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Veröffentlicht am 13.01.2026

Und Evi war ein Wunschkind

Die glücklichste Familie der Welt
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Ich möchte schreiben, dass das Buch mir gefallen hat, ich möchte schreiben, dass das Buch mir nicht gefallen hat, ich möchte schreiben, dass ich das Buch eigentlich am Anfang von „Freitag“ abbrechen wollte. ...

Ich möchte schreiben, dass das Buch mir gefallen hat, ich möchte schreiben, dass das Buch mir nicht gefallen hat, ich möchte schreiben, dass ich das Buch eigentlich am Anfang von „Freitag“ abbrechen wollte. Und dass ich es vor dem Rezensieren beinahe vollständig noch einmal gelesen habe. Ambivalenter geht es nicht. Und so ist das ganze Buch, anziehend und gleichzeitig abstoßend, liebevoll und voller Wut. Die schwedische Autorin Anna Brynhildsen (Jahrgang 1992) schreibt aus eigener Erfahrung, die Protagonistin Irma ist ihrer Oma nachempfunden, ob sie sich selbst als Sara sieht, das weiß ich nicht, vielleicht, vielleicht ist der Roman autofiktional. Interessant auf jeden Fall.
Wer aber ist Evi? Sie lebt in Schweden, in Malmö, sie hat jüdische Vorfahren. Evis Uroma Irma wurde als Kind nach Schweden mit einem Kindertransport geschickt, ihre Schwester Nina war dabei, ihre Eltern nicht, sie hat sie nie wieder gesehen. Aber sie hat eine Familie gegründet, der jüngere Sohn Mats, der eigentlich Max heißen sollte, ist Evis Vater. Mats Bruder hat auch eine Tochter, Sara, doppelt so alt wie Evi, völlig auf Evi fixiert, mit fundamentalen Ängsten. Da ist Sara nicht allein, auch Evi hatte Ängste, hat versucht Selbstmord zu begehen, hat sich geritzt, und wurde immer mehr zu Außenseiterin. Als jüdisches Mädchen im protestantischen Schweden, in Malmö, von wo oft über Rechtsradikalismus berichtet wird, ist es sicher nicht einfach. Wenn das Mädchen dann noch das Gefühl hat, auch in der eigenen Familie eher die Außenseiterin zu sein, wird es problematisch. Sara versucht, Evi aufzufangen, aber eigentlich braucht sie selbst mehr als ein Netz und doppelten Boden. Denn sie ist schwanger und glaubt, sie wäre als Mutter ungeeignet. Also macht sie einen Termin für eine Abtreibung, aber bitte erst nächste Woche.
Denn für diese Woche ist Berlin geplant. Mats, Evi und Sara wollen im Jüdischen Museum neun Briefe übergeben, die aus dem Nachlass der kürzlich verstorbenen Oma Irma stammen. Letzte Zeugnisse des Holocaust. Initiator der Schenkung ist Mats, Evi und Sara würden die Briefe lieber behalten. Wobei das tatsächliche Interesse am Inhalt eher oberflächlich ist. Mats hat natürlich auch noch ein schwieriges Problem, er will sich von Anna, seiner Frau scheiden lassen, Sara weiß davon, Evi ist ahnungslos.
Mats und Sara treffen sich seit Jahren einmal im Monat in einer Kneipe, besprechen all das Unaussprechliche und sprechen sich immer wieder gegenseitig Mut zu. Und so beginnt nach den ersten umfassenden Familieninformationen, in einem eher holprigen Stil, mit Ortsbeschreibungen, die im „abgespacten“ Wohnviertel gipfeln, und Berichten über Saras Berliner Bekanntschaft Johannes das Kapitel „Freitag“. Ich war von den Tiraden dermaßen genervt, dass ich das Buch abbrechen wollte, aber plötzlich kam im Kapitel „Freitag“ ein Extrakapitel „Wie wir hier gelandet sind“. Ich las von der Familie Wolff aus Pyritz, von den Großeltern und Eltern von Irma und Nina, und es hat mich gepackt. Plötzlich wurde mir das Buch vertraut, plötzlich spürte ich Mitgefühl. Der Stil der Erzählung las sich, als hätte ein neuer Schriftsteller begonnen, das Buch weiterzuschreiben. Irmas Eltern lernten sich in Berlin kennen, das Terrain ist mir vertraut.
