13. August 1961, pünktlich um 08:10 Uhr verlässt der Interzonenzug D-51 München in Richtung Ostberlin.
Im Zug sitzen u.a. eine 4-köpfige Band, ein älteres Ehepaar, Ehepaare mit Kindern, ein Kommissar auf ...
13. August 1961, pünktlich um 08:10 Uhr verlässt der Interzonenzug D-51 München in Richtung Ostberlin.
Im Zug sitzen u.a. eine 4-köpfige Band, ein älteres Ehepaar, Ehepaare mit Kindern, ein Kommissar auf der Suche nach einem Beweis um einen Mörder zu überführen und eine Leistungssportlerin mit ihrer Trainerin. Die meisten Fahrgäste kommen aus der DDR und befinden sich auf ihrer Heimreise in die Zone.
Eine ganz normale Zugfahrt, bis auf einmal das Gerücht aufkommt dass der Staatsratsvorsitzender der DDR, Ulbricht, eine Mauer zum Westen baut. In 3½ Stunden wird dieser Zug die Grenze zur DDR passieren und es gibt keinen Weg zurück.
Robert Krause beschreibt die Schicksale der einzelnen Personen in flüssiger Sprache. Innerhalb von 3½ Stunden müssen die Fahrgäste sich entscheiden: Steigen wir aus oder entscheide ich mich gegen die Freiheit, aber für die Freunde und Familie, die dort auf mich warten?
Ein Buch das zum Nachdenken anregt. Wie hätte ich mich in der Situation entschieden?
Ein spannendes Buch, geschrieben wie ein Thriller, das man kaum aus der Hand legen kann.
Christopher Flinders lebt zurückgezogen auf dem Land in Yorkshire. Mit seiner Ex-Frau Carol verbindet ihn ein freundschaftliches Verhältnis, Kinder hat er ...
HEIMLICHE ZEILEN
Clare Chambers
ET: 26.06.26
Christopher Flinders lebt zurückgezogen auf dem Land in Yorkshire. Mit seiner Ex-Frau Carol verbindet ihn ein freundschaftliches Verhältnis, Kinder hat er keine. Die einzige Familie, die ihm geblieben ist, ist sein Bruder Gerald – exzentrisch, rastlos und meist ohne festen Wohnsitz. Als Gerald nach dem Tod der Eltern in das gemeinsam geerbte Haus einzieht und einfach nicht mehr ausziehen will, gerät das ohnehin fragile Verhältnis der Brüder zunehmend unter Druck.
Bei einem weiteren Versuch, Gerald zum Ausziehen zu bewegen, entdeckt Christopher einen Brief in der Post. Die Absenderin Alex bittet ihn, ihr alles über einen gewissen Oven Goddard zu erzählen. Zunächst erwägt Christopher, höflich abzulehnen oder nur eine beschönigte Version der Wahrheit zu schildern. Doch schließlich entscheidet er sich dafür, ehrlich zu sein – und öffnet damit die Tür zu seiner eigenen Vergangenheit.
Zwanzig Jahre zuvor hatte Christopher sein Mathematikstudium kurz vor dem Abschluss abgebrochen, um Schriftsteller zu werden. Bei einem Dinner seines Lektors begegnete er einer außergewöhnlichen Frau. Aus einer vorsichtigen Freundschaft entwickelte sich eine tiefe Liebe, die abrupt endete. Die Gründe dafür müsst ihr allerdings selber hinausfinden.
HEIMLICHE ZEILEN ist bereits mein drittes Buch von Clare Chambers, und erneut überzeugt sie mit fein gezeichneten Figuren und einem unaufgeregten, bildhaften Erzählstil. Die Rückblicke in Christophers Vergangenheit verleihen dem Roman Tiefe und machen das Ende stimmig und nachvollziehbar.
Fazit:
Wer literarische Reisen nach Yorkshire oder London schätzt und leise, charaktergetriebene Geschichten mag, wird mit diesem Roman sehr gut unterhalten.
4/5
SOLOTHURN RUFT NACH VERGELTUNG
Christof Gasser
ET: 27.01.2026
Auch im siebten Fall des Chefermittlers Hauptmann Dominik Dornach geht es um einen Mord in Solothurn. Das Opfer ist der Regisseur Tom Kurti, ...
