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Venatrix

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 06.01.2026

Trotz 1.152 Seiten eine Leseempfehlung!

Zeit der Mutigen
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Dieser Roman von Dimitré Dinev hat den Österreichischen Buchpreis 2025 erhalten. Zunächst war ich so gar nicht von diesem 1.152 Seiten Schmöker angetan, weil ich einen anderen Favoriten für den Buchpreis ...

Dieser Roman von Dimitré Dinev hat den Österreichischen Buchpreis 2025 erhalten. Zunächst war ich so gar nicht von diesem 1.152 Seiten Schmöker angetan, weil ich einen anderen Favoriten für den Buchpreis im Auge hatte. Doch nach den ersten Seiten hat mich das Werk dann doch gepackt.

Dimitré Dinev spannt in seinem Roman, der mit Eva, die am Vorabend des Ersten Weltkrieges in der Donau Selbstmord begehen will, beginnt, einen Bogen, der rund hundert Jahren umfasst, und wieder mit einer Eva endet, auf. Dazwischen liegen zwei Haupthandlungsstränge, einer in einem kleinen Ort in Österreich, der an der Donau liegt, die eine wichtige Rolle spielt, und ein anderer in Bulgarien. Daneben gibt es weitere Erzählstränge, die die Hauptstränge wie die Knoten in einem Fischernetz, an manchen Stellen treffen.

Der Erzählstrang, der in Österreich spielt, lässt sich leicht nachvollziehen: Armut, Ende der Monarchie, Ständestaat, Nazi-Diktatur, Zweiter Weltkrieg, Besatzung und deren Ende 1955 mit dem Staatsvertrag, Aufschwung, Demokratie, Ungarnaufstand 1956, Prager Frühling 1968 und den Fall des Eisernen Vorhangs 1989.

Das Schicksal der Menschen, die nach dem Zerfall der Donaumonarchie und vor allem nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in die Hemisphäre des Kommunismus geraten sind, ist außer politischer Willkür, Gulag, Mangel an allem und jedem, Profiteure in den Politkadern sowie Spitzelwesen, wenig bekannt. Wie der Staat, hier Bulgarien, mit seinem Volk umgeht, wird hier an Hand von einzelnen Schicksalen stellvertretend für viele, erzählt.

Bindeglied zwischen den beiden Welten ist Meto, ein Österreicher, der von den Sowjets hingerichtet werden sollte, aber mit einer Kugel im Kopf, überlebt. Er wird von einer bulgarischen Schafhirtin gefunden und gesund gepflegt. Die im Schädel steckende Kugel ist inoperabel und hat ihm sein Gedächtnis geraubt. Mit einem halb verbrannten Ausweis auf den Namen Helmut Nagorny tritt er die Reise ins besetzte Österreich an, ohne zu wissen wer er eigentlich ist. Nur manchmal, manchmal scheint er einzelne Worte im Tiroler Dialekt zu sprechen.

Meine Meinung:

Nach der Lektüre dieses Romans bin ich mit der Entscheidung der Jury, den Österreichischen Buchpreis 2025 an dieses Buch zu vergeben, einverstanden.

In jedem Kapitel, in jedem der Handlungsstränge sind es vor allem die Frauen, sich mutig den Herausforderungen des Lebens stellen. Dabei finden sie sich selbst gar nicht mutig. Was getan werden muss, wird einfach getan. Oft wird ihnen die Entscheidung ohnehin abgenommen.

Eine bewusste und mutige Entscheidung ist, den Mann mit der Kugel im Kopf, der Meto genannt werden will, als Helmut Nagorny anzunehmen, obwohl doch der eine oder andere Zweifel an seiner Identität besteht.

Die Charaktere sind außergewöhnlich lebendig. Wir dürfen mit ihnen nicht nur an der großen Weltgeschichte teilnehmen, sondern erleben auch ihre inneren Konflikte, wenn es um persönlichen Freiraum oder um das Wohl der Gemeinschaft wie z. B. des Roma-Clans geht.

Das eine oder andere aus der Geschichte Bulgariens habe ich nachgelesen, weil es mir nicht so bekannt war.

Das blaue Band, das sich auf dem weißen Cover dahin schlängelt, habe ich als Donau interpretiert, die in diesem Buch in beiden Hemisphären eine Rolle spielt.

Eine kleine Anmerkung habe ich für den Verlag für eine Neuauflage: Man möge doch die starke Beugung der Verben verwenden. Wenn ich melkte statt molk, oder flechtete statt flocht, lese, stellen sich bei mir die Nackenhaare auf. Wenig später treffe ich dann allerdings auf buk, das mir meine Volksschullehrerin schon 1966 als antiquiert in backte korrigiert hat.

Fazit:

„Die Zeit der Mutigen“ ist ein Roman, der lange nachhallt und den ich bestimmt wieder lesen werden. Von mit gibt es 5 Sterne und eine Leseempfehlung.

Veröffentlicht am 06.01.2026

Eine klare Lesempfehlung!

Zurück unter Mördern
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Michael Jensen, dessen historischen Kriminalromane rund um die Brüder Sass sowie jene um Jens Druwe, der auch hier, im aktuellen Krimi eine Rolle spielt, ich gelesen habe, nimmt mich mit in das Nachkriegsdeutschland. ...

Michael Jensen, dessen historischen Kriminalromane rund um die Brüder Sass sowie jene um Jens Druwe, der auch hier, im aktuellen Krimi eine Rolle spielt, ich gelesen habe, nimmt mich mit in das Nachkriegsdeutschland.

Oswald und Hertha Lassaly gehören zu den wenigen, von den Nazis Vertriebenen, die nach Hamburg zurückkehren. Er hat mit der Hansestadt und Deutschland noch eine Rechnung offen: Er will einerseits das geraubte Eigentum der Familie zurück und andererseits den angeblichen Selbstmord seines Vaters Eduard aufgeklärt wissen.

Doch der befreundete Anwalt, der schon seinen Vater betreut hat, macht ihm wenig Hoffnung, denn die Firma, ein Kaffeeimport und die Familienbank, sind „verkauft“ worden, was durch Dokumente belegbar ist. Dass der Kaufpreis durch Drohungen auf einen Bruchteil des Wertes gedrückt worden ist, interessiert niemanden. Um Beweise dafür zu finden, dass einerseits der Kauf Betrug und der Selbstmord seines Vaters Mord war, wird der Kriegsheimkehrer und Privatermittler Hans Mahler beauftragt, Dokumente und Zeugen aufzutreiben. Mahler scheint dafür sehr gut geeignet, hat er doch vor dem Zweiten Weltkrieg Jura studiert, aber nicht abgeschlossen und als Gegner der Nazis selbst im Gefängnis. Allerdings wird Mahler von seinen eigenen Dämonen geplagt wird, ist doch seine Frau seit dem, als „Operation Gomorrha“ bekannten, Bombardement Hamburgs verschollen.

Je tiefer Hans Mahler in die Familiengeschichte der Lassallys eintaucht, desto mehr wird ihm bewusst, dass die Täter von damals durchwegs wieder in ihren alten Positionen arbeiten. Oswald und Hertha Lassaly sind zurück unter Mördern.

Meine Meinung:

Der Krimi beruht auf der wahren Familiengeschichte der jüdischen Familie Lassally aus Hamburg, die, wie Hunderttausende andere auch, systematisch gedemütigt, ausgeplündert, ihres Eigentums beraubt, teilweise in den Selbstmord getrieben und als sie nichts mehr hatten, was Nazi-Deutschland nützlich sein konnte, in den diversen Vernichtungslagern ermordet worden sind. Nur wenigen Mitglieder dieser jüdischen Familien ist es, wie Oswald Lassally, gelungen, das Land zu verlassen und noch viel weniger kehren in das Land der Mörder zurück.

Hans Mahler muss erkennen, dass die alten Parolen vom Durchhalten und der Volksgemeinschaft sind noch fest in den Köpfen der Menschen verankert ist. Zudem haben sie neue wie „nach vorne schauen“, „Wir haben auch gelitten.“ und „Wir haben nichts gewusst!“ gebildet haben und in einer Art Dauerschleife wiederholt werden. Schrecklich zu lesen ist das Selbstverständnis mit der Täter/Opferumkehr betrieben wird. Die Mehrzahl der Deutschen sieht sich als Opfer der Alliierten und der jüdischen Weltverschwörung. Unrechtsbewusstsein in kaum vorhanden, weshalb es kaum möglich ist, geraubte Gegenstände und Wohnungen den ursprünglichen Eigentümern zurückzugeben.

Michael Jensen hat mit diesem historischen Krimi die düstere und beklemmende Stimmung im Nachkriegsdeutschland sehr gut eingefangen. Die wahre Geschichte von Eduard Lassally und seiner Familie ist penibel recherchiert. Wie schon in den historischen Krimis rund um die Brüder Sass und um Kriminalkommissar Jens Druwe lässt sich dieser hier ebenso sehr gut lesen, auch wenn er keine leichte Kost ist. Zartbesaiteten Lesern könnte die eine oder andere Grausamkeit vielleicht Probleme bereiten.

Die Figur des Hans Mahler bietet sich gemeinsam mit dem Thema förmlich an, als Reihe weiter entwickelt zu werden. Denn leider ist die Familie Lassally kein Einzelfall.

Fazit:

Gerne gebe ich diesem historischen Krimi aus dem Nachkriegsdeutschland 5 Sterne und eine klare Leseempfehlung.

Veröffentlicht am 29.12.2025

Penibel recherchiert und gekonnt erzählt

Robert Surcouf. Der Tiger des Indischen Ozeans
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Nach seinen Romanen rund um Piraten wie Jack Bannister und der Dilogie rund um Horatio Nelson, der ganz offiziell die Weltmeere durchpflügt, widmet sich Mac P. Lorne in diesem Buch einem Mann, der lange ...

Nach seinen Romanen rund um Piraten wie Jack Bannister und der Dilogie rund um Horatio Nelson, der ganz offiziell die Weltmeere durchpflügt, widmet sich Mac P. Lorne in diesem Buch einem Mann, der lange nicht so bekannt ist wie Nelson: Robert Surcouf (1773-1827).

Robert Surcoufs Vorfahren waren Korsaren, also Seefahrer, die mit „Genehmigung“ der Regierung, andere Schiffe aufbrachten und die erbeuteten Waren nach Abzug der Provisionen dem König überließen. Doch Roberts Vater, ein Kaufmann in St. Malo, hat mit seinem Sohn anderes vor und steckt ihn in die Jesuitenschule, die er ohne Erlaubnis verlässt. Wenig später beginnt seine Karriere als Seemann, zunächst als blinder Passagier.

Als er 1792 nach Frankreich zurückkehrt, ist die Monarchie Geschichte, der Vater verarmt und die nunmehrige junge Republik befindet sich im Krieg gegen alle jene, die die Bourbonen wieder einsetzen wollen. In Toulon lernt er einen jungen Mann kennen, der lange Jahre das Weltgeschehen dominieren wird und auch auf sein, Roberts Leben, großen Einfluss haben wird: Napoleon Bonaparte.

Mit welchem Husarenstück er aus dem Hafen von Toulon entkommt, müsst ihr selbst lesen ....

Meine Meinung:

Mit diesem historischen Roman ist Mac P. Lorne wieder ein großartiger Seefahrerroman gelungen, der das Leben von Robert Surcouf vor allem während der Jahre 1786 bis 1821 beschreibt.

Obwohl Sucouf Napoleon vor einem Seekrieg warnt, weil weder eingspielte Mannschaften noch fähige Kapitäne (Die hat die Revolution „gefressen“, weil sie fast ausschließlich aus dem Adel stammten.) vorhanden sind, besteht der auf Konfrontation mit den Briten, um die Seeblockade aufrecht zu erhalten und damit den Warenverkehr zu verhindern. Das Ergebnis ist bekannt: Die französische Flotte wird sowohl bei Abukir (1798) als auch bei Trafalgar (1805). wie von Robert Surcouf vorausgesagt, vernichtet und die Schmuggler verdienen sich eine goldene Nase.

Diese doch eher unrühmliche Geschichte der französischen Flotte wird von offizieller Seite gerne totgeschwiegen. Nur so legendäre Seefahrer wie eben Robert Surcouf leben in den Köpfen der Menschen und in der Literatur weiter, woran dieser Roman einen großen Anteil hat.

Wer also gerne Segel refft, in die Wanten klettert und mit waghalsigen Manövern aus gesperrten Häfen entflieht, sowie einem korrupten Statthalter das Handwerk legt und sich mit seiner direkten (und manchmal ziemlich respektlosen) Art auch noch mit Napoleon anlegt, dem sei dieser historische Roman ans Herz gelegt.

Fazit:

Gerne gebe ich diesem penibel recherchierten und opulent erzählten Seefahrerroman 5 Sterne und eine Leseempfehlung.

Veröffentlicht am 22.12.2025

Eine klare Leseempfehlung

Taschenzauberei
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Es sind Herbstferien und wieder einmal müssen Ben und seine ältere Schwester Paulina im elterlichen Hotel mitarbeiten, während die Klassenkolleginnen und Klassenkollegen die Ferientage in den diversen ...

Es sind Herbstferien und wieder einmal müssen Ben und seine ältere Schwester Paulina im elterlichen Hotel mitarbeiten, während die Klassenkolleginnen und Klassenkollegen die Ferientage in den diversen Urlaubsorten verbringen dürfen. Urlaub machen ist für die Familie Waldmann nicht drin, denn mit dem Erlös des Hotels kommen sie gerade so über die Runden. Bens Laune ist am Tiefpunkt, denn ausgerechnet die schüchterne Lea aus seiner Klasse soll ein Praktikum im Hotel machen.

