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Veröffentlicht am 16.01.2026

Ein intensives Buch

Die Ausweichschule
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DIE AUSWEICHSCHULE
Kaleb Erdmann
ET: 31.07.2025

Erfurt, 26. April 2002:
Der Ich-Erzähler ist elf Jahre alt und besucht die fünfte Klasse, als ein ehemaliger Schüler des Gutenberg-Gymnasiums das Schulgebäude ...

DIE AUSWEICHSCHULE
Kaleb Erdmann
ET: 31.07.2025

Erfurt, 26. April 2002:
Der Ich-Erzähler ist elf Jahre alt und besucht die fünfte Klasse, als ein ehemaliger Schüler des Gutenberg-Gymnasiums das Schulgebäude stürmt, 16 Menschen erschießt und sich anschließend selbst tötet. Der Erzähler ist überzeugt, kein Trauma davongetragen zu haben. Weder mit seinen Freunden noch innerhalb der Schule wird der Amoklauf thematisiert. Stattdessen zieht die gesamte Schulgemeinschaft in ein anderes Gebäude um – die sogenannte Ausweichschule. Eineinhalb Jahre später zieht der Erzähler mit seinen Eltern nach München.

Zwanzig Jahre später bringt ein einschneidendes Ereignis die verdrängten Erinnerungen wieder an die Oberfläche. Der Erzähler beschließt, ein Buch über das Erlebte zu schreiben – doch was hat er tatsächlich erlebt? Seine Erinnerungen sind bruchstückhaft, oft getrübt, und es stellt sich die Frage, ob man alte Wunden überhaupt wieder aufreißen darf.

Kaleb Erdmann hat ein ungewöhnliches Buch geschrieben: weder Roman noch Sachbuch, sondern eine eindringliche Form literarischer Vergangenheitsbewältigung. Er selbst steht dabei meist im Fokus der Erzählung, und trotz des ernsten und traurigen Themas gibt es einige Schmunzelmomente.

Fazit:
Ein intensives und bewegendes Buch über eine kaum vorstellbare Gewalttat. Trotz seines literarischen Anspruchs lässt es sich schnell und flüssig lesen und wirkt lange nach. Zu Recht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2025.
4/5

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Veröffentlicht am 14.01.2026

Erneut ein sehr gutes Buch!

Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel
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MEIN GANZES LEBEN, ÖL AUF LEINWAND, OHNE TITEL
Alena Schröder
ET: 19.01.2026

Das neueste Buch von Alena Schröder spielt – wie gewohnt – auf zwei Zeitebenen.
Im Mittelpunkt des Romans stehen zwei Frauen.

Güstrow, ...

MEIN GANZES LEBEN, ÖL AUF LEINWAND, OHNE TITEL
Alena Schröder
ET: 19.01.2026

Das neueste Buch von Alena Schröder spielt – wie gewohnt – auf zwei Zeitebenen.
Im Mittelpunkt des Romans stehen zwei Frauen.

Güstrow, 1945:
Die 14-jährige Marlen versteckt sich vor den russischen Soldaten, die auf dem Vormarsch Richtung Deutschland sind und Zerstörung und Gewalt hinterlassen. Zuflucht findet sie in einem alten, verlassenen Forsthaus. Ihre Mutter und ihr jüngerer Bruder haben sich im Fluss bei Demmin ertränkt – nur Marlen konnte sich in letzter Sekunde aus dem festen Griff ihrer Mutter befreien.

In ihrem Versteck entdeckt sie nicht nur ein kleines, auf Leinwand gemaltes Bild, sondern begegnet auch Wilma, die Marlen mitnimmt und ihr zunächst für ein paar Tage Unterschlupf bietet. Doch aus Tagen werden Jahre. Wilma ist mit dem Maler Jon verheiratet, der nach dem Ende des Krieges nicht von der Ostfront zurückkehrt. Sie beginnt, seine Leinwände zu übernehmen und zu übermalen. Endlich kann sie ihre eigene Kunst ausleben, die ihr in der Ehe mit ihrem Mann verwehrt blieb. Wilma brennt für den Sozialismus und malt heroische Bilder. Auch Marlen lernt ihre Techniken, entwickelt jedoch bald eigene Vorstellungen, die nicht zu Wilmas Idealen passen.

