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Venatrix

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 20.01.2026

Eine klare Leseempfehlung!

Die Galerie des Wahnsinns
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Sowohl der deutsche als auch der englische Original-Titel „The Madman‘s Gallery“ suggerieren, dass hier Werke gezeigt und beschrieben werden, die unter kognitiven Einschränkungen entstanden sind.

Doch ...

Sowohl der deutsche als auch der englische Original-Titel „The Madman‘s Gallery“ suggerieren, dass hier Werke gezeigt und beschrieben werden, die unter kognitiven Einschränkungen entstanden sind.

Doch weit gefehlt!

Edward Brooke-Hitching, dessen Atlanten ich im Regal stehen habe, zeigt uns hier über 100 un- und außergewöhnliche Kunstwerke, die im Laufe der Geschichte entstanden sind. Er spannt dabei den Bogen von prähistorischen Fruchtbarkeitssymbolen bis hin zu einem Bild, das KI-generiert ist, und für über 400.000 Euro verkauft worden ist.

Die Liste der Kunstwerke ist chronologisch geordnet, so dass der interessierte Betrachter die Entwicklung der Kunst beobachten kann. In vielen Kunstwerken spiegelt sich die Zeit der Entstehung wieder, andererseits gibt es wie bei erwecken die aus (gemaltem) Obst und Gemüse „zusammengesetzten Bilder“ des Renaissancemalers Giuseppe Arcimboldo (ca. 1526-1593) eine Art Vorgriff auf jene Kunst, die beispielsweise unter Salavdor Dalí (1904-1989) als Surrealismus bezeichnet wird. Doch wie man aus den Lebensdaten sieht, haben sich die Surrealisten von Arcimboldo inspirieren lassen.

Ich glaube auch nicht, dass die Darstellung der kleinen Steinstatuetten (S. 16 ff.) wie die Venus von Willendorf (die hier nur kurz genannt, aber nicht gezeigt wird), die vermutlich Fruchtbarkeitssymbole dargestell(t)en, dem „Wahnsinn“ der prähistorischen KünstlerInnen entsprungen sind, sondern ein Meisterleistung dieser Epoche sind. Auch die „Himmelsscheibe von Nebra“ (S.23) ist kein Objekt geistiger Umnachtung, sondern diente einem bestimmten Zweck, der sich uns nach wie vor nicht gänzlich erschließt.

Die einzelnen Kunstwerke sind mit viel Wissen und ebenso viel Humor beschrieben. Zudem gibt es, wo es geboten ist, Querverweise in andere (spätere) Kulturen. So stellt er die kolossalen Steinköpfe der Tolmeken jene der US-amerikanischen Präsidenten gegenüber.

Ich finde die Darstellung „Der Wundmann“ aus dem Jahr 1420 sehr interessant.

Den Zyklus „Der Triumphzug von Kaiser Maximilian I.“ (S. 83), von Hans Burgkmair dem Älteren und anderen Künstlern, der aus 139 (nach anderen Quellen 147) einzelnen Holzschnitttafeln besteht und die gigantische Länge von 54 Metern umfasst, habe ich in einer Ausstellung in der Albertiina in Wien gesehen. Dieses imposante Gemälde ist wohl mehr dem Größenwahn des Auftraggebers Kaiser Maximilian I. als den Ausführenden zuzuschreiben.

Auffallend ist, dass nur wenige Künstlerinnen Aufnahme in dieses Buch gefunden haben. Immerhin ist mit Artemisia Gentileschi (1593-1653) die wohl bekannteste Barockmalerin vertreten, sowie mit Frida Kahlo (1907-1954) und Marina Abramović Vertreterinnen der Moderne.

Neben Klassikern wie Vermeer begegnen wir sakraler Kunst sowie Auftragsarbeiten, die berühmte Persönlichkeiten wie Herrscher oder Kaufleute darstellen, den unglaublich lebensecht wirken die Charakterköpfe von Franz Xaver Messerschmidt (1736-1783) sowie den während der NS-Zeit als „entartete Kunst“ bezeichneten Werken von Franz Marc (1880-1916) oder den Dadaisten.

Der Exkurs in die Gegenwart bietet Einblick u.a. in die Arbeiten der Performancekünstlerin Marina Abramović. Das eingangs erwähnte KI-generierte Werk überrascht ein wenig.

