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Veröffentlicht am 18.04.2017

Geschichte einer gestohlenen Kindheit

So, und jetzt kommst du
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So, und jetzt kommst du, sagt der Vater zum Sohn, nachdem er ihm wieder einmal seine Sicht der Welt und seine hochfliegenden Pläne erzählt hat. Es hört sich nicht an, als ob er wirklich die Sicht des Sohnes ...

So, und jetzt kommst du, sagt der Vater zum Sohn, nachdem er ihm wieder einmal seine Sicht der Welt und seine hochfliegenden Pläne erzählt hat. Es hört sich nicht an, als ob er wirklich die Sicht des Sohnes hören möchte, es ist vielmehr der Schlusspunkt der Konversation, denn in seine Lebensweise lässt er sich sowieso nicht reinreden, er weiß sowieso alles besser. Ehrlich arbeitende, sich abschuftende Menschen hält er für Idioten, und so ist es wenig verwunderlich, dass er selbst versucht, sein Geld mit windigen Geschäftsmodellen zu machen. "Jeden Tag steht ein Dummer auf", ist ein weiterer seiner Sprüche.
Doch es entwickelt sich nicht wie gewünscht, und die Familie verliert ihr Haus. Der Familienvater arbeitet bei einem Gebrauchtwarenhändler, zumindest solange, bis das große Geld kommt, das dann eines Tages anscheinend tatsächlich eingetroffen ist. Wie, weiß keiner so genau, am allerwenigsten der Sohn, der Ich-Erzähler der Geschichte.
Was folgt, ist eine Odyssee durch Europa. Bei Nacht und Nebel verlassen sie auf der Flucht vor der Polizei ihre Wohnung im Pfälzerwald und landen zunächst in Südfrankreich. Dort leben sie in Saus und Braus, bis das Geld alle ist und sie wieder fliehen müssen. Die nächste Etappe führt sie nach Lissabon, wo sie in einer kleinen Pension hausen. Hier beginnt die Geschichte, sehr bedrückend zu werden. Da das Geld fehlt, ernährt sich die ganze Familie von Sardinen und Brathühnchen. Die Eltern verbringen die Tage vor dem Fernseher, Frank und seine Schwester streifen in der Stadt herum. Das einzig schöne Erlebnis während dieser deprimierenden Zeit ist ein Tagesausflug, den der Junge mit einer deutschen Familie unternimmt, die ihn für einen Tag wie einen Sohn behandelt. Als die Familie auch Lissabon überstürzt verlassen muss, beginnt der totale Absturz...
Die Geschichte ist sehr gut und flüssig geschrieben. Der Autor versteht etwas davon, mit wenigen Worten viel auszudrücken: "Weihnachten und Neujahr kommen und gehen so unmerklich wie eine Bodenwelle beim Autofahren." Allerdings liegen manche seiner Bilder etwas daneben, zum Beispiel die "adipösen Wolken" oder "frühvergreiste Hochhäuser".
Zunächst liest sich die Geschichte noch wie ein launiger Roadtrip mit einem schlitzohrigen, aber nicht unsympathischen Vater, der alles lenkt. Doch im weiteren Verlauf erkennt man die kriminelle Energie eben dieses Vaters und wie sich dieses ständige Leben auf der Flucht negativ auf die Familie auswirkt. Um den Vater und seine Lügengeschichten zu decken, müssen auch die Kinder ständig lügen. So kommt es einem wie eine Befreiung vor, als diese wahnwitzige Reise zu Ende geht und die Kinder mehr schlecht als recht versuchen müssen, wieder in ein normales Leben zurückzufinden.
Ein sehr berührendes Buch, das sich stellenweise liest wie ein Krimi.

Veröffentlicht am 18.04.2017

Faszinierend und lesenswert

Die Geschichte der Bienen
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Von einer Autorin namens Maja erwartet man natürlich fundiertes Wissen zum Thema Bienen . Aber Spaß beiseite: das Buch hat meine Erwartungen weit übertroffen. Es ist nicht nur spannend und informativ geschrieben, ...

