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Veröffentlicht am 04.10.2025

Mitreißend und authentisch

Faces - Die Hoffnung hat viele Gesichter
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Seit 2017 reist Thomas Meyerhöfer durch Deutschland und die Schweiz, um die verschiedensten Menschen für seine wöchentliche Sendung zu suchen und aufzusuchen. „superfromm“ heißt das Format und ist ironisch ...

Seit 2017 reist Thomas Meyerhöfer durch Deutschland und die Schweiz, um die verschiedensten Menschen für seine wöchentliche Sendung zu suchen und aufzusuchen. „superfromm“ heißt das Format und ist ironisch gemeint. Denn hier geht es nicht um auf Hochglanz gebürstete superfromme Glaubenshelden. „Es hat mich ohne Ende genervt, dass in vielen Geschichten am Ende alles perfekt war. Alles glücklich, alles gerettet, alles safe. Aber so lief das Leben nicht.“ (S. 120) Auch die Sendung nicht. Es geht um Geschichten von Unsichtbaren. Geschichten von Leuten, die kämpfen müssen. Rau. Direkt. Unperfekt. Oft schmerzlich. Aber auch um Verwandlungen, um kleine Wunder, ums Nichtaufgeben, und immer wieder um dieses Schimmern am Horizont, das sich Hoffnung nennt.
„Faces – Die Hoffnung hat viele Gesichter“ heißt das nun erschienene Buch dazu.
Aus ganz vielen hat Thomas Meyerhöfer 12 Gespräche ausgesucht, die er mit seiner eigenen Geschichte (eine ebenso holprige ist wie die seiner Gesprächspartner) und der von „superfromm“ verwebt, von der Idee über die bescheidenen Anfänge mit YouTube-Kanal bis hin zum eigenen Sendeplatz auf BibelTV. Was mich anfangs irritiert hat (warum lässt er nicht einfach die Menschen erzählen?) entpuppt sich als sehr geschickte Lösung, beiden Komponenten eines Interviews – nämlich Erzählende und Moderator – ihren Raum zu geben. Denn Meyerhöfer beobachtet (und er beobachtet sehr genau!), was mit den Menschen passiert, die gerade ihr Innerstes entblößen, und er umschreibt die Umgebung und die Atmosphäre, in der die Geschichten erzählt werden, so bildreich und nah, dass man sich als Lesende „mittendrin“ fühlt. Das Geschriebene funktioniert an sich schon wie ein Film, wer trotzdem noch nicht genug hat, wird mit einem QR-Code direkt zum entsprechenden Aufnahme weitergeleitet.
Ich wollte eigentlich nur kurz reinschnuppern – und schon konnte ich das Buch kaum mehr aus der Hand legen! Jedes Kapitel ist so mitreißend, wie es der Untertitel verspricht, und damit ist eigentlich schon das Wichtigste gesagt: „Faces“ ist ein Buch, das gelesen werden will!
Ein Buch, das schon alleine von Aufmachung, Konzept und Schreibstil her Freude macht, ein Buch, das aber auch inhaltlich sehr viel zu bieten hat. Die Ehrlichkeit, mit der hier echte Menschen Einblicke in ihre Lebensumstände geben, ist so beeindruckend wie die dahinterliegende christliche Botschaft, die ganz ohne Dogmen und Wertungen daherkommt.
Uneingeschränkt empfehlenswert!

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Veröffentlicht am 17.08.2025

Magische Elefantenumsiedlung, magische Schreibkunst

Das Geschenk
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Wie die 20‘000 Elefanten nach Berlin gekommen sind, bleibt ein Geheimnis des botswanischen Präsidenten („Magic, my dear friend!“ S. 35) – oder der Autorin. Doch aus der fantastisch-magischen Grundlage ...