Meine Meinung:

Mit seinem Streifzug durch die Kunstgeschichte, der auch einige skurrile Werke beleuchtet, macht Edward Brooke-Hitching Lust, das eine oder andere Museum zu besuchen. An dieser Stelle muss ich eine kleine Kritik anbringen: Mir fehlen bei einigen Kunstwerken Hinweise ob und in welchen Museen sie zu sehen sind. Aber, das ist wieder einmal jammern auf hohem Niveau.

Fazit:

Gerne gebe ich diesem Buch, das mit exzentrischen Kunstwerken, die unterhaltsam dargeboten werden, visuell beeindruckt, 5 Sterne und eine Leseempfehlung.

Veröffentlicht am 20.01.2026

Eine Leseempfehlung

Ökonomie der Angst
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Oliver Rathkolb, Historiker, Jurist und Autor, betrachtet die aktuelle Situation der Welt und sieht Parallelen zu den Jahren vor dem ersten Weltkrieg. Besonders die „erste und zweite Turboglobalisierung“, ...

Oliver Rathkolb, Historiker, Jurist und Autor, betrachtet die aktuelle Situation der Welt und sieht Parallelen zu den Jahren vor dem ersten Weltkrieg. Besonders die „erste und zweite Turboglobalisierung“, wie er die wirtschaftlichen Umwälzungen nennt, die mit Radikalisierung, Autoritarismus, Kriegstreiberei, Xenophobie und Kontrollverlust einhergehen, scheinen für die aktuelle Schieflage verantwortlich zu sein.

Zahlreiche Fehlentscheidungen der Politik, damals wie heute, bedrohen scheinbar die Beschaulichkeit des Einzelnen, der aktuell gewohnt ist, dass seine persönliche Behaglichkeit, ohne wenn und aber, vom Staat garantiert wird. Wenn es, auf Grund ökonomischer Krisen, zu Änderungen der gewohnten Bequemlichkeit kommt, werden recht schnell Schuldige gesucht. Dabei wird eigene Anteil allerdings meist gerne übersehen. Es wird nur die „Bedrohung“ durch andere gesehen, die die Sehnsucht nach einem „starken Mann“ weckt. Hört man jenen Politikern, die vorgeben, eine einfache Lösung für komplexe Probleme zu haben, zu, so steckt oft eine Gewalt dahinter, die zunächst die „richtige“ Gruppe trifft, um wenig später auf die gesamte Bevölkerung angewendet werden könnte.

Dazu arbeitet Oliver Rathkolb in dreizehn Kapiteln Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen damals und heute aus, um seine Thesen zu veranschaulichen:

Der Ausgangspunkt: Überforderung
Überall Angst, Angst, Angst: Globaphobia
Gleichzeitigkeit der Extreme: Von der ersten bis zur zweiten Moderne
Fultons Monster, das I-Phone und KI
Von Robber Barons und Cyber Barons
Bringt Bildung Innovation?
Innovationsturbos vor 1900
Putin, Xi und die Politik der Aggression
Wegbereiter und Pionier der digitalen Revolution
Europa hinkt hinterher
Ein Perpetuum Mobile: Die Triggerpunkte eines nervösen Zeitalters
Rufe nach dem starken Führer: Symptome einer Überforderung
Wertemuseum oder autoritär geprägte Wirtschaftsgemeinschaft: Untergangsszenarien und Zukunftsoptionen Europas

Und was ist von einem Präsidenten zu halten, der seine Präsidentschaft dazu benützt, persönliche Eitelkeiten zu befriedigen, „Deals“ abzuschließen, die vorrangig ihm und seinem Clan dienlich sind und einerseits eigenmächtig Länder kaufen oder notfalls mit Gewalt annektieren will, um „seinem“ Land zu vergangener Größe verhelfen will, andererseits aber gleichzeitig anderen Staaten mit militärischer Intervention droht, wenn sie ähnliches vorhaben?

Oliver Rathkolb glaubt nicht an den Ausbruch eines Dritten Weltkrieges. Es ist zu hoffen, dass er Recht behält.

Fazit:

Gerne gebe ich diesem Buch, das die Weltlage um 1914 mit der aktuellen vergleicht, Ähnlichkeiten und Unterschiede herausarbeitet, 5 Sterne.

Veröffentlicht am 20.01.2026

Schwere Kost

Babyn Jar
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Anatoli Wassiljewitsch Kusnezow (1929-1979) war ein ukrainischer Schriftsteller, der als Zwölfjähriger Zeuge des Massakers von Babyn Jar war, bei dem mehr als 33.000 Juden von der deutschen Wehrmacht ermordet ...

