Platzhalter für Profilbild

Annafrieda

Lesejury Profi
offline

Annafrieda ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Annafrieda über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 20.10.2019

Ein beeindruckender Roman über menschliche Abgrüne

Fliege fort, fliege fort
0

Im idyllischen Fürth am See geschehen seltsame Dinge. Es wird ein kleines Mädchen entführt, doch es wird keine Lösegeld gefordert. Und es werden misshandelte ältere Menschen in ein Krankenhaus eingewiesen, ...

Im idyllischen Fürth am See geschehen seltsame Dinge. Es wird ein kleines Mädchen entführt, doch es wird keine Lösegeld gefordert. Und es werden misshandelte ältere Menschen in ein Krankenhaus eingewiesen, für deren Verletzungen es aber anscheinend keine Ursache gibt. Und es gibt Fälle von Vandalismus. Der Psychiater Horn und Kommisar Kovacs werden mit diesen Fällen beauftragt. Kein leichtes Unterfangen. Hängen alle diese Fälle zusammen, doch wo sind die Verbindungen? Die Spuren führen in die Burg, die in früheren Zeiten ein Kinderheim war, heute jedoch jugendliche Migranten beherbergt.

Dieser Roman fordert den Leser heraus. In zweierlei Hinsicht. Erstens bei Lesen und zweitens beim Verstehen. Der Autor schreibt wortgewaltig. Jedes Wort scheint hier genau plaziert es gibt Stellen, die muten fast poetisch an. Er erzählt intensiv, was die Protagonisten denken und bewegt und warum sie so handeln, wie sie es tun. Ich musste mich teilweise wieder daran erinnern, dass es sich hier um einen Krimi handelt. Es gibt Passagen, da konnte ich mich teilweise darin verlieren. Sehr hohes literarisches Nieveau! Auch ein fein nuancierter Humor fehlt nicht. Wie z. B. Horn, der Sachen denkt und nicht merkt, dass er sie manchmal ausspricht.

Es gibt hier mehrere Handlungsstränge und es ist gar nicht so einfach, denen zu folgen, bzw. sie einzuordnen. Auch der Wechsel zwischen den Zeitebenen machte es mir manchmal schwer, das alles zusammen zu bringen. Das fordert schon einiges an Konzentration und somit ist "Fliege fort, fliege fort" kein Buch, das man nebenbei lesen kann. Ich finde es schon ziemlich anspruchsvoll, aber das machte für mich auch den Reiz aus. Die Charaktere finde ich gut ausgearbeitet und rund. Obwohl ich die Vorgänger nicht gelesen habe, fehlte mir hier nichts. Am Ende blieben für mich einige wenige Fragen offen, vielleicht müsste ich das Buch ein zweites Mal lesen, um mehr zu verstehen. das Grundsätzliche hat sich mir jedoch erklärt.

Ich finde es sehr wichtig, auf den Plot hinzweisen. Er ist außergewöhlich und hat mich auch betroffen gemacht. Ich müsste jetzt zuviel vom Inhalt verraten, um das zu erklären. Nur soviel: Dieses Thema ist einfach bedrückend und leider auch immer wieder aktuell, wie hier zu lesen. Und er entwickelt sich hier in diesem Roman erst nach und nach.

Alles in allem findet man hier einen anspruchsvollen Roman, auf den man sich einlassen muss. Dann verspricht er aber großes Lesevergnügen.

Veröffentlicht am 27.03.2026

Ein Buchladen mit Charme

Nordwindworte
0

Der Schauplatz der Geschichte ist Emden, einem traditionellen Ort an der Nordsee in Ostfriesland. Mila ist in ihre Heimat zurückgekehrt, um den Buchladen ihres Vaters zu übernehmen. Zeitgleich soll in ...

Der Schauplatz der Geschichte ist Emden, einem traditionellen Ort an der Nordsee in Ostfriesland. Mila ist in ihre Heimat zurückgekehrt, um den Buchladen ihres Vaters zu übernehmen. Zeitgleich soll in Emden gerade ein Film gedreht werden. Der Konflikt ergibt sich aus Milas zwiespältigen Ansichten: Buch vs. Film. Auf unterschiedlichliche Art wird sie und ihr Buchladen immer weiter in den Sog der Filmindustrie hineingezogen. Natürlich spielt auch die Liebe eine große Rolle dabei. Die Konfrontation mit ihrer Erzfeindin Pia wirbelt ihr Leben zusätzlich durcheinander.