Der Leser erfährt die gesamte Familiengeschichte der Wolffs in Häppchen, eingestreut in die Tage von Mats, Sara und Evi in Berlin. Die Berlinbesichtigungen, der „Schoah-Trip“ sind nicht gerade nach Evis Geschmack, der einsame Stolperstein und der mickrige Grabstein von Max Wolff, der Besuch des Jüdischen Museums, nichts reißt sie so richtig mit. Sara gerät auf Abwege, Evi auch, aber keine geht verloren. Entweder hatte ich mich im Laufe der Geschichte an den Schreibstil gewöhnt oder er wurde tatsächlich angenehmer zu lesen. Ich las jedenfalls das Buch bis zum Ende. Und dann gleich noch einmal die wichtigsten Stellen, um die Erinnerung an die Gespräche und Geschehnisse wiederzubeleben, die durch mein frustriertes Lesen gleich wieder in Vergessenheit geraten waren.
Die Holocaust-Thematik mit all ihren tragischen Momenten ist mir sehr vertraut, auch die Problematik der Kindertransporte – die schweren psychischen Belastungen von Kindern wie Eltern inbegriffen. Zur Frage der Traumabewältigung, der Traumavererbung habe ich unzählige Beiträge gelesen. (Ich empfehle hier besonders das Buch „Der blinde Fleck“ von Stephan Lebert und Louis Lewitan.) Und ich kenne das auch aus der eigenen Familie, wer nahe Verwandte durch den Holocaust verloren hat, weiß, wovon ich schreibe. Trotzdem bin ich der Meinung, dass nicht jede psychische Erkrankung von Nachkommen, gleich welcher Generation, aus diesen Traumata entspringt.
Evi ist ein Kind, das in einer Familie großgeworden ist, die mit Irma eine Überlebende in ihrer Mitte hatten, aber jüdisch sein ist nicht nur in Malmö ein Problem, Oma Irma war zum Glück ziemlich pragmatisch. „Sie hatte nie richtig an Gott geglaubt, und jetzt noch weniger. Im Laufe der Jahre hatte man sie so vieles genannt, in Schweden wie in Deutschland: Verräterin, Abtrünnige, unrein.“ Dass auch Juden untereinander ziemlich hässlich zueinander sein können, das hatte Irma noch in Deutschland in der Schule erlebt.
Es ist gleichgültig, wo man lebt, wenn es nicht gerade Israel ist, jüdisch ist immer anders. Als Mats Ehefrau Anne einmal den verbalen Versuch macht, und von der Aliya (Auswanderung nach Israel) als Möglichkeit spricht, stößt sie auf totale Ablehnung. Wir sind Schweden, wir bleiben hier! sagt die Familie. Evi wird sich mit diesem Leben in Schweden, so wie es im Buch durchscheint, auch arrangieren. Bezeichnend dafür sind ihre Wünsche, die sie beim Museumsbesuch auf ein Wünscheblatt schreibt. Ich bin zuversichtlich: Evi wird es schaffen, von jeglichem Trauma Abstand zu finden und zu halten. Sie lebt, hier und jetzt. Aber zu viel Spoilern soll dann doch nicht sein, jeder muss selbst lesen, was Evi gern möchte.
Fazit: Diese Reise nach Berlin ist eine Reise in die Vergangenheit der Zukunft. Keine leichte Lektüre, aber sehr intensiv miterlebbar. Ein eher trauriges Zitat zum Abschluss: „Wenn man geboren wird, ist alles, wie es sein soll, dann wird es langsam immer schlechter.“ Ich würde darauf antworten, dass man es nur selbst besser machen kann. Wenn man Glück hat. Nach reiflicher Überlegung gebe ich dann doch eine Leseempfehlung.

Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.

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Veröffentlicht am 17.12.2025

Synästhesie, scharfer Verstand, weiches Herz

Die Kryptografin
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Eine ungewöhnliche Mischung ist der Autorin Hanna Aden nach ihren beiden Fräulein-Lena-Romanen, die ich noch nicht gelesen habe, gelungen. Der Roman Die Kryptografin spielt 1953/1954 in München, Hauptperson ...

Eine ungewöhnliche Mischung ist der Autorin Hanna Aden nach ihren beiden Fräulein-Lena-Romanen, die ich noch nicht gelesen habe, gelungen. Der Roman Die Kryptografin spielt 1953/1954 in München, Hauptperson ist die zwanzigjährige Margot, die ihren Lebenstraum von einer Mathematikprofessur wahrmachen will. Schon das ist ein ungewöhnlicher Wunsch für eine Vertriebene aus Pommern, aber zu ihrem scharfen mathematischen Verstand gesellt sich ihre Synästhesie, von der sie insgeheim vermutet, es könnte eine psychische Erkrankung sein. Es handelt sich jedoch um ein seltenes neurologisches Phänomen, bei dem die Betroffenen die Verschmelzung von verschiedenen Sinneseindrücken erleben. Kürzlich las ich über den isländischen Star-Pianisten Víkingur Ólafsson, dass er z. B. die Töne E und F mit den Farben Gün und Blau in Verbindung bringt, er sieht sozusagen seine gespielten Töne farblich. Ein sehr seltenes Phänomen, dass mir in einem Roman in der Intensität und Ausführlichkeit noch nie begegnet war. Die Protagonistin Margot ist so sensibel, dass sie z. B. Charaktereigenschaften und Ereignisse mit farblichem Empfinden spürt, und auch Bedrohungen empfindet sie farblich. Einher geht das mit einem hohen mathematischen Verständnis und Talent, so dass es für mich kaum nachvollziehbar war, wie sie ihre Aufgaben löste.
Begleitet wird Margot auf dem Weg von und zur Uni von einem Studenten aus der Nachbarschaft, Jasper, der sich im Laufe des Romans als egozentrischer und besitzergreifender Narzisst herausstellt. Eine der unangenehmen Figuren im Roman. Die sensible Margot tut sich schwer damit, ihn wieder abzuschütteln.
Hinzu kommt ihr Trauma aus Kriegstagen, das immer nur angedeutet wird, nie erzählt sie jemandem davon, auch nicht ihrer Mutter. Ganz am Ende des Romans wird Margot vielleicht begreifen, dass das Verschweigen und Verdrängen jener Erinnerungen nicht hilfreich für eine Beziehung zu einem Mann sind. Vielleicht hilft er ihr?
