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Veröffentlicht am 26.12.2025

Die etwas andere Rezension

Nussknacker und Mausekönig
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Gestern, am 25.12.25, waren mein Lebensgefährte, meine Mom und ich im örtlichen Theater und haben uns „Der Nussknacker“ angesehen – genauer gesagt eine Neuinterpretation des Balletts von Tschaikowski. ...

Gestern, am 25.12.25, waren mein Lebensgefährte, meine Mom und ich im örtlichen Theater und haben uns „Der Nussknacker“ angesehen – genauer gesagt eine Neuinterpretation des Balletts von Tschaikowski. Was uns dort erwartet hat, hatte mit dem klassischen Stück allerdings nur noch am Rande zu tun: viel Ausdruckstanz statt Ballett, ein futuristisches Bühnenbild, hinzugefügte Figuren und Handlungsstränge, ein Onkel Drosselmeyer, der eher an den verrückten Hutmacher aus Alice im Wunderland erinnerte und ein Nussknacker, der aussah wie eine Mischung aus Bäckergeselle und Gebirgsjäger der Bundeswehr – falls Letztere jemals in Schneetarn und rot-weiß geringelten Strümpfen zum Orientierungsmarsch antreten sollten.

Besonders in Erinnerung geblieben ist mir eine Szene mit Pudelmütze und Skibrille tragenden Hausmeistern, die schneeschippend über die Bühne zogen und offenbar den Tanz der Schneeflocken darstellen sollten. Insgesamt fühlte ich mich weniger wie im Theater, sondern eher wie in einem experimentellen ARTE-Kunstfilm, nur leider nicht in dem klassischen Ballett, auf das ich mich eigentlich gefreut hatte.

Die Inszenierung sorgte bei mir zudem für erhebliche Irritationen in Bezug auf die Originalgeschichte von E. T. A. Hoffmann, die ich fast jedes Jahr um Weihnachten herum lese. Also habe ich mir zu Hause sofort mein altes Nussknacker-Buch aus dem Regal geholt – ein Arena-Kinderbuchklassiker, den ich vor rund 30 Jahren zu Weihnachten geschenkt bekam – und noch einmal nachgelesen. Einfach, um sicherzugehen, dass ich meinen Sinnen noch trauen kann und um zu prüfen, welche Figuren tatsächlich zur Geschichte gehören und welche frei dazuerfunden wurden, etwa eine Schneekönigin.

Man mag mich nun für einen Kulturbanausen halten, aber der klassischen Geschichte kann ich deutlich mehr abgewinnen als einer künstlerischen Neuinterpretation auf der Bühne. Der Nussknacker ist und bleibt für mich die schöne Erzählung von Marie Stahlbaum, die einen scheinbar hässlichen Nussknacker lieb gewinnt und in ihm mehr erkennt, als er nach außen zeigt. Es ist eine Geschichte über kindliche Fantasie, die ganze Märchenwelten erschaffen kann – eine Fähigkeit, die uns Erwachsenen im Angesicht von Alltag und Realität größtenteils verloren gegangen ist. So sehr verloren, dass aus einer verspielten Kindergeschichte ein verkopfter Kunstfilm für die Bühne gemacht wird.

Nun ja. Wenigstens waren die meisten Kostüme wirklich schön.

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Veröffentlicht am 14.12.2025

Was Weihnachten im Kern bedeuten kann

Der Schimmer von Weihnachten
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Weihnachten steht vor der Tür und wie jedes Jahr war ich auf der Suche nach Büchern, die mir alten Grinch das Gefühl der wahren Weihnacht vermitteln – einer nostalgischen, idyllischen Weihnacht, als die ...

Weihnachten steht vor der Tür und wie jedes Jahr war ich auf der Suche nach Büchern, die mir alten Grinch das Gefühl der wahren Weihnacht vermitteln – einer nostalgischen, idyllischen Weihnacht, als die Menschen wenig hatten, keine großen Geschenke machten und trotzdem zufrieden waren. Wie es der Zufall wollte, kamen mein Lebensgefährte und ich an einem Samstagabend im November an der christlichen Buchhandlung Conception Seidel vorbei und sahen "Der Schimmer von Weihnachten" im Schaufenster liegen. Leider war der Laden bereits geschlossen, also habe ich zu Hause nachgelesen, worum es in dem Buch geht. Der Klappentext klang vielversprechend. In der darauffolgenden Woche haben mein Lebensgefährte und ich die Buchhandlung Conception Seidel aufgesucht und haben das Buch gekauft – auch, weil ihn die Epoche, in der die Geschichte spielt, ebenfalls anspricht.

