Profilbild von Lesemaus-Hamburg

Lesemaus-Hamburg

Lesejury Star
offline

Lesemaus-Hamburg ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Lesemaus-Hamburg über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 21.02.2026

Ein spannender, brandaktueller Krimi!

Solothurn ruft nach Vergeltung
0

SOLOTHURN RUFT NACH VERGELTUNG
Christof Gasser
ET: 27.01.2026

Auch im siebten Fall des Chefermittlers Hauptmann Dominik Dornach geht es um einen Mord in Solothurn. Das Opfer ist der Regisseur Tom Kurti, ...

SOLOTHURN RUFT NACH VERGELTUNG
Christof Gasser
ET: 27.01.2026

Auch im siebten Fall des Chefermittlers Hauptmann Dominik Dornach geht es um einen Mord in Solothurn. Das Opfer ist der Regisseur Tom Kurti, der eigens zur Preisverleihung der Solothurner Filmtage angereist ist. Dornach und sein Team übernehmen die Ermittlungen.

Schnell stellt sich die Frage: Musste Kurti sterben, weil sein Film über Femizide und Ehrenmorde jemandem zu nahe trat? Hat er sich womöglich mit albanischen Clans angelegt?

Die Ermittlungen der Solothurner Kriminalpolizei laufen auf Hochtouren. Schon bald zeigt sich eine brisante Parallele: Im Film wird das Schicksal einer jungen Frau thematisiert, die vor Jahren mit einem Kehlschnitt in Solothurn tot aufgefunden wurde – und Dornach war damals der leitende Ermittler. Fest steht: Tom Kurti starb auf dieselbe Weise.

Hat die Kripo damals womöglich falsch ermittelt und einen Unschuldigen verdächtigt?

All das – und noch vieles mehr – müsst ihr natürlich selbst herausfinden.

Auch in seinem neuesten Solothurn-Krimi bleibt Christof Gasser sich treu: Hochaktuelle gesellschaftliche Themen werden gekonnt in eine spannende Kriminalhandlung verwoben. Besonders beeindruckend sind die atmosphärischen Beschreibungen der Stadt Solothurn, die so lebendig wirken, dass man als Leser das Gefühl hat, gemeinsam mit Dornach durch die Gassen zu gehen.

Femizide und Ehrenmorde sind Themen, die uns alle betreffen – und bei denen Wegschauen keine Option ist.

Ein kleiner Kritikpunkt: Der Autor greift immer wieder Ereignisse aus früheren Bänden auf. Das wirkt stellenweise etwas überladen, denn nicht jeder Leser muss die Details der Vorgänger kennen. Wer mehr erfahren möchte, kann diese schliesslich selbst lesen.

Fazit:
Ein spannender, brandaktueller Krimi, in dem wir auf viele bekannte Figuren treffen. Die Geschichte ist in sich abgeschlossen und auch ohne Vorkenntnisse gut lesbar. Gerne empfehle ich diesen fesselnden Krimi weiter.
4/5

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 30.01.2026

Lebenskrise im Alter ...

Die Liebe, später
0

DIE LIEBE, SPÄTER
Gisa Klönne
ET: 27.01.26

Die 60-jährige Nora findet nach ihrer überstandenen Herzoperation nicht mehr in ihren Alltag zurück. Wie auch, wenn sich scheinbar alles verschoben hat. Ihr ...

DIE LIEBE, SPÄTER
Gisa Klönne
ET: 27.01.26

Die 60-jährige Nora findet nach ihrer überstandenen Herzoperation nicht mehr in ihren Alltag zurück. Wie auch, wenn sich scheinbar alles verschoben hat. Ihr Mann Amsel, der während der OP nicht von ihrer Seite wich, ist inzwischen im Ruhestand und pendelt erstmals seit ihrem gemeinsamen Leben nicht mehr zwischen den Städten. Stattdessen ist er nun ständig präsent im Kölner Haus, richtet sich häuslich ein, erfüllt sich den lang gehegten Traum von einem Gartenteich und streicht an Regentagen die Innenwände. Auch Noras eigenes Berufsleben steht zur Disposition: Ein Aufhebungsvertrag vom Radio liegt auf ihrem Sekretär, unterschriftsreif, aber noch ohne Entscheidung.

Während Amsel sich auf das neue gemeinsame Zuhause freut, beginnt Nora zu zweifeln. Ist das wirklich das Leben, das sie führen möchte? Vergangene Entscheidungen drängen sich auf, alte Freundschaften werfen lange Schatten, und ihr bisher so stabiles Dasein gerät ins Wanken. Lohnt es sich, in diesem Alter noch einmal alles infrage zu stellen und neu anzufangen – und warum sollte sie das tun, wo sie doch den Mann an ihrer Seite hat, den sie all die Jahre geliebt und geschätzt hat?

Zusätzlich beschäftigt Nora das rätselhafte Verschwinden von Leonie, der Frau eines Bekannten. Liegt ein Verbrechen vor oder hat Leonie ihr Leben einfach hinter sich gelassen, um einen neuen Weg einzuschlagen?

