Ein Panorama des Dresdner Lebens zu Anfang des 20. Jahrhunderts
Die Erfinderin der FreiheitChristine Hardt arbeitet im Lahmann–Sanatorium auf dem Weißen Hirsch in Dresden als Therapeutin. Aufgrund ihrer Erfahrungen mit Frauen, die wegen des Tragens eines Korsetts in Ohnmacht fallen, versucht ...
Christine Hardt arbeitet im Lahmann–Sanatorium auf dem Weißen Hirsch in Dresden als Therapeutin. Aufgrund ihrer Erfahrungen mit Frauen, die wegen des Tragens eines Korsetts in Ohnmacht fallen, versucht sie die Frauen zu anderen Kleidungsstücken zu überreden, die ihrer Gesundheit förderlicher sind - zum Beispiel einen von ihr erdachten Brusthalter. Sie muss ziemlich kämpfen, denn Konvention geht zum damaligen Zeitpunkt vor Innovation. Dieses Buch soll einer Frau ein Denkmal setzen, die ihrer Zeit voraus war.
Doch es geht in diesem Roman nicht nur um Christine. Auch die Mitbewohnerinnen ihres Hauses spielen eine große Rolle. Da ist zum Beispiel ihre Mitbewohnerin Lotta. Und auch Julia, die für sie ab und zu Näh- und Stickarbeiten übernimmt. Alle drei sind Protagonistinnen, deren Geschichten mit der von Christine verknüpft sind. Doch auch bekannte Dresdner Persönlichkeiten lässt die Autorin in diesem Roman wieder lebendig werden - allen voran Amalie Auguste Melitta Bentz, die Erfinderin des Kaffeefilters und Karl August Lingner, der Erfinder des Odol-Mundwassers, dem neben seinem Hang zum Flirten viele Wohltaten für die Dresdner Arbeiterklasse zugeschrieben werden. Das war für mich als Dresdnerin schon sehr interessant.
Man sollte aber bei diesem Buch wissen, dass es sich nicht ausschließlich mit der titelgebenden Erfindung des BH beschäftigt. Der wird spätestens ab der Hälfte des Buchs eher zur Nebensache. Vielmehr ist der Roman eigentlich ein Panorama des Dresdener Lebens zu Beginn des 20. Jahrhunderts und greift einige Anekdoten/Fakten/Begebenheiten aus dieser Zeit auf. Ich war darüber ein wenig überrascht. Anhand des Klappentextes hatte ich eine eher „straighte“ Story darüber erwartet, wie Christine auf die Idee kommt, ein neues Kleidungsstück zu designen und wie sie versucht es zu etablieren. Der Roman setzt jedoch bereits dort an, wo es um die Verbreitung des Kleidungsstücks geht und stellt statt dessen mehr die Freundschaft zu ihren Mitbewohnerinnen und deren Irrungen und Verwirrungen zwischenmenschlicher Art in den Mittelpunkt. Gegen Ende hin wird sogar noch fast ein Kriminalfall draus!
Mir persönlich war diese Mischung ein wenig zu bunt. Ich hatte mich einfach auf eine andere Art von Geschichte eingestellt und mir diese gewünscht. Das was ich bekam, war definitiv nicht schlecht, sondern ein gut erzählter und unterhaltsamer historischer Roman, der auch gut recherchiert zu sein scheint. Es entsprach nur eben nicht ganz meinen Erwartungen und konnte mich deshalb nicht ganz rückhaltlos begeistern.
Für alle, die einen Überblick über das Leben in Dresden um die Jahrhundertwende bekommen und auf unterhaltsame Weise einige bekannte Namen der Stadt kennenlernen möchten, ist das Buch auf jeden Fall sehr zu empfehlen!