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Veröffentlicht am 11.04.2026

Vom Fliegen und Verstummen

Der letzte Sommer der Tauben
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Abbas Khiders Roman „Der letzte Sommer der Tauben“ entfaltet seine Wirkung mit einer leisen, beinahe schwebenden Eindringlichkeit. Zu Beginn steht Noah auf dem Dach, den Blick zum Himmel gerichtet, wo ...

Abbas Khiders Roman „Der letzte Sommer der Tauben“ entfaltet seine Wirkung mit einer leisen, beinahe schwebenden Eindringlichkeit. Zu Beginn steht Noah auf dem Dach, den Blick zum Himmel gerichtet, wo seine Tauben ihre Kreise ziehen. Ein Bild von Ruhe und Vertrautheit, das jedoch rasch von einer sich verdichtenden Bedrohung durchzogen wird. Das ferne Dröhnen der Hubschrauber markiert nicht nur eine äußere Veränderung, sondern kündigt das allmähliche Zerbrechen einer Welt an, die zuvor von kindlicher Selbstverständlichkeit getragen war.
Abbas Khider schildert diesen Umbruch nicht in dramatischen Zuspitzungen, sondern in einer subtilen Abfolge von Verschiebungen. Der Alltag wird Schritt für Schritt durchdrungen von neuen Vorschriften, die zunächst befremdlich erscheinen, dann einengend wirken und schließlich das gesamte Leben bestimmen. Gerade diese stille Eskalation verleiht dem Roman eine besondere Intensität. Die Veränderungen greifen tief in das familiäre Gefüge ein, ohne dass sie je plakativ ausgestellt würden.
Die Wahl eines vierzehnjährigen Ich-Erzählers erweist sich dabei als außerordentlich gelungen. Noah bewegt sich in einem Zwischenraum, noch nicht gefestigt in seinen Urteilen, aber bereits sensibel für die Brüche um ihn herum. Seine Wahrnehmung ist von einer Mischung aus Unmittelbarkeit und tastender Reflexion geprägt. Vieles bleibt unausgesprochen, erscheint nur in Andeutungen und gewinnt gerade dadurch an Gewicht. Der Leser ist gefordert, die Leerstellen zu füllen, und wird so unweigerlich in das Geschehen hineingezogen.
Sprachlich besticht der Roman durch eine klare, zugleich poetisch durchwirkte Prosa. Insbesondere die Passagen über die Tauben entfalten eine fast lyrische Qualität. Sie erscheinen nicht nur als konkrete Begleiter Noahs, sondern als vielschichtiges Sinnbild für Freiheit, Würde und die Sehnsucht nach Ungebundenheit. In der Gegenüberstellung von schwebender Leichtigkeit und wachsender Restriktion liegt eine stille, aber nachhaltige Kraft.
Besonders eindrucksvoll ist die Darstellung des Widerstands, der sich nicht in großen Gesten manifestiert, sondern im Verborgenen, im Unspektakulären. Es sind kleine, beinahe unscheinbare Handlungen, in denen sich ein Beharren auf Eigenständigkeit artikuliert. Gerade diese leisen Formen der Auflehnung verleihen dem Roman seine moralische Tiefe. Noah selbst oszilliert zwischen jugendlicher Unbekümmertheit und einem allmählich erwachenden Bewusstsein für die Tragweite seines Handelns. Dass er - teils aus impulsivem Trotz, teils aus innerer Überzeugung - immer wieder versucht, sich den Zumutungen der neuen Ordnung zu entziehen, erscheint ebenso glaubhaft wie berührend.
Auch innerhalb der Familie treten unterschiedliche Haltungen zutage. Anpassung, Resignation, vorsichtige Opposition. Abbas Khider verzichtet dabei konsequent auf Wertungen und eröffnet stattdessen einen Raum, in dem die Vielschichtigkeit menschlicher Reaktionen sichtbar wird.
So entsteht das eindringliche Bild einer Welt, in der Freiheit nicht abrupt verschwindet, sondern nach und nach erodiert. Zugleich bleibt spürbar, dass selbst unter den Bedingungen äußerster Einschränkung ein innerer Widerstand fortbestehen kann. Es ist gerade diese Spannung zwischen Verlust und Beharren, die dem Roman seine nachhaltige Wirkung verleiht.

