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Venatrix

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 20.01.2026

Schwere Kost

Babyn Jar
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Anatoli Wassiljewitsch Kusnezow (1929-1979) war ein ukrainischer Schriftsteller, der als Zwölfjähriger Zeuge des Massakers von Babyn Jar war, bei dem mehr als 33.000 Juden von der deutschen Wehrmacht ermordet ...

Anatoli Wassiljewitsch Kusnezow (1929-1979) war ein ukrainischer Schriftsteller, der als Zwölfjähriger Zeuge des Massakers von Babyn Jar war, bei dem mehr als 33.000 Juden von der deutschen Wehrmacht ermordet worden sind. Dieses Buch ist ein dokumentarischer Roman, der nicht nur die Ereignisse vom 29. und 30. September 1941 wiedergibt, sondern auch die beiden Jahre der deutschen Besatzung inklusive Widerstand gegen dieselbe, Vergeltungsmaßnahmen mit Erschießung von Geiseln sowie Hunger und Not.

Die vorliegende Neuauflage aus dem Jahr 2026 enthält neben dem ursprünglichen Text auch Anmerkungen, die der Autor in späteren Jahren hinzugefügt hat. Beides ist im vorliegenden Buch durch eckige Klammern und kursive Schrift deutlich erkennbar, was das Lesen - zusätzlich zum Grauen - nicht immer einfach macht.

Babyn Jar steht nicht nur für den Genozid an der jüdischen Bevölkerung der Ukraine sondern auch für den Zwiespalt, in dem sich zahlreiche Familien befinden, wenn ein Elternteil russisch und der andere ukrainisch, polnisch, finnisch oder jüdisch im Pass eingetragen hat. Insgesamt sollen in der zwei-jährigen deutschen Besatzungszeit 100.000 Menschen ermordet worden sein, darunter Tausende sowjetische Kriegsgefangene sowie willkürlich ausgesuchte Zivilisten.

Das Buch ist erstmals 1966 in stark zensurierter Form in der UdSSR erschienen. Man hat jeden Hinweis auf die jüdische Identität der Opfer entfernt, weil man sonst zugeben hätte müssen, dass es in der UdSSR jüdische Bewohner gab, die auch von der Sowjetregierung verfolgt worden sind. Wie weit die Unterdrückung der Wahrheit durch die Sowjetunion geht, lässt sich daran ermessen, dass es bis zum Zerfall der UdSSR keinen Erinnerungsort für die jüdischen Opfer des Massakers geben durfte. Erst ab 1991 werden die ersten Memorials errichtet.

Doch das erlebt Anatoli Wassiljewitsch Kusnezow nicht mehr. Er wird 1979 Opfer eines mysteriösen Autounfalls, der bis dato nicht aufgeklärt werden konnte. Der geneigte Leser kann sich hierzu seine eigenen Gedanken machen.

Kusnezow war nicht der einzige, der über diesen Massenmord berichtet hat. Wassili Grossmann hat dies auch getan. Das Rattern der Maschinengewehrsalven wird Anatoli Kusnezow sein Leben lang begleiten, umso bedeutsamer ist es, dass er diese Ereignisse aufgeschrieben hat.

Fazit:

Dieses Buch ist schwere Kost, auch wegen des aktuellen Angriffskrieges Russlands gegen die Ukraine. Gerne gebe ich hier 5 Sterne.

Veröffentlicht am 20.01.2026

Wie Schweigen zur Waffe werden kann und wie man sich dagegen wehrt

Toxisches Schweigen
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Der österreichische Psychiater und Gerichtsgutachter Prof. Reinhard Haller beschäftigt sich in den 18 Kapiteln seines neuen Buches mit einem Phänomen, dem man bislang nicht allzu viel Beachtung geschenkt ...

Der österreichische Psychiater und Gerichtsgutachter Prof. Reinhard Haller beschäftigt sich in den 18 Kapiteln seines neuen Buches mit einem Phänomen, dem man bislang nicht allzu viel Beachtung geschenkt hat, das aber weitreichende Folgen haben kann: dem Toxischen Schweigen. Diese Waffe wird häufig von Narzissten angewendet, um ihre Opfer klein zu machen, sie zu demütigen und ist häufig Ursache von Gewalttaten, die, so glaubt man, sprichwörtlich „aus dem Nichts“ entstanden sind.