Als sich eine Gruppe faszinierender Gäste im Hotel „Zum Waldmann“ einquartiert, die als Häkelrunde eingebucht sind, aber mit Handarbeiten wenig am Hut haben, beginnt für Ben und Lea ein Abenteuer, an das sie noch lange denken werden.

Meine Meinung:

Schon das Format dieses Kinderbuch, das durch seine gediegene Aufmachung einen haptischen Genuss verspricht, ist besonders. Auf hochwertigem, griffigen Papier gedruckt, enthält es nicht nur eine witzige Geschichte, sondern auch zahlreiche gelungene Illustrationen.

Das Buch erzählt von Freundschaft und geschwisterlichen Auseinandersetzungen sowie Rivalitäten im Klassenzimmer und dem Druck durch teure Marken „dazugehören zu müssen“.

Die Handlung ist ideenreich und auch kurzweilig. Das Buch eignet sich zum Selbstlesen ab ca, acht Jahren oder zum Vorlesen. Die Kapitel haben ein gute Länge. Zudem dürfen sich große und kleine Leserinnen und Leser von der besonderen Atmosphäre des Buches verzaubern lassen.

Obwohl ich ja kein großer Hunde-Fan bin, musste ich über den Instant-Hund „Knorr“ (ja, wie die Packerlsuppe), herzlich lachen. Was es damit auf sich hat, müsst ihr selbst lesen.

Fazit:

Gerne gebe ich diesem gelungenen Kinderbuch 5 Sterne und eine Leseempfehlung.

Veröffentlicht am 12.12.2025

Ein gelungener Reihen-Auftakt

Die weiße Nacht
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Der Winter des Jahres von 1946/47 wird als Hungerwinter in die Geschichte eingehen, in dem Tausende Menschen im zerstörten und von den alliierten besetzten Deutschland infolge von Krankheiten, Hunger und ...

Der Winter des Jahres von 1946/47 wird als Hungerwinter in die Geschichte eingehen, in dem Tausende Menschen im zerstörten und von den alliierten besetzten Deutschland infolge von Krankheiten, Hunger und Kälte sterben. Wer keine Habseligkeiten mehr hat, um sie am Schwarzmarkt gegen etwas Essbares zu tauschen, stöbert in den Trümmern nach etwas Brauchbarem.

Die junge Fotografin Lou Faber sucht in den Ruinen von Berlin nach geeigneten Motiven, um die Fotos an Magazine zu verkaufen. Dabei entdeckt sie eine Frauenleiche, deren Hände gefaltet sind. Die herbeigerufene Polizei glaubt zunächst an ein weiteres Kälteopfer, doch mit Hilfe von Lous Foto wird dem ermittelnden Kriminalkommissar Alfred König klar, dass es sich um einen Mord handelt und diese tote Frau wird nicht die einzige Leiche bleiben.

So kurz nach dem Ende des NS-Regimes liegt der Verdacht nahe, dass sich jemand für erlittenes Leid rächen will ...

Meine Meinung:

Dieser Krimi, der in den ersten Nachkriegsjahren in Berlin spielt, ist Auftakt einer neuen historischen Krimireihe von Anne Stern. Nach der Reihe, rund um die Dresdner Oper oder jene um die Hebamme Hulda Gold, bieter diese neue Reihe Spannung und historisches Wissen.

Die Charaktere sind wie immer bei Autorin Anne Stern sorgfältig ausgearbeitet. Sowohl Lou Faber als Kriminalkommissar Alfred König habe ihre Ecken und Kanten, sowie ihre Traumata aus den vergangenen Kriegsjahren. Obwohl die beiden unterschiedlicher nicht sein könnten, haben sie den eisernen Willen den oder die Täter ausfindig zu machen und die Morde aufzuklären.

Auch die Nebenfiguren wie die Jugendlichen Gerti und Justus, die mit allen Wassern gewaschen sind, sind geschickt gezeichnet- Die beiden kennen sich am Schwarzmarkt bestens aus, um überleben zu können und schrecken auch vor kriminellen Handlungen nicht zurück.

Am Silvesterabend 1946 wird der Kölner Erzbischof Joseph Kardinal Frings in seiner Predigt den Mundraub für den rechtfertigen. Wenig später wird sein Nachname als Synonym für das Organisierens von Nahrung und Kohle - fringsen.

Wie schon die anderen Romane ist auch dieser hier penibel recherchiert und gekonnt erzählt. Das Cover ist sehr gut gelungen, zeigt es doch die in Trümmern liegende Welt durch den Sucher einer Kamera.

Fazit:

Gerne gebe ich diesem historischen Krimi, der bis zur letzten Seite fesselt, 5 Sterne und eine Leseempfehlung.