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Veröffentlicht am 01.02.2026

✎ Julya Rabinowich - Mo & Moritz

Mo & Moritz
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Im Coming-of-Age-Roman „Mo & Moritz“ verbindet Julya Rabinowich eine Liebesgeschichte zwischen zwei Jugendlichen mit einer auffallenden Dichte gesellschaftlicher Themen. Alltagsrassismus, Identität, Homosexualität, ...

Im Coming-of-Age-Roman „Mo & Moritz“ verbindet Julya Rabinowich eine Liebesgeschichte zwischen zwei Jugendlichen mit einer auffallenden Dichte gesellschaftlicher Themen. Alltagsrassismus, Identität, Homosexualität, familiäre Erwartungen, Vorurteile, Antisemitismus, Trauma, Flucht, Fremdenfeindlichkeit (und einiges mehr) stehen nebeneinander und wollen gleichzeitig erzählt werden. Dieser Anspruch ist spürbar und prägt das gesamte Buch.

Gerade diese thematische Fülle empfand ich als ambivalent. Einerseits beeindruckt der Mut, so viele relevante Fragen aufzugreifen, andererseits entsteht der Eindruck, dass das Buch zu viel auf einmal will. Mehrfach bleiben Konflikte nur angerissen, statt wirklich vertieft zu werden. Dadurch verlieren einige Entwicklungen an Schärfe, obwohl ihr Potenzial deutlich erkennbar ist.

Trotzdem gelingen Rabinowich starke, lebendige Momente. Besonders Mos Chef im Friseursalon bleibt hängen: als ruhiger Gegenpol zur familiären Enge, als Figur, die Wärme ausstrahlt und dem Protagonisten Halt gibt.

Auch die Beziehung zwischen Mo und Moritz ist feinfühlig angelegt und emotional nachvollziehbar. Die Perspektiven der beiden wirken authentisch, ihre inneren Konflikte sind verständlich und nahbar. Gleichzeitig fehlt es manchen Szenen an Tiefe, um diese Gefühle wirklich auszukosten. Einige Figuren und Konfliktlinien bleiben eher Skizzen als ausgearbeitete Porträts.

Rabinowichs Sprache trägt den Roman spürbar. Der Stil ist zugänglich, lebendig und nah an den Emotionen der Figuren. Von Beginn an entsteht ein Sog, der das Weiterlesen leicht macht. Diese erzählerische Kraft sorgt dafür, dass die Geschichte berührt, selbst dort, wo sie inhaltlich zu viel auf einmal schultern will.

Am Ende bleibt „Mo & Moritz“ für mich ein Jugendroman mit großem thematischem Mut und ehrlicher emotionaler Wirkung, der jedoch zeigt, wie schwer es ist, eine so dichte Stofffülle auf engem Raum wirklich auszuerzählen.

©2026 Mademoiselle Cake

Veröffentlicht am 31.01.2026

✎ Sherif Rizkallah - Kennst du deine Rechte?

Kennst du deine Rechte?
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Das Kindersachbuch „Kennst du deine Rechte? Die Grundrechte vom logo!-Moderator erklärt“ von Sherif Rizkallah hat den Anspruch, Kindern ab etwa zehn Jahren die Grundrechte des deutschen Grundgesetzes verständlich ...

Das Kindersachbuch „Kennst du deine Rechte? Die Grundrechte vom logo!-Moderator erklärt“ von Sherif Rizkallah hat den Anspruch, Kindern ab etwa zehn Jahren die Grundrechte des deutschen Grundgesetzes verständlich zu machen. Im Mittelpunkt stehen 14 ausgewählte Artikel, die in insgesamt 16 illustrierten Comics aus dem Schulalltag aufgegriffen werden. Ergänzt werden diese durch erklärende Texte, historische Einordnungen und kurze Ausblicke über Deutschland hinaus. Der Ansatz ist klar: komplexe Inhalte sollen niedrigschwellig, visuell und alltagsnah vermittelt werden.

Beim Lesen zeigt sich jedoch schnell eine strukturelle Unschärfe. Es wird nicht eindeutig benannt, wie viele Grundrechte das Grundgesetz insgesamt umfasst, obwohl genau das für politische Bildung zentral wäre. Durch die Anzahl der Comics entsteht zunächst der Eindruck, es handele sich um 16 Grundrechte. Erst beim genaueren Hinsehen wird deutlich, dass Artikel 5, die sogenannten Kommunikationsgrundrechte, auf drei Comics aufgeteilt ist, während Artikel 7 zum Schulwesen vollständig fehlt. Gerade weil sämtliche Comics im schulischen Kontext spielen, wirkt diese Auslassung wie eine verpasste Chance.

Auch die Darstellung von Vielfalt bleibt hinter den Möglichkeiten zurück. Die Figuren sind farblos gehalten, was zwar stilistisch einheitlich wirkt, aber reale gesellschaftliche Vielfalt kaum abbildet. Es gibt einen Charakter im Rollstuhl und eine Figur mit Patka, doch darüber hinaus fehlen sichtbare Unterschiede in Hautfarbe, sozialen Lebensrealitäten oder kulturellen Hintergründen. Für ein Buch, das sich mit Grundrechten beschäftigt und junge Menschen sensibilisieren will, wirkt diese Zurückhaltung auffällig.

Überzeugend ist hingegen der grundsätzliche Aufbau. Jedes Thema folgt einem klaren Schema: Zunächst wird das jeweilige Grundrecht erläutert, anschließend in einem Comic aus dem Schulalltag veranschaulicht und danach durch zusätzliche Informationen eingeordnet. Besonders sinnvoll ist, dass die Comics im Nachhinein noch einmal kritisch geprüft werden - also ob das, was dort behauptet wird, tatsächlich so zutrifft. Am Ende erweitert das Buch den Blick über die einzelnen Rechte hinaus, indem es das politische System Deutschlands mithilfe von Mindmaps erklärt und kurz auf die UN-Kinderrechte eingeht.

Insgesamt ist das Buch gut zugänglich und anschaulich gestaltet, lässt aber an entscheidenden Stellen Präzision vermissen. Vor allem die Auswahl der behandelten Artikel und die eingeschränkte Repräsentation mindern das Potenzial eines ansonsten durchdachten Konzepts.

©2026 Mademoiselle Cake

Veröffentlicht am 19.01.2026

✎ Leonie Lutz & Mareike Brede - Verstehen statt verlieren

Verstehen statt verlieren
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Meine Tochter ist knapp acht Jahre alt und noch weit von der Pubertät entfernt. Trotzdem bestimmt das Thema Medienkonsum unseren Alltag bereits jetzt. Es geht dabei fast ausschließlich um Situationen unterwegs, ...

Meine Tochter ist knapp acht Jahre alt und noch weit von der Pubertät entfernt. Trotzdem bestimmt das Thema Medienkonsum unseren Alltag bereits jetzt. Es geht dabei fast ausschließlich um Situationen unterwegs, egal ob im Auto oder in der Bahn. Das Handy wird schnell eingefordert - als selbstverständlicher Begleiter gegen Langeweile. Zu Hause ist die Nutzung klar begrenzt: Mein Smartphone darf sie gelegentlich verwenden, um Fotos oder Videos aufzunehmen, die privat bleiben und nicht veröffentlicht werden. Einen Fernseher gibt es ebenfalls, allerdings läuft er selten - abends für die Nachrichten, am Wochenende für eine gemeinsame Serie. Mehr nicht.

Gerade weil das Thema aktuell noch überschaubar ist, wollte ich mich frühzeitig mit dem auseinandersetzen, was unweigerlich kommen wird. Aus diesem Grund habe ich zu dem Buch „Verstehen statt verlieren: Erste Hilfe für die Smartphone-Pubertät“ von Leonie Lutz und Mareike Brede gegriffen. Die Lektüre hat mich stärker getroffen, als ich erwartet hatte. Nicht nur mit Blick auf mein Kind, sondern auch auf mein eigenes Medienverhalten. Viele App-Einstellungen waren mir schlicht unbekannt. Weil ich mich nicht auf allen Plattformen bewege, hatte ich keine reale Vorstellung davon, welche Inhalte Jugendlichen dort begegnen - einige beschriebene Hashtags haben mir schier die Luft geraubt.

Ich bewege mich bewusst in bestimmten digitalen Räumen und bekomme vieles nicht mit. Das schützt, verzerrt aber auch. Die Versuchung war groß, die genannten Schlagworte selbst zu suchen, um mir ein eigenes Bild zu machen. Ich habe es gelassen, weil ich weiß, wie schnell Algorithmen kippen und wie nachhaltig sich Inhalte festsetzen, die man eigentlich gar nicht sehen will. Diese Gratwanderung zwischen Informiertsein und Selbstschutz beschreibt das Buch sehr treffend.