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Veröffentlicht am 04.04.2026

Zwischen Absturz und Aufbruch - ein wichtiges Thema unaufgeregt aufbereitet

Solange ein Streichholz brennt
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Bohm lebt seit Jahren auf der Straße, begleitet allein von seinem Hund Fox, der ihm zu einem unverzichtbaren Anker geworden ist. Über seine Vergangenheit legt sich lange ein Schleier des Schweigens. Nur ...

Bohm lebt seit Jahren auf der Straße, begleitet allein von seinem Hund Fox, der ihm zu einem unverzichtbaren Anker geworden ist. Über seine Vergangenheit legt sich lange ein Schleier des Schweigens. Nur schemenhaft wird deutlich, dass ihn eine Schuld begleitet, vor der er sich nicht nur räumlich, sondern auch innerlich zu entziehen versucht. Der ungeöffnete Brief in seinem Rucksack wirkt dabei wie ein stummes Symbol für all das Verdrängte. Alina hingegen bewegt sich in einer gänzlich anderen Welt. Als Journalistin sieht sie sich mit dem schleichenden Stillstand ihrer Karriere konfrontiert, und die geplante Reportage über Obdachlosigkeit erscheint ihr als letzte Möglichkeit, beruflich wieder Fuß zu fassen.
Die Begegnung dieser beiden so unterschiedlichen Lebensentwürfe bildet den Kern des Romans und gerade die Art, wie sich Bohm und Alina einander annähern, hat mich besonders überzeugt. Diese Annäherung vollzieht sich leise, beinahe tastend, frei von jeglicher Überzeichnung. Es sind die unscheinbaren Momente, die Blicke, die Pausen zwischen den Worten, in denen sich eine vorsichtige Vertrautheit andeutet, ohne je vollständig greifbar zu werden. Zugleich bleibt stets eine Distanz spürbar, als wüssten beide Figuren um die Fragilität dieser Verbindung.
Der Perspektivwechsel zwischen Bohm und Alina verleiht der Erzählung eine wohltuende Vielschichtigkeit. Er eröffnet nicht nur Einblicke in zwei gänzlich verschiedene Lebensrealitäten, sondern legt auch die inneren Brüche beider Figuren offen. Bohms stille Resignation, seine Müdigkeit und zugleich seine Fähigkeit zur Zuneigung, insbesondere gegenüber Fox, stehen Alinas wachsendem Zweifel an ihrem beruflichen und persönlichen Lebensentwurf gegenüber. Diese Gegenüberstellung wirkt nie konstruiert, sondern entfaltet eine leise, überzeugende Authentizität.
Sprachlich zeichnet sich der Roman durch eine zurückhaltende, beinahe unaufdringliche Präzision aus. Gerade im Verzicht auf Pathos liegt seine Stärke. Die emotionalen Momente entstehen aus der Situation heraus und wirken dadurch umso nachhaltiger. Besonders Bohms Perspektive hat bei mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen, da sie mit wenigen Worten eine bemerkenswerte Tiefe erreicht.
Lediglich das Ende erschien mir etwas abrupt, beinahe zu schnell herbeigeführt, sodass ich mir gewünscht hätte, noch einen Moment länger in dieser erzählten Welt verweilen zu können.
Insgesamt ist „Solange ein Streichholz brennt“ kein lauter Roman, sondern ein stilles, eindringliches Porträt zweier Menschen, deren Wege sich unter ungewöhnlichen Umständen kreuzen. Es ist weniger eine klassische Liebesgeschichte als vielmehr eine behutsame Annäherung an Fragen von Nähe, Verlust und der Fragilität menschlicher Existenz.

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Veröffentlicht am 26.03.2026

Karg, kraftvoll, berührend - ein Debüt von bemerkenswerter Tiefe

Der Gesang der See
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Nach ihren großen Erfolgen ist mit „Der Gesang der See“ nun erstmals auch der Debütroman von Trude Teige in deutscher Übersetzung zugänglich. Vorab sei gesagt, das ist ein Werk, dem man anmerkt, dass hier ...