Von einer Autorin namens Maja erwartet man natürlich fundiertes Wissen zum Thema Bienen . Aber Spaß beiseite: das Buch hat meine Erwartungen weit übertroffen. Es ist nicht nur spannend und informativ geschrieben, sondern auch mit viel Humor (Swammerpie!).
Maja Lunde beschreibt in diesem Buch die Geschichte dreier Familien. William lebt mit seiner Familie im 19. Jahrhundert in England, die Geschichte des Imkers George spielt in den USA im Jahr 2007 und Tao lebt mit Mann und Sohn im China des Jahres 2098.
Was diese Geschichten miteinander verbindet, ist, dass sie allesamt mit Bienen zu tun haben. Außerdem lebt in jeder Familie ein Sohn, an den bestimmte Erwartungen gestellt werden.
Taos Geschichte fand ich besonders faszinierend. Sie spielt in der Zeit nach dem Kollaps, einer fernen Dystopie, in der jeder sich selbst der Nächste ist. Aufgrund von Misswirtschaft und Ausbeutung der Natur gibt es fast nichts mehr zu essen. Bienen sind ausgestorben, weshalb ganze Heerscharen von Arbeitern nichts anderes zu tun haben, als von Hand die Blüten von Obstbäumen zu bestäuben.
Es ist ein durch und durch lesenswertes Buch über die Zusammenhänge in der Natur und die Verantwortung des Menschen der Natur gegenüber, jedoch ohne erhobenen Zeigefinger. Ich konnte es kaum aus der Hand legen.

Veröffentlicht am 18.04.2017

Superspannend

Wenn das Eis bricht
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Im Haus des schwedischen Geschäftsmanns Jesper Orre in Stockholm wird eine schrecklich zugerichtete Frauenleiche gefunden, der Hausbesitzer ist verschwunden. Schnell drängt sich der Verdacht auf, dass ...

Im Haus des schwedischen Geschäftsmanns Jesper Orre in Stockholm wird eine schrecklich zugerichtete Frauenleiche gefunden, der Hausbesitzer ist verschwunden. Schnell drängt sich der Verdacht auf, dass Orre, Inhaber der Modekette Clothes and More, der Mörder ist. Die Tat erinnert an einen anderen Mord, der vor 10 Jahren stattgefunden hat. Doch welche Verbindung gibt es zwischen dem Mörder und den Opfern?
Um dies herauszufinden, bittet die Stockholmer Polizei die Kriminalpsychologin Hanne um Hilfe. Was die Kollegen nicht wissen: Hanne ist krank, sie leidet an beginnender Demenz. Es ist daher eine große Herausforderung für sie, an dem Fall mitzuarbeiten, da sie in ständiger Angst davor lebt, dass ihr Gedächtnis sie im Stich lassen könnte.
Die Geschichte wird aus dreierlei Perspektiven erzählt. Da ist zunächst Peter, Ermittler bei der Mordkommission Stockholm, dann die Kriminalpsychologin Hanne und schließlich Emma, die als Verkäuferin in einem Clothes and More Laden arbeitet. Je tiefer wir in die Geschichte eintauchen, umso mehr erfahren wir über das Leben dieser drei Personen.
Peter ist ein Einzelgänger, der sich auf keine Beziehungen einlassen kann und es ablehnt, Verantwortung für andere zu übernehmen. Auch Emma lebt allein. Das einzige Lebewesen, mit dem sie ihr Leben teilt, ist ihr Kater. Seit sie als Schülerin von einem Lehrer sexuell missbraucht wurde, ist sie nicht mehr in der Lage, Beziehungen einzugehen. Umso glücklicher ist sie, als ein attraktiver Mann beginnt sich für sie zu interessieren. Doch die Beziehung entwickelt sich anders als erhofft.
Hanne wiederum lebt in einer unglücklichen Ehe mit einem Mann, der sie am liebsten jetzt schon entmündigen würde...
„Wenn das Eis bricht“ ist ein spannender und im übrigen hervorragend übersetzter Roman, den ich am liebsten nicht aus der Hand gelegt hätte. Nach den 600 Seiten hätte ich am liebsten nochmal von vorne angefangen, denn am Ende weiß man Dinge, die alles in einem anderen Licht erscheinen lassen. Unbedingt lesen!

Veröffentlicht am 21.03.2026

Warum leuchtet der Mond?

Kleine und große Wunder des Weltalls
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Als ich das Buch „Kleine und große Wunder des Weltalls“ des Carlsen Verlags zum ersten Mal durchgeblättert habe, hatte ich die Befürchtung, meinen fast fünfjährigen Enkel mit den geballten Informationen, ...

