Eine Reise durch die vielen Facetten der Mutterschaft in einem konservativ-autoritären Staat
Mutters SpracheLisa ist als Kind mit ihrer Mutter aus der Russischen Förderation nach Deutschland ausgewandert. Nun hat sie selbst gerade mit ihrem Partner eine kleine Tochter bekommen. Da erfährt sie, dass ihre russische ...
Lisa ist als Kind mit ihrer Mutter aus der Russischen Förderation nach Deutschland ausgewandert. Nun hat sie selbst gerade mit ihrem Partner eine kleine Tochter bekommen. Da erfährt sie, dass ihre russische Hebamme Aljona demnächst in den hohen Norden Russlands fahren will, ins Grenzgebiet bei Nikel, nahe dem Weißmeer. Dieselbe Gegend, aus der auch Lisa stammt, und in der immer noch ihre sehr alte Oma lebt, die ihr telefonisch mitteilt, dass sie wahrscheinlich nicht mehr lange zu leben hat. So entschließt sich Lisa, gemeinsam mit Aljona und mit der kleinen Babytochter Eva die Reise in die Gegend über dem Polarkreis anzutreten.
Wir befinden uns in der Gegenwart, nach dem Beginn der russischen Angriffskrieges auf die Ukraine, also in einer Zeit, in der man nicht mehr so einfach von Deutschland direkt nach Russland fliegen kann. Wer nach Russland möchte, muss teure Flüge über die Türkei buchen oder - wie diese Frauen es machen - nach Helsinki oder ins Baltikum fliegen und von dort mit dem Bus weiter nach St. Petersburg fahren, von wo aus Züge weiter in den Norden fahren. Eine anspruchsvolle Reise mit einem kleinen Baby, auch wenn man Russisch kann. Zumindest muss Lisa aber als Frau im konservativen Russland der Gegenwart nicht fürchten, an die ukrainische Front geschickt zu werden. Es ist eine Zeit, in der auch wegen dieser Gefahr aus dem Ausland fast nur Frauen die Reise nach Russland wagen und diese sehen dann in Russland allgegenwärtig Plakate mit Propaganda für den Einsatz an der Front, denn dieser sei extrem gut bezahlt und nur dann sei man ein echter Mann, wird verbreitet.
Auch den Frauen wird eine klare Rolle zugeschrieben: die Verbesserung der enorm niedrigen Geburtenrate: in Werbespots vermitteln süße Kinder die Botschaft, wie schön es wäre, wenn es wieder mehr von ihnen geben würde. Homosexuelle Menschen wiederum werden im Russland der Gegenwart verfolgt: sie stehen ständig mit mindestens einem Bein im Gefängnis, denn "Propaganda für nicht-traditionelle Partnerschaften" ist unter der aktuellen Regierung strafbar geworden. Zwei Frauen in einer lesbischen Beziehung trauen sich auf der Straße kaum einander zu umarmen, denn das ist gesellschaftlich nur Verwandten oder Heterosexuellen gestattet. Unglaublich, wie schnell sich eine Gesellschaft, die noch vor gar nicht so langer Zeit das lesbische Frauenduo t.A.T.u. zum Eurovision Songcontext schicken konnte, nun in eine extrem konservative und autoritäre Richtung entwickelt hat!
Bei der Lektüre lernt man also wie nebenbei sehr viel über die Atmosphäre und das Leben im Russland der Gegenwart, aber nicht nur darüber: insgesamt gibt es drei Erzählstränge: den von Lisa, den von Aljona und den von Taja. Während Lisas und Aljonas Perspektiven in der jetzigen Zeit spielen, nimmt Taja uns mit in das Leben als junge Frau in Russland in der Zeit unmittelbar nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion: als alte Verbindungen und Privilegien nichts mehr galten, die Wirtschaft erst einmal zusammenbrach, viele Menschen im Rahmen von Privatisierung und Pyramidenspielen alles verloren, eine kurze Zeit der Anarchie, aber auch der Möglichkeit zur starken Gesellschaftskritik herrschte, aber auch viel Gewalt verbreitet war. Im hohen Norden mit all seinen klimatischen Einschränkungen und geringen wirtschaftlichen Perspektiven war das Leben noch eine Spur härter als in vielen anderen Regionen.
Ein Thema, das sich wie ein roter Faden durch das Buch zieht, ist das der Mutterschaft in ihren vielen Facetten: nicht nur Lisa als junge Mutter und Teil eines heterosexuellen Paares, sondern auch unkonventionelle Familienstrukturen, lesbische Liebe, Leihmutterschaft, Samenspende, künstliche Befruchtung und vieles andere sind Teil der Erzählung und werden differenziert und facettenreich betrachtet. Dabei ist insgesamt eine sehr spannende und gut lesbare Geschichte entstanden, bei der man wie nebenbei sehr viel lernt, zum Nachdenken angeregt wird und gleichzeitig bestens unterhalten wird.
Mir hat das Buch sehr gut gefallen und ich habe es mit viel Freude und Interesse gelesen. Die Einblicke in das Leben in der russischen Polarregion waren sehr interessant für mich und wirkten auch authentisch geschildert, von einer Autorin, die selbst aus dieser Region stammt. Die momentanen Entwicklungen in Russland machen sehr nachdenklich und zeigen auf, wie wichtig es ist, für Freiheit und Vielfalt in unserer Gesellschaft in Mitteleuropa einzutreten, solange das noch möglich ist.
Insgesamt kann ich dieses wichtige und gut geschriebene Buch einer breiten Leserschaft wärmstens empfehlen. Auch für mich wird es sicher nicht das letzte Buch dieser großartigen Autorin gewesen sein.