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Veröffentlicht am 05.01.2026

Literarisches Schmankerl

Vaim
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VAIM
Jon Fosse
ET: 12.12.25

„Vaim“ ist für mich das erste Buch des Literaturnobelpreisträgers von 2023, entsprechend groß war meine Neugier auf diesen Roman.
Jatgeir lebt als Fischer ein zurückgezogenes ...

VAIM
Jon Fosse
ET: 12.12.25

„Vaim“ ist für mich das erste Buch des Literaturnobelpreisträgers von 2023, entsprechend groß war meine Neugier auf diesen Roman.
Jatgeir lebt als Fischer ein zurückgezogenes Leben in Vaim, einem fiktiven Ort in den norwegischen Fjorden. Sein Boot hat er einst nach seinem Jugendschwarm Eline benannt – ohne dass sie je davon wusste. Seine Eltern sind mittlerweile verstorben, und nur sein einziger Freund Elias besucht ihn gelegentlich.

Als Jatgeir eines Tages nach Bjørgvin fährt, um ein paar Besorgungen zu erledigen, taucht plötzlich und völlig unerwartet Eline selbst vor ihm auf – mit gepacktem Koffer und der Bitte, ihn zu begleiten. Mehr möchte ich an dieser Stelle nicht vorwegnehmen, am besten findet ihr selbst heraus, welche Rolle ihr Mann Frank und dessen bester Freund in dem Roman spielen, denn auch sie mischen kräftig mit.

In drei Teilen kommen drei Männer zu Wort, deren Perspektiven sich zu einem stimmigen Gesamtbild zusammenfügen. Jon Fosse überzeugt dabei mit seinem ganz eigenen, ruhigen Schreibstil, der von Wiederholungen geprägt ist – ein Stilmittel, das mir überraschend gut gefallen hat.

„Vaim“ ist ein leises, nachhallendes Buch, das sich nicht überstürzen lässt. Obwohl der Roman mit nur 156 Seiten recht schmal ist, habe ich mir drei Tage Zeit dafür genommen. Man muss langsam lesen, den Text wirken lassen und ihm Raum geben, damit er sich vollständig entfalten kann.

Fazit:
Ein feines literarisches Schmankerl, das ich sehr gern weiterempfehle.
4/5

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 29.12.2025

Fesselnd ...

Mein Mann
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MEIN MANN
Maud Ventura
ET: 5.9.24

„Ich liebe so stark, dass meine eigene Liebe mich verzehrt (ständiges Analysieren, ständige Eifersucht, ständige Zweifel) – so sehr, dass ich, wenn ich verliebt bin, ...

MEIN MANN
Maud Ventura
ET: 5.9.24

„Ich liebe so stark, dass meine eigene Liebe mich verzehrt (ständiges Analysieren, ständige Eifersucht, ständige Zweifel) – so sehr, dass ich, wenn ich verliebt bin, am Ende immer ein wenig erloschen wirkte. […] Ich liebe und will geliebt werden, und zwar mit einem solchen Ernst, dass diese Liebe schnell anstrengend wird (für mich, für den anderen). Kurz, es ist immer eine unglückliche Liebe.“ (S. 175)

Die Ich-Erzählerin liebt ihren Mann. Sie liebt auch ihre Kinder – und dennoch würde sie lieber eines ihrer Kinder beerdigen, als ihren Mann zu verlieren. Ihre Liebe ist obsessiv: Sie vergöttert ihn, analysiert jede seiner Bewegungen, jedes Wort, jede noch so kleine Stimmungsänderung.
Sobald sie glaubt, er könnte eine andere Frau begehren, wird ihre Eifersucht übermächtig. Um es ihm „heimzuzahlen“, sucht sie selbst die Nähe zu anderen Männern. Gleichzeitig beobachtet sie andere Frauen genau, übernimmt deren Parfum, Frisuren und Kleidung – auf der verzweifelten Suche nach einer Identität, die ihr selbst längst abhandengekommen ist. Dass sie auch eine eigene Definition von sich haben könnte, scheint sie völlig vergessen zu haben.

Wohin diese Besessenheit führt und was aus der Protagonistin wird, muss man selbst lesen – und genau das macht dieses Buch so schwer aus der Hand zu legen.

"Mein Mann" ist ein außergewöhnliches und intensives Leseerlebnis. Maud Ventura erschafft eine Protagonistin, die alles andere als sympathisch ist, die einen aber dennoch unweigerlich in ihren Bann zieht. Man liest weiter, weil man wissen muss, wohin diese Geschichte führt. Wie auch in ihrem neuesten Werk "Der Rache Glanz“ ist das Ende besonders eindrücklich.