Die Handlung führt nach New York im Jahr 1901. Adelaide hat auf den Rat ihrer Großmutter gehört und aus Liebe geheiratet. Gemeinsam mit ihrem Mann Howard führt sie eine glückliche Ehe, fühlt sich jedoch unsicher in ihrer neuen Rolle als Hausfrau und Ehefrau. Alltägliche Dinge wie das Anzünden eines Kamins oder ein ständig anbrennender Toast werden zu kleinen Herausforderungen. Am ersten Advent tritt ein Waisenjunge namens Jack in ihr Leben, der behauptet, gar kein Waisenkind zu sein. Zusammen versuchen Adelaide und Howard, das Rätsel um seine Herkunft zu lösen. Während Weihnachten näher rückt, steht nicht nur die Frage im Raum, ob Jacks Familie noch lebt, sondern auch, wie mit seiner unerschütterlichen Hoffnung auf ein Weihnachtswunder umzugehen ist. Adelaide findet Antworten auf viele ihrer Fragen – und stößt dabei auf ein Geschenk, dessen Wert sich nicht in Materiellem messen lässt.

Dass das Buch in einer christlichen Buchhandlung verkauft wird, merkt man deutlich: Christliche Werte, Psalmen und die Bedeutung der einzelnen Kerzen des Adventskranzes spielen eine zentrale Rolle. Gleichzeitig greift Lynn Austin für die Zeit um die Jahrhundertwende erstaunlich moderne Themen auf, etwa weibliche Selbstfindung, Emanzipation und der Umgang mit Rollenbildern. Trotz des klar religiösen Rahmens wirkt das Buch nicht belehrend, sondern erklärt nachvollziehbar, worum es im Kern von Weihnachten gehen soll: nicht um Konsum oder große Geschenke, sondern um Nächstenliebe, Zusammenhalt und die leisen Wunder, mit denen man nicht mehr gerechnet hat.

Der Schimmer von Weihnachten ist damit ein stimmiger, bewusst altmodischer Weihnachtsroman, der seine Botschaft klar formuliert und dabei auch Leser abholt, die selbst keinen religiösen Hintergrund haben. Für mich war es genau das richtige Buch zur richtigen Zeit und eines, das ein wenig von dem zurückbringt, was man im vorweihnachtlichen Trubel allzu leicht vergisst.

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Veröffentlicht am 13.12.2025

Die Macht der Erinnerungen: Wer entscheidet über das Gedächtnis der Geschichte?

Das Buch der verlorenen Stunden
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Von der Autorin Hayley Gelfuso heißt es, dass sie „wunderbare Geschichten mit magischen Elementen liebt, die auf realen Geschehnissen unserer Zeit und der Wissenschaft basieren“. Genau das stellt sie mit ...

Von der Autorin Hayley Gelfuso heißt es, dass sie „wunderbare Geschichten mit magischen Elementen liebt, die auf realen Geschehnissen unserer Zeit und der Wissenschaft basieren“. Genau das stellt sie mit ihrem Debütroman „Das Buch der verlorenen Stunden“ unter Beweis. Gelfuso verbindet historische Ereignisse wie die Reichspogromnacht, den Zweiten Weltkrieg und den Kalten Krieg mit einer Prise Spionagegeschichte, in der sich Sonderabteilungen von CIA und KGB ein Wettrennen um Bücher liefern, in denen die Erinnerungen verschiedenster Menschen gespeichert sind – Erinnerungen, die aus ihrer Sicht besser ausgelöscht werden sollten.

Im Zentrum steht die Idee einer Bibliothek außerhalb von Raum und Zeit, in der menschliche Erinnerungen bewahrt werden. Nur wenige wissen von der Existenz dieses Ortes, und sogenannte Zeithüter entscheiden darüber, welche Erinnerungen erhalten bleiben und welche verschwinden. Als Lisavet beginnt, all das zu sammeln, was die Welt vergessen soll, gerät sie unweigerlich in den Konflikt zwischen Bewahren und Auslöschen, zwischen Macht und Verantwortung.

Der Roman verknüpft diese fantastische Grundidee mit wissenschaftlichen Fragestellungen: Können Menschen außerhalb des normalen Zeitverlaufs existieren? Ist Zeitreise lediglich theoretisch denkbar oder für eine privilegierte Gruppe tatsächlich möglich? Diese Fragen werden nicht isoliert behandelt, sondern sind eng mit den historischen und politischen Machtstrukturen verknüpft, die das Buch durchziehen. Ergänzt wird das Ganze durch eine Liebesgeschichte, die dem komplexen Geflecht aus Geschichte, Wissenschaft und Kontrolle eine persönliche Ebene hinzufügt.