Nach ihren großen Erfolgen ist mit „Der Gesang der See“ nun erstmals auch der Debütroman von Trude Teige in deutscher Übersetzung zugänglich. Vorab sei gesagt, das ist ein Werk, dem man anmerkt, dass hier bereits jene Erzählkunst angelegt ist, die ihre späteren Romane auszeichnet.
Im Zentrum der Handlung steht Kristiane, die im 19. Jahrhundert auf einer abgelegenen Insel an der norwegischen Westküste lebt. Das Dasein dort ist karg und vom Rhythmus des Meeres bestimmt. Seit Generationen liegt das Lotsenamt in den Händen ihrer Familie, ein Amt, das nicht nur Einkommen, sondern auch Identität und gesellschaftliche Stellung sichert. Als ihr Mann bei einem Sturm ums Leben kommt, gerät dieses Gefüge ins Wanken. Kristiane, die von ihrem Vater selbst in die Kunst des Lotsens eingeführt wurde, ist dennoch allein aufgrund ihres Geschlechts von der Ausübung ausgeschlossen. So sieht sie sich gezwungen, rasch eine neue Ehe einzugehen, um das familiäre Erbe zu bewahren. Dass sie dabei zwischen Pflichtgefühl und leidenschaftlicher Zuneigung zu einem anderen Mann steht, verleiht der Erzählung eine zusätzliche Spannung.
Was diesen Roman besonders eindrücklich macht, ist seine dichte, authentische, nahezu körperlich spürbare Atmosphäre. Die raue Landschaft, das unberechenbare Meer und die Enge der sozialen Verhältnisse sind nicht bloß Kulisse, sondern durchdringen das gesamte Geschehen. Beim Lesen entsteht das Gefühl, selbst Teil dieser Welt zu sein. Man meint den Wind zu spüren und das Salz auf den Lippen zu schmecken. Dabei verzichtet die Autorin auf jede Form der Verklärung. Das Leben erscheint in seiner ganzen Härte, insbesondere für Frauen, deren Handlungsspielräume eng begrenzt sind.
Kristiane ist eine Figur, der einfache Zuschreibungen nicht gerecht werden. Ihr Mut und ihr unbeugsamer Wille sind beeindruckend, zugleich wirkt sie bisweilen eigensinnig und in ihren Entscheidungen nicht immer frei von Berechnung. Gerade diese Ambivalenz verleiht ihr eine bemerkenswerte Glaubwürdigkeit. Sie ist keine idealisierte Heldin, sondern eine Frau, die unter den Bedingungen ihrer Zeit versucht, Selbstbestimmung zu behaupten und das oft um einen hohen Preis.
Besonders hervorzuheben ist die leise, aber wirkungsvolle Gesellschaftskritik, die sich durch den Roman zieht. Fragen nach Geschlechterrollen, Machtverhältnissen und sozialer Abhängigkeit werden nicht explizit verhandelt, sondern entfalten sich organisch aus den Lebensgeschichten der Figuren. Gerade die Nebenfiguren wie bspw. etwa Kristianes Schwester eröffnen dabei zusätzliche Perspektiven auf die Härten und Ungerechtigkeiten jener Zeit.
Der Stil ist von einer ruhigen, klaren Sprache geprägt, die ganz auf die Entfaltung der Geschichte ausgerichtet ist und die Feinzeichnung des Plots unterstützt. Die Spannung entsteht weniger durch dramatische Zuspitzungen als durch ein stetiges, unterschwelliges Voranschreiten der Handlung. Es ist ein Erzählen, das Raum lässt für Zwischentöne, für Widersprüche, für melancholische Emotionen.
Das offene Ende fügt sich stimmig in dieses Gesamtbild ein. Es verzichtet auf einfache Auflösungen und überlässt es den Leserinnen und Lesern, die weiteren Wege der Figuren zu denken. Gerade darin liegt aus meiner Sicht eine besondere Stärke des Romans, auch im Nachgang in den Lesenden noch Gefühle zurück zu lassen.
Für mich ist dies ein zeitversetztes Debüt mit klarer Leseempfehlung.