Aber es gibt auch Freunde und Bekannte, die ein Pendant bilden, Sue, eigentlich Susanne, im gleichen Alter wie Margot, aber in einer prekären Situation, sie ist Waise, kümmert sich um zwei jüngere Schwestern und einen mit nur einem Bein aus dem Krieg heimgekehrten Bruder. Diese Sue träumt von mehr als eine Nähstelle bei Madame Palach, sie möchte Journalistin werden, eine, die den berufstätigen Frauen eine Stimme gibt und von den Ungerechtigkeiten ihres Lebens berichtet. Ihr Bruder, der nach neun Jahren der Lethargie plötzlich wieder zum Leben erwacht, will ihr helfen. Aber Sues linksgerichtete Art der journalistischen Arbeit, die sie versucht allein auf die Beine zu stellen, ist bei Zeitungen und Zeitschriften nicht gefragt. Sie wird sich anpassen müssen, um einmal in dieser Umgebung zu bestehen. Sue wird ein großer Raum gegeben in diesem Roman, eigentlich ist das ein zweiter breiter Handlungsstrang, der sich durchs ganze Buch zieht.
Margot und Sue befreunden sich, aber diese Freundschaft wird auf eine harte Probe gestellt, denn Margot lässt sich zum Geheimdienst, dem späteren BND, anwerben und nimmt die Geheimhaltungsklausel nach einem ersten Ausrutscher so ernst, dass sie sich wie in ein Schneckenhaus zurückzieht. Wie sie sich aus dieser Situation befreit, was sie erlebt, beschreibe ich hier nicht. Margot und Sue machen ihren Weg. Einige Längen in Szenen oder Dialogen bergen die Gefahr, etwas zu überspringen, das vielleicht für den Handlungsverlauf wichtig ist. Auch die politischen Diskussionen, die mich sehr an heutige erinnern, haben mir nicht besonders gut gefallen, aber das ist sehr subjektiv betrachtet. Gefallen hat mir aber die Figur der Elsa, die als Schwester von Sue mit 13 Jahren mittendrin ist in der Pubertät, der Selbstfindung und der Zukunftsplanung. Eine Lieblingsfigur konnte ich für mich in diesem Roman nicht ausmachen, aber ich konnte mich gut in Margots Mutter hineinversetzen; Margot und Sue hingegen blieben mir beide fremd.
Wer sich jedoch erhofft, einen tieferen Einblick in die Arbeit eines Geheimdienstes der 1950er Jahre zu erhaschen, der wird vielleicht enttäuscht sein. Nach der Anwerbung, die sehr echt beschrieben wird, ist die Geheimdiensttätigkeit nur am Rande erwähnt. Es sind mehr die persönlichen Aspekte, die im Roman in Pullach zum Tragen kommen. Und Kryptografin ist nicht gleich Agentin. Aber Margot hat vielleicht tatsächlich Chancen, eine zu werden.
Das Cover ist aus meiner Sicht etwas zu glatt geraten, das Bild der jungen Frau, die gezeigt wird, hat für mich nichts mit der im Roman geschilderten Margot zu tun. Die Typografie nimmt das Thema Kryptografie auf, kryptische Überschriften, unleserliche Seitenzahlen und ein schwaches Schriftbild haben mein Lesevergnügen etwas getrübt.
Fazit: Ein Roman, der den Leser in die Nachkriegsjahre in München mitnimmt und auf authentische Weise die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Protagonisten schildert. Der Roman von Hanna Arden birgt viel Interessantes und liest sich spannend und gut.