Anatoli Wassiljewitsch Kusnezow (1929-1979) war ein ukrainischer Schriftsteller, der als Zwölfjähriger Zeuge des Massakers von Babyn Jar war, bei dem mehr als 33.000 Juden von der deutschen Wehrmacht ermordet worden sind. Dieses Buch ist ein dokumentarischer Roman, der nicht nur die Ereignisse vom 29. und 30. September 1941 wiedergibt, sondern auch die beiden Jahre der deutschen Besatzung inklusive Widerstand gegen dieselbe, Vergeltungsmaßnahmen mit Erschießung von Geiseln sowie Hunger und Not.

Die vorliegende Neuauflage aus dem Jahr 2026 enthält neben dem ursprünglichen Text auch Anmerkungen, die der Autor in späteren Jahren hinzugefügt hat. Beides ist im vorliegenden Buch durch eckige Klammern und kursive Schrift deutlich erkennbar, was das Lesen - zusätzlich zum Grauen - nicht immer einfach macht.

Babyn Jar steht nicht nur für den Genozid an der jüdischen Bevölkerung der Ukraine sondern auch für den Zwiespalt, in dem sich zahlreiche Familien befinden, wenn ein Elternteil russisch und der andere ukrainisch, polnisch, finnisch oder jüdisch im Pass eingetragen hat. Insgesamt sollen in der zwei-jährigen deutschen Besatzungszeit 100.000 Menschen ermordet worden sein, darunter Tausende sowjetische Kriegsgefangene sowie willkürlich ausgesuchte Zivilisten.

Das Buch ist erstmals 1966 in stark zensurierter Form in der UdSSR erschienen. Man hat jeden Hinweis auf die jüdische Identität der Opfer entfernt, weil man sonst zugeben hätte müssen, dass es in der UdSSR jüdische Bewohner gab, die auch von der Sowjetregierung verfolgt worden sind. Wie weit die Unterdrückung der Wahrheit durch die Sowjetunion geht, lässt sich daran ermessen, dass es bis zum Zerfall der UdSSR keinen Erinnerungsort für die jüdischen Opfer des Massakers geben durfte. Erst ab 1991 werden die ersten Memorials errichtet.

Doch das erlebt Anatoli Wassiljewitsch Kusnezow nicht mehr. Er wird 1979 Opfer eines mysteriösen Autounfalls, der bis dato nicht aufgeklärt werden konnte. Der geneigte Leser kann sich hierzu seine eigenen Gedanken machen.

Kusnezow war nicht der einzige, der über diesen Massenmord berichtet hat. Wassili Grossmann hat dies auch getan. Das Rattern der Maschinengewehrsalven wird Anatoli Kusnezow sein Leben lang begleiten, umso bedeutsamer ist es, dass er diese Ereignisse aufgeschrieben hat.

Fazit:

Dieses Buch ist schwere Kost, auch wegen des aktuellen Angriffskrieges Russlands gegen die Ukraine. Gerne gebe ich hier 5 Sterne.

Veröffentlicht am 20.01.2026

Wie Schweigen zur Waffe werden kann und wie man sich dagegen wehrt

Toxisches Schweigen
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Der österreichische Psychiater und Gerichtsgutachter Prof. Reinhard Haller beschäftigt sich in den 18 Kapiteln seines neuen Buches mit einem Phänomen, dem man bislang nicht allzu viel Beachtung geschenkt ...

Der österreichische Psychiater und Gerichtsgutachter Prof. Reinhard Haller beschäftigt sich in den 18 Kapiteln seines neuen Buches mit einem Phänomen, dem man bislang nicht allzu viel Beachtung geschenkt hat, das aber weitreichende Folgen haben kann: dem Toxischen Schweigen. Diese Waffe wird häufig von Narzissten angewendet, um ihre Opfer klein zu machen, sie zu demütigen und ist häufig Ursache von Gewalttaten, die, so glaubt man, sprichwörtlich „aus dem Nichts“ entstanden sind.

Die Verwendung des Schweigens als Demütigung, als Waffe ist weiter verbreitet als man denkt. Man findet sie im Arbeitsalltag, wenn der Vorgesetzte mit allen spricht, nur einen Mitarbeiter/eine Mitarbeiterin ständig übersieht oder nicht mit ihm/ihr spricht. Diese Form von Mobbing ist kaum nachweisbar, da es nur eine einzelne Person betrifft. Des weiteren ist dauerndes Schweigen in Familien häufig anzutreffen.

