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Veröffentlicht am 03.01.2026

Über das hohe Lebensalter und die damit verbundenen Abschiede

Wenn die Kraniche nach Süden ziehen
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Bo ist 89 Jahre alt. Vor einiger Zeit musste seine schwer demente Frau Fredrika, mit der er über 60 Jahre lang verheiratet war, in ein Pflegeheim ziehen. Wenn er sie dort mit dem gemeinsamen Sohn besucht, ...

Bo ist 89 Jahre alt. Vor einiger Zeit musste seine schwer demente Frau Fredrika, mit der er über 60 Jahre lang verheiratet war, in ein Pflegeheim ziehen. Wenn er sie dort mit dem gemeinsamen Sohn besucht, erkennt sie die beiden nicht einmal mehr. Selbst ist Bo geistig noch sehr fit, abgesehen von der normalen Altersvergesslichkeit. Doch sein Körper lässt ihn immer mehr im Stich: manchmal schafft er es nicht mehr rechtzeitig aufs Klo und feinmotorische Tätigkeiten wie das Öffnen eines Hosen- oder Hemdknopfes fallen ihm schwer.

Er wohnt noch alleine mit seinem geliebten Hund Sixten in seinem alten Haus und wird regelmäßig von einem ambulanten Pflegedienst besucht und unterstützt. Sein Hund ist eine seiner größten Freuden und er kann nicht vorstellen, sich von diesem zu trennen - auch wenn sein Sohn Hans immer wieder darauf drängt, den Hund herzugeben, denn Bo könne sich nicht mehr gut genug um ihn kümmern, sei nicht mehr zu langen Spaziergängen mit ihm in der Lage und außerdem fürchte der Sohn, sein Vater könne bei einem der Spaziergänge im Wald stürzen und sich schwer verletzen. Doch lange weigert sich Bo mit allen Mitteln dagegen, für den Hund ein neues Zuhause zu suchen...

Dieses Buch hat mich sehr tief berührt. Es ist aus der Sicht von Bo geschrieben, der von seinem Alltag erzählt, sich immer wieder in der Du-Form an die geliebte, demente Ehefrau wendet, und uns an den Erinnerungen an sein Leben teilhaben lässt. So viele einzelne Momente ziehen an ihm innerlich vorbei, während er sich immer mehr von der äußeren Welt abwendet und seinem Tod nähert: von dem harten, fordernden Vater und der Befreiung von diesem, von der liebevollen, aber schwachen Mutter, von vielen glücklichen Ehejahren mit Fredrika, von der Freude über den gemeinsamen Sohn und später über die Enkelin und dem Erstaunen darüber, was für eigenständige, von einem selbst ganz unterschiedliche Wesen da entstanden sind, von der Freundschaft zu einem ebenfalls alten, lebenslang alleinstehenden Freund, der mehr in der Welt herumgekommen ist als Bo selbst, und von vielem mehr. Zwischen den einzelnen Kapiteln eingefügt sind kurze Notizen des Pflegeteams, z.B. "8:15 Uhr: Medikamentengabe + Atemtrainer. Bo mürrisch, weigert sich, seinen Haferbrei zu essen. Er will, dass ich mit dem Hund rausgehe, aber ich habe keine Zeit. Eva-Lena." (S. 199)

Geschrieben von einer Autorin, die selbst noch nicht einmal 40 ist, empfinde ich die Erzählstimme als äußerst authentisch. Wahrscheinlich verfügt die Autorin über viel Einfühlungsvermögen und stand ihrem Großvater sehr nahe: die Idee für dieses Buch, ihr Debüt, entstand, nachdem sie ein Heft mit Notizen seines Pflegeteams gefunden hatte.

Es finden sich viele tiefsinnige Gedanken übers Älter-Werden, pflegebedürftig werden und den Tod in diesem Buch und darüber, was es bedeuten, ans Ende des Lebens zu kommen. Damit hilft das Buch, sich in die Perspektive von Menschen am Ende ihres Lebens hineinzuversetzen:

"Wegen der Herztabletten musste ich die Arthritismedikamente absetzen; aber zum Glück verursachen die Finger keine großen Schmerzen. "Herz oder Gelenke", sagte der Honorararzt mit einem blöden Lächeln im Gesicht. "Da fällt die Entscheidung nicht schwer, oder?" (S. 19)