SOLOTHURN RUFT NACH VERGELTUNG
Christof Gasser
ET: 27.01.2026
Auch im siebten Fall des Chefermittlers Hauptmann Dominik Dornach geht es um einen Mord in Solothurn. Das Opfer ist der Regisseur Tom Kurti, der eigens zur Preisverleihung der Solothurner Filmtage angereist ist. Dornach und sein Team übernehmen die Ermittlungen.
Schnell stellt sich die Frage: Musste Kurti sterben, weil sein Film über Femizide und Ehrenmorde jemandem zu nahe trat? Hat er sich womöglich mit albanischen Clans angelegt?
Die Ermittlungen der Solothurner Kriminalpolizei laufen auf Hochtouren. Schon bald zeigt sich eine brisante Parallele: Im Film wird das Schicksal einer jungen Frau thematisiert, die vor Jahren mit einem Kehlschnitt in Solothurn tot aufgefunden wurde – und Dornach war damals der leitende Ermittler. Fest steht: Tom Kurti starb auf dieselbe Weise.
Hat die Kripo damals womöglich falsch ermittelt und einen Unschuldigen verdächtigt?
All das – und noch vieles mehr – müsst ihr natürlich selbst herausfinden.
Auch in seinem neuesten Solothurn-Krimi bleibt Christof Gasser sich treu: Hochaktuelle gesellschaftliche Themen werden gekonnt in eine spannende Kriminalhandlung verwoben. Besonders beeindruckend sind die atmosphärischen Beschreibungen der Stadt Solothurn, die so lebendig wirken, dass man als Leser das Gefühl hat, gemeinsam mit Dornach durch die Gassen zu gehen.
Femizide und Ehrenmorde sind Themen, die uns alle betreffen – und bei denen Wegschauen keine Option ist.
Ein kleiner Kritikpunkt: Der Autor greift immer wieder Ereignisse aus früheren Bänden auf. Das wirkt stellenweise etwas überladen, denn nicht jeder Leser muss die Details der Vorgänger kennen. Wer mehr erfahren möchte, kann diese schliesslich selbst lesen.
Fazit:
Ein spannender, brandaktueller Krimi, in dem wir auf viele bekannte Figuren treffen. Die Geschichte ist in sich abgeschlossen und auch ohne Vorkenntnisse gut lesbar. Gerne empfehle ich diesen fesselnden Krimi weiter.
4/5
Die 60-jährige Nora findet nach ihrer überstandenen Herzoperation nicht mehr in ihren Alltag zurück. Wie auch, wenn sich scheinbar alles verschoben hat. Ihr ...
DIE LIEBE, SPÄTER
Gisa Klönne
ET: 27.01.26
Die 60-jährige Nora findet nach ihrer überstandenen Herzoperation nicht mehr in ihren Alltag zurück. Wie auch, wenn sich scheinbar alles verschoben hat. Ihr Mann Amsel, der während der OP nicht von ihrer Seite wich, ist inzwischen im Ruhestand und pendelt erstmals seit ihrem gemeinsamen Leben nicht mehr zwischen den Städten. Stattdessen ist er nun ständig präsent im Kölner Haus, richtet sich häuslich ein, erfüllt sich den lang gehegten Traum von einem Gartenteich und streicht an Regentagen die Innenwände. Auch Noras eigenes Berufsleben steht zur Disposition: Ein Aufhebungsvertrag vom Radio liegt auf ihrem Sekretär, unterschriftsreif, aber noch ohne Entscheidung.
Während Amsel sich auf das neue gemeinsame Zuhause freut, beginnt Nora zu zweifeln. Ist das wirklich das Leben, das sie führen möchte? Vergangene Entscheidungen drängen sich auf, alte Freundschaften werfen lange Schatten, und ihr bisher so stabiles Dasein gerät ins Wanken. Lohnt es sich, in diesem Alter noch einmal alles infrage zu stellen und neu anzufangen – und warum sollte sie das tun, wo sie doch den Mann an ihrer Seite hat, den sie all die Jahre geliebt und geschätzt hat?
Zusätzlich beschäftigt Nora das rätselhafte Verschwinden von Leonie, der Frau eines Bekannten. Liegt ein Verbrechen vor oder hat Leonie ihr Leben einfach hinter sich gelassen, um einen neuen Weg einzuschlagen?
