Trotz Schwächen eine interessante Story
Evil Elite – Der Kodex der Ehre„Ist ein Mensch ein Monster, nur weil er einer Welt voller Monster entsprungen ist?“
Nach den Weihnachtsferien gerät das Leben von Francesca Sorrentino, der Tochter eines gnadenlosen Mafiosos, immer weiter ...
„Ist ein Mensch ein Monster, nur weil er einer Welt voller Monster entsprungen ist?“
Nach den Weihnachtsferien gerät das Leben von Francesca Sorrentino, der Tochter eines gnadenlosen Mafiosos, immer weiter aus dem Gleichgewicht: Ihr Vater schickt sie nicht nur mit einem gewagten Auftrag zurück nach Fort Rock, sondern auch mitsamt ihres Bruders, der zu unberechenbaren Persönlichkeitswechseln neigt. Aber als wären Mission Harmonika und Charlies Handhabe nicht schon genug, um das sich die Teenagerin während ihrer knapp bemessenen Freizeit in der elitären und hoch gesicherten Universität kümmern muss, soll sie unter allen Umständen den zweiten Neuzugang meiden: Hector Olmeda. Der Sohn des Mannes, den ihre Familie vor knapp zehn Jahren hinter Gitter befördert hat. Liegt sein plötzliches Auftauchen vielleicht in Rache begründet? Oder will er das Werk von El Tigre selbst beenden? Was auch immer hinter seinem Schulwechsel liegt, Frankie ist bereit. Ist sie doch diejenige, deren Herz nach Vergeltung dürstet.
Als sie plötzlich mysteriöse Nachrichten erhält und die Parallelen zu einem noch frischen Vermisstenfall größer werden, braucht Frankie Hilfe von dem Jungen, der ihr bei jeder Begegnung verdeutlicht, wie falsch das alles – dieses Leben, dieser Name, diese Bürde – ist. Mit ausgewählten Verbündeten kommen die beiden etwas auf die Spur, dass selbst Iggy den Eisernen aus der Fassung bringt und richtungsweisend für den gefährlichen Weg von Frankie und Hector ist.
„Evil Elite“ ist ein Dark-Academia-Suspense-Jugendroman von Aline Atman, der uns nach Fort Rock bringt, eine fast unmöglich einzunehmende Schule, eingebettet in die Kaskadenkette nahe der kanadischen Grenze. Hier lernen die Nachkömmlinge der berüchtigtsten Mafia-Clans ihr Handwerk, um eines Tages das Familiengeschäft fortführen zu können. Am besten, ohne im Knast zu landen. In Frankies Welt stehen Treue und Loyalität zum eigenen Fleisch und Blut über allem. Nur, dass Tommaso und seine Meute nicht ihr Fleisch und Blut sind …
Wir werden einzig aus der Sicht von Francesca durch das Geschehen geführt, erhaschen einen Blick in den strukturierten Alltag, den Unterricht und auf die SchülerInnen sowie die Lehrkräfte der Akademie. Diesen Aspekt fand ich interessant und die Idee originell. Jedoch wirkten nur wenige der Figuren, als gehörten sie in ein System, das von Kaltblütigkeit lebt, bar jeglicher Skrupel ist. Dennoch treffen wir auf findige Nachwuchs-Kriminelle, allen voran E.J. und Nastya, die Frankie nicht nur bei der Suche nach ‘Stalker-Shakespeare’ zur Seite stehen, sondern der misstrauischen Einzelgängerin ein Gefühl von Freundschaft und Zusammenhalt vermitteln. Ohne diese und andere Genies des zukünftigen organisierten Verbrechens wäre Frankie zudem niemals so weit gekommen … Hector, seine Intentionen, sein wahres Wesen, blieben lange im Dunkeln, doch der gutaussehende Mexikaner überraschte. Ein ums andere Mal. Schnell wird Francesca sich der Tatsache bewusst, dass sie Hector nicht für die Taten anderer verurteilen kann, dass sie ihn nicht hassen kann. Durch El Tigres Sohn hinterfragt Sorrentino die Strukturen, denen sie sich angepasst, die Regeln, denen sie sich gefügt hat. Untersucht die Werte, die Tommaso ihr eintrichterte, und die Zukunft, die vor ihr liegen soll. Wir werden mit Zorn und Wut ob all der Ungerechtigkeiten konfrontiert, mit Verzweiflung und nie verjährtem Verlust, mit einer Perspektive, die von Gewalt geprägt sein wird, von blutigen Händen. Doch wie soll die gebürtige Irin dem entkommen, was niemals ihr Schicksal hätte sein sollen?
Während die Clique den Zettelbotschaften und dem Verschwinden von Solana Garcia nachgeht, sich in riskante Manöver stürzt, ist es Charlie, der mit seiner wankelmütigen, penetranten Art für Gefahr sorgt. Und Hector, der Frankie mit Wahrheiten konfrontiert, die alles ändern, die zehn Jahre Dankbarkeit über ihr zusammenbrechen lassen.
Aline Atmans Stil ist verständlich und schnörkellos, wenn auch einige Formulierungen hier und da unrund schienen und so manch Gedanke/Erkenntnis aus einem Phrasen-Kalenderblatt stammen könnte.
Das Setting, dem eine beklemmende, dunkle Atmosphäre anhaftet, kam vorstellbar zur Geltung und auch die von Vorsicht durchzogene Stimmung war präsent. Frankies Entwicklung wurde griffig herausgearbeitet, genau wie ihr Wunsch nach Freiheit und Selbstbestimmung. Der Enemies-to-Lovers-Romance sowie der Forbidden-Love fehlte es jedoch an Rivalitäten, an Konflikten, an Dramatik. So wirkte diese Komponente sehr einfach, dabei war das Ende richtig cool. Die relevanten Nebencharaktere bekamen ihre Rollen, waren gut integriert und brachten öfter Kreativität, Hirn und Humor ein. Besonders fand ich, dass diese Geschichte die eigenen Familienbande- und erwartungen sowie die Moral- und Wertvorstellungen infrage stellen lässt. Die Aussage, dass Monster nicht geboren, sondern erzogen werden, und sich jeder Mensch mit seinen Entscheidungen täglich neu positioniert, schwingt subtil mit.
Obwohl sich das Buch insgesamt unterhaltsam gestaltet, es der Handlung nicht an Gefühl, Zwiespälten und Twists mangelt, tritt die Storyline häufig auf der Stelle, dreht sich im Kreis. Einige Male hatte ich den Eindruck, dass nicht nur Frankie ihr Ziel aus den Augen verliert, sondern sich auch die Autorin in den sich stets vermehrenden „Hürden/Aufgaben/Verdächtigen“ verstrickt.
Ich habe über eine Woche gebraucht, um das Buch zu beenden, dabei lese ich 445 Seiten sonst binnen zwei Tagen. „Evil Elite“ ist definitiv nicht schlecht, basiert auf einer interessanten Idee, regt zum Nachdenken an, aber geizt an Tempo, an Spannung(en), Konsequenz und Fokus.