Berlin, 2023:
Die 34-jährige Hannah lebt allein in ihrer Wohnung in Berlin, als plötzlich ihr Vater auftaucht – ein Mann, den sie nie kennengelernt hat. Angeblich wollten ihre verstorbene Mutter und Großmutter nie, dass er Kontakt zu ihr aufnimmt. Doch Hannah will diese Erklärung nicht glauben. Sie ahnt, dass ihr Vater andere Gründe hat, sich ausgerechnet jetzt bei ihr zu melden.

Welches Geheimnis dahintersteckt und was all das mit der kleinen Leinwand zu tun hat, die einst Marlen fand, müsst ihr selbst herausfinden.

Der Schreibstil von Alena Schröder ist wie gewohnt leicht und von der ersten Seite an wunderbar zu lesen. Federleicht verwebt sie die Frauen in ihren jeweiligen Lebenszeiten und schafft damit ein bildliches, vielschichtiges Porträt. Die Seiten flogen nur so dahin, und ich fühlte mich den Protagonistinnen schnell verbunden.

Allerdings fehlte mir die Verbindung zwischen den beiden Frauen. Außerdem wird an einer Stelle erwähnt, dass Marlen schwanger ist, dieser Handlungsfaden wird jedoch nicht weitergeführt. Trotz dieser kleinen Kritikpunkte war das Buch für mich ein echter Lesegenuss, weshalb ich es euch insgesamt uneingeschränkt empfehlen kann.
4/5

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Veröffentlicht am 09.01.2026

Sehr gute Unterhaltung!

Laufen
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„[…] zu Hause war für mich da, wo du warst, vielleicht ist zu Hause immer da, wo jemand ist, jedenfalls für mich, jetzt ist zu Hause da, wo nur noch meine Sachen sind und dieses Loch, […]“ (S. 33)

LAUFEN
Isabel ...

„[…] zu Hause war für mich da, wo du warst, vielleicht ist zu Hause immer da, wo jemand ist, jedenfalls für mich, jetzt ist zu Hause da, wo nur noch meine Sachen sind und dieses Loch, […]“ (S. 33)

LAUFEN
Isabel Bogdan
ET: 12.09.2019

Lange ist unsere Ich-Erzählerin nicht mehr gelaufen. Zuletzt mit ihm. Dann kam die Verletzung, die sie zwang, vorübergehend aufzuhören. Und schließlich kam sein Tod. Ab diesem Moment ging gar nichts mehr. Alles war kaputt – ihr Leben, einfach alles. Sie konnte kein Bein mehr vor das andere setzen. Wie auch, wenn selbst das Atmen schwerfiel.

Es war seine Entscheidung, aus dem Leben zu gehen. Doch sie musste mit all den Konsequenzen leben – und das war alles andere als leicht. Die Miete der gemeinsamen Wohnung konnte sie alleine nicht mehr aufbringen. Seine Eltern holten sämtliche Gegenstände ab, die ihrem Sohn gehört hatten, sogar den Eisportionierer – nur weil sie nicht verheiratet waren. Nach jahrelanger Beziehung blieb ihr nichts. Nichts außer dem Pyjama, den sie seiner Mutter vorenthielt.

Ein Jahr nach dem Tod ihres Lebenspartners schnürt sie erneut die Laufschuhe. Wir begleiten sie auf ihren Runden – immer gegen den Uhrzeigersinn – um die Alster. Anfangs sind diese Läufe beschwerlich, voller Kummer und schmerzhafter Gedanken. Doch mit der Zeit werden sie leichter. Unbeschwerter. So wie ihre Schritte.

„Ein-at-men Aus-at-men Aus-at-men.“

Ich habe dieses Buch sehr gern gelesen. Es hat mich immer wieder innehalten und reflektieren lassen. Besonders gut gefallen hat mir der Aufbau, durch den wir die Protagonistin wortwörtlich dabei begleiten, wie sie sich zurück ins Leben läuft.

Fazit:
Ein eindringliches Buch über den Schmerz, einen Partner zu verlieren, über den Stillstand danach und über die Kraft, langsam wieder ins Leben zurückzukehren.
4/5

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Veröffentlicht am 05.01.2026

Literarisches Schmankerl

Vaim
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VAIM
Jon Fosse
ET: 12.12.25

„Vaim“ ist für mich das erste Buch des Literaturnobelpreisträgers von 2023, entsprechend groß war meine Neugier auf diesen Roman.
Jatgeir lebt als Fischer ein zurückgezogenes ...