Gisa Klönne erzählt in ruhigem, klarem Ton von einem kinderlosen Ehepaar im Übergang und vom Älterwerden mit all den leisen Erschütterungen, die damit einhergehen. Authentisch und feinfühlig lässt sie ihre Protagonistin auf ein gelebtes Leben mit all seinen Brüchen, Verlusten und verpassten Möglichkeiten zurückblicken. Besonders gefallen haben mir Noras immer wiederkehrende fünf Gedanken, mit denen sie Situationen und Menschen einordnet – ein kluges erzählerisches Mittel, das dem Roman zusätzliche Tiefe verleiht.

Ich habe das Buch sehr gern gelesen. DIE LIEBE, SPÄTER empfehle ich vor allem Leserinnen und Lesern in der Lebensmitte; ob jüngere Menschen denselben Zugang finden, bezweifle ich.

Fazit:
Ein kluger, ruhiger und sehr authentischer Roman über das Älterwerden mit all seinen Reizen und Ambivalenzen.
4/5

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 21.01.2026

Bildreich

Bambino
0

BAMBINO
Marco Balzano
ET: 21.1. 2026

Triest, 1920 – eine Stadt im Umbruch, eingeklemmt zwischen Nationen, Ideologien und verletzten Identitäten. Hier wächst Mattia Gregori auf, der Sohn eines Uhrmachers ...

BAMBINO
Marco Balzano
ET: 21.1. 2026

Triest, 1920 – eine Stadt im Umbruch, eingeklemmt zwischen Nationen, Ideologien und verletzten Identitäten. Hier wächst Mattia Gregori auf, der Sohn eines Uhrmachers und seiner Frau Donatella. Der ältere Bruder hat die politischen Spannungen früh erkannt und ist nach Amerika ausgewandert, Mattia hingegen bleibt zurück: haltlos, wütend und ohne klare Perspektive.

Schon als Schüler fällt er durch seine Aggressivität auf. Er ist unzufrieden mit seinem Leben und fühlt sich von seinen Kameraden nicht ernst genommen. Sie verspotten ihn als „Bambino“, wegen seines kindlichen Aussehens, der glatten Haut und des fehlenden Bartwuchses. Nur ein einziger Freund hält zunächst zu ihm, doch auch dieser wendet sich ab, nachdem Mattia sich weigert, einen Ertrinkenden zu retten.

Ein ehrbares Leben kommt für Mattia nicht infrage. Den Wunsch seines Vaters, ihn in die Uhrmacherlehre zu geben, quittiert er mit Hohn. Stattdessen stiehlt und betrügt er, zunehmend getrieben von Frustration und Gewaltbereitschaft, bis er schließlich bei den Schwarzhemden landet, den italienischen Faschisten, die gezielt gegen Slowenen an der Grenze und gegen Kommunisten vorgehen.

„Mir kam es vor, als dächten alle, ich würde mich nicht genug anstrengen, deshalb schlug ich umso heftiger zu.“ (S. 55)

Mattia ist überzeugt, auf dem richtigen Weg zu sein. Die Scham seines antifaschistischen Vaters, dessen Ablehnung seines Faschistendaseins und dessen düstere Prophezeiungen blendet er aus. Er sieht nur den Aufstieg der Partei und versteht nicht, warum sich sein Vater weigert, ihr beizutreten.

Als Donatella ihm auf dem Sterbebett offenbart, dass sie nicht seine leibliche Mutter ist, verliert Mattia den letzten Halt. Getrieben von einer immer stärkeren Besessenheit macht er sich auf die Suche nach seiner Herkunft. Moralische Grenzen existieren für ihn längst nicht mehr, jedes Mittel scheint ihm gerechtfertigt.

Marco Balzano gelingt es erneut, eine fiktive Biografie eng mit historischen Ereignissen zu verknüpfen. Die Geschichte Triests und die gewaltsame Verdrängung der slowenischen Bevölkerung waren mir in dieser Deutlichkeit nicht bekannt, umso dankbarer war ich für diese literarische Annäherung an ein verdrängtes Kapitel europäischer Geschichte.

Balzanos bildhafte, eindringliche Sprache entfaltet eine große Sogwirkung. Man liest wie im Rausch, obwohl – oder gerade weil – Mattia ein zutiefst unsympathischer Protagonist ist: ein Mensch, dem man im wirklichen Leben aus dem Weg gehen würde und der einen dennoch bis zur letzten Seite fesselt.

Fazit:
Ein weiteres sehr gutes Buch von Marco Balzano.
Lebendig erzählt, historisch aufgeladen und psychologisch präzise.
Für mich ein wichtiges Buch, das ich uneingeschränkt empfehlen möchte.
4/5

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 16.01.2026

Ein intensives Buch

Die Ausweichschule
0

DIE AUSWEICHSCHULE
Kaleb Erdmann
ET: 31.07.2025

Erfurt, 26. April 2002:
Der Ich-Erzähler ist elf Jahre alt und besucht die fünfte Klasse, als ein ehemaliger Schüler des Gutenberg-Gymnasiums das Schulgebäude ...

