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Veröffentlicht am 30.06.2021

Ein lohnenswerter Blick auf Flucht und Nachkriegsjahre in Deutschland!

Die Geschichte einer unerhörten Frau
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Den Titel dieses Buches finde ich in Bezug auf das Adjektiv ‚unerhört‘ etwas irritierend: aus dem Spätmittelhochdeutschen stammend meint es eigentlich: nie gehört, beispiellos, zu: erhœren = hören. Der ...

Den Titel dieses Buches finde ich in Bezug auf das Adjektiv ‚unerhört‘ etwas irritierend: aus dem Spätmittelhochdeutschen stammend meint es eigentlich: nie gehört, beispiellos, zu: erhœren = hören. Der Duden merkt weiteres an: 'nicht erhört, nicht gebilligt, erstaunlich, empörend'. Frei interpretiert könnte es auch ‚nicht erfüllte‘ Frau meinen.
Wie die Autorin Hanne Hippe bin ich 1948 in Köln geboren, in dieser Zeit nach dem Krieg dort aufgewachsen, mit Eltern und Großeltern durch 1 bzw. 2 Weltkriege im Leben x-mal entwurzelt worden waren. Ich bewundere die Autorin für die vielen eingeflochtenen, auch autobiografischen Informationen zu ihrer Familiengeschichte. Leider wurde in unserer Familie nicht viel über Flucht, Verlust, ursprünglicher Heimat im Detail gesprochen. Wahrscheinlich waren Erinnerungen daran zu schlimm, um weitergegeben zu werden als Mahnung.
In diesem Stück Zeitgeschichte bis in die 60er Jahre mit Blick auf die Emanzipation der Frau wechseln die Kapitel nicht nur zwischen Vergangenheit und Gegenwart, sondern auch zwischen den erzählenden Hauptpersonen, was den Spannungsbogen insgesamt zu oft unterbricht und lähmt.

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Veröffentlicht am 19.06.2021

Interessant: Marion Crawford, die Gouvernante der englischen Königin Elisabeth II. im Zentrum der königlichen Windsor-Familie.

Teatime mit Lilibet
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Die junge, schottische Lehrerin Marion Crawford, CRAWFIE genannt, wird 1932 mit 22 Jahren als Gouvernante für die noch kleine Prinzessin Elisabeth angestellt. Da das Leben im Schloss krass mit dem wirklichen, ...

Die junge, schottische Lehrerin Marion Crawford, CRAWFIE genannt, wird 1932 mit 22 Jahren als Gouvernante für die noch kleine Prinzessin Elisabeth angestellt. Da das Leben im Schloss krass mit dem wirklichen, kargen Leben der britischen Bevölkerung kollidiert, möchte sie als überzeugte Sozialistin den Blick für die Realität bei den Prinzessinnen Elisabeth und Margaret öffnen, indem sie z.B. zusammen in der U-Bahn fahren, bei Woolworth Weihnachtseinkäufe machen, ins öffentliche Schwimmbad gehen etc., genannt ‘Operation Normal‘. Eigentlich will ‚CRAWFIE‘ in den Slums von Edinburgh unterrichten, doch durch die erzieherische Arbeit bei den Royals kann sie mehr bewirken.
Elisabeth wird als sehr fantasievolles und liebenswertes Kind dargestellt, das in einem goldenen Käfig aufwächst, liebevoll von ihr wie eine Mutter umsorgt für 16 Jahre.
Gleichzeitig erfährt man im Buch, was sich gleichzeitig im allgemeinen Weltgeschehen ereignet: Aufstände in Spanien zur Zeit Francos, Hitlers Weg an die Macht bis zum Ende des 2. Weltkriegs, das Verbünden der Engländer mit den Amerikanern. Dazu kommt die Abdankung von Eduard VIII., der Glamour der Krönung von George VI..
Wendy Holden stützt sich auf die Autobiographie von Marion Crawford ‚The little Prinzess‘ und gewährt uns dabei einen perfekten Zugang zu diesem Milieu.