Fazit:
Ein verstörendes, fesselndes Buch über Liebe, Abhängigkeit und Selbstverlust. Sehr empfehlenswert für alle Leserinnen und Leser, die emotionale Abgründe und Dramen mögen.
4/5

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 11.12.2025

Ein stilles, einfühlsames Buch

Sprich mit mir
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SPRICH MIT MIR
Lidia Ravera
ET: 16.5.23
backlist 12für2025

Die 66-jährige Giovanna lebt allein und bewusst zurückgezogen am Tiber in Rom. Familie hat sie keine, Freundschaften vermeidet sie. Ihr genügt ...

SPRICH MIT MIR
Lidia Ravera
ET: 16.5.23

backlist

12für2025

Die 66-jährige Giovanna lebt allein und bewusst zurückgezogen am Tiber in Rom. Familie hat sie keine, Freundschaften vermeidet sie. Ihr genügt ihr ruhiger Alltag: Spaziergänge und klassische Musik, die sie sich am Nachmittag in ihrer Wohnung anhört.

Alles verändert sich, als nebenan in der seit Monaten leerstehenden Wohnung eine junge Familie einzieht. Die neue Familie sucht Kontakt zu ihr – und Giovanna lässt sich, trotz ihrer Vorsätze, darauf ein. Eine zarte Freundschaft entsteht, besonders zur dreijährigen Tochter der Familie, die sie schnell ins Herz schließt. Immer mehr wächst sie in die Rolle einer Ersatzgroßmutter hinein, kocht für die Familie, hilft im Alltag und übernimmt ganze Wochenenden die Betreuung.

Die entscheidende Wendung kommt an Weihnachten, als der Großvater der Familie zu Besuch ist und auch Giovanna zum Weihnachtsessen eingeladen wird. Der Großvater, der fast im selben Alter wie Giovanna ist, ist ihr gegenüber besonders aufmerksam. Zunächst glaubt sie, er könne Interesse an ihr haben. Erst zu spät erkennt sie, dass er sie aus ihrem früheren Leben wiedererkennt – und damit eine Tür zu ihrer Vergangenheit öffnet, die sie längst geschlossen glaubte.

Ravera erzählt mit viel Feingefühl von einer Frau, die zwischen Erinnerungen und neuen Möglichkeiten steht. Besonders eindrücklich fand ich, wie behutsam gezeigt wird, wie schwer Vertrauen fällt, wenn man viel erlebt und noch mehr verloren hat. Die leisen Momente tragen das Buch: kleine Gesten, unangenehme Wahrheiten, zarte Annäherungen.

Fazit:
Ein stilles, sehr einfühlsames Buch über Einsamkeit, Schuld und die Chance auf einen Neuanfang.
4/5

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 08.12.2025

Ein intensives Leseerlebnis!

Der Rache Glanz
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DER RACHE GLANZ
Maud Ventura
ET: 14.10.25

Cléo weiß seit frühester Kindheit, dass sie zu mehr berufen ist. Sie wird einmal ein Star sein – die Welt wird ihr zu Füßen liegen. Nein, die Welt wird sich um ...

DER RACHE GLANZ
Maud Ventura
ET: 14.10.25

Cléo weiß seit frühester Kindheit, dass sie zu mehr berufen ist. Sie wird einmal ein Star sein – die Welt wird ihr zu Füßen liegen. Nein, die Welt wird sich um sie drehen! Sie ist einzigartig, intelligent, hochbegabt und schlicht perfekt.
Ihr Körper ist wunderschön, ihre Stimme rauchig und unverwechselbar. Auf Mitmenschen schaut sie herab, doch sie ist klug genug, diesen Hochmut nicht offen zu zeigen. Nach außen spielt sie die Freundliche – immer mit einem Lächeln, immer die sympathische Cléo.

Als junges Mädchen beginnt sie, Songs zu schreiben, mit der Gitarre oder am Piano. Doch der Erfolg bleibt aus. Ihre Stimme wird überall gelobt, aber die Kompositionen scheinen nicht zu passen oder den richtigen Klang zu treffen.

Dann geht ein Song, den sie gepostet hat, viral. Cléo, die nichts dem Zufall überlässt, weiß genau, wie sie diesen Hype nutzen kann, und unterschreibt ihren ersten Plattenvertrag.
Schnell wird sie berühmt und geht auf Welttournee. Ihr Perfektionismus zwingt sie, ihr ganzes Leben zu inszenieren. Empathie ist ihr fremd.

Und wer jetzt dachte, diese Frau sei unsympathisch, dem kann ich sagen: Cléo wird durch ihre Berühmtheit nicht liebenswerter – aber ihr Leben hält dennoch einige Überraschungen bereit.

Maud Ventura hat mich mit ihrer völlig unsympathischen Protagonistin herausgefordert. Diese missgünstige Egozentrikerin, die ständig im Imperativ spricht, ist wahrlich schwer zu mögen und deshalb wurde es für mich stellenweise ein wenig zäh. Gleichzeitig wurde großartig dargestellt, was Menschen im öffentlichen Leben durchmachen. Wie sie zum Beispiel durch die Medien angreifbar werden und polarisieren können – das gefiel mir im ersten Teil unglaublich gut. Der zweite Teil hat mich noch mehr gepackt: Ich konnte nicht mehr aufhören zu lesen, und das Ende ist einfach stark.

Insgesamt ein sehr gutes Leseerlebnis, das ich euch gerne empfehle.
4/5

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 03.12.2025

Ein vielschichtiger Roman

No Way Home
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NO WAY HOME
T.C. Boyle
ET: 16.9.25

Terry, ein junger Assistenzarzt in LA, wird völlig unerwartet aus seinem Alltag gerissen, als ihn die Nachricht vom Tod seiner Mutter erreicht. Er fährt nach Boulder ...

NO WAY HOME
T.C. Boyle
ET: 16.9.25

Terry, ein junger Assistenzarzt in LA, wird völlig unerwartet aus seinem Alltag gerissen, als ihn die Nachricht vom Tod seiner Mutter erreicht. Er fährt nach Boulder City, einem kleinen Wüstenort in Nevada, wo sie die letzten Jahre ihres Lebens verbracht hat. Eigentlich möchte er nur ihren Nachlass regeln, doch schon bald merkt er, dass dieser Ort mehr für ihn bereithält, als er dachte.

Im örtlichen Pub lernt er Bethany kennen. Sie ist jung, auffallend hübsch, impulsiv – und bereit, ihn direkt nach Hause zu begleiten. Zwischen ihnen entspinnt sich eine kurze, aber intensive Verbindung. Terry erfährt, dass sie gerade von ihrem Ex-Freund Jesse aus der gemeinsamen Wohnung geworfen wurde und keine Bleibe hat. Da Terry selbst nicht weiß, wohin mit Daisy, dem Hund seiner Mutter, bietet er Bethany an, im Haus zu wohnen und sich dafür um Hund und Haushalt zu kümmern. Für ihn klingt das nach einer pragmatischen Lösung – für sie nach einer Chance.

Doch schon bald zeigt sich, dass Bethanys Vorstellung von Verantwortung eine ganz andere ist. Statt das Haus in Schuss zu halten, lässt sie dort Partys eskalieren, bei denen wild getrunken wird. Sie vermietet kurzerhand ein Zimmer an eine Freundin, und ihr Ex-Freund taucht immer wieder auf. Als Terry sie überraschend besucht, findet er überall Müll, leere Flaschen – und Jesse. Er reagiert impulsiv und setzt Bethany vor die Tür. Doch ihre Anziehungskraft auf ihn ist größer, als er sich eingestehen möchte. Nur wenige Nachrichten später landen sie wieder miteinander im Bett. Als am nächsten Tag die Reifen seines Autos zerstochen werden, vermutet er zwar Ärger, aber nicht, wie weit dieser noch reichen wird.

Boyle entwirft ein psychologisch intensives Dreiecksgefüge: zwei Männer, die an derselben Frau hängen – aus völlig unterschiedlichen Gründen – und eine Frau, die ihre Wirkung auf andere kennt und gezielt einsetzt. Er zeigt, wie leicht Menschen in Abhängigkeiten geraten, wie schnell Grenzen verschwimmen und wie schwer es ist, sich aus toxischen Dynamiken zu lösen. Besonders stark ist, wie er die unterschiedlichen Perspektiven der Figuren chronologisch abwechseln lässt. Dadurch entstehen nicht nur Tempo und Spannung, sondern auch ein tiefes Verständnis dafür, wie verschieden die Beteiligten dieselbe Situation wahrnehmen.

Die erste Hälfte des Romans fand ich besonders fesselnd: atmosphärisch dicht, glaubwürdig, nah an den Figuren. In der zweiten Hälfte gab es für mich ein paar kleine Längen, doch die Grundspannung blieb bestehen. Bis zum Schluss blieb für mich offen, wohin Boyle diese Geschichte führen würde – und es wirkt, als habe er genau diese Ungewissheit bewusst gewählt.

Fazit:
Ein packender, vielschichtiger Roman, nicht Boyles stärkstes Werk, aber definitiv lesenswert und voller psychologischer Tiefe.
4/5

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