Und Evi war ein Wunschkind
Die glücklichste Familie der WeltIch möchte schreiben, dass das Buch mir gefallen hat, ich möchte schreiben, dass das Buch mir nicht gefallen hat, ich möchte schreiben, dass ich das Buch eigentlich am Anfang von „Freitag“ abbrechen wollte. ...
Ich möchte schreiben, dass das Buch mir gefallen hat, ich möchte schreiben, dass das Buch mir nicht gefallen hat, ich möchte schreiben, dass ich das Buch eigentlich am Anfang von „Freitag“ abbrechen wollte. Und dass ich es vor dem Rezensieren beinahe vollständig noch einmal gelesen habe. Ambivalenter geht es nicht. Und so ist das ganze Buch, anziehend und gleichzeitig abstoßend, liebevoll und voller Wut. Die schwedische Autorin Anna Brynhildsen (Jahrgang 1992) schreibt aus eigener Erfahrung, die Protagonistin Irma ist ihrer Oma nachempfunden, ob sie sich selbst als Sara sieht, das weiß ich nicht, vielleicht, vielleicht ist der Roman autofiktional. Interessant auf jeden Fall.
Wer aber ist Evi? Sie lebt in Schweden, in Malmö, sie hat jüdische Vorfahren. Evis Uroma Irma wurde als Kind nach Schweden mit einem Kindertransport geschickt, ihre Schwester Nina war dabei, ihre Eltern nicht, sie hat sie nie wieder gesehen. Aber sie hat eine Familie gegründet, der jüngere Sohn Mats, der eigentlich Max heißen sollte, ist Evis Vater. Mats Bruder hat auch eine Tochter, Sara, doppelt so alt wie Evi, völlig auf Evi fixiert, mit fundamentalen Ängsten. Da ist Sara nicht allein, auch Evi hatte Ängste, hat versucht Selbstmord zu begehen, hat sich geritzt, und wurde immer mehr zu Außenseiterin. Als jüdisches Mädchen im protestantischen Schweden, in Malmö, von wo oft über Rechtsradikalismus berichtet wird, ist es sicher nicht einfach. Wenn das Mädchen dann noch das Gefühl hat, auch in der eigenen Familie eher die Außenseiterin zu sein, wird es problematisch. Sara versucht, Evi aufzufangen, aber eigentlich braucht sie selbst mehr als ein Netz und doppelten Boden. Denn sie ist schwanger und glaubt, sie wäre als Mutter ungeeignet. Also macht sie einen Termin für eine Abtreibung, aber bitte erst nächste Woche.
Denn für diese Woche ist Berlin geplant. Mats, Evi und Sara wollen im Jüdischen Museum neun Briefe übergeben, die aus dem Nachlass der kürzlich verstorbenen Oma Irma stammen. Letzte Zeugnisse des Holocaust. Initiator der Schenkung ist Mats, Evi und Sara würden die Briefe lieber behalten. Wobei das tatsächliche Interesse am Inhalt eher oberflächlich ist. Mats hat natürlich auch noch ein schwieriges Problem, er will sich von Anna, seiner Frau scheiden lassen, Sara weiß davon, Evi ist ahnungslos.
Mats und Sara treffen sich seit Jahren einmal im Monat in einer Kneipe, besprechen all das Unaussprechliche und sprechen sich immer wieder gegenseitig Mut zu. Und so beginnt nach den ersten umfassenden Familieninformationen, in einem eher holprigen Stil, mit Ortsbeschreibungen, die im „abgespacten“ Wohnviertel gipfeln, und Berichten über Saras Berliner Bekanntschaft Johannes das Kapitel „Freitag“. Ich war von den Tiraden dermaßen genervt, dass ich das Buch abbrechen wollte, aber plötzlich kam im Kapitel „Freitag“ ein Extrakapitel „Wie wir hier gelandet sind“. Ich las von der Familie Wolff aus Pyritz, von den Großeltern und Eltern von Irma und Nina, und es hat mich gepackt. Plötzlich wurde mir das Buch vertraut, plötzlich spürte ich Mitgefühl. Der Stil der Erzählung las sich, als hätte ein neuer Schriftsteller begonnen, das Buch weiterzuschreiben. Irmas Eltern lernten sich in Berlin kennen, das Terrain ist mir vertraut.