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Veröffentlicht am 25.05.2021

Tragische Geschichte um Demenz, Drogen und Obdachlosigkeit in Berlin!

Tödliches Vergessen
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Hauptkommissar Breschnow, gerade aus der REHA zurück wegen Alkoholentzug, ermittelt zusammen mit Delego in Berlin rund um die Hasenheide, denn dort wird eine ältere Frau tot aufgefunden. Seltsamerweise ...

Hauptkommissar Breschnow, gerade aus der REHA zurück wegen Alkoholentzug, ermittelt zusammen mit Delego in Berlin rund um die Hasenheide, denn dort wird eine ältere Frau tot aufgefunden. Seltsamerweise findet sich auf der Haut der Innenhand ein Psalm sowie ein aufgespannter blauer Regenschirm über ihrem Kopf. Nur drei Tage später wird auf dem Tempelhofer Feld ein hagerer, älterer Obdachloser ebenfalls mit einem blauen Schirm sowie einer Bibel in seinen Armen tot aufgefunden, ebenso ohne Papiere und hilfreiche Hinweise am Tatort. Weitere Personen werden schwer verletzt im naheliegenden Krankenhaus eingeliefert und eine ältere Obdachlose verschwindet sogar. In einer Obdachlosenunterkunft werden sie fündig. Mühsam entschlüsseln sie die Fakten zu den verschiedenen Opfern, die sich aus besseren Zeiten kannten.
Der typische Berliner Dialekt im Obdachlosenmilieu und bei der jüngeren Generation bringt ein spezielles Ambiente hinein, für den Leser stets verständlich.
Diese tragische Geschichte um Demenz, Drogen und Obdachlosigkeit speziell in Berlin geht unter die Haut, da sehr detailliert das Leben der Betroffenen sukzessive entblättert wird.
Sehr gerne hätte ich in einem Endkapitel gelesen,
1. dass Zofias Flucht aus Deutschland vereitelt würde durch Festnahme und Kalle Wischowski ebenso voll zur Rechenschaft gezogen würde mit seiner langen Liste an diversen Straftaten.
2. dass eindeutig geklärt würde, wer lt. Testament von Frau Antes die namentlich nicht benannte Person ist, die mit einem Drittel als Begünstigte über ein anonymes Treuhandkonto bedacht wird: Annette Riesing, die Krankenschwester oder Zofia, die polnische Arbeitskollegin von Jan aus der Obdachlosenunterkunft. Beide sind Frau Antes leibliche Töchter und hätten somit ein triftiges Mordmotiv.
3. dass die Notarin von 4 Begünstigten im Gespräch mit den Kommissaren spricht, aber im Testament 3 Begünstigte zu je einem Drittel Erbanteil aufgeführt werden.

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Veröffentlicht am 24.02.2026

Ein schwieriges Krankheitsbild realitätsnah umschrieben!

Ich erzähle von meinen Beinen
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Das Cover ist schwer zu interpretieren, da es keinen Hinweis zum Romaninhalt gibt. Auch der Buchtitel trifft nicht unbedingt den Hauptkern des Buches. Mit Chaos, Unruhe und Panik im Kopf, mit Belastungsstörung ...