"Bei Sixtens Anblick denke ich automatisch an Hans. Ich werfe die Fotos auf den Tisch. Wenn Ellinor meine Tochter und nicht meine Enkelin wäre, wenn sie anstelle von Hans das Sagen hätte, dann wäre alles besser. Sie würde mir Sixten niemals wegnehmen." (S. 111)

"Der Körper ist schwer. Schwerer als üblich. Schwankend setze ich mich auf dem Bettrand auf. Die Matratze ist so weich, dass ich Mühe habe, das Gleichgewicht zu halten." (S. 258)

"Ture war ein langes Leben vergönnt", sagt die Pastorin. Deshalb ist die Kirche auch so leer. Die meisten seiner Bekannten sind gestorben. (S. 351)

Natürlich ist es auch ein trauriges Buch, denn es sind traurige Themen, von denen es handelt: Älter werden, pflegebedürftig werden, Menschen verlieren, Tiere verlieren, Fähigkeiten verlieren, immer weniger Selbstbestimmung, Schmerzen, Abschied nehmen, Sterben. Doch sind es dabei zugleich zutiefst existenzielle Menschheitsthemen, mit denen wir alle früher oder später konfrontiert werden, und es lohnt sich sehr, sich damit auseinanderzusetzen. Dafür kann ich dieses warmherzige und berührende Buch einer breiten Leserschaft wärmstens empfehlen!

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Veröffentlicht am 01.01.2026

Umfangreiche und interessante Einführung in die Quantentheorie

Warum niemand die Quantentheorie versteht
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Quantenphysik - viele haben von diesem Thema gehört, aber durchaus Respekt davor, sich näher damit zu befassen. Zu groß ist oft die Angst, höhere mathematische Zusammenhänge nicht mehr zu verstehen.

Auch ...

Quantenphysik - viele haben von diesem Thema gehört, aber durchaus Respekt davor, sich näher damit zu befassen. Zu groß ist oft die Angst, höhere mathematische Zusammenhänge nicht mehr zu verstehen.

Auch deshalb gibt es mittlerweile einige Bücher am Markt, die versuchen, dieses komplexe und spannende Gebiet verständlich zu erklären. Dieses ist eines davon: hier haben sich ein Physikprofessor und seine Frau, eine Künstlerin, zusammengetan, um zu versuchen, die Grundlagen der modernen Physik in möglichst verständlicher Sprache darzustellen.

Herausgekommen ist ein sehr interessantes Buch, das mit wenig Mathematik und Formeln auskommt, aber sich immer noch auf einem eher hohen Niveau bewegt. Bevor es um die Quantentheorie selbst geht, wird ausführlich auf die Geschichte der Physik eingegangen und erzählt, welche berühmten Männer und Frauen (ja, auch davon gab es so einige, die im Buch auch Würdigung finden) durch welche Experimente auf verschiedene physikalische Naturgesetze gekommen sind. Sehr interessant für alle historisch Interessierten.

Wer sich aber rein für die Quantentheorie selbst interessiert, hat mit diesem umfangreichen Teil vielleicht nicht so viel Freude, auch wenn er durchaus hilfreich ist, um zu verstehen, welche bisherigen Annahmen diese über den Haufen geworfen hat.

Sehr lesefreundlich ist, dass das Buch kompliziertere Abschnitte, die für das nähere Verständnis nicht zwangsläufig erforderlich sind, in blau darstellt. So können diese von daran nicht interessierten Leserinnen und Lesern übersprungen werden. Weiters versuchen die Autoren, mit Hilfe von Graphiken und Abbildungen und durch die Beschreibung vieler Experimente, die Inhalte so verständlich wie möglich zu vermitteln.

Insgesamt ist es aber bei allen Versuchen, die Quantentheorie einfach darzustellen, dennoch ein Buch, das sich an gebildete Menschen richtet, die bereit sind, komplexen Denkmustern zu folgen und diese nachzuvollziehen. Ich habe einiges Neues gelernt, manches aber nicht komplett verstanden, dies ist aber wohl meinem mangelnden Vorwissen in diesem Gebiet anzulasten und nicht dem interessanten, aber schon anspruchsvollen Buch.

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Veröffentlicht am 28.12.2025

Im Kopf dreier norwegischer Männer

Vaim
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Bücher von Nobelpreisträgerinnen und Nobelpreisträgern sind oft auf die eine oder andere Art speziell, das macht ja auch ihre besondere Qualität aus. "Vaim", das neueste Werk des norwegischen Literaturnobelpreisträgers ...

Bücher von Nobelpreisträgerinnen und Nobelpreisträgern sind oft auf die eine oder andere Art speziell, das macht ja auch ihre besondere Qualität aus. "Vaim", das neueste Werk des norwegischen Literaturnobelpreisträgers aus dem Jahr 2023, reiht sich da ein.

Man schlägt das Buch auf und beginnt mit dem Lesen - und zack, ist man in einen nicht enden wollenden, immer weiter gehenden Gedankenstrom hineingezogen, ohne Kapitel, ohne Satzenden, befindet sich mitten im Kopf von Jatgeir, einem älteren Mann in Norwegen, der aus seinem Dorf, dem fiktiven "Vaim", mit seinem Boot "Eline", benannt nach seiner Jugendliebe, über den Fjord nach Bergen, hier nach seinem alten Namen Bjørgvin genannt, fährt, um Nadel und Faden zu kaufen.

Gar kein einfaches Unterfangen, denn Jatgeir ist ein wortkarger Mensch, der auch nicht gelernt hat, für sich einzustehen und sich durchzusetzen, und so muss er einen weit überteuerten Preis dafür bezahlen, und das sogar zwei Mal. Am Heimweg begegnet ihm dann plötzlich seine Jugendliebe Eline, die kurz entschlossen ihren bisherigen Partner verlässt und mit Jatgeir auf seinem Boot zu ihm nach Hause fährt, um seine Partnerin zu werden.

Soweit zur Handlung des ersten, längsten, von drei Teilen des Buches. Die anderen beiden werden von zwei weiteren Männern geschildert, wobei der Schreibstil sehr ähnlich bleibt und wir uns wieder in deren Köpfen befinden und ihren Gedankenströmen folgen.

Durch die endlosen Sätze und die Art, wie das Buch erzählt wird, entsteht ein Sog in die Köpfe dieser norwegischen Männer hinein. Ich hatte das Gefühl, direkt in ihrem Gehirn zu sitzen. Dafür ist es aber auch nötig, sich darauf einzulassen, denn natürliche Atempausen bietet diese Schreibweise nicht (abgesehen von den zwei Stellen, an denen die Erzähler wechseln und ein neuer Teil beginnt).

So, wie wohl menschliches Denken tatsächlich oft funktioniert, folgt ein Gedanke dem nächsten und dem nächsten und dem nächsten und dem nächsten...

Diese besondere Schreibweise schafft aber auch ein einmaliges Leseerlebnis, das lange nachhallt und ich auf diese Weise noch nie erlebt habe.

Eingebettet in das Buch findet sich auch einiges an Symbolik und Metaphern zu Wasser, Meer, Booten, Leben und Sterben, sowie in die nordische Landschaft eingebettete mystische Bezüge, die man bei Interesse individuell zu entschlüsseln versuchen kann.

Es ist ein tiefgründiges Werk, das in sich viele mögliche Deutungsebenen und damit auch viel interessanten Diskussionsstoff birgt. Ich kann es allen, die anspruchsvolle Literatur schätzen und bereit sind, sich auf eine manchmal durchaus fordernde, aber einzigartige Erzählweise einzulassen, nur empfehlen.

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Veröffentlicht am 22.12.2025

Eine Reise durch die vielen Facetten der Mutterschaft in einem konservativ-autoritären Staat

Mutters Sprache
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Lisa ist als Kind mit ihrer Mutter aus der Russischen Förderation nach Deutschland ausgewandert. Nun hat sie selbst gerade mit ihrem Partner eine kleine Tochter bekommen. Da erfährt sie, dass ihre russische ...

Lisa ist als Kind mit ihrer Mutter aus der Russischen Förderation nach Deutschland ausgewandert. Nun hat sie selbst gerade mit ihrem Partner eine kleine Tochter bekommen. Da erfährt sie, dass ihre russische Hebamme Aljona demnächst in den hohen Norden Russlands fahren will, ins Grenzgebiet bei Nikel, nahe dem Weißmeer. Dieselbe Gegend, aus der auch Lisa stammt, und in der immer noch ihre sehr alte Oma lebt, die ihr telefonisch mitteilt, dass sie wahrscheinlich nicht mehr lange zu leben hat. So entschließt sich Lisa, gemeinsam mit Aljona und mit der kleinen Babytochter Eva die Reise in die Gegend über dem Polarkreis anzutreten.