Die Verwendung des Schweigens als Demütigung, als Waffe ist weiter verbreitet als man denkt. Man findet sie im Arbeitsalltag, wenn der Vorgesetzte mit allen spricht, nur einen Mitarbeiter/eine Mitarbeiterin ständig übersieht oder nicht mit ihm/ihr spricht. Diese Form von Mobbing ist kaum nachweisbar, da es nur eine einzelne Person betrifft. Des weiteren ist dauerndes Schweigen in Familien häufig anzutreffen.

An Hand von zahlreichen Beispielen aus der Praxis erläutert Prof. Haller, wie man Anzeichen für solches Verhalten des Partners/der Partnerin erkennen und durchbrechen kann. Allerdings gelingt es auch manchmal Fachleuten nicht, die Kommunikation in Gang zu bringen, wie er zugibt.

Wichtig ist, die 12 Regeln für das Brechen der Schweigeblockade zu kennen: Diese sind:

Sich auf keinen Schweigekrieg einlassen
Im Gespräch bleiben
Nicht um Worte bitten und betteln
Verunsicherung abwehren
Keine Schuldgefühle zulassen
Den Anspruch auf Gespräche mir anderen betonen
Hinter die Schweigekulisse blicken
Dem therapeutische Ehrgeiz widerstehen
Sich nicht provozieren lassen
Originelle Methoden anwenden
Die eigene Gelassenheit stärken
Ultima Ratio: Flüchten und nicht mehr wiederkehren

Dieses Buch lehrt uns, konstruktives Schweigen, als Ergänzung zur Kommunikation zu sehen, und von Ghosting sowie toxischem Schweigen zu unterscheiden. Lernen wir also die unterschiedlichen „Mechanismen des Schweigens zu erkennen, die eigenen Emotionen zu verstehen und die Kraft der Stille einzusetzen“.

Denn, wie sagt schon Paul Watzlawick: „Man kann nicht nicht kommunizieren.“ - Schweigen ist ein Teil der Kommunikation. Dem ist wohl wenig hinzuzufügen.

Im Anhang gibt es ein ausführliches Literaturverzeichnis. Vermisst habe ich allerdings eine Liste von Anlaufstellen für Ratsuchende. Aber das ist Jammern auf hohem Niveau.

Fazit:

Gerne gebe ich diesem Buch, das erläutert, dass Schweigen nicht immer Gold bedeutet, 5 Sterne und eine Leseempfehlung.

Veröffentlicht am 08.01.2026

Späte Hommage

Der Retter der Mütter
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Heute gilt Ignaz Semmelweis (1818-1865) als Retter der Mütter und ist auf der ganzen Welt bekannt. Doch zu seinen Lebzeiten wurde er angefeindet, seine Hygienevorschriften ab 1847/48, dass Ärzte NACH Obduktionen ...

Heute gilt Ignaz Semmelweis (1818-1865) als Retter der Mütter und ist auf der ganzen Welt bekannt. Doch zu seinen Lebzeiten wurde er angefeindet, seine Hygienevorschriften ab 1847/48, dass Ärzte NACH Obduktionen und VOR Untersuchungen der Patientinnen sich die Hände mit Chlorkalklösung zu desinfizieren, als teure Zeitverschwendung abgetan. Obwohl er den direkten Zusammenhang, dass die hohe Mortalitätsrate (phasenweise bis zu 30 %) in der I. Geburtshilflichen Abteilung des Allgemeinen Krankenhauses in Wien (in der II. Abteilung, in der fast ausschließlich Hebammen arbeiteten und keine Sektionen vorgenommen worden sind, lag die Mortalitätsrate unter 1%) nach Anwendung der Hygienemaßnahmen auf knappe 1,2% zurückgehen, beweisen konnte, werden seine Anordnungen von Dr. Johann Klein (1788-1856), seinem Vorgesetzten und Abteilungsleiter, bewusst unterlaufen und nach seinem Abgang aus Wien, wieder abgeschafft.