Zwei Abschnitte habe ich bewusst übersprungen - nicht aus Desinteresse, sondern weil sie für meinen Fokus auf digitale Medien keine neue Tiefe brachten. Den Abschnitt „Achterbahn der Gefühle“ und die Passagen zu körperlichen Veränderungen und Sexualität habe ich an anderer Stelle bereits ausführlich mit meiner Tochter besprochen. In diesem Buch wirkten diese Themen eher angerissen als integriert.

Was bleibt, ist ein deutlicher Mehrwert. Besonders überzeugt hat mich, dass die Autorinnen nicht bei Warnungen stehen bleiben, sondern konkrete Handlungsoptionen aufzeigen. Ein paar der empfohlenen Seiten und Projekte kannte ich zwar dem Namen nach, hatte sie aber nie systematisch genutzt. Der Anhang mit hilfreichen Apps, Anlaufstellen für Eltern und Jugendliche sowie einer umfangreichen Quellenliste ist praxisnah und erspart lange Eigenrecherche.

Beim ersten Lesen habe ich mir Notizen gemacht, eher grob, eher intuitiv. Beim zweiten Durchgang werde ich genauer hinschauen, markieren, Links prüfen und mir Schritt für Schritt Wissen aneignen, das ich hoffentlich noch eine Weile nicht aktiv anwenden muss. Trotzdem fühlt es sich richtig an, vorbereitet zu sein, bevor das Smartphone nicht mehr nur Reisebegleiter, sondern sozialer Mittelpunkt wird.

Das Buch hat bei mir etwas angestoßen. Deshalb steht auch „Begleiten statt verbieten“ bereits auf meiner Merkliste. Nicht, weil ich Antworten suche, die mir jemand abnimmt, sondern weil ich verstehen will, wie Begleitung gelingen kann, ohne Kontrolle zur Dauerhaltung werden zu lassen.

©2026 Mademoiselle Cake

Veröffentlicht am 12.01.2026

✎ Nicole C. Vosseler - Das Herz der Feuerinsel

Zeit der wilden Orchideen / Das Herz der Feuerinsel: Zwei Romane in einem Band
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Ich habe „Das Herz der Feuerinsel“ in den letzten Tagen regelrecht verschlungen.
Die Lebenswege von Jacobina und Floortje haben mich mitgerissen. Ich wollte wissen, wie sie ihren Weg aus den Niederlanden ...

Ich habe „Das Herz der Feuerinsel“ in den letzten Tagen regelrecht verschlungen.
Die Lebenswege von Jacobina und Floortje haben mich mitgerissen. Ich wollte wissen, wie sie ihren Weg aus den Niederlanden nach Batavia meistern und was das Schicksal für sie bereithält.

Die ersten Kapitel waren für mich ein Stolperstein. Der Roman lässt sich Zeit, das exotische Setting und die Figuren einzuführen, bevor er an Fahrt gewinnt. Vosseler schreibt sehr detailreich und bildhaft, sodass ich das tropische Java vor Augen hatte, die Düfte und Farben spüren konnte und die Gesellschaft der Kolonialzeit plastisch vor mir sah. Der Stil ist eindringlich und anschaulich. Gleichzeitig fühlte ich mich manchmal ausgebremst, weil die Erzählung lange braucht, bis die eigentliche Spannung einsetzt.

Sobald die Geschichte Fahrt aufnahm, packte sie mich. Die Ereignisse überschlagen sich und Wendungen rütteln an den Erwartungen. Ich konnte das Buch kaum aus der Hand legen, als die Schicksale der beiden Frauen sich verdichten und das koloniale Paradies Risse bekommt. Die Spannung wächst im zweiten Drittel deutlich an und die Charaktere gewinnen an Tiefe. Genau hier arbeitet die Autorin mit einer ungeschönten Darstellung von menschlichen Abgründen und sozialen Härten, die über reine Liebesromantik hinausgeht und Figuren mit Licht und Schatten zeigt. Das erzeugte bei mir Mitgefühl und ließ echtes Interesse entstehen.

Der eruptive Höhepunkt - der Vulkanausbruch des Krakatau - wird historisch verankert und bildet das dramatische Finale einer ohnehin bewegten Handlung. Für mich persönlich hätte dieser Teil aber noch stärker ausgearbeitet werden dürfen. Die realgeschichtlichen Auswirkungen dieses Ereignisses waren enorm und ich wollte mehr darüber erfahren, wie sich die gewaltigen Kräfte auf Mensch und Landschaft ausgewirkt haben. Das Ende wird im Vergleich zu den vorangegangenen Teilen etwas zu rasch abgehandelt und hätte eindeutig Raum für mehr Tiefe bereitgehalten.