Wir befinden uns in der Gegenwart, nach dem Beginn der russischen Angriffskrieges auf die Ukraine, also in einer Zeit, in der man nicht mehr so einfach von Deutschland direkt nach Russland fliegen kann. Wer nach Russland möchte, muss teure Flüge über die Türkei buchen oder - wie diese Frauen es machen - nach Helsinki oder ins Baltikum fliegen und von dort mit dem Bus weiter nach St. Petersburg fahren, von wo aus Züge weiter in den Norden fahren. Eine anspruchsvolle Reise mit einem kleinen Baby, auch wenn man Russisch kann. Zumindest muss Lisa aber als Frau im konservativen Russland der Gegenwart nicht fürchten, an die ukrainische Front geschickt zu werden. Es ist eine Zeit, in der auch wegen dieser Gefahr aus dem Ausland fast nur Frauen die Reise nach Russland wagen und diese sehen dann in Russland allgegenwärtig Plakate mit Propaganda für den Einsatz an der Front, denn dieser sei extrem gut bezahlt und nur dann sei man ein echter Mann, wird verbreitet.

Auch den Frauen wird eine klare Rolle zugeschrieben: die Verbesserung der enorm niedrigen Geburtenrate: in Werbespots vermitteln süße Kinder die Botschaft, wie schön es wäre, wenn es wieder mehr von ihnen geben würde. Homosexuelle Menschen wiederum werden im Russland der Gegenwart verfolgt: sie stehen ständig mit mindestens einem Bein im Gefängnis, denn "Propaganda für nicht-traditionelle Partnerschaften" ist unter der aktuellen Regierung strafbar geworden. Zwei Frauen in einer lesbischen Beziehung trauen sich auf der Straße kaum einander zu umarmen, denn das ist gesellschaftlich nur Verwandten oder Heterosexuellen gestattet. Unglaublich, wie schnell sich eine Gesellschaft, die noch vor gar nicht so langer Zeit das lesbische Frauenduo t.A.T.u. zum Eurovision Songcontext schicken konnte, nun in eine extrem konservative und autoritäre Richtung entwickelt hat!

Bei der Lektüre lernt man also wie nebenbei sehr viel über die Atmosphäre und das Leben im Russland der Gegenwart, aber nicht nur darüber: insgesamt gibt es drei Erzählstränge: den von Lisa, den von Aljona und den von Taja. Während Lisas und Aljonas Perspektiven in der jetzigen Zeit spielen, nimmt Taja uns mit in das Leben als junge Frau in Russland in der Zeit unmittelbar nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion: als alte Verbindungen und Privilegien nichts mehr galten, die Wirtschaft erst einmal zusammenbrach, viele Menschen im Rahmen von Privatisierung und Pyramidenspielen alles verloren, eine kurze Zeit der Anarchie, aber auch der Möglichkeit zur starken Gesellschaftskritik herrschte, aber auch viel Gewalt verbreitet war. Im hohen Norden mit all seinen klimatischen Einschränkungen und geringen wirtschaftlichen Perspektiven war das Leben noch eine Spur härter als in vielen anderen Regionen.

Ein Thema, das sich wie ein roter Faden durch das Buch zieht, ist das der Mutterschaft in ihren vielen Facetten: nicht nur Lisa als junge Mutter und Teil eines heterosexuellen Paares, sondern auch unkonventionelle Familienstrukturen, lesbische Liebe, Leihmutterschaft, Samenspende, künstliche Befruchtung und vieles andere sind Teil der Erzählung und werden differenziert und facettenreich betrachtet. Dabei ist insgesamt eine sehr spannende und gut lesbare Geschichte entstanden, bei der man wie nebenbei sehr viel lernt, zum Nachdenken angeregt wird und gleichzeitig bestens unterhalten wird.

Mir hat das Buch sehr gut gefallen und ich habe es mit viel Freude und Interesse gelesen. Die Einblicke in das Leben in der russischen Polarregion waren sehr interessant für mich und wirkten auch authentisch geschildert, von einer Autorin, die selbst aus dieser Region stammt. Die momentanen Entwicklungen in Russland machen sehr nachdenklich und zeigen auf, wie wichtig es ist, für Freiheit und Vielfalt in unserer Gesellschaft in Mitteleuropa einzutreten, solange das noch möglich ist.

Insgesamt kann ich dieses wichtige und gut geschriebene Buch einer breiten Leserschaft wärmstens empfehlen. Auch für mich wird es sicher nicht das letzte Buch dieser großartigen Autorin gewesen sein.