Wie die 20‘000 Elefanten nach Berlin gekommen sind, bleibt ein Geheimnis des botswanischen Präsidenten („Magic, my dear friend!“ S. 35) – oder der Autorin. Doch aus der fantastisch-magischen Grundlage des Romanes „Das Geschenk“ strickt sie eine Parabel, die sich ganz faktentreu entwickelt und durchwegs authentisch anfühlt.
Der kurze Roman beschränkt sich nicht nur darauf, unserer westlichen „Wir wissen, wie es funktioniert“-Arroganz einen Spiegel vorzuhalten, sondern auch, die Konsequenzen dieses Handelns durchzubuchstabieren. Vielleicht nicht ganz so schockierend brutal, wie es die flämische Autorin in ihrem Debüt „Trophäe“ getan hat, aber immer noch genug eindrücklich, um die vorherrschenden (v.a. politischen) Muster zu hinterfragen.
Ich war skeptisch, wie weit ein gerade mal 120seitiges Büchlein in der Lage ist, dem Thema die nötige Substanz einzuhauchen, aber sie war unbegründet. In der Kürze liegt die Würze: Gaea Schoeters schreibt direkt und schnörkellos, erreicht damit natürlich nicht die atmosphärische Dichte von „Trophäe“, muss aber auch gar nicht, weil hier die Politik im Mittelpunkt steht und nicht die sensorischen Erlebnisse eines Abenteurers.
Auf jeden Fall stecken in dieser Parabel unheimlich viele Themen und Fakten, von Elefantenbiologie über Düngemittelverordnung bis zur Glass-Cliff-Theorie. Trotzdem wirkt der Text keinesfalls überladen, sondern liest sich angenehm flüssig. Diese Schreibkunst wirkt direkt auch etwas „magic“. Magie à la Gaea Schoeters halt.

„Das Geschenk“ ist ein Buch, dem ich möglichst viele diskussionsfreudige Leser und Leserinnen egal welchen Hintergrunds wünsche! Klare Empfehlung!

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Veröffentlicht am 03.10.2025

Tiefe Abgründe, hohe Sprachkunst

Die Schrecken der anderen
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Wunderliche Charaktere lässt Clavadetscher da am Rande eines Schweizer Sees aufeinanderprallen: eine „Alte“, die in einem Wohnwagen haust und definitiv mehr über die Bewohner des Dorfes weiß, als diesen ...

Wunderliche Charaktere lässt Clavadetscher da am Rande eines Schweizer Sees aufeinanderprallen: eine „Alte“, die in einem Wohnwagen haust und definitiv mehr über die Bewohner des Dorfes weiß, als diesen lieb ist, einen Archivar mit Angststörung, der in Gegenwart der Alten wieder durchatmen kann, einen fehlsichtigen Investor mit einer pflegebedürftigen Mutter im Obergeschoss, die hartnäckig auf die Zeugung eines Erben besteht.
Doch was heißt da aufeinanderprallen? Zuerst einmal stolpert nur allzu neugieriger Schüler auf dem zugefrorenen See über ein Stück Stoff und entdeckt damit eine Leiche. Dieser Fund sorgt dafür, dass Schibig die Alte kennenlernt, doch was Kern damit zu tun haben könnte, das wird erst viel später aufgedeckt. Nur so viel: der Aufbau der Geschichte, der die Charaktere zunächst parallel zueinander entwickelt, ist bis ins Detail durchdacht. Manche Verbindung lässt sich früh erahnen – und doch steckt in fast jedem Kapitel ein neuer Aspekt, eine Überraschung, eine Wendung, was die Lektüre sehr fesselnd macht.
Vor allem aber ist „Die Schrecken der Anderen“ ein sprachlicher Hochgenuss, bei dem jeder Ausdruck exakt gewählt ist und einfach jeder Satz sitzt. Die Beschreibungen sind knapp und doch absolut auf den Punkt. Die Dialoge machen oft Spaß – trotz der düsteren Stimmung, welche früh erahnen lässt, dass hier unangenehmen Wahrheiten an die Oberfläche drücken.
Ja, Clavadetscher hat sich in diesem Roman eines unliebsamen Themas angenommen. Dass sie in dieser Sache so ausdrücklich Position bezieht, ist einerseits sehr mutig – doch gegen Ende wurde mir diese Moral dann doch etwas zu platt und glatt in die Figuren und die Story gedrückt, gerade auch im Vergleich zum geschickt in Graubereichen spielenden Einstieg.
Trotz dieses Wermutstropfens eine sehr empfehlenswerte Lektüre, die ein wenig bekanntes Stück Schweizer Geschichte mit einer sprach- und bildgewaltigen fiktiven Umsetzung in die öffentliche Diskussion rückt.

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Veröffentlicht am 04.09.2025

No pain, no gain, Mädels!

Gym
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Auf, auf, Mädels, keine Ausreden mehr, schlüpft in was Bequemes, etwas, das bei den Squats nicht kneift, oh, du hast nichts Passendes, hier, bestell was Nettes, Buntes, Glänzendes - benutz Promocode GYM25! ...

