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Nilchen

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Veröffentlicht am 06.03.2026

Können wir dem Altern wirklich ein Schnippchen schlagen?

Ab morgen jünger!
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Altern – normalerweise reden wir darüber wie über schlechtes Wetter: Es kommt halt, man kann nichts machen. Nina Ruge sieht das entschieden anders. In ihrem Sachbuch Ab morgen jünger! stellt sie eine provokante ...

Altern – normalerweise reden wir darüber wie über schlechtes Wetter: Es kommt halt, man kann nichts machen. Nina Ruge sieht das entschieden anders. In ihrem Sachbuch Ab morgen jünger! stellt sie eine provokante Frage: Was wäre, wenn wir viel mehr Einfluss auf unser biologisches Alter hätten, als wir glauben?
Schon nach wenigen Seiten merkt man: Das ist kein schnell geschriebener Lifestyle-Ratgeber mit ein paar Wellness-Tipps. Ruge taucht tief in die Welt der Longevity-Forschung ein – in Zellbiologie, Mitochondrien, epigenetische Prozesse und neue medizinische Ansätze, die gerade erst beginnen, unsere Vorstellung vom Altern zu verändern.
Und trotzdem liest sich das überraschend zugänglich.
Der große Pluspunkt dieses Buches ist Ruges Art zu schreiben. Sie verbindet journalistische Klarheit mit wissenschaftlicher Präzision. Komplexe Forschung wird nicht vereinfacht bis zur Unkenntlichkeit, sondern Schritt für Schritt erklärt – oft so, dass man sich beim Lesen dabei ertappt, plötzlich Dinge über den eigenen Körper zu verstehen, über die man vorher nie nachgedacht hat.
Dabei fungiert sie gleichzeitig als eine Art kritische Lotsin durch den Longevity-Boom. Zwischen Nahrungsergänzungsmitteln, neuen Therapien und futuristischen Ideen filtert sie heraus, was tatsächlich wissenschaftlich fundiert ist – und wo eher Wunschdenken oder Marketing dahintersteckt.
Was mir besonders gefallen hat: Dieses Buch verlangt kein Durchlesen am Stück. Es ist so reich an Informationen, Studien und Experteneinschätzungen, dass man es fast automatisch in Etappen liest.
Ich habe es immer wieder zur Hand genommen, einzelne Kapitel gelesen, etwas nachgeschlagen, weitergeblättert. Manche sehr detaillierten Passagen sind wissenschaftlich dicht – aber genau diese Teile kann man problemlos überspringen oder später noch einmal anschauen. Das Buch funktioniert also auch wunderbar in kleinen Wissens-Happen.
Neben futuristischen Entwicklungen – etwa neuen Medikamenten oder Zelltherapien – bleibt Ruge immer wieder bei einer einfachen Erkenntnis stehen: Ein großer Teil unserer Gesundheit im Alter entsteht durch Entscheidungen im Alltag.
Damit gelingt ihr eine spannende Balance zwischen wissenschaftlicher Zukunftsmusik und ganz praktischen Gedanken über Prävention und Lebensstil.
Ab morgen jünger! ist ein ausgesprochen fundiertes, klug aufgebautes Sachbuch über das Altern – und darüber, warum wir uns damit vielleicht nicht so passiv abfinden müssen, wie wir es gewohnt sind.
Wer Lust hat, tiefer in die Wissenschaft hinter gesunder Langlebigkeit einzutauchen, bekommt hier eine faszinierende Mischung aus Forschung, Einordnung und Denkanstößen. Kein oberflächlicher Ratgeber, sondern ein Wissensbuch, das man immer wieder aufschlägt.
Und ganz ehrlich: Nach der Lektüre schaut man auf das eigene Älterwerden plötzlich mit etwas mehr Neugier – und ein bisschen mehr Hoffnung.

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Veröffentlicht am 27.02.2026

Wer ist der Mörder auf einem Schiff ohne Fluchtweg?

Trügerisches La Rochelle
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Der Krimi Trügerisches La Rochelle von Jean-Claude Vinet (Pseudonym eines deutschen Autoren, der Frankreich liebt!) beginnt mit einem Einsatz, der zunächst unspektakulär wirkt – ein tödlicher Arbeitsunfall ...