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Veröffentlicht am 19.12.2025

Fundiertes und selbstreflektiertes Buch über aktuelle feministische Strömungen

Resist! Weich bleiben in harten Zeiten.
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Bücher über feministische Themen sind in Mode, allein in diesem Jahr sind so einige erschienen. Nun haben sich drei junge Frauen, Katrin Rönicke, Laura Lucas und Lena Sindermann, die gemeinsam mit anderen ...

Bücher über feministische Themen sind in Mode, allein in diesem Jahr sind so einige erschienen. Nun haben sich drei junge Frauen, Katrin Rönicke, Laura Lucas und Lena Sindermann, die gemeinsam mit anderen den feministischen lila Podcast betreiben, die Aufgabe gestellt, eine persönliche Positionierung zu aktuellen feministischen Strömungen zu schreiben. Herausgekommen ist ein interessantes und gut lesbares Buch, das für alle, die sich neu für das Thema interessieren, eine fundierte Einführung bietet, aber auch denen, die schon länger an dem Thema dran sind, neue Impulse zum Nachdenken liefert.

Die Autorinnen wechseln sich kapitelweise ab, manche Texte haben sie auch gemeinsam geschrieben. Insgesamt ist dabei ein sehr gut lesbarer, flüssiger Text entstanden, der ein stimmiges Ganzes ergibt und dem man kaum anmerkt, wer welches Kapitel verfasst hat. Das Buch beginnt mit dem Thema Emotionalität, das ja gerne klischeemäßig Frauen zugeschrieben wird, und stellt dieses Klischee gleich auf humorvolle und provokative Art in Frage, während aufgezeigt wird, dass alle Menschen, auch Männer, natürlich auch emotional geprägt sind, und wie Gefühle und Verstand miteinander verbunden sind.

Leider wird das Klischee der emotionalen, irrationalen Frauen aber oft gegen diese verwendet, wie sich etwa in den unfairen Angriffen Donald Trumps auf das Lachen seiner Rivalin Kamala Harris gezeigt hat, bei der er eine leider historisch tief verwurzelte Fehlverknüpfung von Weiblichkeit und Verrücktheit reaktiviert und für seine Zwecke manipulativ genutzt hat. Dabei kann ein reflektierter Zugang zu den eigenen Emotionen sogar für alle Geschlechter sehr hilfreich sein, um ein glückliches, erfülltes Leben zu führen.

In weiteren Kapiteln geht es um Themen wie gendergerechte Sprache und Sprachpolitik, sexualisierte Gewalt und das einseitige Framing der Vorfälle in der Kölner Silvesternacht (während ähnliche Vorkommnisse leider seit langem bei anderen Veranstaltungen, z.B. beim Münchner Oktoberfest, ebenfalls gang und gäbe sind), Solidarität und die Frage, wie man damit umgehen soll, Männer zu lieben, möglicherweise sogar eine nicht ganz feminismuskonforme Libido am eigenen Körper zu erleben, und dennoch feministisch Position gegen Gewalt und Ungerechtigkeiten zu beziehen. Auch intersektionale Themen wie Klassismus, Rassismus, Ableismus und Antisemitismus sind Teil des Buches.

Dabei legen die Autorinnen großen Wert darauf, eine breite Leserinnenschaft abzuholen: während es im Buch durchaus auch, in gut verständlicher Sprache, um fortgeschrittene feministische Themen geht, findet sich im Anhang ein umfangreiches Glossar wichtiger Begriffe zu dem Thema für die, die noch nicht so viele Berührungspunkte damit hatten.

Mir persönlich hat besonders gut gefallen, dass deutlich wird, dass die Autorinnen sich wirklich tiefgehend mit den behandelten Themen und ihren eigenen Positionen dazu auseinandergesetzt und diese durchaus auch kritisch hinterfragt haben. Ich muss nicht jede einzelne Position zu 100 % selbst teilen, um für diese Grundlagenarbeit Respekt zu haben. Es wird immer deutlich, wie die gerade erzählende Autorin aufgrund der Beschäftigung mit einschlägiger Literatur, aber auch mit eigener reflektierter Lebenserfahrung zu ihren jeweiligen Standpunkten gekommen ist.

Insgesamt ist es ein persönliches, angenehm lesbares und sehr unterhaltsames Buch über zeitgenössischen intersektionalen Feminismus, das ich allen, die sich neu für das Thema interessieren, aber auch jenen, die sich schon länger damit beschäftigen, empfehlen kann.

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