Semmelweis dokumentiert, forscht, fordert und ist unbequem. Leider vergisst er, für seine Änderungsvorschläge Verbündete zu suchen. Er publiziert seine Erkenntnisse spät (1861), nicht ordentlich und stößt selbst jene Kollegen vor den Kopf, die wie der Kieler Arzt Gustav Adolphe Michaelis (1798-1848) seiner Argumentation etwas abgewinnen können. Mit seiner Forderung nach Händedesinfektion war er seiner Zeit – zwei Jahrzehnte vor Entdeckung der Bakterien als Krankheitserreger durch Robert Koch und Louis Pasteur – weit voraus.

Als er seine Stelle im Wiener Allgemeinen Krankenhaus verliert, geht er nach Budapest und führt dort in der Klinik St. Rochus seinen Kampf gegen das Kindbettfieber beinahe schon zwanghaft weiter, zumal die bei seinem Eintreffen vorgefundenen Zustände noch schlimmer als in Wien waren. So gab es für die Patientinnen keine saubere Bettwäsche.

Das Ende des unbeugsamen Arztes liest sich wie eine geheimdienstliche Verschwörung: Semmelweis wird auf Betreiben seiner Frau Maria (1837-1910), mit der er drei Kinder hat und die ihn um 45 Jahre überleben wird, im Juli 1865 in das psychiatrische Krankenhaus in Wien Oberdöbling eingeliefert. Dort stirbt er rund zwei Wochen später unter bis heute nicht geklärten Umständen. Selbst das Todesdatum wird unterschiedlich angegeben. Angeblich ist er bereits mit einer infizierten Wunde, die eine Sepsis verursacht hat und an deren Folge er verstorben ist, worden. Ist es Ironie des Schicksals, dass der Entdecker der Sepsis (nicht anderes ist das Kindbettfieber) an derselben zu Grunde geht? 1963 werden seine sterblichen Überreste exhumiert. Man stellt multiple Knochenbrüche an Armen und Brustkorb fest. Hat man den unbeugsamen Arzt ermordet?

Meine Meinung:

Dieser historische Roman von Péter Gárdos ist nicht mein erstes Buch über Ignaz Semmelweis. Zuvor habe ich schon die 2015 im Residenz-Verlag erschienene Biografie „In den Händen der Ärzte - Ignaz Semmelweis, Pionier der Hygiene“ von Anna Durnová gelesen. Während sich Durnová intensiv dem Krieg zwischen Semmelweis und seinem Vorgesetzten in Wien Dr. Johann Klein widmet, hat Péter Gárdos eher den Menschen Ignaz Semmelweis im Fokus. Gárdos beschäftigt sich auch mit dem Privatleben Semmwelweis‘ und den wenigen Freunden, die er hat. Hier verquickt er geschickt Fakten wie den Tod seines Freundes Jakob Kolletschka (1803-1847) der an einer Sepsis stirbt, mit fiktiven Charakteren.

Über die Änderung in Semmelweis‘ Wesen kann nur spekuliert werden. Die jahrelangen, zermürbenden Kämpfe können durchaus eine schwere Depression verursacht haben, ebenso könnte eine nicht ausgeheilte Syphilis, die ihm kaum körperliche Beschwerden bereitet hat (obwohl man von Juckreiz und häufigen Blutigkratzen lesen kann), aber eine massive Änderung seiner Psyche herbeigeführt haben. Man wird es wohl nie erfahren.

Den Siegeszug der Desinfektion, die vor allem auf den schottischen Chirurgen Joseph Lister (1827-1912) zurückgeführt wird, der aus den Schriften Semmelweis‘ seine Erkenntnisse zieht und ab 1867 mittels Karbollösung desinfiziert, wird Ignaz Semmelweis nicht mehr erleben.

Als Robert Koch 1905 den Nobelpreis für Medizin erhält soll er in seiner Dankesrede gesagt haben:

„Und auf diesem Weg, der uns verbindet, danke ich tief bewegt einem ungarischen Arzt. Ohne Ignaz Semmelweis wäre ich nie soweit gekommen. Ohne Ignaz Semmelweis wäre die Welt nicht so, wie sie ist. Sagen wir es offen: Semmelweis war einer der größten Ärzte der Welt.“ (S. 246)

Ignaz Semmelweis teilt sein Schicksal mit zahlreichen Ärzten und Wissenschaftlern, die zu Lebzeiten angefeindet, verkannt und erst Jahre nach ihrem Tod ihre Würdigung erfahren.