Der Krimi Trügerisches La Rochelle von Jean-Claude Vinet (Pseudonym eines deutschen Autoren, der Frankreich liebt!) beginnt mit einem Einsatz, der zunächst unspektakulär wirkt – ein tödlicher Arbeitsunfall auf einem Errichterschiff vor der Küste. Doch schon bald kippt die Stimmung: Zwischen Wind, Wellen und einer auffallend verschlossenen Crew wird klar, dass hier niemand einfach gestolpert ist. Und das Entscheidende: Der Täter befindet sich noch an Bord. Ein klassisches Locked-Room-Szenario – nur eben mitten auf dem Meer.
Was diesen Band der Reihe besonders macht, ist der Schauplatz. Ein Installationsschiff für einen Offshore-Windpark ist nicht gerade der typische Krimiort, und genau das funktioniert erstaunlich gut. Die Arbeiten auf See, die Technik, das Aufstellen der gewaltigen Anlagen – all das wird so beschrieben, dass man ein Gefühl für diesen harten Arbeitsalltag bekommt. Gleichzeitig entsteht eine leicht klaustrophobische Atmosphäre: begrenzter Raum, raues Wetter, viele Menschen mit Geheimnissen.
Im Zentrum steht wieder Commissaire Chevalier, der nicht nur ermittelt, sondern auch als Mensch sichtbar bleibt. Kleine Einblicke in sein Privatleben und das seines Teams lockern die Ermittlungen auf und geben der Geschichte Tiefe. Man merkt, dass sich die Reihe über mehrere Bände entwickelt hat – dennoch lässt sich dieser Teil problemlos lesen, auch wenn man die drei vorherigen Fälle nicht kennt. Die wichtigsten Beziehungen und Konflikte erschließen sich ausreichend aus dem Kontext.
Der Fall selbst entwickelt sich spannend über mehrere Wendungen hinweg. Der Tote war offenbar kein einfacher Kollege, sondern jemand, der mit seiner pedantischen Art und seinem Einfluss viele gegen sich aufgebracht hatte. Verdächtige gibt es daher reichlich. Als dann weitere dramatische Ereignisse folgen, müssen die Ermittler ihre Theorien mehrfach überdenken. Besonders interessant fand ich, dass die Spurensuche auch in die Vergangenheit führt – zu früheren Unfällen und möglichen Vertuschungen rund um die Arbeit auf See.
Stilistisch liest sich der Roman überwiegend sehr flüssig. Allerdings stolpert man gelegentlich über Formulierungen, die ein wenig ungewöhnlich oder etwas verquer wirken. Das bremst den Lesefluss kurz, stört insgesamt aber nicht allzu sehr, weil die Geschichte und das Setting stark genug sind, um einen weiterzutragen.
Was mir besonders gefallen hat: Der Krimi verbindet klassische Ermittlungsarbeit mit einem ungewöhnlichen Milieu. Man lernt einen Arbeitsplatz kennen, den man sonst kaum wahrnimmt – und merkt schnell, wie viele Konflikte und Spannungen dort unter der Oberfläche schlummern.
Für mich ist „Trügerisches La Rochelle“ ein maritimer Krimi mit Flair, einem spannenden Ermittlerteam und einem Schauplatz, der wirklich im Gedächtnis bleibt. Wer Krimis mag, die nicht nur den Täter suchen, sondern auch eine Welt zeigen, in der gearbeitet, gestritten und geschwiegen wird, dürfte hier genau richtig sein.
Dies ist der vierte Fall von Commissaire Chevalier, ist durch auch auch ohne Vorkenntnisse der anderen drei Fälle lesbar.

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Veröffentlicht am 21.02.2026

Eisberge, Kabeljau und ein Sommer, der vieles verändert

Sommer auf Perigo Island
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Wie fühlt man sich als 9jähriger, wenn man den Vater verliert, der als Fischer nicht mehr nach Hause kommt? Dramatisch und prägend. Im Roman steht genau dieses Ereignis am Anfang der Geschichte „Sommer ...