DIE AUSWEICHSCHULE
Kaleb Erdmann
ET: 31.07.2025

Erfurt, 26. April 2002:
Der Ich-Erzähler ist elf Jahre alt und besucht die fünfte Klasse, als ein ehemaliger Schüler des Gutenberg-Gymnasiums das Schulgebäude stürmt, 16 Menschen erschießt und sich anschließend selbst tötet. Der Erzähler ist überzeugt, kein Trauma davongetragen zu haben. Weder mit seinen Freunden noch innerhalb der Schule wird der Amoklauf thematisiert. Stattdessen zieht die gesamte Schulgemeinschaft in ein anderes Gebäude um – die sogenannte Ausweichschule. Eineinhalb Jahre später zieht der Erzähler mit seinen Eltern nach München.

Zwanzig Jahre später bringt ein einschneidendes Ereignis die verdrängten Erinnerungen wieder an die Oberfläche. Der Erzähler beschließt, ein Buch über das Erlebte zu schreiben – doch was hat er tatsächlich erlebt? Seine Erinnerungen sind bruchstückhaft, oft getrübt, und es stellt sich die Frage, ob man alte Wunden überhaupt wieder aufreißen darf.

Kaleb Erdmann hat ein ungewöhnliches Buch geschrieben: weder Roman noch Sachbuch, sondern eine eindringliche Form literarischer Vergangenheitsbewältigung. Er selbst steht dabei meist im Fokus der Erzählung, und trotz des ernsten und traurigen Themas gibt es einige Schmunzelmomente.

Fazit:
Ein intensives und bewegendes Buch über eine kaum vorstellbare Gewalttat. Trotz seines literarischen Anspruchs lässt es sich schnell und flüssig lesen und wirkt lange nach. Zu Recht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2025.
4/5

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 14.01.2026

Erneut ein sehr gutes Buch!

Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel
0

MEIN GANZES LEBEN, ÖL AUF LEINWAND, OHNE TITEL
Alena Schröder
ET: 19.01.2026

Das neueste Buch von Alena Schröder spielt – wie gewohnt – auf zwei Zeitebenen.
Im Mittelpunkt des Romans stehen zwei Frauen.

Güstrow, ...

MEIN GANZES LEBEN, ÖL AUF LEINWAND, OHNE TITEL
Alena Schröder
ET: 19.01.2026

Das neueste Buch von Alena Schröder spielt – wie gewohnt – auf zwei Zeitebenen.
Im Mittelpunkt des Romans stehen zwei Frauen.

Güstrow, 1945:
Die 14-jährige Marlen versteckt sich vor den russischen Soldaten, die auf dem Vormarsch Richtung Deutschland sind und Zerstörung und Gewalt hinterlassen. Zuflucht findet sie in einem alten, verlassenen Forsthaus. Ihre Mutter und ihr jüngerer Bruder haben sich im Fluss bei Demmin ertränkt – nur Marlen konnte sich in letzter Sekunde aus dem festen Griff ihrer Mutter befreien.

In ihrem Versteck entdeckt sie nicht nur ein kleines, auf Leinwand gemaltes Bild, sondern begegnet auch Wilma, die Marlen mitnimmt und ihr zunächst für ein paar Tage Unterschlupf bietet. Doch aus Tagen werden Jahre. Wilma ist mit dem Maler Jon verheiratet, der nach dem Ende des Krieges nicht von der Ostfront zurückkehrt. Sie beginnt, seine Leinwände zu übernehmen und zu übermalen. Endlich kann sie ihre eigene Kunst ausleben, die ihr in der Ehe mit ihrem Mann verwehrt blieb. Wilma brennt für den Sozialismus und malt heroische Bilder. Auch Marlen lernt ihre Techniken, entwickelt jedoch bald eigene Vorstellungen, die nicht zu Wilmas Idealen passen.

Berlin, 2023:
Die 34-jährige Hannah lebt allein in ihrer Wohnung in Berlin, als plötzlich ihr Vater auftaucht – ein Mann, den sie nie kennengelernt hat. Angeblich wollten ihre verstorbene Mutter und Großmutter nie, dass er Kontakt zu ihr aufnimmt. Doch Hannah will diese Erklärung nicht glauben. Sie ahnt, dass ihr Vater andere Gründe hat, sich ausgerechnet jetzt bei ihr zu melden.

Welches Geheimnis dahintersteckt und was all das mit der kleinen Leinwand zu tun hat, die einst Marlen fand, müsst ihr selbst herausfinden.

Der Schreibstil von Alena Schröder ist wie gewohnt leicht und von der ersten Seite an wunderbar zu lesen. Federleicht verwebt sie die Frauen in ihren jeweiligen Lebenszeiten und schafft damit ein bildliches, vielschichtiges Porträt. Die Seiten flogen nur so dahin, und ich fühlte mich den Protagonistinnen schnell verbunden.

Allerdings fehlte mir die Verbindung zwischen den beiden Frauen. Außerdem wird an einer Stelle erwähnt, dass Marlen schwanger ist, dieser Handlungsfaden wird jedoch nicht weitergeführt. Trotz dieser kleinen Kritikpunkte war das Buch für mich ein echter Lesegenuss, weshalb ich es euch insgesamt uneingeschränkt empfehlen kann.
4/5

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere