist, folgt daraus...“
Gert Loschütz ist ein versierter Erzähler, der selbst in Genthin geboren ist. Wie er deutsche Zeitgeschichte mit der Innenschau fiktiver menschlicher Schicksale verknüpft und die jeweilige Zeit aufleben lässt, ist feinste semifiktionale Erzählkunst, die mit der Wahrhaftigkeit von Erinnerungen und Indizien spielt. Obwohl nicht viel passiert, zieht der investigative Erzählsog tief hinein in die feingliedrigen Details und Polizeiakten, in denen Lokführer, Heizer und andere Beteiligte aussagen oder in die Liebesbriefe zwischen Carla und Richard. Und von den Details geht es weiter zu den Menschen und ihren Umständen und Handlungen sowie die schwierigen Zeiten wie Zweiter Weltkrieg, Nationalsozialismus und Ost-/West-Teilung dahinter. Kriegstraumata, verletzte Körper und Menschen sowie Lieben, die schicksalshaft unerfüllt bleiben und Leben, die eine neue Richtung nehmen.
Auch wenn am Ende und nach dem bewegenden zusammenführenden Abschnitt „Aus den Notizheften“, das in der Gegenwart des Erzählers spielt, einiges in den rekonstruierten Geschichten offenbleibt, ist Gert Loschütz eine feinfühlige und präzise Komposition aus verschiedenen Atmosphären gelungen, die in ihrer zusammenhängenden Gesamtschau einen eindringlichen Blick auf deutsche Geschichte werfen, die bis ins Heute wirkt. Meisterhaft sowie spannend erzählt, packend und lange nachhallend.
„Die Durchbrechung der Ordnung, die es einen Moment lang erlaubt, die Dinge in ihrem Rohzustand zu betrachten, so, wie sie waren, bevor sie lernten, sich an die Gesetze und Fahrpläne zu halten? Beruht die Faszination, die sie ausüben, auf unserer Sehnsucht nach dem Chaos, der Ursuppe, aus der wir hervorgegangen sind?“ S. 97