Das Cover ist schwer zu interpretieren, da es keinen Hinweis zum Romaninhalt gibt. Auch der Buchtitel trifft nicht unbedingt den Hauptkern des Buches. Mit Chaos, Unruhe und Panik im Kopf, mit Belastungsstörung wird die Hauptperson Walburga, kurz Wally, diagnostiziert. Diese Ich-Erzählerin mit Teilzeitstelle bei einem Verlag für medizinische Publikationen medikamentiert sich selbst und ihre Tochter, die mit 11 Jahren mit ADHS diagnostiziert wird. In diesem unruhigen Klima von Unkonzentriertheit, Selbstzweifeln und unfertigen Aktionen im gesamten privaten und beruflichen Umfeld stellt der Partner eine wichtige Halt und Ruhe gebende Komponente dar. Dieses schwierige Thema um Neurodivergenz wird hier leicht und munter behandelt, ist aber für die Familie selbst und für Freunde eine arge mentale Belastung. Der Schreibstil entfaltet in acht Unterteilungen die zunehmende Tragik von Wallys Überforderung, nicht belehrend, eher authentisch und menschlich liebevoll, einfühlsam. Der endgültige Schaden an den Seelen fällt zusammen mit einem immensen Wasserschaden am Haus nach Dammbruch – dramaturgisch realitätsnah zugespitzt, aber die eindringliche Schwere dieser Gesamtsituation sprachlich gut kaschierend.

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Veröffentlicht am 17.02.2026

Aufwachsen zwischen verschiedenen Kulturen und dem Golfkrieg

Unser Haus mit Rutsche
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In drei Teilen geht es auf zwei Erzählebenen um Laylas Lebensgeschichte. Ihre Ruckbesinnung an eine fantasievolle Kindheit in Saarbrücken, an gut situierte Großeltern im Elsass und an liebevoll agierende ...

In drei Teilen geht es auf zwei Erzählebenen um Laylas Lebensgeschichte. Ihre Ruckbesinnung an eine fantasievolle Kindheit in Saarbrücken, an gut situierte Großeltern im Elsass und an liebevoll agierende Eltern aus verschiedenen Kulturen wechseln ab mit Laylas jetzigem bedrückenden Alltag in Paris. Mittlerweile über 40 Jahre alt leidet sie an Panikattacken und hegt nun eine Abneigung gegen ihre arabische Seite. In Dialogen mit Hausarzt und Psychologin geht es nicht nur um ihren Vater und dessen fanatischen, religiösen Wandlung durch den Golfkrieg. Sie strauchelt als Deutsche auch mit ihrem Familiennamen sowohl als erfolglose Schauspielerin für deutsche Rollen als auch als Schriftstellerin, zweifelt insgesamt an der Welt, in der sie deprimiert lebt. Die heldenhafte Rolle des geliebten irakischen Vaters wandelt sich langsam während der Familienreise nach Bagdad mit dem Besuch dortiger Familienmitglieder, mit ihr als Zehnjährige auch in einem historischen Exkurs über Nimrud, Nedschef, Mossul etc. in Friedenszeiten mit Saddam Hussein als Präsident. Nach 1990 in der Golfkrise sind Geschäfte mit dem Irak auf Eis gelegt. Die drastischen familiären Auswirkungen in Bagdad und Saarbrücken durch dieses lang anhaltende Wirtschaftsembargo werden eindringlich geschildert. Flucht in die islamische Religion, Schuldgefühle, Ohnmacht und panarabische Ideologie auf Seiten des Vaters wechseln ab mit Laylas Fragen zu ihrer Identität und Kulturzugehörigkeit, sieht sie doch nicht arabisch aus. Der familiäre Stimmungswandel in Tristesse während Laylas Pubertät mit der nun berufstätigen Mutter ist gut nachvollziehbar. Ihr Vertrauen in den Vater ist tief erschüttert, glaubt sie doch nicht mehr an sein Versprechen vom Haus mit Rutsche. Erst über den Dialog mit der Psychologin findet sie den kulturellen Zugang zu normalerweise vorhandenen arabischen Erwartungen an den Erstgeborenen und der daraus resultierenden schweren Verantwortung ihres Vaters für die Heimatfamilie.
Historische Fakten zu der Urlaubsreise und nachfolgende Etappen des Golfkriegs in autofiktionalem Rahmen gefallen. Die Erzählebene der erwachsenen Layla in Paris wirkt emotional wirr und verstörend, wenn auch psychologisch aufschlussreich. 3,5*

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