Routine ist eine Erinnerung ohne Gefühl: (Wort)starker Debütroman
„Die Routinen“ von Son Lewandowski erzählt die Geschichte der Leistungsturnerin Amik. Hautnah erleben wir ihren Alltag mit, die Wettkämpfe, das Training, den Druck.
„Der Tag war vier, der Tag war acht, ...
„Die Routinen“ von Son Lewandowski erzählt die Geschichte der Leistungsturnerin Amik. Hautnah erleben wir ihren Alltag mit, die Wettkämpfe, das Training, den Druck.
„Der Tag war vier, der Tag war acht, der Tag war zwölf Stunden alt und ich lief durch eine Gegenwart, die sich bewusstlos spreizte. Ich konnte die Schnelligkeit der Schnelligkeit in meinem Anlauf fühlen, die Höhe der Höhe in meinem Sprung spüren, die Stille der Stille in meinem Körper hören, wenn er sich im Flug um sich selbst drehte. In dieser Zeit ohne Zeit hielt ich mich auf, war noch ohne Publikum, war für mich, obwohl mir alle zuschauen konnten.
In meinem Turnanzug blieb der Atem flach. Der enge Elasthanstoff zeigte jeden Zug und mit dem ersten Publikum lernte ich den Bauch auch beim Einatmen nach innen zu ziehen. Meine Handinnenflächen fraßen Kreide, damit ich nicht abrutschte, damit ich lange an der Stange blieb. Der Holm saß mir gleich unter dem Beckenknochen, und wenn ich nicht richtig stützte, hockte ich danach eine Weile gekrümmt am Hallenrand, den Unterleib in den Händen, und lernte daraus.
Ich weiß nicht mehr, wie viel Zeit vergangen war, wie groß ich war und wie klein. Ich weiß mich nicht mehr. Alle Erinnerung, die ich habe, ist die Konzentration.“
Schonungslos zeigt die Autorin auf, wie die Kehrseite hinter den Medaillen aussieht:
„Wir sind eine wahre Begebenheit und das ist einer unserer Erzähler, der uns zu einem zarten Mythos macht, der alles Staunen in uns steckt, bis ein Stöhnen herauskommt. Aufregend sein, schon als Kind. Ein Talent sein, als wäre die Leistung unser Wesen und der Erfolg nur eine logische Konsequenz. Und niemand zählt, wie viele Stunden in der Woche wir trainieren, weil wir Sensationen sind. Ein Erzählen, das nur gafft.“
„Sie sagen Mädels zu uns, wir sind Maschinen. Sie sagen Mädels zu uns, was sollen wir dagegen sagen? Wir sind Kinder, werden Kinder bleiben, und wenn wir uns wehren, holen sie ein neues Kind, das so lange Kind bleiben muss, wie es kann. Was sollen wir tun, außer zu turnen? Wir haben den Protest nie gelernt, denn so waghalsig unsere Körper auch aufgezogen werden, so zurückhaltend wächst der Rest. Wir haben das durchgestreckte Stehen gelernt, aber wir sollen nicht wissen, was eine eigene Haltung ist. Und wir wehren uns nicht, denn das Gegenteil von Protest ist die Praxis, das eingespielte Tun als erste und letzte Sicherheit, die Wiederholung, die jedes Handeln in einen Nutzen glättet, always thinking about our routines.“
Gleichzeitig verwebt die Autorin auf sehr gekonnte Art und Weise Geschichten berühmter Turnerinnen sowie den größten Missbrauchsskandal der Sportgeschichte in ihren Roman. Nach und nach fließen sie in Amiks Geschichte mit ein.
„Béla und Márta Károlyi trainieren die Turnerinnen nach Montreal weiter, zwingen sie weiter zu hungern, erniedrigen und schlagen sie. Ihr Erfolg gibt ihnen das Recht.
Die Begabung in einen Anzug stellen, dass sie Geschäft wird. Das Talent spreizen, bis es weit auseinandergeht und alle Wünsche dazwischen passen. Pokale in Kinderzimmern.“
Sprachlich ist „Die Routinen“ wirklich anspruchsvoll; es ist sicher kein Buch zum schnell „weglesen“.
Doch wenn man sich die Zeit nimmt, den Worten nachzuspüren, entfalten die Sätze eine Tiefe und Vielschichtigkeit, die ich beeindruckend fand.
„Und hier lernte ich ein zweites Schweigen, das Schweigen, das sich erinnerte, das Schweigen, das uns nicht trennte, das Schweigen, mit dem ich ein Zeichen gab.
Den Schmerz üben, sechzig Sekunden. Eine Pose in die Sprache setzen.“
Manchmal waren es auch nur kurze Sätze zwischendrin, wie z.B. „Anerkennung ist eine entfernte Umarmung.“, „Mit einer Begabung aufwachsen, die man halten muss wie ein Versprechen.“ oder „Je leichter wir sind, desto wertvoller werden wir. Eine Rechnung, an der etwas nicht stimmen kann.“, die mich sehr berührten und die noch lange nachhallten.
„Die Routinen“ ist ein wirklich außergewöhnliches Buch; kraftvoll und intensiv; und eine Geschichte, die wehtut beim Lesen bzw. viele Geschichten zu einer zusammengefügt. Für mich eine großartige Leistung von Son Lewandowski - und vor allem literatisch ein wahres Highlight!
Ich vergebe hier 5 Sterne und eine unbedingte Leseempfehlung für alle, die anspruchsvolle Romane mögen.
Vielen Dank an den Klett-Cotta Verlag und an NetGalley für dieses Rezensionsexemplar!