Das Buch entfaltet seinen Zauber in den schönen Beschreibungen der norddeutschen Landschaft, ihrer Bewohner und deren Dialekt und dem heimeligen Buchladen, in dem Menschen jeder Couleur willkommen sind. Da ist Jelte, ein Junge, der an dem Ort ein zweites geschütztes Zuhause und Halt findet. Auch Nora, eine Angestellte, entfaltet in ihrer liebevollen Art dort einen Zauber. Zwei Figuren, die mir im Buch besonders an's Herz gewachsen sind. Beide besitzen eine gute Figurenzeichnung. Mir hat auch die Idee sehr gut gefallen, Buch und Film miteinander in Verbindung zu bringen. Aber leider haben mir an anderen Figuren ein paar Ecken und Kanten gefehlt, unter anderem bei Mila selbst und ihrer Familie. So durchgängig positiv kann kein Mensch sein. Das ist für mich unglaubwürdig. Das schließt auch Milas Begegnungen mit Pia ein. Sie schluckt deren verbale und fast körperlichen Attacken ohne Konter, das hat einen unterwürfigen Beigeschmack, der ihr nicht gerecht wird. Auch das Zeitmanegement passte irgendwie nicht, ich habe es so empfunden, als hätten Milas Tage durchgängig 48 Stunden.

Dennoch ein gut zu lesendes Buch, der gut ausgearbeitete regionale Schreibstil hat mir gut gefallen und ich fühlte mich entführt in eine wunderschöne Region in Deutschland. Die Atmosphäre des Buchladens zu beschreiben ist der Autorin super gelungen.
Daher gibt es von mir eine Leseempfehlung für dieses Buch mit Wohlfühlcharakter.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 26.02.2026

Wenn Rache tötet

Warum sie sterben musste
0

Bei einer Sturmflut stirbt auf bestialische Art ein junges Mädchen in der Ostsee. Der Verdächtige flüchtet und wird nach vielen Jahren auf derselben Weise am selben Ort getötet. Die Ermittlungen decken ...

Bei einer Sturmflut stirbt auf bestialische Art ein junges Mädchen in der Ostsee. Der Verdächtige flüchtet und wird nach vielen Jahren auf derselben Weise am selben Ort getötet. Die Ermittlungen decken hinter gutbürgerlicher Fassade ein Geflecht aus Lügen, Korruption und Machenschaften auf. Das Ermittlerteam wird mit jahrelanem systematischen Missbrauch junger Mädchen konfrontiert, der bis in höchste Kreise reicht.
Am Ende wartet eine tolle Auflösung mit unerwarteten Wendungen und Überraschungen. Es ist wirklich eine komplexe Story mit frischen Ideen und einem straff gezogenen Spannungsbogen, das hat mir sehr gut gefallen. Die Charaktere sind gut ausgearbeitet und mir gefielen besonders die sehr gegensätzlichen Figuren von den Ermittlern Beddenbrooks und Cinzia, sie machen Lust auf Mehr. Der Schreibstil ist toll, er hat mich fesselnd durch das Buch geführt.
Am Ende gab es mir zugegebenermaßen zu viel Infodump, es forderte viel Aufmerksamkeit, den ganzen unterschiedlichen Namen, Handlungen und Verflechtungen zu folgen. Das mag der sehr breit gefächerten Story geschuldet sein, für mich stoppte es zum Schluss hin ein bisschen den Lesefluss.
Das Buch hat mir aber im ganzen sehr gut gefallen, der Plot hebt sich angenehm ab. Die Autorin hat ein komplexes, düsteres Thema beleuchtet, das betroffen macht.

Unter anderem haben mich die Orte des Geschehens auf eine Reise an Orte mitgenommen, die ich kenne. Ich bin neugierig auf Beddenbrooks und Cinzias neuen Fall an der Nordsee.
Fazit: Ich kann das Buch jedem wärmstens empfehlen, der einen ungewöhnlichen Plot zu schätzen weiß.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 14.02.2026

Suizid in der Kanzlei

Der unsichtbare Elefant
0

Thomas Siebenmorgen, ein aufstrebender Anwalt einer großen Kanzlei, begeht auf seiner Arbeitsstelle Selbstmord. Man beauftragt Simon, einen internen Anwalt, und Viktor vom Kriseninterventionsstab mit der ...

Thomas Siebenmorgen, ein aufstrebender Anwalt einer großen Kanzlei, begeht auf seiner Arbeitsstelle Selbstmord. Man beauftragt Simon, einen internen Anwalt, und Viktor vom Kriseninterventionsstab mit der Untersuchung des Falls. Vorrangig, um die Kanzlei reinzuwaschen.