Gisa Klönne erzählt in ruhigem, klarem Ton von einem kinderlosen Ehepaar im Übergang und vom Älterwerden mit all den leisen Erschütterungen, die damit einhergehen. Authentisch und feinfühlig lässt sie ihre Protagonistin auf ein gelebtes Leben mit all seinen Brüchen, Verlusten und verpassten Möglichkeiten zurückblicken. Besonders gefallen haben mir Noras immer wiederkehrende fünf Gedanken, mit denen sie Situationen und Menschen einordnet – ein kluges erzählerisches Mittel, das dem Roman zusätzliche Tiefe verleiht.
Ich habe das Buch sehr gern gelesen. DIE LIEBE, SPÄTER empfehle ich vor allem Leserinnen und Lesern in der Lebensmitte; ob jüngere Menschen denselben Zugang finden, bezweifle ich.
Fazit:
Ein kluger, ruhiger und sehr authentischer Roman über das Älterwerden mit all seinen Reizen und Ambivalenzen.
4/5
Triest, 1920 – eine Stadt im Umbruch, eingeklemmt zwischen Nationen, Ideologien und verletzten Identitäten. Hier wächst Mattia Gregori auf, der Sohn eines Uhrmachers ...
BAMBINO
Marco Balzano
ET: 21.1. 2026
Triest, 1920 – eine Stadt im Umbruch, eingeklemmt zwischen Nationen, Ideologien und verletzten Identitäten. Hier wächst Mattia Gregori auf, der Sohn eines Uhrmachers und seiner Frau Donatella. Der ältere Bruder hat die politischen Spannungen früh erkannt und ist nach Amerika ausgewandert, Mattia hingegen bleibt zurück: haltlos, wütend und ohne klare Perspektive.
Schon als Schüler fällt er durch seine Aggressivität auf. Er ist unzufrieden mit seinem Leben und fühlt sich von seinen Kameraden nicht ernst genommen. Sie verspotten ihn als „Bambino“, wegen seines kindlichen Aussehens, der glatten Haut und des fehlenden Bartwuchses. Nur ein einziger Freund hält zunächst zu ihm, doch auch dieser wendet sich ab, nachdem Mattia sich weigert, einen Ertrinkenden zu retten.
Ein ehrbares Leben kommt für Mattia nicht infrage. Den Wunsch seines Vaters, ihn in die Uhrmacherlehre zu geben, quittiert er mit Hohn. Stattdessen stiehlt und betrügt er, zunehmend getrieben von Frustration und Gewaltbereitschaft, bis er schließlich bei den Schwarzhemden landet, den italienischen Faschisten, die gezielt gegen Slowenen an der Grenze und gegen Kommunisten vorgehen.
„Mir kam es vor, als dächten alle, ich würde mich nicht genug anstrengen, deshalb schlug ich umso heftiger zu.“ (S. 55)
Mattia ist überzeugt, auf dem richtigen Weg zu sein. Die Scham seines antifaschistischen Vaters, dessen Ablehnung seines Faschistendaseins und dessen düstere Prophezeiungen blendet er aus. Er sieht nur den Aufstieg der Partei und versteht nicht, warum sich sein Vater weigert, ihr beizutreten.
Als Donatella ihm auf dem Sterbebett offenbart, dass sie nicht seine leibliche Mutter ist, verliert Mattia den letzten Halt. Getrieben von einer immer stärkeren Besessenheit macht er sich auf die Suche nach seiner Herkunft. Moralische Grenzen existieren für ihn längst nicht mehr, jedes Mittel scheint ihm gerechtfertigt.
Marco Balzano gelingt es erneut, eine fiktive Biografie eng mit historischen Ereignissen zu verknüpfen. Die Geschichte Triests und die gewaltsame Verdrängung der slowenischen Bevölkerung waren mir in dieser Deutlichkeit nicht bekannt, umso dankbarer war ich für diese literarische Annäherung an ein verdrängtes Kapitel europäischer Geschichte.
Balzanos bildhafte, eindringliche Sprache entfaltet eine große Sogwirkung. Man liest wie im Rausch, obwohl – oder gerade weil – Mattia ein zutiefst unsympathischer Protagonist ist: ein Mensch, dem man im wirklichen Leben aus dem Weg gehen würde und der einen dennoch bis zur letzten Seite fesselt.
Fazit:
Ein weiteres sehr gutes Buch von Marco Balzano.
Lebendig erzählt, historisch aufgeladen und psychologisch präzise.
Für mich ein wichtiges Buch, das ich uneingeschränkt empfehlen möchte.
4/5