Ein stimmiges Detail ist das deutsche Cover, das den Historischen Bibliothekssaal der Oberlausitzischen Bibliothek Görlitz zeigt. Ob bewusst gewählt oder zufällig – es passt erstaunlich gut zu Lisavets schicksalshafter Rettung und zur Idee eines Ortes, an dem Zeit keine Rolle spielt.

„Das Buch der verlorenen Stunden“ ist ein ambitioniertes Debüt, das historische Realität, spekulative Wissenschaft und fantastische Elemente miteinander verbindet und dabei deutlich macht, wie mächtig Erinnerung sein kann.

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Veröffentlicht am 03.11.2025

Geschichte, die unter die Haut geht – und bleibt

Du musst meine Hand fester halten, Nr. 104
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Als klar war, dass Susanne Abel nach der Gretchen-Dilogie ein weiteres Buch veröffentlicht, stand für mich fest, dass ich es lesen muss – und beim letzten Besuch in Hof (wo man auf einem Kilometer vier ...

Als klar war, dass Susanne Abel nach der Gretchen-Dilogie ein weiteres Buch veröffentlicht, stand für mich fest, dass ich es lesen muss – und beim letzten Besuch in Hof (wo man auf einem Kilometer vier Buchhandlungen findet) habe ich es natürlich sofort gekauft. Erwartungsgemäß hat sich der Griff gelohnt.

Wer Gretchen gelesen hat, findet hier ein kleines "Easter Egg" wieder: Gretchen und ihr Sohn Tom tauchen kurz auf, weil auch die Figuren in diesem Roman in Köln leben. Im Mittelpunkt steht diesmal aber nicht eine unmögliche Liebe, sondern ein anderes Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte: die Unterbringung von Kriegswaisen in kirchlichen Heimen, die mehr Zuchthaus als Zuflucht waren. Dazu kommt ein weiterer Punkt, der erschüttert: die medizinischen Experimente mit Impfstoffen und Psychopharmaka an Kindern im Franz Sales Haus in Essen – ein Thema, das viel zu lange totgeschwiegen wurde. Susanne Abel greift damit reale Recherchen von Sylvia Wagner auf, deren Bruder eines dieser Kinder war.

Wie schon bei Gretchen schafft es die Autorin, dass man die Figuren nicht nur begleitet, sondern mit ihnen mitlebt und mitleidet – als würde man selbst zur Familie gehören.

Nach der Gretchen-Dilogie erneut ein starkes, bewegendes Buch und definitiv eines meiner Jahreshighlights.

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Veröffentlicht am 13.10.2025

Zwischen Neurologie und Albtraum: Thalamus

Thalamus
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Das zweite Lehrjahr meiner Umschulung zur Ergotherapeutin steht ganz im Zeichen der Neurologie: Aufbau und Funktionen des Gehirns, Reizweiterleitung, Schädigungen der Nervenbahnen – alles Themen, die mich ...

Das zweite Lehrjahr meiner Umschulung zur Ergotherapeutin steht ganz im Zeichen der Neurologie: Aufbau und Funktionen des Gehirns, Reizweiterleitung, Schädigungen der Nervenbahnen – alles Themen, die mich auch über den Unterricht hinaus beschäftigen. Als ich mich fragte, ob es Romane gibt, die neurologische Themen aufgreifen, bin ich auf Thalamus von Ursula Poznanski gestoßen.

Auch wenn das Buch als Jugendthriller gilt, ist es keineswegs nur für junge Leser geeignet. Poznanski schafft es erneut, wissenschaftliche Themen mit Spannung, Tempo und Tiefgang zu verbinden. Dieses Mal dreht sich alles um medizinische Nanobot-Technologie – winzige Maschinen, die beschädigtes Nervengewebe reparieren sollen. Was nach bahnbrechender Zukunftsmedizin klingt, wird in der Geschichte schnell zum Albtraum, als diese Technologie an Patienten getestet wird, bevor sie überhaupt ausgereift ist. Einer davon ist Timo, der nach einem schweren Unfall in einer Rehaklinik landet – und bald Dinge wahrnimmt und weiß, die er gar nicht wissen dürfte.

Poznanski verknüpft aktuelle Fragen über Forschungsethik und medizinische Grenzen mit einem packenden Thriller, der bis zur letzten Seite fesselt. Wer bereits Erebos oder Saeculum gelesen hat, wird auch hier voll auf seine Kosten kommen.

Thalamus ist spannend, intelligent und erschreckend realistisch – eine klare Leseempfehlung, auch für alle Leser jenseits der 30, die sich für Medizin, Technik und die dunklen Seiten des Fortschritts interessieren.

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