Wenn klassische Literatur unter die Haut geht
Dunkel, elegant und von einer stillen Grausamkeit durchzogen entfaltet sich diese Ausgabe von Frankenstein wie ein literarisches Kunstobjekt, das man nicht nur liest, sondern erlebt. Mary Shelleys Geschichte ...
Dunkel, elegant und von einer stillen Grausamkeit durchzogen entfaltet sich diese Ausgabe von Frankenstein wie ein literarisches Kunstobjekt, das man nicht nur liest, sondern erlebt. Mary Shelleys Geschichte wirkt hier zeitloser denn je, weil sie nicht allein vom Monster erzählt, sondern von menschlicher Hybris, Verlust und der verzweifelten Sehnsucht nach Anerkennung. Die Sprache bleibt klar und kraftvoll, während sich darunter eine emotionale Schwere ausbreitet, die lange nachhallt.
Besonders berührend ist die Ambivalenz zwischen Schöpfer und Geschöpf. Viktor Frankensteins Besessenheit fühlt sich erschreckend modern an, sein moralisches Versagen beinahe schmerzhaft nahbar. Gleichzeitig wächst Mitgefühl für die Kreatur, deren Einsamkeit und Verzweiflung tief unter die Haut gehen. Kaum ein Klassiker schafft es so eindringlich, Schuld und Verantwortung in ein emotionales Spannungsfeld zu setzen, das bis heute funktioniert.
Die opulente MinaLima-Gestaltung hebt den Roman auf eine neue Ebene. Interaktive Elemente, Illustrationen und haptische Details verstärken die düstere Atmosphäre, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Jede Seite wirkt liebevoll durchdacht und macht das Buch zu einem Erlebnis für Augen und Hände. Kleinere inhaltliche Längen sind dem Alter des Textes geschuldet, fallen jedoch kaum ins Gewicht.
Diese Schmuckausgabe ist kein bloßes Sammlerstück, sondern eine intensive Begegnung mit einem Klassiker, der verstört, fasziniert und emotional fordert. Ein Buch, das man ehrfürchtig schließt – und gedanklich noch lange nicht loslässt.