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Veröffentlicht am 06.02.2026

Unter der Oberfläche des Scheinglanzes - brillant erzählt

Alle glücklich
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Bereits der Titel vermittelt das Gefühl, einem Versprechen zu begegnen, das sich selbst misstraut. Der Titel „Alle glücklich“ klingt hell, beinahe harmlos und doch schwingt von Beginn an leiser Zweifel ...

Bereits der Titel vermittelt das Gefühl, einem Versprechen zu begegnen, das sich selbst misstraut. Der Titel „Alle glücklich“ klingt hell, beinahe harmlos und doch schwingt von Beginn an leiser Zweifel mit. Kira Mohn erzählt nicht von Harmonie, sondern von der Sehnsucht danach und der zugleich immanenten Unfähigkeit, in einer von Vernachlässigung vergifteten Familienatmosphäre Glück selbst herzustellen.
Was mich besonders beeindruckt hat, ist die Art, wie sich der Roman entfaltet. Die Autorin entspinnt ihn nicht frontal, nicht dramatisch im klassischen Sinn, sondern schichtweise. Mit jedem Perspektivwechsel - von Nina zu Alexander, von Ben zu Emilia - hatte ich das Gefühl, einen Raum weiter in dieses Haus der Familie vorzudringen. Türen öffnen sich, Lichter gehen an, und plötzlich sieht man Dinge, die vorher im Halbdunkel lagen. Die Erzählweise ist dabei von einer eigentümlichen Dynamik. Sie ist ruhig im Ton, aber unaufhaltsam in der Bewegung. Man merkt früh, dass hier etwas ins Rutschen gerät und liest unerbittlich weiter, ohne dass es ein Zurück gibt. Der Sog ließ mich das Buch in einem Ritt verschlingen.
Der Plot hat für mich etwas Wirbelndes. Nicht explosionsartig, sondern kreisend, verdichtend, beschleunigend wie ein Tornado, der sich aus lauter unscheinbaren Luftbewegungen formt. Kleine Gesten, Nebensätze, Gedanken, die zunächst belanglos wirken, gewinnen plötzlich Gewicht. Ich habe beim Lesen immer wieder innegehalten, weil mir auffiel, wie sehr sich die Atmosphäre verändert hatte, ohne dass ich genau sagen konnte, wann es passiert war. Es gibt keinen Kipppunkt, kein Jetzt, kein ab hier und doch befinde ich mich in einem Dramawirbelsturm.
Besonders nah gegangen sind mir die inneren Monologe. Ich hatte das Gefühl, nicht nur Figuren zu beobachten, sondern ihnen tatsächlich beim Denken zuzuhören. Manches hat mich irritiert, manches wütend gemacht, anderes wiederum tief berührt, vor allem, weil so vieles erschreckend vertraut klang. Dieses Schweigen in Familien über die wirklich tiefgehenden Fragen, das Nebeneinanderherleben im Alltag, diese gut gemeinten, aber ins Leere laufenden Versuche von Nähe. Das alles hat Kira Mohn mit einer Genauigkeit verarbeitet, die mir beim Leseerlebnis stellenweise unangenehm war. Ertappt.
Das Ende schließlich habe ich als konsequent, aber auch als sehr stark zugespitzt erlebt. Nach der sorgfältig aufgebauten Dramaturgie wirkte der finale Bruch beinahe unausweichlich, als logische Folge der zuvor entfesselten Dynamik. Und doch blieb bei mir das Gefühl, dass diese äußerste Eskalation vielleicht nicht zwingend notwendig gewesen wäre. Die psychologische Spannung war bereits so dicht, dass sie auch ohne diese Zuspitzung getragen hätte. Gerade weil der Roman zuvor so fein und leise gearbeitet ist, wirkt das Finale auf mich zugleich folgerichtig und ein wenig überakzentuiert.
Am Ende blieb ich nicht mit einem sauberen Abschluss zurück, sondern mit einem Nachhall. Mit Fragen. Mit dem Gefühl, dass dieser Roman weniger eine Geschichte erzählt als einen Zustand freilegt. „Alle glücklich“ hat mich nicht getröstet, aber wach gemacht. Und genau deshalb halte ich ihn für einen starken, nachhaltigen Text.