Wie fühlt man sich als 9jähriger, wenn man den Vater verliert, der als Fischer nicht mehr nach Hause kommt? Dramatisch und prägend. Im Roman steht genau dieses Ereignis am Anfang der Geschichte „Sommer auf Perigo Island“.
“Letzten Endes war es egal, was genau passiert war, denn das Meer hatte meine Welt mit sich gerissen.” S 143
Dann springt die Geschichte drei Jahre nach vorne, Pierce ist mittlerweile 12 Jahre alt, es ist Sommer auf der Insel in Neufundland und es hätte ein entspannter vor sich hin plätschernder Sommer werden können. Aber dem war nicht so, denn es wird ein Mädchen vermisst. Pierce und seine beiden Freunde, Bennie & Thomas, sowohl Bennies Cousine, die zu besuch ist, Emily, wollen Anna finden.
Was sich als kindlichen Sommerplot liest, ist eine gut geschriebene Geschichte, die uns sehr weit weg trägt. In eine Landschaft und ein Leben, das ferner nicht sein könnte. Kabeljau-Fischer, Ende der 90er Jahre auf einer Insel in Neufundland, wo Eisberge selbst im Sommer noch an der Küste vorbei treiben. Atemberaubend.
Eine runde und gelungene Geschichte. Von mir gibt es nur Abzug in der B-Note. Denn die literarische Umsetzung hätte aus meiner Sicht an der ein und anderen Stelle noch ein Ticken runder sein können. Sieht man davon ab, ist es ein toller Roman!
Der Autor Perry Chafe ist auf Fogo Island (Petty Harbour) großgeworden und das macht den Roman so lesenswert. Wenn der/die Schreibende erlebte was beschrieben wird, dann kommt eine Echtheits-Komponente ins Spiel, die nicht zu toppen ist. Auch wenn dies hier eine fiktionale Geschichte ist.
Großes Lob an den mare Verlag, dass die Übersetzerin auf dem Cover genannt wurde: Claudia Feldmann. A propos Cover, es ist sehr gelungen, habe es nach dem Lesen noch mal eingehen betrachtet und es passt perfekt!
Wer kann es lesen? Jede:r! Da es hier um universale Werte und auch um einen Einblick in die Vergangenheit sowie die Verzahnung von Jung und Alt, Vergänglichkeit und Leben geht sowie um Natur und Freundschaften, macht es dieses Buch zu einem, dass jeder zur Hand nehmen kann!
Ich wünsche diesem Buch sehr viele Leser:innen in Deutschland, nachdem es bereits in Kanada ein Bestseller wurde.

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Veröffentlicht am 25.01.2026

Zwischen Sorge und Hoffnung: „Emily Forever“ von Maria Navarro Skaranger

Emily Forever
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Manchmal reicht ein einziges „Nein“ – oder in Emilys Fall ein einzelnes „Ja, ich bin schwanger“ –, um eine ganze Welt ins Wanken zu bringen. Emily ist neunzehn, schwanger und auf sich allein gestellt. ...

Manchmal reicht ein einziges „Nein“ – oder in Emilys Fall ein einzelnes „Ja, ich bin schwanger“ –, um eine ganze Welt ins Wanken zu bringen. Emily ist neunzehn, schwanger und auf sich allein gestellt. Ihr Freund Pablo ist mehr ein Geist als ein Partner, nur sporadisch über das Handy zu erreichen, und die Unsicherheit darüber, wie er überhaupt zu seinem Kind stehen wird, lastet schwer auf ihr. In dieser prekären Lage zieht Emilys Mutter in ihre winzige Wohnung, will helfen, doch ihre ständigen Zweifel und Erwartungen wirken manchmal schwerer als jede Last, die Emily ohnehin schon trägt.
Und dann ist da noch die leise Präsenz der Menschen um sie herum: der Nachbar, der sich fragt, ob man sich in jemanden verlieben darf, den man kaum kennt, oder der Chef im Supermarkt, der unsicher zwischen Sorge und eigener Zuneigung schwankt. Skaranger zeichnet diese Figuren mit zartem Humor, aber auch mit spürbarer Empathie – jeder Versuch, Emily zu helfen, ist so menschlich wie unvollkommen.
Der Roman arbeitet mit einem ungewöhnlichen Erzählton: Alles wird aus einer gewissen Distanz beschrieben, fast wie ein Beobachter, der das Innenleben Emilys spürt, ohne vollständig darin aufzugehen. Anfangs befremdlich, später faszinierend – man merkt, dass genau diese Mischung aus Nähe und Abstand den Kern der Geschichte ausmacht. Emily wirkt stark, mutig und trotz aller Widrigkeiten kämpferisch, doch die Unsicherheiten ihres jungen Alters machen sie verletzlich und nahbar.
„Emily Forever“ ist keine Geschichte mit klaren Antworten. Armut, Klassenscham, gesellschaftliche Erwartungen und die Suche nach Solidarität verweben sich zu einem bewegenden Ganzen. Skaranger verzichtet auf kitschige Lösungen, und gerade das macht die Lektüre so eindringlich. Man lacht, man seufzt, man fiebert – und manchmal bleibt das Herz einfach stehen vor Sorge um diese junge Frau, die ihr eigenes Leben und das ihres Kindes noch nicht greifen kann.
Ein Roman, der lange nachklingt, der das Herz berührt und die Frage aufwirft: Wie viel Unterstützung ist genug, und wie sehr darf man selbst über das Leben eines anderen urteilen?
Fazit: Eine einfühlsame, manchmal bittere, oft humorvolle Geschichte über Mut, Verletzlichkeit und die unerwartete Solidarität, die wir im Alltag finden können. „Emily Forever“ ist ein Buch, das man nicht so schnell vergisst.