Als ich das Buch „Kleine und große Wunder des Weltalls“ des Carlsen Verlags zum ersten Mal durchgeblättert habe, hatte ich die Befürchtung, meinen fast fünfjährigen Enkel mit den geballten Informationen, die in diesem Buch präsentiert werden, zu überfordern. Doch ich hätte mir keine Gedanken zu machen brauchen, denn er stürzte sich mit Begeisterung auf die Seiten und ich bin erstaunt, wie viel Fachwissen bei ihm hängenbleibt. So erklärte er später seinen Eltern, wieso der Mond leuchtet und warum Pluto traurig ist. Sehr hilfreich sind die schönen Illustrationen, zum Beispiel die schwitzende Venus, die anschaulich zeigt, wie heiß es auf ihrem Planeten ist! Auch das Kapitel über die Milchstraße muss ich immer wieder vorlesen, vor allem schwarze Löcher, die alles verschlucken, findet er faszinierend. Im Übrigen bietet das Buch auch für Erwachsene so manche neue Information. Ich hatte zumindest noch nie von der Oortschen Wolke gehört!
Wir haben noch längst nicht alle Kapitel gelesen und dieses schöne und informative Buch wird uns sicher noch lange begleiten! Herausheben möchte ich noch die wirklich ansprechende Gestaltung und den stabilen Einband mit Golddruck, auf dem sich die Planeten um die Sonne scharen. Ein schönes und lehrreiches Buch für wissbegierige Kinder.

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Veröffentlicht am 15.01.2026

Auf der Suche nach der eigenen Identität

Niemands Töchter
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Judith Hoerschs Debütroman „Niemands Töchter“ handelt von vier Frauen, Marie, Gabriele, Alma und Isabell. Am Anfang fand ich es ausgesprochen verwirrend, zwischen den Kapiteln, die aus der Sicht der einzelnen ...

Judith Hoerschs Debütroman „Niemands Töchter“ handelt von vier Frauen, Marie, Gabriele, Alma und Isabell. Am Anfang fand ich es ausgesprochen verwirrend, zwischen den Kapiteln, die aus der Sicht der einzelnen Frauen erzählt werden, hin- und herzuspringen, zumal auch die Zeitebenen ständig wechseln. Auch die Beziehung der Frauen untereinander ist lange unklar. Nachdem ich den Versuch aufgegeben habe, die Puzzlestücke zeitlich einzuordnen, und einfach darauf vertraut habe, dass alles irgendwann Sinn ergibt, fand ich das Buch deutlich angenehmer zu lesen.
Es geht um die Themenbereiche „wer bin ich und wo gehöre ich hin?“. Alma spürt schon seit ihrer frühen Kindheit in ihrer Familie, die aus Mutter und Großeltern besteht, dass sie nicht nur äußerlich anders ist. Die Frage nach dem Vater wird ausweichend beantwortet. Als sie als junge Frau erfährt, dass sie adoptiert ist, bricht sie den Kontakt zur Mutter ab und zieht nach Berlin. Diesen Teil der Geschichte konnte ich nicht ganz nachvollziehen. Warum dieser unerbittliche Bruch mit der Adoptivmutter, die doch alles für ihr Kind getan hat?
Isabell, die andere Tochter in der Geschichte, wächst mit Mutter und Vater gutsituiert in Berlin auf. Der Vater, ein erfolgreicher Arzt, ist an seiner Tochter nicht sonderlich interessiert und betrachtet Isabells Mutter mehr oder weniger als „trophy wife“, eine hübsche Frau, mit der man angeben kann. Als diese stirbt, bricht für die zehnjährige Isabell eine Welt zusammen.
Das Schicksal führt Alma und Isabell beide in dieselbe psychotherapeutische Praxis. Die beiden lernen sich kennen und merken, dass sie viel mehr gemeinsam haben als geahnt.
Obwohl ich mich mit keiner der Personen wirklich identifizieren konnte und so manche Entscheidung für mich nicht nachvollziehbar war, hat mich die Geschichte gefesselt. Der Schreibstil ist packend, die Personen und ihre Lebenssituationen gut beschrieben. Vor allem Almas Kindheit in einem kleinen Dorf in der Eifel im Haus ihrer bodenständigen Großeltern fand ich äußerst realistisch dargestellt. Leseempfehlung!

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