Komplexer Roman über das Leben das über Grenzen reicht
AlmaDie 53-jährige Alma reist über Ostern in ihre Heimatstadt Triest, um das Erbe ihres Vaters abzuholen. Dafür muss sie leider ihren Jugendfreund Vili treffen, mit dem sie einst eine komplizierte Beziehung ...
Die 53-jährige Alma reist über Ostern in ihre Heimatstadt Triest, um das Erbe ihres Vaters abzuholen. Dafür muss sie leider ihren Jugendfreund Vili treffen, mit dem sie einst eine komplizierte Beziehung führte. Mit Vili dem Jungen aus der Fremde, den ihr Vater eines Tages in die Familie bringt, verbindet Alma eine Art Hassliebe, die den Blick in die Vergangenheit bestimmt. Ein fester Anker in der Stadt waren ihre großbürgerlichen Großeltern, während die Beziehung zur Mutter schwierig war, glänzte der Vater meist mit Abwesenheit. Während sie ihre markanten Plätze der Stadt besucht, schwelgt Alma in Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend. Ihre Gedanken wandern dabei auch über die nahe Grenze.
Der Roman „Alma“ aus der Feder von Federica Mazon, einer gefeierten italienischen Schriftstellerin ist ihr erster Roman, der auch auf Deutsch erscheint. Die Übersetzung war sicherlich nicht ganz einfach denn Sprache und Schreibstil sind absolut eindrucksvoll. Die Geschichte wird beherrscht von Metaphern, wirkt sehr poetisch und ausdrucksstark, das war anfangs für mich sehr ungewöhnlich zu lesen. Daher dauerte es etwas bis ich mich an diesen ungewöhnlichen Stil gewöhnt habe. Wer mit der Begrifflichkeit wie fitzgeraldisch etwas anzufangen weiß, ausgefallene Sprach-Exzesse liebt, wird seine höchste Freude mit diesem Buch haben.
Ein kleines Beispiel: “Wie ein irischer Pub bringt das Meer der Stadt alle zusammen: Es mischt Reiche und Arme, jene mit von Hausmädchen gemachten Betten, jene mit einem in Deutschland arbeitenden Vater, jene mit einer Mutter, die man im Auge behalten muss, damit sie keine Dummheiten macht, jene mit und jene ohne Brotzeit.”
Auch Zeitsprünge sind nicht einfach zu händeln, sie wechseln abrupt, wirken willkürlich verstreut, manchmal weiß man gar nicht mehr wann und wo man sich in der Handlung befindet. Dennoch taucht man tief in die historische Geschichte von Triest ein. Geschuldet seiner besonderen geografische Lage und Atmosphäre wirkt die Stadt wie ein Wandler zwischen den Welten und Alma als ihr weibliches Pendant. Daneben befindet sich Vili, ein Junge aus Belgrad, der vor dem jugoslawischen Krieg zu ihrer Familie stößt. Die historischen Ereignisse sind für mich etwas schwer zu begreifen, da ich wenig darüber weiß. Es geht um Tito und den Zerfall Jugoslawien mit dem anschließenden Bürgerkrieg und seinen Massakern.
Beeindruckend dabei fand ich die großartigen Recherchen und Kenntnisse der Autorin von den historischen Abläufen und der Ortskenntnis, da ziehe ich meinen Hut. Da ich mich mit dieser Zeit noch nie beschäftigt habe, fand ich mich nicht so gut zurecht und habe wohl leider nur die Hälfte so mancher Aussagen und Anspielungen verstanden. Die Schrecken des Krieges und die Hilflosigkeit der Protagonisten sind jedoch deutlich zu vernehmen, jene die agieren und jene die machtlos zusehen können, werden sichtbar gemacht. Dies ist wohl die Botschaft, sie gilt sicherlich für jeden Konflikt und ist die Krux an der Sache die sich immer wiederholt, wohin man schaut?
Mein Fazit:
Eine recht sprunghafte Geschichte die ich sehr anspruchsvoll, jedoch auch irgendwie beeindruckend zu lesen fand. Geeignet für Anhänger poetischer Sprache, historischer Anekdoten und komplexer Zusammenhänge. Insgesamt stellt sich die Frage bei komplizierten Herausforderungen des Lebens herauszufinden, auf welcher Seite man stehen sollte.