An Hand von zahlreichen Beispielen aus der Praxis erläutert Prof. Haller, wie man Anzeichen für solches Verhalten des Partners/der Partnerin erkennen und durchbrechen kann. Allerdings gelingt es auch manchmal Fachleuten nicht, die Kommunikation in Gang zu bringen, wie er zugibt.

Wichtig ist, die 12 Regeln für das Brechen der Schweigeblockade zu kennen: Diese sind:

Sich auf keinen Schweigekrieg einlassen
Im Gespräch bleiben
Nicht um Worte bitten und betteln
Verunsicherung abwehren
Keine Schuldgefühle zulassen
Den Anspruch auf Gespräche mir anderen betonen
Hinter die Schweigekulisse blicken
Dem therapeutische Ehrgeiz widerstehen
Sich nicht provozieren lassen
Originelle Methoden anwenden
Die eigene Gelassenheit stärken
Ultima Ratio: Flüchten und nicht mehr wiederkehren

Dieses Buch lehrt uns, konstruktives Schweigen, als Ergänzung zur Kommunikation zu sehen, und von Ghosting sowie toxischem Schweigen zu unterscheiden. Lernen wir also die unterschiedlichen „Mechanismen des Schweigens zu erkennen, die eigenen Emotionen zu verstehen und die Kraft der Stille einzusetzen“.

Denn, wie sagt schon Paul Watzlawick: „Man kann nicht nicht kommunizieren.“ - Schweigen ist ein Teil der Kommunikation. Dem ist wohl wenig hinzuzufügen.

Im Anhang gibt es ein ausführliches Literaturverzeichnis. Vermisst habe ich allerdings eine Liste von Anlaufstellen für Ratsuchende. Aber das ist Jammern auf hohem Niveau.

Fazit:

Gerne gebe ich diesem Buch, das erläutert, dass Schweigen nicht immer Gold bedeutet, 5 Sterne und eine Leseempfehlung.

Veröffentlicht am 08.01.2026

Späte Hommage

Der Retter der Mütter
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Heute gilt Ignaz Semmelweis (1818-1865) als Retter der Mütter und ist auf der ganzen Welt bekannt. Doch zu seinen Lebzeiten wurde er angefeindet, seine Hygienevorschriften ab 1847/48, dass Ärzte NACH Obduktionen ...

Heute gilt Ignaz Semmelweis (1818-1865) als Retter der Mütter und ist auf der ganzen Welt bekannt. Doch zu seinen Lebzeiten wurde er angefeindet, seine Hygienevorschriften ab 1847/48, dass Ärzte NACH Obduktionen und VOR Untersuchungen der Patientinnen sich die Hände mit Chlorkalklösung zu desinfizieren, als teure Zeitverschwendung abgetan. Obwohl er den direkten Zusammenhang, dass die hohe Mortalitätsrate (phasenweise bis zu 30 %) in der I. Geburtshilflichen Abteilung des Allgemeinen Krankenhauses in Wien (in der II. Abteilung, in der fast ausschließlich Hebammen arbeiteten und keine Sektionen vorgenommen worden sind, lag die Mortalitätsrate unter 1%) nach Anwendung der Hygienemaßnahmen auf knappe 1,2% zurückgehen, beweisen konnte, werden seine Anordnungen von Dr. Johann Klein (1788-1856), seinem Vorgesetzten und Abteilungsleiter, bewusst unterlaufen und nach seinem Abgang aus Wien, wieder abgeschafft.

Semmelweis dokumentiert, forscht, fordert und ist unbequem. Leider vergisst er, für seine Änderungsvorschläge Verbündete zu suchen. Er publiziert seine Erkenntnisse spät (1861), nicht ordentlich und stößt selbst jene Kollegen vor den Kopf, die wie der Kieler Arzt Gustav Adolphe Michaelis (1798-1848) seiner Argumentation etwas abgewinnen können. Mit seiner Forderung nach Händedesinfektion war er seiner Zeit – zwei Jahrzehnte vor Entdeckung der Bakterien als Krankheitserreger durch Robert Koch und Louis Pasteur – weit voraus.