Der Leser erfährt die gesamte Familiengeschichte der Wolffs in Häppchen, eingestreut in die Tage von Mats, Sara und Evi in Berlin. Die Berlinbesichtigungen, der „Schoah-Trip“ sind nicht gerade nach Evis Geschmack, der einsame Stolperstein und der mickrige Grabstein von Max Wolff, der Besuch des Jüdischen Museums, nichts reißt sie so richtig mit. Sara gerät auf Abwege, Evi auch, aber keine geht verloren. Entweder hatte ich mich im Laufe der Geschichte an den Schreibstil gewöhnt oder er wurde tatsächlich angenehmer zu lesen. Ich las jedenfalls das Buch bis zum Ende. Und dann gleich noch einmal die wichtigsten Stellen, um die Erinnerung an die Gespräche und Geschehnisse wiederzubeleben, die durch mein frustriertes Lesen gleich wieder in Vergessenheit geraten waren.
Die Holocaust-Thematik mit all ihren tragischen Momenten ist mir sehr vertraut, auch die Problematik der Kindertransporte – die schweren psychischen Belastungen von Kindern wie Eltern inbegriffen. Zur Frage der Traumabewältigung, der Traumavererbung habe ich unzählige Beiträge gelesen. (Ich empfehle hier besonders das Buch „Der blinde Fleck“ von Stephan Lebert und Louis Lewitan.) Und ich kenne das auch aus der eigenen Familie, wer nahe Verwandte durch den Holocaust verloren hat, weiß, wovon ich schreibe. Trotzdem bin ich der Meinung, dass nicht jede psychische Erkrankung von Nachkommen, gleich welcher Generation, aus diesen Traumata entspringt.
Evi ist ein Kind, das in einer Familie großgeworden ist, die mit Irma eine Überlebende in ihrer Mitte hatten, aber jüdisch sein ist nicht nur in Malmö ein Problem, Oma Irma war zum Glück ziemlich pragmatisch. „Sie hatte nie richtig an Gott geglaubt, und jetzt noch weniger. Im Laufe der Jahre hatte man sie so vieles genannt, in Schweden wie in Deutschland: Verräterin, Abtrünnige, unrein.“ Dass auch Juden untereinander ziemlich hässlich zueinander sein können, das hatte Irma noch in Deutschland in der Schule erlebt.
Es ist gleichgültig, wo man lebt, wenn es nicht gerade Israel ist, jüdisch ist immer anders. Als Mats Ehefrau Anne einmal den verbalen Versuch macht, und von der Aliya (Auswanderung nach Israel) als Möglichkeit spricht, stößt sie auf totale Ablehnung. Wir sind Schweden, wir bleiben hier! sagt die Familie. Evi wird sich mit diesem Leben in Schweden, so wie es im Buch durchscheint, auch arrangieren. Bezeichnend dafür sind ihre Wünsche, die sie beim Museumsbesuch auf ein Wünscheblatt schreibt. Ich bin zuversichtlich: Evi wird es schaffen, von jeglichem Trauma Abstand zu finden und zu halten. Sie lebt, hier und jetzt. Aber zu viel Spoilern soll dann doch nicht sein, jeder muss selbst lesen, was Evi gern möchte.
Fazit: Diese Reise nach Berlin ist eine Reise in die Vergangenheit der Zukunft. Keine leichte Lektüre, aber sehr intensiv miterlebbar. Ein eher trauriges Zitat zum Abschluss: „Wenn man geboren wird, ist alles, wie es sein soll, dann wird es langsam immer schlechter.“ Ich würde darauf antworten, dass man es nur selbst besser machen kann. Wenn man Glück hat. Nach reiflicher Überlegung gebe ich dann doch eine Leseempfehlung.
Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.