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Veröffentlicht am 11.03.2026

Ein aufrüttelnder autobiografischer Roman

Mit beiden Händen den Himmel stützen
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In der Ich-Form beschreibt die Hauptfigur Lale den Lebensweg seit ihrer Geburt bis zu ihrer ersten Entbindung. Während ihre Mutter drogenabhängig ist, sitzt ihr Vater wegen versuchten Bankraubs im Gefängnis. ...

In der Ich-Form beschreibt die Hauptfigur Lale den Lebensweg seit ihrer Geburt bis zu ihrer ersten Entbindung. Während ihre Mutter drogenabhängig ist, sitzt ihr Vater wegen versuchten Bankraubs im Gefängnis. Im Westberliner Ambiente der 80-er Jahre inmitten links-politischer Ideologie wächst Lale als Pflegekind auf, in einer Männer-WG durchseucht von Drogen, Alkohol und Sex. Mit dem dortigen Einzug ihres Vaters geht es zusammen für sechs Monate nach Nicaragua zwecks Unterstützung eines Schulbaus oder um Parolen und Aktionen der Bewegung 2. Juni. Verständlich, dass Lale mehr strukturierten Halt besonders in der Grundschule findet. Ihre Suche nach Geborgenheit, Liebe und Sicherheit verläuft besonders während ihrer Pubertät und Volljährigkeit nicht sehr erfolgreich, greift sie doch selbst auch zu Alkohol und Drogen, bricht ständig Projekte ab und ist vorbestraft. Der Schreibstil gibt die Schutzlosigkeit des Kindes bis ins Erwachsenenalter nüchtern wieder, was nicht angenehm zu lesen ist. Ihr Leben voller Vernachlässigung auf der Verliererspur könnte auch als Appell an unsere Gesellschaft empfunden werden, auch wenn das Jugendamt, Hausbewohner und einige Freundinnen in der WG versuchen, sich zu kümmern. Im Buchtitel schwingt wohl eine Übung der Qi-Gong-Lehre mit.
Kein leichter Lesestoff, berührend, tragisch!

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Veröffentlicht am 01.03.2026

Vielschichtiger Familienroman

Alma
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Das sommerliche Cover gibt eine malerische Kulisse mit zwei jungen Personen wieder, doch der Romaninhalt erzählt umfangreich vom politischen Zerfall Jugoslawiens mit der italienischen Stadt Triest im nahen ...

Das sommerliche Cover gibt eine malerische Kulisse mit zwei jungen Personen wieder, doch der Romaninhalt erzählt umfangreich vom politischen Zerfall Jugoslawiens mit der italienischen Stadt Triest im nahen Grenzbereich gelegen. Europäische Geschichte zur Zeit Titos und der nachfolgende Bürgerkrieg um Sarajewo, Vukovar und Srebrenica mit all den Brutalitäten an der Zivilbevölkerung bilden den Hintergrund für die Lebensgeschichte von Alma, der Journalistin und Vili, dem Fotografen, beide auf der lebenslanger Suche nach Identität, Zugehörigkeit und Sicherheit. Aus Almas Rückschau wird über das großbürgerliche Leben ihrer gut situierten Großeltern mit Habsburger Ambiente erzählt, wenig über ihre in der offenen Psychiatrie Franco Basaglias arbeitende Mutter. Almas Vater, ein zwischen Ost und West wandernder, unruhiger Slawe, Titos Reden-Schreiber, prägt ihre Kindheit zwischen der dortigen Sprachenvielfalt sehr. Mit ihm zieht auch der 11-jährige Vili, Sohn seines Freundes aus Belgrad, einem Dissidenten, für immer nach Triest in ihr Elternhaus. Beider Erwachsen-Werden pendelt zwischen Ablehnung, Verliebtheit und unfreiwilligem Wiedersehen nach dem Versterben ihres Vaters. Sein Erbe enthält z.B. auch ihre Zeitungsartikel, ihre Akte, Fotos, sein von kritischen Seiten bereinigtes Notizbuch. Seine Wurzeln, überhaupt seine Vergangenheit bleiben weiterhin vor ihr verschlüsselt wie auch vieles von Vilis Taktieren besonders während der Prozesstage am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag mithilfe seiner Fotografien.
In Triest, in der Stadt der Irren, zwischen verschiedenen Kulturen und Sprachen verortet, zu nahe an kommunistischen Systemen angrenzend, in dieser ehemaligen Grenzstadt am Eisernen Vorhang, in ihrer Heimatstadt fühlt sich Alma nicht verwurzelt, sondern wie ihr Vater als Außenseiterin haltlos herumwandernd, selbst mit 53 Jahren noch.
Die Schilderungen zu den Kriegsereignissen in Belgrad, an der Drina etc. sind sehr drastisch und beängstigend. Der geschichtliche Hintergrund jedoch hätte gerne umfassender sein können. Zu den Schwarz-Weiß-Fotos im Buch selbst wären Informationen dazu hilfreich gewesen.

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Veröffentlicht am 17.02.2026

Nachdenken über Liebe und ihre Vergänglichkeit.

Ein Versuch, meine Liebe zu ordnen
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Dieser Roman der niederländischen Professorin für Soziologie stellt sich nach dem Tod ihres Ehemannes der großen Aufgabe, das große Haus und das gemeinsame Eheleben zu entrümpeln bzw. kritisch zu beleuchten. ...

Dieser Roman der niederländischen Professorin für Soziologie stellt sich nach dem Tod ihres Ehemannes der großen Aufgabe, das große Haus und das gemeinsame Eheleben zu entrümpeln bzw. kritisch zu beleuchten. Das große, Zeit und Kraft raubende Projekt gestaltet sich komplizierter nicht nur wegen der offensichtlichen Verwahrlosung des Hauses, sondern auch wegen der schichtweisen Aufdeckung beidseitiger traumatischer Kindheitserinnerungen. Dass dadurch auch das Eheleben nicht frei von negativen Strudeln bleibt, wird in unsortierten Reflektionen mehrfach betont, macht Trauerarbeit ungeordneter. Das Unangenehme im Eheleben dieser autobiographischen Bestandsaufnahme kommt offen zur Sprache, insgesamt ohne Namensnennung. Die Geschichte über die Trauer um jemanden, der schon zu Lebzeiten, besonders nach seiner Pensionierung, innerlich depressiv in sich verschwindet, kristallisiert sich schließlich heraus. Wie konnte da genug Platz für die Autorin als liebende Ehefrau an seiner Seite übrigbleiben, die sich verstärkter Messer scharfer Kritik ihres Mannes ausgesetzt sieht. Beide gekonnt im Umgang mit Worten fühlt sie sich in Interaktionen mit ihm wehrlos, jedoch in der Außenwelt, besonders in ihrem Berufs- und Freundeskreis gleichzeitig mit selbstsicherer, kräftiger Stimme vernehmbar. Die chronologische Aufarbeitung ihrer beider traumatischer Kindheit, erfolgreicher Berufstätigkeit und zweiter Ehe wird nicht gut strukturiert beschrieben.
Insgesamt mehr als nur ein abgeschlossener Trauerprozess.

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Veröffentlicht am 12.02.2026

Eine Kommissarin mit dissoziativer Amnesie nach einem Unfall ermittelt

Die Tote von Nazaré
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Das Cover mit den typischen blauen Kacheln deutet passend auf das südländische Flair des darunter befindlichen Küstenortes hin. Der Touristenort Nazaré, an der stürmischen Atlantikküste in Portugal gelegen, ...

Das Cover mit den typischen blauen Kacheln deutet passend auf das südländische Flair des darunter befindlichen Küstenortes hin. Der Touristenort Nazaré, an der stürmischen Atlantikküste in Portugal gelegen, sollte für die Hauptkommissarin Maren Berger aus Köln der Erholungsort nach monatelanger Rekonvaleszenz nach Schussverletzung am Kopf bei einem dortigen Banküberfall sein. Ihr Erinnerungsvermögen an diesen bisher unaufgeklärten Kölner Fall ist sehr bruchstückhaft und lässt sie mit vielen Selbstzweifeln im Januar in diesem windigen Ort kaum zur Ruhe kommen. Ihre seelische und körperliche Konstitution lässt sich gut nachempfinden, auch als sie auf die erste Leiche trifft. Mit dem sympathischen João Ferreira, Inspektor von der Polícia Judiciária in Leiria, an ihrer Seite entwickelt sich ein interessanter Plot zwischen deutscher und portugiesischer Polizei. Bei der gesamten Ermittlungsarbeit bei weiteren Morden passt die dynamische, effektive Zusammenarbeit zwischen diesen Hauptfiguren. Häufigere Einbeziehung der landschaftlichen Schönheit und Besonderheit hätten mehr Ambiente heraufbeschwören können. Die finale Aufklärung und Überführung der Täter wirkt sehr konstruiert und wirft Fragen zu unschlüssigen Details auf. Die Nebenfiguren wirken daher etwas unglaubwürdig. Angerissen werden historische Daten wie die Schlacht von Aljubarrota, sowie die typische portugiesische Musik des Fado – dieser Mischung aus Klagelied und Seemannssong - gepaart mit Saudade.
Ein unterhaltsamer Krimi!

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Veröffentlicht am 12.02.2026

Nicht voll überzeugend!

Spielverderberin
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Gegensätze zwischen Bauernschaft mit bodenständigem Realismus, Klatsch und Großstadtleben unter Akademikern sowie zwischen der Schulzeit-Vergangenheit vier Jahre früher und der Gegenwart mit Romys Verschwinden, ...

Gegensätze zwischen Bauernschaft mit bodenständigem Realismus, Klatsch und Großstadtleben unter Akademikern sowie zwischen der Schulzeit-Vergangenheit vier Jahre früher und der Gegenwart mit Romys Verschwinden, all das bildet den Rahmen dieser Dreierfreundschaft, belastet mit Lügen, Schuld und Obsession. Durch sich verändernde Zweierkonstellationen rund um Romy entwickeln sich problematische Beziehungen, alles andere als eine vertrauenswürdige, verlässliche Freundschaft zu dritt. Sophie, die Ich-Erzählerin voller Minderwertigkeitskomplexe, deutet anfangs schlimme Schuldgefühle Lotte gegenüber an, aber auch ihre zwiespältige Einstellung zu Romy voller Neid bzw. Obsession zeigen ihre Unsicherheit an. Über zwei Zeitebenen nähert man sich der nicht ganz nachvollziehbaren Wahrheit wegen fehlenden Details. Interessant ist die Zusammenstellung der Charaktere: Lotte eher unsicher, ängstlich und scheinbar passiv, Romy dagegen selbstsicher, selbstgefällig, weltmännisch und schließlich Sophie schuldbeladen, ambivalent gegenüber Romy, in ihr mehr als nur Halt suchend. Die Szenerie wirkt zu jeder Zeit angespannt, eher belastet durch stille Eifersucht statt ausgeglichen durch vertrauenswürdige, herzliche Freundschaft. Leider wird das vergangene Ereignis um Lotte zu wenig thematisiert, während die finale Einbeziehung von Milan am Baggerloch verwirrt.
Veränderungen in Freundschaftsbeziehungen junger Menschen – hier eher ein Jugendroman?

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