Auf, auf, Mädels, keine Ausreden mehr, schlüpft in was Bequemes, etwas, das bei den Squats nicht kneift, oh, du hast nichts Passendes, hier, bestell was Nettes, Buntes, Glänzendes - benutz Promocode GYM25! Danke! - oh, hier sogar vereinzelt Herren der Schöpfung, seid ihr etwa Feministen?!, ha, nein, okay, kommt ruhig näher, alle, KLATSCH KLATSCH, es gibt was Neues von Verena, das wird sicher gut, auf, lasst euch vom Cover nicht abschrecken, wobei, immerhin erinnern die Schriftfarben an diverse Körperausscheidungen, da wird man ja schon mal aufs Kommende eingestimmt, harhar, es beginnt aber eher gemütlich und unverfänglich, ja, lass es ruhig angehen, hast du nicht vor Kurzem erst entbunden, na, also, dann sind die paar Speckröllchen okay, wichtig ist nur, dass du dran bleibst, und das tust du doch gerne, Verena führt dich durchs Programm, die hat das drauf, ja, es zwickt schon mal hier und da, also, diese Lüge, da ahnt man irgendwie, dass es nicht lange gutgehen kann, und schon sind wir im zweiten Abschnitt, aber hallo, und wenn du dich jetzt so im Spiegel betrachtest, ohooo, merkst du, wie sich da was ändert?, ja, genau, hoch, runter, uuuund nochmal!, hoch, runter, hoch runter, ja, der Schweiß, der läuft, auf, auf, sweat, sweat, Sweat-lana, haha, das gehört dazu, aber auch die bewundernden Blicke, die auf deine wohlgeformten Schenkel -…, los, los, nicht aufgeben, das sieht doch schon super aus… ja, zeigt es mir, hopp, hopp, was, noch mehr, da geht noch mehr, schon, aber wieviel mehr, was meinst du?, mehr von allem, mehr Muskeln, mehr Aufmerksamkeit, mehr Ehrgeiz…- mehr, du willst mehr und mehr und kannst irgendwie gar nicht aufhören, bis zu – hey, HEY, Stop!, da gruselt es mich jetzt doch ein wenig, puh, das war mal ne groteske Steigerung, komm mal runter, ja, so ists recht, atmen… tief einatmen durch die Nase… ja, doch, ich versteh das irgendwie schon, mit dieser Vergangenheit, das ist nicht ohne, und wenn dann noch die Ansprüche…, die Gesellschaft, die Erwartungen und so…, hm, so gesehen, gibt es einiges, worüber man vielleicht mal nachdenken - , habt ihr auch an den Beckenboden gedacht? Weil, ihr wisst schon… - aber hey, erst mal atmen, puh, Mädels, die 190 Seiten gingen ja viel fixer rum als gedacht, da hat Verena diesmal ganz schön was rausgehauen, oder?!, wobei, schön ist wohl der falsche Ausdruck, das war zwischendurch eher … hm, etwas hinüber, gell, aber ok, ihr wisst schon, ein bisschen weh muss es tun, no pain no gain, so, dann gönnt euch euren Shake am Tresen, Pina-Cool-Downa ist im Angebot, denkt an die Proteine, Geschmack steht an zweiter Stelle, schließlich gehört auch Ekel überwinden zum Programm, wenn ihr es wirklich ernst meint… und tschüss, ihr Lieben, oho, das Top steht dir, vor allem, wenn du denn Reißverschluss noch ein bisschen - … also, cheers und tschüss, bis zum nächsten Mal mit Verena, ich bin wieder dabei!

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Veröffentlicht am 14.12.2025

Es gibt kein "Adama" ohne "dam"

Adama
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Eines ist sicher: „Adama“ ist ein Buch, das nachhallt. Ist nur die Frage, ob im Guten oder im Schlechten. Dieses Buch hat definitiv Potenzial für Beides.
Denn alleine schon das Thema, das diesem Buch ...