VAIM
Jon Fosse
ET: 12.12.25

„Vaim“ ist für mich das erste Buch des Literaturnobelpreisträgers von 2023, entsprechend groß war meine Neugier auf diesen Roman.
Jatgeir lebt als Fischer ein zurückgezogenes Leben in Vaim, einem fiktiven Ort in den norwegischen Fjorden. Sein Boot hat er einst nach seinem Jugendschwarm Eline benannt – ohne dass sie je davon wusste. Seine Eltern sind mittlerweile verstorben, und nur sein einziger Freund Elias besucht ihn gelegentlich.

Als Jatgeir eines Tages nach Bjørgvin fährt, um ein paar Besorgungen zu erledigen, taucht plötzlich und völlig unerwartet Eline selbst vor ihm auf – mit gepacktem Koffer und der Bitte, ihn zu begleiten. Mehr möchte ich an dieser Stelle nicht vorwegnehmen, am besten findet ihr selbst heraus, welche Rolle ihr Mann Frank und dessen bester Freund in dem Roman spielen, denn auch sie mischen kräftig mit.

In drei Teilen kommen drei Männer zu Wort, deren Perspektiven sich zu einem stimmigen Gesamtbild zusammenfügen. Jon Fosse überzeugt dabei mit seinem ganz eigenen, ruhigen Schreibstil, der von Wiederholungen geprägt ist – ein Stilmittel, das mir überraschend gut gefallen hat.

„Vaim“ ist ein leises, nachhallendes Buch, das sich nicht überstürzen lässt. Obwohl der Roman mit nur 156 Seiten recht schmal ist, habe ich mir drei Tage Zeit dafür genommen. Man muss langsam lesen, den Text wirken lassen und ihm Raum geben, damit er sich vollständig entfalten kann.

Fazit:
Ein feines literarisches Schmankerl, das ich sehr gern weiterempfehle.
4/5

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Veröffentlicht am 29.12.2025

Fesselnd ...

Mein Mann
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MEIN MANN
Maud Ventura
ET: 5.9.24

„Ich liebe so stark, dass meine eigene Liebe mich verzehrt (ständiges Analysieren, ständige Eifersucht, ständige Zweifel) – so sehr, dass ich, wenn ich verliebt bin, ...

MEIN MANN
Maud Ventura
ET: 5.9.24

„Ich liebe so stark, dass meine eigene Liebe mich verzehrt (ständiges Analysieren, ständige Eifersucht, ständige Zweifel) – so sehr, dass ich, wenn ich verliebt bin, am Ende immer ein wenig erloschen wirkte. […] Ich liebe und will geliebt werden, und zwar mit einem solchen Ernst, dass diese Liebe schnell anstrengend wird (für mich, für den anderen). Kurz, es ist immer eine unglückliche Liebe.“ (S. 175)

Die Ich-Erzählerin liebt ihren Mann. Sie liebt auch ihre Kinder – und dennoch würde sie lieber eines ihrer Kinder beerdigen, als ihren Mann zu verlieren. Ihre Liebe ist obsessiv: Sie vergöttert ihn, analysiert jede seiner Bewegungen, jedes Wort, jede noch so kleine Stimmungsänderung.
Sobald sie glaubt, er könnte eine andere Frau begehren, wird ihre Eifersucht übermächtig. Um es ihm „heimzuzahlen“, sucht sie selbst die Nähe zu anderen Männern. Gleichzeitig beobachtet sie andere Frauen genau, übernimmt deren Parfum, Frisuren und Kleidung – auf der verzweifelten Suche nach einer Identität, die ihr selbst längst abhandengekommen ist. Dass sie auch eine eigene Definition von sich haben könnte, scheint sie völlig vergessen zu haben.

Wohin diese Besessenheit führt und was aus der Protagonistin wird, muss man selbst lesen – und genau das macht dieses Buch so schwer aus der Hand zu legen.

"Mein Mann" ist ein außergewöhnliches und intensives Leseerlebnis. Maud Ventura erschafft eine Protagonistin, die alles andere als sympathisch ist, die einen aber dennoch unweigerlich in ihren Bann zieht. Man liest weiter, weil man wissen muss, wohin diese Geschichte führt. Wie auch in ihrem neuesten Werk "Der Rache Glanz“ ist das Ende besonders eindrücklich.

Fazit:
Ein verstörendes, fesselndes Buch über Liebe, Abhängigkeit und Selbstverlust. Sehr empfehlenswert für alle Leserinnen und Leser, die emotionale Abgründe und Dramen mögen.
4/5

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