Im Kopf dreier norwegischer Männer
VaimBücher von Nobelpreisträgerinnen und Nobelpreisträgern sind oft auf die eine oder andere Art speziell, das macht ja auch ihre besondere Qualität aus. "Vaim", das neueste Werk des norwegischen Literaturnobelpreisträgers ...
Bücher von Nobelpreisträgerinnen und Nobelpreisträgern sind oft auf die eine oder andere Art speziell, das macht ja auch ihre besondere Qualität aus. "Vaim", das neueste Werk des norwegischen Literaturnobelpreisträgers aus dem Jahr 2023, reiht sich da ein.
Man schlägt das Buch auf und beginnt mit dem Lesen - und zack, ist man in einen nicht enden wollenden, immer weiter gehenden Gedankenstrom hineingezogen, ohne Kapitel, ohne Satzenden, befindet sich mitten im Kopf von Jatgeir, einem älteren Mann in Norwegen, der aus seinem Dorf, dem fiktiven "Vaim", mit seinem Boot "Eline", benannt nach seiner Jugendliebe, über den Fjord nach Bergen, hier nach seinem alten Namen Bjørgvin genannt, fährt, um Nadel und Faden zu kaufen.
Gar kein einfaches Unterfangen, denn Jatgeir ist ein wortkarger Mensch, der auch nicht gelernt hat, für sich einzustehen und sich durchzusetzen, und so muss er einen weit überteuerten Preis dafür bezahlen, und das sogar zwei Mal. Am Heimweg begegnet ihm dann plötzlich seine Jugendliebe Eline, die kurz entschlossen ihren bisherigen Partner verlässt und mit Jatgeir auf seinem Boot zu ihm nach Hause fährt, um seine Partnerin zu werden.
Soweit zur Handlung des ersten, längsten, von drei Teilen des Buches. Die anderen beiden werden von zwei weiteren Männern geschildert, wobei der Schreibstil sehr ähnlich bleibt und wir uns wieder in deren Köpfen befinden und ihren Gedankenströmen folgen.
Durch die endlosen Sätze und die Art, wie das Buch erzählt wird, entsteht ein Sog in die Köpfe dieser norwegischen Männer hinein. Ich hatte das Gefühl, direkt in ihrem Gehirn zu sitzen. Dafür ist es aber auch nötig, sich darauf einzulassen, denn natürliche Atempausen bietet diese Schreibweise nicht (abgesehen von den zwei Stellen, an denen die Erzähler wechseln und ein neuer Teil beginnt).
So, wie wohl menschliches Denken tatsächlich oft funktioniert, folgt ein Gedanke dem nächsten und dem nächsten und dem nächsten und dem nächsten...
Diese besondere Schreibweise schafft aber auch ein einmaliges Leseerlebnis, das lange nachhallt und ich auf diese Weise noch nie erlebt habe.
Eingebettet in das Buch findet sich auch einiges an Symbolik und Metaphern zu Wasser, Meer, Booten, Leben und Sterben, sowie in die nordische Landschaft eingebettete mystische Bezüge, die man bei Interesse individuell zu entschlüsseln versuchen kann.
Es ist ein tiefgründiges Werk, das in sich viele mögliche Deutungsebenen und damit auch viel interessanten Diskussionsstoff birgt. Ich kann es allen, die anspruchsvolle Literatur schätzen und bereit sind, sich auf eine manchmal durchaus fordernde, aber einzigartige Erzählweise einzulassen, nur empfehlen.