Eines ist sicher: „Adama“ ist ein Buch, das nachhallt. Ist nur die Frage, ob im Guten oder im Schlechten. Dieses Buch hat definitiv Potenzial für Beides.
Denn alleine schon das Thema, das diesem Buch zugrunde liegt, nämlich die Gründung des Staates Israel, polarisiert. Noch pikanter: Lavie Tidhar beschreibt diesen in erster Linie als Akt der Gewalt – und zwar von Seiten der Juden. „(Sie waren) Herrscher in diesem Land, diesem ‚Adama‘. Sie hatte das Wort im Hebräisch-Unterricht gelernt und hasste es. ‚Es gibt kein A-d-a-m-a ohne d-a-m‘, hatte ihr erster Lehrer stolz erklärt. ‚Dam‘ war hebräisch und bedeutete Blut.“ (S. 224)
Lavie Tidhar ist selbst in einem Kibbuz aufgewachsen. Als Leser ahnt man, dass seine Erfahrungen in dieser engen Gemeinschaft wohl am ehesten denen von Ophek und Lior gleichen, weil er – wenn auch eher hintergründig – einige Kritik an diesem System übt. Wenig subtil hingegen führt er aus, dass die Juden buchstäblich über Leichen gingen, um ihren eigenen Staat zu gründen.
So ist denn dieses Buch ein blutiges. Sicher kein klassischer Thriller, obwohl als solchen bezeichnet, aber dennoch ein Buch, für das man einen starken Magen braucht. Neben der Handlung, in der viele Waffen, Gewalt, Zigaretten, Sex und Tote eine wichtige Rolle spielen und fast jede auftretende Person irgendwann kotzt, ist es auch sprachlich herausfordernd mit so manch einer unappetitlichen Beschreibung, die es vielleicht nicht unbedingt gebraucht hätte. Einige davon können wohl schon als „hinüber“ bezeichnet werden.
Übertrieben wirken außerdem einige Charakterzeichnungen, insbesondere Ruth. Sie ist eine starke Frauenfigur und auf faszinierende Weise „morally grey“, doch es fehlt ihr an Authentizität, ihre Motive bleiben unklar. Ähnliches gilt für Lior, ihren Enkel, dem man sein eiskaltes Gangstergehabe irgendwie nicht so richtig abnimmt. In manchen Szenen kommt der Verdacht auf, dass der Autor fehlenden Tiefgang mit Splattereffekten zu kaschieren versucht – leider keine so gute Idee.
Andere Ideen wiederum sind einfach nur brillant. Die einzelnen und unterschiedlich langen Abschnitte spielen zu verschiedenen Zeiten (zwischen 1943 bis 2009) an verschiedenen Orten (überwiegend in Palästina / Israel, aber auch USA und Deutschland) mit verschiedenen Personen im Fokus. Sie alle stehen in einer bestimmten Beziehung zu Ruth, doch in welcher, entblättert sich manchmal erst im Laufe der Lektüre. Das benötigt eine gewisse Aufmerksamkeit beim Lesen, erhöht aber auch die Spannung und die Komplexität dieses Romans. Immer wieder streut Tidhar Hinweise auf Vergangenes oder Geheimgehaltenes ein, erwähnt Gegenstände oder Namen, die andernorts wieder auftauchen, verrät den Fortlauf von abgeschlossen geglaubten Nebensträngen, wiederholt manchmal wörtlich gewisse Sätze in einem völlig neuen Zusammenhang. Wie ein Puzzle setzt sich das Gesamtbild zusammen, und das Puzzeln hat mir unheimlich viel Spaß bereitet, weil sich die meisten Fragen irgendwann klären.
Sogar die Rahmenhandlung, die erstmal nicht zum Rest der Story zu passen scheint, fügt sich ein. Sie schlägt einen Bogen, der bewusst in einer uns geläufigeren (Fast-)Gegenwart landet. Mich hat die persönliche Erkenntnis, wie wenig ich von den inneren und äußeren Kämpfen meiner Vorfahren weiß, unerwartet heftig getroffen.
Für mich ein Grund, doch noch den vierten Stern zu zücken, nach einem teilweise absolut packenden, aber teilweise auch absolut abstoßenden Leseerlebnis.

Fazit: „Adama“ ist weniger Thriller, als eher eine blutige, kunstvoll verschachtelt erzählte Familiengeschichte über mehrere Generationen im Umfeld eines Kibbuz. Trotz des strittigen Grundthemas sind die neuen Erkenntnisse über die idealistisch-politischen Hintergründe leider nur oberflächlicher Art. Allerdings vermag das Buch gerade in dieser drastischen, gewalt-betonten Form auch eine Erklärung abzuliefern, warum auf diesem Stück Erde ein friedliches Zusammenleben so unmöglich erscheint wie fast nirgendwo sonst.

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