Dieser historische Roman lässt sich gut lesen. Ein wenig Kenntnis der damaligen Zeit ist für das gesellschaftspolitische Umfeld hilfreich. Wir bewegen uns im Kaisertum Österreich, das 1848 von mehreren Revolutionen, einem schwachen Kaiser Ferdinand, dessen Abdankung und dem Beginn der Regentschaft des erst 18-jährigen Kaiser Franz Joseph I. (1830-1916). Von bahnbrechenden wissenschaftlichen Erkenntnissen will man nichts Genaues wissen. Das ist eben, neben Semmelweis‘ Schwäche beim Publizieren seiner Thesen, genau das Dilemma.

Fazit:

Gerne gebe ich diesem historischen Roman 5 Sterne.

Veröffentlicht am 08.01.2026

HIer ist wenig, wie es scheint

Steirerzwist
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Abteilungsinspektorin Sandra Mohr ist kaum aus ihrem Urlaub zurück, als man eine tote Joggerin, der die Kehle durchschnitten worden ist, aus der Mur geborgen hat. Die Tote entpuppt sich als Direktorin ...

Abteilungsinspektorin Sandra Mohr ist kaum aus ihrem Urlaub zurück, als man eine tote Joggerin, der die Kehle durchschnitten worden ist, aus der Mur geborgen hat. Die Tote entpuppt sich als Direktorin des 5-Sterne Hotels Wagner, die Sandra Mohr flüchtig gekannt hat. Als wenig später, das LKA ist noch dabei das Umfeld der Toten zu durchleuchten, ein toter Obdachloser mit ähnlichen Verletzungen entdeckt wird, liegt die Vermutung nahe, dass die beiden Morde in einem Zusammenhang stehen, nur in welchem? War Frau Wagner das erste Opfer und der Obdachlose Zeuge der Tat, weshalb er beseitigt werden musste? Oder was es genau umgekehrt?

Chefinspektor Sascha Bergmann und Sandra Mohr ermitteln zügig, finden das Arbeitsklima im Hotel nicht gar so prickelnd und entdecken einige Ungereimtheiten im Leben der Hoteldirektorin wie zum Beispiel einen Unbekannten, der während der Beisetzung kürzlich vom verstorbenen Hoteldirektor Wagner in dessen offene Grab gepinkelt hat. Wer macht so etwas?

Während der Ermittlungsarbeiten erreicht Sandra Mohr, die nun seit kurzem mit Förster Georg eine neue Liebe hat, die Nachricht ihres kriminellen Halbbruders Mike, dass die gemeinsame Mutter verstorben ist. Sofort spulen in Sandra die Erinnerungen an frühere gewalttätige Auseinandersetzungen mit Mike ab. Gleichzeitig erhält sie dieselben Morddrohungen wie die getötete Hoteldirektorin. Wer versetzt die Ermittlerin hier in Angst und Schrecken?

Wird es gelingen, sowohl die Morde an der Hoteldirektorin und am Obdachlosen als auch die Bedrohung für Sandra Mohr aufzuklären?

Meine Meinung:

In diesem 15. Fall wird wieder in der Landeshauptstadt Graz ermittelt, nachdem schon zuvor in allen Bezirke der Steiermark verübte Verbrechen aufgeklärt worden sind. Der Kriminalfall ist komplex, denn das Motiv ist zu Beginn an völlig unklar. Dass der Sohn der Ermordeten, den von seiner Mutter entlassenen Angestellten wieder in seine Funktion einsetzt, ist auch eines der Puzzlesteinchen, die noch an die richtige Stelle gelegt werden müssen, um die Verbrechen aufzuklären.

Dieser Fall für Sandra Mohr und Sascha Bergmann ist voraussichtlich die letzte gemeinsame Ermittlung, wie Autorin Claudia Rossbacher im Nachwort erklärt. Allerdings könnte mit Elena eine neue Kollegin an der Seite von Bergmann ermitteln. Man wird sehen, ob die Reihe irgendwie weitergeht. Für Sandra Mohr scheint die Autorin ein Ausstiegsszenario vorbereitet zu haben. Ich kann das gut verstehen, einerseits muss sie sich gegen den aus Wien zugezogenen Macho Bergmann behaupten, was einiges an Kraft kostet, andererseits ist ihr Privatleben bis jetzt ein stetes auf und ab. Mit Georg scheint es einen Lichtblick zu geben, weshalb sie das zarte Pflänzchen hegen und pflegen möchte. Auch die persönlichen Angriffe, sei es durch ihren kriminellen Halbbruder oder durch anderes Gelichter, nagen an schwer an ihr, daher ist ihr eine Auszeit zu gönnen. Vielleicht kommt sie ja doch wieder zurück. Mich würd’s freuen.

Ich mag es ja, wenn an Orten ermittelt wird, die ich gut kenne. Im April 2025 war ich anlässlich meines Geburtstags eine Woche in Graz und bin, wie Sascha Bergmann, die Stufen auf den Grazer Schlossberg hinauf geschnauft und habe auf die wunderschöne Dachlandschaft der Grazer Altstadt hinuntergeschaut. Zudem verströmt die Stadt mit seinem milderen Klima und ihrer gepflegten Altstadt ein ähnlich südliches Flair wie Meran.

Fazit:

Gerne gebe ich diesem komplexen Krimi wieder 5 Sterne und eine Leseempfehlung.

Veröffentlicht am 06.01.2026

Interessantes Buch

Armenische Reise
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Wassili Grossmann (1905-1964) war lange Jahre Reporter der Armeezeitung Roter Stern und linientreuer Schriftsteller der Sowjetunion, der das umfassende Werk „Stalingrad“ hervorgebracht hat. Allerdings ...

Wassili Grossmann (1905-1964) war lange Jahre Reporter der Armeezeitung Roter Stern und linientreuer Schriftsteller der Sowjetunion, der das umfassende Werk „Stalingrad“ hervorgebracht hat. Allerdings hat der Stalin-Terror, der Zweite Weltkrieg und die Vernichtung der Juden, die ihn als Juden mit der Ermordung seiner Mutter, auch persönlich betroffen hat sowie die vielen Schicksalen, denen er als Journalist begegnet ist, sein Leben verändert. Er wird zum Chronisten der Stalin-Zeit und der Jahre danach und beugt sich nicht den Vorschriften der Zensur. Das hat dann zur Folge, dass 1961 die Fortsetzung von „Stalingrad“, der Roman „Leben und Schicksal“ beschlagnahmt, verboten und sowohl Druckplatten als auch Manuskript vernichtet wird. Dass das Werk dennoch, allerdings erst 16 Jahre nach Grossmanns Tod, im 1980 in der Schweiz veröffentlicht werden kann, ist dem Umstand zu verdanken, dass es Fotos von den Manuskriptseiten gibt, die von Grossmanns Freunden unter Lebensgefahr außer Landes geschmuggelt worden sind.

Unter diesen Aspekten muss man das vorliegende Buch „Armenische Reise“ betrachten.

Wassili Grossmann wird nach Armenien geschickt, um die Werke eines bekannten armenischen Schriftsteller zu übersetzen. Er, Grossmann, kann aber nicht armenisch. Wie soll das funktionieren? Zumal niemand von seiner Ankunft in Jerewan informiert worden ist. So schlägt sich der Fremde Tag um Tag durch. Man spricht buchstäblich mit Händen und Füßen. Für ihn sieht alles grau in grau aus, nur manchmal unterbrochen von Frauen, die ihre Festtagstrachten, die mit bunten, vornehmlich roten Bändern verziert sind, anlegen. Die am häufigsten gebrauchten Wörter dieses Roman sind Steine, grau und arm.

Dieses letzte Werk des sowjetischen Schriftstellers, das er über seine Reise nach Armenien verfasst hat. ist nicht nur durch den Schreibstil interessant, sondern auch wegen der Vorbehalte, die Grossmann der Bevölkerung Armeniens gegenüber hat. Erst der Toast, den ein Armenier ihm, Grossmann ausspricht, in dem er die Shoah der Juden mit dem Völkermord an den Armeniern gleichsetzt, öffnet ihm die Augen.

Im Nachwort erfahren wir noch einiges über Grossmann und die Entstehung dieses Romans.

Fazit:

Ein interessantes Buch, dem ich gerne 5 Sterne gebe.