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Veröffentlicht am 11.12.2025

50 verlorene Jahre

Heimat aus Eis und Asche
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Dieses Buch hat mich stellenweise zu Tränen gerührt, bei manchem Detail habe ich auch den Kopf geschüttelt. Aber der Reihe nach:
Die Idee, dass ein kleines Mädchen im ostpreußischen Winter 1945 einfach ...

Dieses Buch hat mich stellenweise zu Tränen gerührt, bei manchem Detail habe ich auch den Kopf geschüttelt. Aber der Reihe nach:
Die Idee, dass ein kleines Mädchen im ostpreußischen Winter 1945 einfach verschwindet und erst als erwachsene Frau hinter ihre Familiengeheimnisse kommt, die finde ich ganz wunderbar. Lena, von der leiblichen Mutter Lenchen genannt, muss den harten Weg gehen. Beinahe 50 Jahre später erfährt sie nach dem Tod der Mutter, dass sie adoptiert wurde. Und hat nach anderthalb Jahren endlich Erfolg. Sie findet ihre Mama Ellie wieder, ziemlich einsam auf einem kleinen Hof in Ostdeutschland. Die Wende machte es möglich und auch diverse Zufälle im Buch, dass diese familiäre Wiedervereinigung überhaupt passieren konnte. Ich spoilere ungern, aber anders geht das mit diesem Buch nicht.
Einige Rezensenten finden es kitschig oder unglaubwürdig, dass sich zwei eigentlich vollkommen fremde Frauen als Mutter und Tochter 50 Jahre nach der Trennung in die Arme fallen, dass Lena ihren Bären Hugo als Erkennungsmerkmal dabeihat und das erste Mal zu Ellie Mama sagen kann. Ich finde es weder kitschig noch unglaubwürdig, weil ich, zwar unter völlig anderen Umständen, fast das Gleiche erlebt habe. Meine kleine Tochter und ich haben uns nach 46 Jahren unter größter emotionaler Anstrengung einander angenähert und uns im Januar 2024 das erste Mal gesehen. Mit dem gleichen Effekt, der auch bei Ellie und Lena eingetreten ist. Die Annäherung dauerte lange, die Frage, wie nahe will man sich nach dieser langen Zeit sein, die ist vollkommen legitim. Die Autorin hat gerade diese innere Zerrissenheit der beiden wunderbar zum Ausdruck gebracht, anders hätte ich über mich und meine kleine Tochter auch nicht denken können. Zitat, Ellies Gedanken: "... Sie war nicht mehr allein, Lena, ihr Lenchen, war wieder da. ... Die verlorenen fünfzig Jahre waren nicht aufholbar. Sie würde immer darum trauern. ..."
Es gibt einige Szenen, die sich etwas aufgepfropft anfühlen. Insgesamt sind es die merkwürdigen Zu- und Unfälle rund um Lena und ihren Freund und Anwalt Ansgar, die mir überflüssig vorkamen. Und wenn ich schon beim Überflüssigen bin, dann denke ich zurück an den Anfang, als Lena einige Male zu oft ins Glas schaute. Auch ihre Art, sich drei Monate frei zu nehmen, entspricht nicht dem Verhalten einer Personalleiterin einer Bank. Ich habe die letzten 25 Jahre vor meiner Rente in Banken gearbeitet, Umgangston und Gepflogenheiten waren dort andere.
Anstelle der bemängelten Überflüssigkeiten hätte ich mir eher etwas Aufklärung über den Adoptivvater von Lena gewünscht. Da sie ja schon beim Recherchieren war, hätte sie auch in diese Richtung forschen können. Und wie waren Geld und Vermögen der von Schweigs über den Krieg gerettet worden? Anstelle grundlegender Erkenntnisse gab es nur ein bisschen Getuschel.
Die sich frisch und schnell entwickelnde Liebesgeschichte zwischen Lena und ihrem Anwalt lockert den ernsten Hintergrund etwas auf. Die empfand ich auch nicht als überflüssig. Ansgar blieb jedoch ein wenig blass und verschwindet hinter den gut charakterisierten Frauen etwas.
Man sucht sich ja bei einem Roman gern einen Lieblingshelden aus, für mich war es eine Lieblingsheldin, nämlich Ellie. Ganz uneingeschränkt. Ich kann ihr Verhalten, auch das Schweigen über die Vergewaltigung der Russen sehr gut verstehen. Dass es mit zum Ende ihrer Ehe beigetragen hat, wird ihr schwer genug auf der Seele gelastet haben. Was sie als noch sehr junge Frau durchgemacht hat, wie sie ohne Zögern immer ihrer Mutter half, das fand ich bewundernswert. Für mich ist diese kleine Frau ein Vorbild an Menschlichkeit.
Ganz im Gegensatz zur verstorbenen Adoptivmutter. Ja, sie hat Lena das Leben gerettet. Aber sie hat wissentlich auch das Leben von Ellie, Albert und Lenchen zerstört. Diese späte Erkenntnis muss für Lena ein schrecklicher Schlag gewesen sein. Warum aus Ellies geschiedenem Ehemann, Lenas Vater, ein armer, runtergekommener Ossi geworden war, das hat sich mir nicht erschlossen. Lenas ebenso armer, runtergekommener Stiefbruder ist zwar aus dem Westen, wäre aber für die Story wirklich verzichtbar gewesen.
Der Schreibstil ist gut lesbar, auch die Dialoge sind nicht ausufernd. Verwundert war ich mehrere Male, dass Ort und Zeit plötzlich mitten im Fließtext wechselten, keine Blindzeile, kein Sternchen. Einige Begriffe sind nicht ganz passend gewählt, so war nur ein Bruchteil der deutschen Kriegsgefangenen als verurteilte Straftäter in GULAGs, die meisten waren in Kriegsgefangenenlagern (rd. 2.500 in der SU), arbeiteten dort aber auch unter katastrophalen Bedingungen. Wenn man beim DRK eine Suchanfrage gestellt hat, erhält man als Antwort keine Suchanfrage, sondern eine Auskunft. Soviets ist in Ostdeutschland nicht die richtige Schreibweise, hier hieß es Sowjets. Der richtige Begriff für einen stark unter Hunger leidenden Menschen ist ausgemergelt, nicht abgemergelt. Das sind nur Beispiele, wo das Lektorat etwas gründlicher hätte sein müssen.
Interessant war für mich, dass die Autorin auf tatsächliche Lebensläufe und Berichte zurückgegriffen hat. Es ist trotzdem ein historischer Roman und kein Sachbuch geworden. Mir hat es gefallen. So bin ich am Ende auch nicht über das Happy End böse, es ist ein versöhnlicher Abschluss geworden. Ganz am Schluss des Buches findet sich noch ein Dank der Autorin an die Leser. Sie mag ja Spaß an der Recherche und am Schreiben gehabt haben, aber eines muss ich doch anmerken, ein Spaß war dieses Buch für mich als Leser gewiss nicht, es war eine herausfordernde und interessante Lektüre.
Mein Fazit: Ein historischer Roman mit unterschiedlichen Zeit- und Handlungssträngen, dessen innerer Kern – die Fluchtgeschichte und die Lebensgeschichte von Ellie – mir sehr gefallen hat. Die Protagonisten sind alle ziemlich lebensecht dargestellt. Und die von anderen Rezensenten bemängelte Kälte der Hauptperson Lena kann ich nicht sehen, ich sehe eine zutiefst verunsicherte Frau, die gewissermaßen ein Trauma mit sich herumtrug, von dem sie nichts wusste. Und manche Übertreibung verzeihe ich der Autorin gern im Angesicht der tragischen Ereignisse der Flucht und der das Innerste von Lena und Ellie aufwühlenden Wahrheiten.

Die Rezension gibt meine persönliche Meinung wieder und wurde ohne KI erstellt.

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Veröffentlicht am 02.12.2025

Die Stimmen der Väter

Der unsichtbare Elefant
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Mir hat dieser Roman von Anfang an gut gefallen, ungewöhnlich und beobachtungsstark! Der Autor Max A. Edelmann ist so alt wie meine Kinder, hat sich aber einem Thema zugewendet, das sehr viel älter ist ...

Mir hat dieser Roman von Anfang an gut gefallen, ungewöhnlich und beobachtungsstark! Der Autor Max A. Edelmann ist so alt wie meine Kinder, hat sich aber einem Thema zugewendet, das sehr viel älter ist als er. Was kann Erziehung bewirken, wie lassen sich Traumata überwinden, die schon „mit der Muttermilch“ auf die nächste Generation übergegangen sind? Wie kommt man heraus aus seiner Haut? Wie lange will man auf die Stimme des Vaters hören, auch wenn sie in die falsche Richtung führt? Muss man wirklich stark sein und auf fremde Hilfe verzichten?
Was war geschehen? Thomas Siebenmorgen war ganz offensichtlich dabei, sich in einer depressiven Phase das Leben zu nehmen. Ein plötzlich klarer Gedanke hielt ihn davon ab, aber er hatte die eigene Kraft überschätzt, die Gravitation unterschätzt. Der Tod kam schnell und schrecklich, nicht nur für Siebenmorgen, auch für seine Kollegin Mariá, die nicht mehr helfen konnte, für den Wachmann, der noch zur Seite springen konnte, für das moderne Kunstwerk à la Beuys, das zu Bruch ging. Für eine Sekunde stand das Leben still im Büroturm in Düsseldorf, dann begann sich die Maschinerie von Aufklärung, Trauer, Bestürzung und Unverständnis gnadenlos zu bewegen.
Siebenmorgen, Anwalt für Pensionsrecht, angestellt in einer gut beleumundeten Kanzlei, stellt sich im Verlauf der Geschichte als „ein Mann ohne Eigenschaften“ heraus. Ganz im Gegensatz zu dem als interner Ermittler der Kanzlei eingesetzten jüngeren Anwalt Simon Nyakuri, dessen Name in der ruandischen Heimat seines Vaters prägend „Der nichts als die Wahrheit sucht“ bedeutet. Dass dieser Protagonist zwar hehre Absichten, aber auch jede Menge Karriereversessenheit an den Tag legt, verwundert nicht. Anwälte haben gemeinhin nicht den besten Ruf. Wie sich am aus der Kanzlei ausgeschiedenen Jens Peters wunderbar beweisen lässt. So wurde ich der Klischees manchmal überdrüssig beim Lesen. Ein weiterer Protagonist versucht etwas Ruhe ins Ganze zu bringen, KIT-Mitarbeiter (Kriseninterventionsteam) Viktor Kemper, der sich zuerst um Mariá und später um die Eltern des Toten kümmert. Diese Eltern sind eine besondere Herausforderung, waren das für den Sohn, und machen es auch den genannten Protagonisten nicht leicht. Viktor wird von ihnen als ehemaliger Klassenkamerad erkannt, ihm selbst ist vieles im Hause Siebenmorgen eher unangenehm.
Simon versucht nicht als Einziger, die Gründe für den geplanten Selbstmord zu erkunden, auch Viktor und Mariá forschen munter drauflos, noch unterstützt von einer Reinigungsfrau aus der Kanzlei. Und da wird es dann doch etwas märchenhaft. Aber ich spoilere nicht und lasse den Protagonisten freie Hand!
Allen Protagonisten war eins gemeinsam, ihre Väter, auch die selbsterwählten, gaben ihnen einiges mit auf den Lebensweg. Es hat sie stark gemacht oder schwach, es hat aber immer auf sie gewirkt.
Der Autor hat sich an mancher Stelle zu ausufernden Szenen (das Klassentreffen z. B. gefiel mir nicht besonders) hinreißen lassen, die dem Roman nicht nur gutgetan haben. Es lenkte einfach zu sehr ab, besonders unterhaltsam war es auch nicht.
Die drei Hauptkapitel sind mit Causa, Instructiones und Conclusio überschrieben, passend zur Juristensprache in Latein, das erste Kapitel hat mich überzeugt, im zweiten war Chaos zu spüren, im dritten ging es kurz und halbwegs schmerzlos zum Ende. Der Epilog war fast zu schön, um wahr zu sein.
Auch der unsichtbare Elefant taucht einmal auf, wird dann aber noch auf philosophische Weise ins Spiel gebracht: „Dieser unsichtbare Elefant aus unterdrückter Scham, verdrängtem Schmerz und unerträglicher Selbstgerechtigkeit mitten im Wohnzimmer. Dieses Ungetüm, das sich von der Unfähigkeit zu trauern ernährte. Das allgegenwärtig und doch nie zu greifen war.“
Die Sprache im Roman verwunderte mich ab und an, das schlimmste Wort war für mich „Visibility“, denkt man in Kanzleien wirklich so? Ich hoffe, ich brauche nie einen Anwalt.
Teilweise ist der Roman denn auch ein Kriminalroman, dieses Genre könnte der Autor gern weiter bedienen. Die Vergangenheitsaufarbeitung wurde noch nicht zu meiner vollen Zufriedenheit bewältigt. Da ist definitiv Luft nach oben.
Zum Schluss kann ich trotzdem sagen „Lessons learnt, Kuh vom Eis.“ Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 26.11.2025