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Veröffentlicht am 24.01.2026

Übermalte Spuren der Vergangenheit

Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel
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Alena Schröder hat für mich ein besonderes Talent für Titel, und auch „Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel“ hat mich sofort neugierig gemacht. Nach der Lektüre fühlt sich dieser Titel nicht ...

Alena Schröder hat für mich ein besonderes Talent für Titel, und auch „Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel“ hat mich sofort neugierig gemacht. Nach der Lektüre fühlt sich dieser Titel nicht nur klug gewählt, sondern fast unvermeidlich an, weil er das Wesen des Romans sehr gut trifft. Es geht um ein Leben, das Schicht für Schicht entsteht, immer wieder übermalt wird und doch Spuren des Vergangenen bewahrt.
Die Geschichte entfaltet sich auf zwei Zeitebenen, die sehr unterschiedlich sind. In der Nachkriegszeit lernen wir Marlen kennen, ein vierzehnjähriges Mädchen, das alles verloren hat und bei Wilma Aufnahme findet. Diese Beziehung hat mich besonders bewegt. Wilma ist keine einfache Ersatzmutter, adoptiert Marlen sogar. Sie ist eine widersprüchliche, starke Frau, die ihren Platz in der jungen DDR sucht und sich als Künstlerin behauptet, während ihr eigenes Leben zunehmend aus den Fugen gerät. Die Szenen aus Güstrow gehören für mich zu den stärksten des Buches. Sie sind ruhig und voller Atmosphäre, ohne jemals schwer oder belehrend zu wirken. Marlens langsame Annäherung an die Malerei, ihr Ringen um ein eigenes Selbst und eine eigene künstlerische Stimme und die kleine Leinwand, die sie immer wieder übermalt, haben mich lange beschäftigt. Dieses Bild ist weniger ein künstlerisches Objekt als ein Ort, an dem sich Verlust, Hoffnung und Trotz sammeln und der jungen Marlene Ventil sind.
In der Gegenwart begleiten wir Hannah, die an einem Punkt steht, an dem vieles gleichzeitig wackelt. Die WG zerbricht, die beste Freundin geht einen ganz anderen Weg und plötzlich meldet sich ein Vater, der bisher nur eine Leerstelle war. Hannah habe ich als sehr menschlich empfunden, manchmal zögerlich, manchmal fast passiv, aber genau das machte sie für mich glaubwürdig. Nicht jede Figur muss laut oder durchsetzungsstark sein. Ihre Unsicherheit und ihr inneres Struggeln haben mich berührt. Auch Nebenfiguren wie Justus mit seiner esoterischen Art wirkten auf mich zwar leicht überzeichnet, sorgten aber immer wieder für kleine, ehrliche Schmunzler.
Die Verbindung zwischen den beiden Zeitebenen ist die titelgebende, kleine Leinwand. Ich gebe zu, dass ich mir hier stellenweise eine stärkere Verzahnung der Zeitebenen gewünscht hätte. In der Vergangenheit ist das Gemälde emotional aufgeladen und zentral, während es in der Gegenwart eher wie ein fernes Echo, ein kleines Assessoire auftaucht. Trotzdem hat mich diese Zurückhaltung im Heute nicht gestört, sondern eher dazu gebracht, über die stillen Weitergaben zwischen Generationen nachzudenken. Da wird was verschwiegen wird, geht etwas verloren oder wird erst viel später verstanden.
Am Ende blieb bei mir kein großes dramatisches Gefühl, sondern etwas Warmes, Nachhallendes. Ich war fast ein wenig traurig, das Buch aus der Hand zu legen, weil ich gerne noch länger bei Marlen und Hannah geblieben wäre. Für mich ist „Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel“ ein ruhiger, kluger Roman über Frauen, Kunst und das Weiterleben nach Brüchen, nicht perfekt, aber sehr ehrlich und berührend erzählt.

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