Als er seine Stelle im Wiener Allgemeinen Krankenhaus verliert, geht er nach Budapest und führt dort in der Klinik St. Rochus seinen Kampf gegen das Kindbettfieber beinahe schon zwanghaft weiter, zumal die bei seinem Eintreffen vorgefundenen Zustände noch schlimmer als in Wien waren. So gab es für die Patientinnen keine saubere Bettwäsche.

Das Ende des unbeugsamen Arztes liest sich wie eine geheimdienstliche Verschwörung: Semmelweis wird auf Betreiben seiner Frau Maria (1837-1910), mit der er drei Kinder hat und die ihn um 45 Jahre überleben wird, im Juli 1865 in das psychiatrische Krankenhaus in Wien Oberdöbling eingeliefert. Dort stirbt er rund zwei Wochen später unter bis heute nicht geklärten Umständen. Selbst das Todesdatum wird unterschiedlich angegeben. Angeblich ist er bereits mit einer infizierten Wunde, die eine Sepsis verursacht hat und an deren Folge er verstorben ist, worden. Ist es Ironie des Schicksals, dass der Entdecker der Sepsis (nicht anderes ist das Kindbettfieber) an derselben zu Grunde geht? 1963 werden seine sterblichen Überreste exhumiert. Man stellt multiple Knochenbrüche an Armen und Brustkorb fest. Hat man den unbeugsamen Arzt ermordet?

Meine Meinung:

Dieser historische Roman von Péter Gárdos ist nicht mein erstes Buch über Ignaz Semmelweis. Zuvor habe ich schon die 2015 im Residenz-Verlag erschienene Biografie „In den Händen der Ärzte - Ignaz Semmelweis, Pionier der Hygiene“ von Anna Durnová gelesen. Während sich Durnová intensiv dem Krieg zwischen Semmelweis und seinem Vorgesetzten in Wien Dr. Johann Klein widmet, hat Péter Gárdos eher den Menschen Ignaz Semmelweis im Fokus. Gárdos beschäftigt sich auch mit dem Privatleben Semmwelweis‘ und den wenigen Freunden, die er hat. Hier verquickt er geschickt Fakten wie den Tod seines Freundes Jakob Kolletschka (1803-1847) der an einer Sepsis stirbt, mit fiktiven Charakteren.

Über die Änderung in Semmelweis‘ Wesen kann nur spekuliert werden. Die jahrelangen, zermürbenden Kämpfe können durchaus eine schwere Depression verursacht haben, ebenso könnte eine nicht ausgeheilte Syphilis, die ihm kaum körperliche Beschwerden bereitet hat (obwohl man von Juckreiz und häufigen Blutigkratzen lesen kann), aber eine massive Änderung seiner Psyche herbeigeführt haben. Man wird es wohl nie erfahren.

Den Siegeszug der Desinfektion, die vor allem auf den schottischen Chirurgen Joseph Lister (1827-1912) zurückgeführt wird, der aus den Schriften Semmelweis‘ seine Erkenntnisse zieht und ab 1867 mittels Karbollösung desinfiziert, wird Ignaz Semmelweis nicht mehr erleben.

Als Robert Koch 1905 den Nobelpreis für Medizin erhält soll er in seiner Dankesrede gesagt haben:

„Und auf diesem Weg, der uns verbindet, danke ich tief bewegt einem ungarischen Arzt. Ohne Ignaz Semmelweis wäre ich nie soweit gekommen. Ohne Ignaz Semmelweis wäre die Welt nicht so, wie sie ist. Sagen wir es offen: Semmelweis war einer der größten Ärzte der Welt.“ (S. 246)

Ignaz Semmelweis teilt sein Schicksal mit zahlreichen Ärzten und Wissenschaftlern, die zu Lebzeiten angefeindet, verkannt und erst Jahre nach ihrem Tod ihre Würdigung erfahren.

Dieser historische Roman lässt sich gut lesen. Ein wenig Kenntnis der damaligen Zeit ist für das gesellschaftspolitische Umfeld hilfreich. Wir bewegen uns im Kaisertum Österreich, das 1848 von mehreren Revolutionen, einem schwachen Kaiser Ferdinand, dessen Abdankung und dem Beginn der Regentschaft des erst 18-jährigen Kaiser Franz Joseph I. (1830-1916). Von bahnbrechenden wissenschaftlichen Erkenntnissen will man nichts Genaues wissen. Das ist eben, neben Semmelweis‘ Schwäche beim Publizieren seiner Thesen, genau das Dilemma.

Fazit:

Gerne gebe ich diesem historischen Roman 5 Sterne.