Drei Buchstaben reichen für ein ganzes Leben: MUT

Luft zum Leben
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Vor gut einem Jahr sah ich den Dokumentarfilm „Sonntagskind - Das Leben der Helga Schubert“, der mich sehr beeindruckt hat. Und zum Wiederlesen des längst vergilbten Buchs „Lauter Leben“ brachte. Nun also ...

Vor gut einem Jahr sah ich den Dokumentarfilm „Sonntagskind - Das Leben der Helga Schubert“, der mich sehr beeindruckt hat. Und zum Wiederlesen des längst vergilbten Buchs „Lauter Leben“ brachte. Nun also etwas Neues, etwas Altes, etwas Unveröffentlichtes vermischt, Rückblick und Ausblick in einem. Es ist ein Buch vom Leben und vom Tod, von dem ganz besonders, von Vernunft und Verderben, von den drei unterschiedlichen Deutschlands, die die Autorin durchlebte und durchlitt. Ich bin 14 Jahre später geboren als sie, meine Mutter war 14 Jahre älter als Helga Schubert. Für mich, die ich sozusagen mittendrin nur zwei Deutschlands kennengelernt habe, eine merkwürdige Art, noch einmal zurückzublicken auf die Jahre in der DDR. Aus heutiger Sicht sind die Stasiprotokolle und -berichte bizarr, eigentlich lächerlich, wenn sie damals nicht existenzbedrohend gewesen wären, könnte man sie mit einem Kopfschütteln abtun. Mir aber haben sie direkt ins Fleisch geschnitten, mir hat die Perversität die Luft abgedrückt.
Helga Schubert ist durch ihr ganzes Leben, nicht nur durch politische Ereignisse, auch durch schwere persönliche Zeiten immer mit erhobenem Kopf gegangen. Das fordert mir höchste Achtung ab, selbst wenn nicht alle Geschichten in diesem Buch meinen Geschmack getroffen haben.
Mir fiel es nicht immer leicht, ihrem Stil zu folgen, besonders ihr Versuch eines Porträts der legendären Tänzerin Galina Ulanowa in Moskau bedurfte besonderer Konzentration beim Lesen, aber die Geschichten über ihre Großmütter haben mich entschädigt! Hätte ich dem Buch einen Titel geb dürfen, dann würde es jetzt „Lauter Leben, lauter Sterben“ heißen. Das Cover ist wiederum reine Geschmackssache, mir gefällt es nicht. Vielleicht ist es vom Cover „Vom Aufstehen“ inspiriert, soll eine Reihe bilden, vielleicht.
Dieses Zitat lässt mich ein wenig vertrauensvoller in die Zukunft schauen: „Es bleibt mir nichts anderes als Vertrauen und Zuversicht übrig, dass der Mensch hinter mir auf der Rolltreppe mir nicht ein Messer in den Rücken rammt.“ Nur so kann man die schwierigsten Zeiten überstehen, danke Frau Schubert.

Fazit: Wer Helga Schubert kennt und gern liest, wird ohne Zögern zugreifen, allen anderen lege ich diese Geschichten sehr ans Herz. Lassen Sie sich nicht vom kühlen Cover abschrecken. Sie werden etwas kennenlernen, das langsam in Vergessenheit gerät: die Jahre der Autorin in der DDR-Diktatur, ihre Gedanken vor und hinter der Mauer, und die danach. Eine stimmungsvolle Zusammenstellung, ein ganzes mutiges Schriftstellerleben.

Diese Rezension gibt meine persönliche Meinung wieder und ist ohne KI erstellt.

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