Es ist berührend, wie das Leben des Thomas Siebenmorgen, und damit sein Weg in die Depression, langsam aufgeschlüsselt wird. Auch die Beleuchtung des Falls durch verschiedene Augen ist sehr interessant, es wird deutlich, dass so manch einer mit unterschiedlichen familiären Traumata zu kämpfen hat. Das Klassentreffen war mir dann ein bisschen zu viel des Guten. Zu viele Geschichten, die von dem Hauptstrang abgelenkt haben und eher verwirrten. M. E. hätte es gereicht zu zeigen, welche Auswirkungen Siebenmorgens Suizid auch auf die Menschen hatte, die mit diesem Fall betraut worden waren.

Das Augenmerk in diesem Buch lag auf der Suche nach Gründen für Thomas Siebenmorgens Suizid und macht am Ende deutlich, daß wir alle ein Produkt unserer Vergangenheit sind und wie wichtig es ist, dieses zu erkennen. Denn nur dann haben wir die Chance, uns damit auseinander zu setzen und vielleicht sogar zu heilen. Und wenn nötig, Hilfe anzunehmen. Das ist etwas, was mir hier gefehlt hat. Die Auseinandersetzung der Personen in diesem Buch mit ihren eigenen Schatten, die nun im Raum stehen.

Die Bezüge zu Kunst (besonderes zu Joseph Beuys), Literatur und Musik sind passend, auch wenn ich einige nicht zuordnen kann.

Der Schluss war für mich nicht ganz vollendet und abrupt. Mir fehlt hier der Lösungsansatz. Daher würde ich mir eine Fortsetzung in diese Richtung sehr wünschen.
"Der unsichtbare Elefant" liefert uns am Ende keine endgültige Lösung, doch er macht eindrucksvoll deutlich, wie vielfältig das Thema der transgenerationalen Traumata sein kann.
Der Schreibstil hat mir ausgesprochen gut gefallen, eine tolle Erzählsprache.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 20.12.2025

In den Falten der Zeit

Das Buch der verlorenen Stunden
0

Die 11jährige Jüdin Lizavet wird 1938 während der Reichskristallnacht von ihrem Vater, einem Uhrmacher, vor der Verfolgung der Nazis gerettet, indem er sie in einen Raum schubst, in dem Zeit eine andere ...

Die 11jährige Jüdin Lizavet wird 1938 während der Reichskristallnacht von ihrem Vater, einem Uhrmacher, vor der Verfolgung der Nazis gerettet, indem er sie in einen Raum schubst, in dem Zeit eine andere Dimension hat. Er ist gefüllt mit den Erinnerungen der Menschen, die hier in Büchern aufbewahrt werden. Die Zeithüter entscheiden, welche Erinnerungen bleiben, welche nicht. Lizavet lernt, in die verschiedenen Zeiten zu gelangen.
Am Anfang war es etwas verwirrend mit den Zeiten klarzukommen. Das hat sich aber schnell gegeben, da es der Autorin sehr gut gelungen ist, die verschiedenen Stränge miteinander zu verknüpfen. Es wurde sehr schnell klar, in welche Richtung es geht. Dass die Zeit von Agenten verschiedener Staaten genutzt wird.
Der Schreibstil ist sehr angenehm, die Autorin hat wunderbare Beschreibungen gefunden, um die Welt zwischen den Zeiten auferstehen zu lassen. Doch zum Ende des Buches hin gelingt es ihr nicht mehr ganz die Faszination des ersten, doch eher fantastischen Teils, aufrecht zu halten. Von der Entwicklung der Protagonistin bin ich etwas enttäuscht. Natürlich möchte sie ihre Tochter retten, doch warum ist sie mit ihrer Begabung so hilflos? Ihre Handlungen und Entscheidungen entwickelten sich in eine Richtung die ich ihr nicht zugetraut hätte. Sie scheint auf der einen Seite so taff und bestimmt und auf der anderen hart und skrupellos zu sein. Das passte nicht zueinander. Und auch das Ende kam für mich zu schnell daher, ich hätte eine schlüssigere Auflösung bevorzugt.
Dennoch war der Spannungsbogen bis zum letzten Viertel gut gespannt, die oft poetischen Aussagen haben mir äußerst gut gefallen, ebenso wie der Schreibstil. Daher bin ich doch eher bei vier als bei drei Sternen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere