Auge um Auge
Das UnwetterDer Roman "Das Unwetter" von der norwegischen Autorin Brit Bildoen ist ganz anders, als ich es vorab erwartet hätte. Der Klappentext prangt im giftigen neongrün vom Buchrücken:
Sechs Menschen, drei Tage- ...
Der Roman "Das Unwetter" von der norwegischen Autorin Brit Bildoen ist ganz anders, als ich es vorab erwartet hätte. Der Klappentext prangt im giftigen neongrün vom Buchrücken:
Sechs Menschen, drei Tage- und ein Berg voller Lügen....
Das hört sich doch vielversprechend und nach Nervenkitzel und psychologischer Spannung an.
Der Plot hat aber sehr viele Trigger, wie zum Beispiel Quälerei oder Tod, die für Tier- oder Hundeliebhaber nur schwer erträglich sind und dass sollte man, meines Erachtens besser vorher wissen und auch Taschentücher bereit zu legen. Protagonisten der Story sind eine größere Familie, die sich zur „Goldenen Hochzeit“ der Eltern in einem abgelegenen Berghotel Innsetra zur Feier trifft. Die Autorin hat die Romanfiguren Dorte und Karl (Zwillinge), Anette, Jan Inge mit Familien-Hund Laban sowie die beiden Jubilare, gut erdacht und auch beschrieben. Die bürgerliche Fassade wirkt authentisch und die Familie könnte es so tatsächlich geben. Als Nebenfiguren gibt es noch den verheirateten Hotelbetreiber und Koch Ole sowie zwei unheimliche und zwielichtige Jäger. Die Erzählung gliedert sich in die Wochentage Freitag bis Sonntag und wird jeweils aus der Sicht von Dorte, Anette oder Karl geschildert.
Die Spannungskurve dümpelt so vor sich hin, am Freitag passiert nicht wirklich Spektakuläres, es ist eher wie bei einem Unwetter, was sich zusammenbraut und was man nur erahnen, aber noch nicht sehen kann. Am Samstag nimmt die Geschichte dann etwas Fahrt auf und lässt den Leser bestürzt, traurig und etwas fassungslos darüber nachdenken, was da gerade passiert. Tierquälerei, Tod, Angst, Wut und Rachepläne eines Familienmitglieds inbegriffen. Beim Lesen entstehen Bilder im Kopf, die man eigentlich so nicht möchte. Das Buch macht nachdenklich und bestürzt und der Höhepunkt ist, dass die „illegale Wolfsjagd“ der Jäger, mit vergifteten Frostschutzmittel-Ködern anders für Laban und die Verursacher endet, als man erwartet.
Ich möchte nicht zu viel verraten, diese Tat beeinflusst den weiteren Handlungsverlauf und ein Familienmitglied rächt sich „Auge um Auge“.
Das es nicht zu weiteren Katastrophen kommt ist ein „Roulette-Spiel“ sondergleichen. Als Leser denkt man spätestens jetzt über die „Verhältnismäßigkeit der Dinge“ nach.
Beim genaueren Hinsehen ist mir außerdem aufgefallen, dass das Buchcover von „Das Unwetter“ auch inhaltlich eher nicht zum Roman zu passen scheint. Als Betrachter sieht man dort ein Sprossen-Fenster und der Blick gibt eine schneebedeckte Landschaft wieder. Im Oktober scheint mir das eher ungewöhnlich und auch im Roman konnte ich dazu nichts lesen, denn dort wurde nur die trübe und nasse Umgebung beschrieben sowie die abgehende Schlamm und Geröll-Lawine, die das Hotel von der Umwelt abschneidet. Das würde ich bei einer Neuauflage ändern. Gut gefallen hingegen hat mir das Gedicht auf S.88:
„Doch ist der Weg an sich der Mühe wert
…wo du nur einmal schläfst, da ist der Raum, da ruhig dein Schlaf und voll Gesang dein Traum…“
(Karin Boye)
Fazit: *** Der Roman „Das Unwetter“ von Brit Bildoen ist im btb Verlag erschienen. Das broschierte Taschenbuch hat 234 Seiten, die mich nicht wirklich überzeugen konnten. Zu einem lag es an der Story, zum anderen mag ich als Tierliebhaberin, keine seitenlangen Todeskämpfe lesen. Auch das subtile und unterschwellige, dass einen als Leser immer auf den „großen Knall“ hat warten lassen, ohne dass augenscheinlich etwas passierte, war so neu für mich.