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Veröffentlicht am 20.01.2026

Ein Wohlfühlbuch

Mathilde und Marie
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Mathilde und Marie ist ein Roman, den man nicht „verschlingt“, sondern in den man sich hineinsetzt – wie auf eine Bank vor einer Buchhandlung, mit Zeit, Ruhe und der Bereitschaft, sich auf Langsamkeit ...

Mathilde und Marie ist ein Roman, den man nicht „verschlingt“, sondern in den man sich hineinsetzt – wie auf eine Bank vor einer Buchhandlung, mit Zeit, Ruhe und der Bereitschaft, sich auf Langsamkeit einzulassen. Torsten Woywod erzählt in seinem ersten eigenen Roman eine sehr persönliche Geschichte, das spürt man auf jeder Seite. Und genau darin liegt zugleich seine Stärke und seine Schwäche.
Die Ausgangssituation ist klassisch, fast märchenhaft: Marie, 26, verlässt Paris überstürzt, innerlich erschöpft, äußerlich orientierungslos. Eine Zugfahrt wird zum Wendepunkt, eine Begegnung zur Einladung in ein anderes Leben. Redu, das reale Bücherdorf in den Ardennen, wirkt wie ein Gegenentwurf zur modernen Welt: wenig Internet, viel Natur, Bücher statt Bildschirme, Menschen statt Profile. Ein Ort, an dem man zur Ruhe kommen kann – oder soll.
Woywod entfaltet diese Welt mit großer Liebe. Die Naturbeschreibungen sind detailliert, oft sehr schön, manchmal fast meditativ. Jahreszeiten, Spaziergänge, Licht, Wälder, Hunde – all das trägt zu einer Atmosphäre bei, die eindeutig auf Entschleunigung zielt. Auch das Thema Lesen und der stationäre Buchhandel werden sichtbar als Herzensangelegenheit des Autors eingebettet. Wer Bücher liebt, wird sich hier verstanden fühlen.
Im Zentrum stehen die Beziehungen: die warme, fast sofortige Nähe zwischen Marie und Jónína, später die vorsichtige Annäherung an Mathilde, die lange abweisend bleibt und doch eine tiefe Verletzlichkeit in sich trägt. Die Idee, zwei Frauen mit ähnlichen biografischen Wunden langsam zueinander finden zu lassen, ist schön und berührend gedacht. Die wechselnden Perspektiven erlauben Einblicke in ihre Gefühlswelten und verleihen dem Roman eine gewisse Sanftheit.
Und doch blieb bei mir eine Distanz. Viele Figuren sind sehr wohlwollend gezeichnet – vielleicht zu wohlwollend. Konflikte werden kaum zugespitzt, Ecken und Kanten fast vollständig abgeschliffen. Redu erscheint wie ein Ort, an dem alle verständnisvoll, freundlich und geduldig sind (mit wenigen Ausnahmen, die erwartbar aufgelöst werden). Das erzeugt eine starke Wohlfühlatmosphäre, nimmt der Geschichte aber auch Spannung und Tiefe. Entwicklungen sind vorhersehbar, Überraschungen bleiben aus, und echte Reibung entsteht selten.
So wurde das Lesen für mich stellenweise zäh. Nicht, weil der Stil schlecht wäre – im Gegenteil, er ist ruhig und sauber –, sondern weil der Roman kaum Sog entwickelt. Er trägt, aber er zieht nicht. Man bleibt eher aus Sympathie und Wohlwollen dran als aus innerem Drang.
Unterm Strich ist Mathilde und Marie ein warmherziges, stilles Buch über Freundschaft, Verlust, Neubeginn und die Sehnsucht nach einem anderen Rhythmus des Lebens. Es ist ein echtes Wohlfühlbuch, das wichtige Werte hochhält: Achtsamkeit, Menschlichkeit, Nähe zur Natur. Literarisch bleibt es jedoch eher an der Oberfläche, wo man sich manchmal mehr Tiefe, mehr Mut zur Unbequemlichkeit wünschen würde.
Für Leser:innen, die leise Geschichten lieben, die entschleunigen möchten und sich gern in Bücherorte träumen, ist dieser Roman genau richtig. Wer jedoch Spannung, Ambivalenz oder psychologische Schärfe sucht, könnte enttäuscht zurückbleiben. Für mich bleibt ein sympathisches Buch mit schöner Idee – aber auch mit verpasstem Potenzial.

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