Trotz der zähen Momente und gelegentlich überladener Beschreibungen hat mich der Schluss emotional stark berührt. Die Entwicklungen, die Jacobina und Floortje durchlaufen, ihre Freundschaft, die trotz aller Widrigkeiten Bestand hat, und die private Neuausrichtung ihrer Leben haben mich tief bewegt. Ich fühlte mich mit den Figuren verbunden.

Insgesamt bleibt „Das Herz der Feuerinsel“ für mich ein fesselnder, atmosphärisch dichter historischer Roman. Er überzeugte mich durch seine starken Protagonistinnen, die Darstellung einer fremden Welt und die Mischung aus Abenteuer, Härten des Lebens und menschlicher Verbundenheit. Er ist nichts für Zartbesaitete.

©2026 Mademoiselle Cake

Veröffentlicht am 22.12.2025

✎ Luis Murschetz - Der Hamster Radel

Der Hamster Radel
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Als ich „Der Hamster Radel“ von Luis Murschetz nach der letzten Seite schloss, lautete mein spontanes Urteil: ungeeignet. Die dargestellte Situation ist hart, stellenweise bewusst überzeichnet, und mein ...

Als ich „Der Hamster Radel“ von Luis Murschetz nach der letzten Seite schloss, lautete mein spontanes Urteil: ungeeignet. Die dargestellte Situation ist hart, stellenweise bewusst überzeichnet, und mein erster Gedanke galt verstörten Kindern, die mit Bildern von Leid und Gefangenschaft konfrontiert werden, ohne dafür bereits einordnende Werkzeuge zu besitzen.

Mit zeitlichem Abstand verschob sich diese Einschätzung deutlich. Nach einer Nacht wurde klar, dass der Text als bewusstes, unbequemes Plädoyer funktioniert. Murschetz erzählt keine niedliche Tiergeschichte, sondern legt den Finger auf ein Thema, das gerne verdrängt wird: Viele Kleintiere leben eingesperrt, nicht aus eigenem Antrieb, sondern aus menschlicher Bequemlichkeit. Sie werden vergessen, falsch gehalten, unzureichend versorgt - von artgerechter Haltung kann in vielen Fällen keine Rede sein.

Das Buch erschien erstmals 1975, und genau das sieht man ihm an. Die Illustrationen wirken unverändert, der Zeichenstil ist altmodisch, sämtliche dargestellten Menschen sind weiß, die Hamster alles andere als verniedlicht. Der visuelle Zugang ist ein wenig sperrig. Diese Sperrigkeit ist kein Zufall, sie verstärkt die Unruhe, die der Text erzeugen will.

Der Verlag empfiehlt das Buch ab drei Jahren. Diese Altersangabe halte ich für problematisch. Kinder in diesem Alter können die Tragweite der dargestellten Situation kaum erfassen. Für meine Siebenjährige hingegen war der Zeitpunkt richtig. Das Buch eröffnete Gespräche über eingesperrte Tiere, Verantwortung und darüber, warum es in unserer Familie bewusst keine Haustiere gibt. Genau hier liegt die Stärke des Textes: im gemeinsamen Reflektieren, nicht im schnellen Vorlesen.

Über die offensichtliche Tierschutzebene hinaus bietet das Buch auch Erwachsenen eine zweite Lesart - eine gesellschaftskritische Parabel. Das Hamsterrad lässt sich mühelos als Sinnbild für den monotonen Alltag deuten, aus dem viele ausbrechen wollen. Die Einsamkeit des Hamsters, das permanente Strampeln ohne Anerkennung, die vergeblichen Versuche, es dem unsichtbaren Gegenüber / der/dem Chef*in recht zu machen, spiegeln Erfahrungen wider, die zahlreiche Menschen da draußen machen. Der Text legt nahe, dass Veränderung Mut erfordert, manchmal Gemeinschaft, manchmal nur den ersten Schritt.

Für die ersten Jahre der Grundschule ist dieses Buch deshalb gut geeignet, nicht wegen seiner Leichtigkeit, sondern wegen seines Diskussionspotenzials. Gerade in der Weihnachtszeit erinnert es eindringlich daran, dass Tiere keine Geschenke sind, sondern Lebewesen mit Bedürfnissen, die über ein Laufrad und einen Käfig weit hinausgehen.

©2025 Mademoiselle Cake